Sonntag, 5. Juli 2015

Sommer, Kurzrezensionen X, Schluß

Kinder sind geboren, die Zeit wird knapp. Das Blog in seiner bisherigen Form ist am Ende angelangt, der Aufwand der durchkomponierten Rezensionen mir nicht mehr vergnüglich. Vielleicht gebe ich weiterhin Einträge, dann aber höchstens Abrisse, Skizzen, kleine Gedächtnishilfen zur Manifestation der flüchtigen Güter, zum Festhalten von Etwas.
Vielleicht auch nicht. Der Plan, das journalistische Schreiben zu üben, ging auf, der Punkt ist erreicht, an dem Fortschritt mühsam wird, die logarithmischen Gebirge sich zu flach türmen, um in der mir verbleibenden Spanne erklettert zu werden.
Es fehlten die Besprechungen zum Schluß der Lücke seit Oktober. Man vergebe mir, denn heute erfolgt der Schnitt.


Tom Sawyers Abenteuer und Streiche – Mark Twain
Einfühlsame Jugendgeschichte und bissige Satire zugleich. Tom Sawyer verlebt eine idyllische Kindheit am Mississippi, voller Abenteuer und Entdeckungen. Twain schreibt spannend und witzig, schafft es, die Anliegen und Nöte der jungen Buben und Mädchen glaubwürdig darzustellen und gleichzeitig die Scheinheiligkeit der Erwachsenenwelt lächerlich zu machen. Wunderbar die Passage mit den auswendiggelernten Bibelsprüchen. Ein bisschen kitschig ist es natürlich. Hach, ist doch egal.

Abenteuer und Fahrten des Huckleberry Finn – Mark Twain
Laut Hemingway das Buch, auf das alle moderne amerikanische Literatur zurückgeht. Das mag philologisch begründbar sein, ein großes Spektakel ist das Buch heute nicht. Huck Finn begleitet den geflohenen Sklaven Jim auf seiner Flucht den Mississippi abwärts. Wieder recht jugendlich, kitschig-abenteuerlich; der leicht zuckrige Stil gefällt mir nicht mehr so gut. Der Abschnitt mit den beiden Betrügern kann trotzdem unterhalten, wo ich Hemingway allerdings zustimmen muß, ist der Bruch nach Jims Gefangennahme. Das Buch wird dann zum absurden Stelldichein, zum Slapstickvergnügen, das die aufrichtige erste Hälfte nicht verdient hat.

Im Rücken ein Leopard – Jean-Christophe Rufin
Der ausschnitsweise Lebensbericht eines Goncourtpreisträgers, Arztes, Botschafters. Das Klischee der ersten Kapitel ließ den Arm zuckende Weglegebewegungen vollführen, doch konnte ich weiterlesen: die hehre Medizin, der Dünkel, der Idealismus. Mit dem Eintritt in die Assistenzarztzeit dann Beschleunigung, Reinigung, deutlich erkennbar ein Bruch, sowohl inhaltlich als auch qualitativ, das Buch offenbar verfaßt in Etappen, denen ungleiche Zuneigung beigemessen wurde. Erfrischende Darstellung der Desillusion, der Bildungsferne des spezialisierten Berufs, des Sehnens nach Mehr, immer wieder gestört von überheblichen, unsachlichen Passagen, z.B. über Rettungsteams, Krankenpfleger oder auch über Fachfremdes. Ja, die Eitelkeit ist groß bei Rufin. Was an sich nichts Schlechtes ist. Doch der Autor betont unablässig, wie fern die Eitelkeit ihm liege, er spricht auch vom Geld, von Machtstreben und Materialismus, die ihm sämtlich fern seien. Anders als den Kollegen lägen ihm die Menschen am Herzen, und das ist natürlich Bullshit, Exzellenz.
Eine heterogene Erfahrung also. Auf manchen Seiten, wenn Rufin so richtig in Schwung kommt und von seinem Lieblingsthema, dem Schreiben erzählen kann, gelingen ihm so treffende Bilder, daß ich mich ganz deutlich wiedererkenne, und das ist ergreifend schön, denn so konkret wird es in der Literatur selten, eigentlich nie. Gleichzeitig ist da diese unüberwindbare Schranke, die Unfähigkeit zur endgültigen Freiheit. Rufin würde diesen Mangel eine Gabe nennen, und das macht uns einander fremd. Dann gibt es diese vielen Passagen, mit denen er sich einfach keine Mühe gegeben hat, die einfach schlecht sind. Dennoch, trotz all seiner Mängel wird mir das Buch immer in Erinnerung bleiben.

Warum die Sache schiefgeht – Karen Duve
Ich hatte meinen Kontakt mit Duve und bin Veganer geworden damals, nicht nur wegen ihres Buches, aber auch. Ihr neues Werk ist ein Pamphlet, das die erfrischend wüste Rhetorik aus "Anständig essen" wie einen Schulaufsatz hinter sich läßt. Es geht jetzt nicht mehr nur um die Tiere, deren Leid und wie damit umgehen. Es geht um alles.
Die ersten Seiten sind zäh, der Stil ist platt, die Ideologie deutlich, man kommt sich vor wie in einem Internetforum. Hält man durch, formt sich allmählich ein Bild aus dem Wust, die sorgfältige Anlage am Fuß des lärmenden Vollholzstammtisches fängt hörbar an zu schnurren. Duve übernimmt kontroverse Theorien und konstruiert daraus, launig, salopp, ihre erneut beeindruckende Kulisse; eine der Resignation ist es diesmal, der Angst, der Ausweglosigkeit angesichts einfacher Lösungen, die doch unmöglich sind.
Der erste große Krach beim Aufschlagen der Seiten schreckt ab. Bekommt man rechtzeitig ein paar Ohrenschützer in die Finger und gibt dem Buch eine Chance, saugt es einen aber bald hinein in diese einfache, klare Weltsicht, in der sich linke Gesellschaftsutopie, Humanismus, Liebe zum Leben und zu den Lebewesen ein letztes Mal die Hand geben, um von radikaler Enttäuschung und radikaler Traurigkeit hinweggefegt zu werden. Es gibt keinen Ausweg, und es wird auch keinen geben. Daraus einen Nihilismus zu folgern, ist Ansichtssache, aber die Alternativen tun sich mit dem Aufdrängen ein wenig schwer.
Das überzeugende, ergreifende Plädoyer für die weiblichen Eigenschaften, das der Text auch ist, wird als Sandkorn hinweggefegt von einer Kampfschrift ohne Ziel und ohne Publikum. Eine Kapitulation. Ob man der Autorin folgen kann oder nicht, das Buch ist erschütternd.

Artgerecht ist nur die Freiheit – Hilal Sezgin 
Vielversprechender Beginn, dann leider nachlassend. Sezgin widmet sich der Tierethik, den Tierrechten oder wie man es nun nennen mag. Sie verfolgt einen akademischeren Ansatz als Duve oder Foer, zumindest gibt sie sich diesen Anschein, wenn sie versucht, die philosophische Grundlage der Diskussion herauszuarbeiten. Das macht sie analytisch, arbeitet mit Verweisen und Zitaten. Das anfangs betont nüchterne, an eine Phänomenologie erinnernde Verfahren wird jedoch schon im zweiten Drittel zunehmend von Emotionalität und Emphase infiltiert und schließlich verdrängt, sodaß auch hier ein mitreißendes Pamphlet resultiert, das offene Tore einzurennen weiß, den eigenen Ambitionen aber nicht gerecht wird, nämlich ein wissenschaftlich standfestes, auch vom Feind ernstgenommenes und gefürchtetes Schlüsselwerk der modernen Ethik zu sein.

Der Spion, der aus der Kälte kam - John le Carré
Eine gute, fesselnde Geschichte, der das Alter, in diesem Genre in der Regel ein Problem, nicht ständig anzumerken ist. Ost-West-Spionage, eiserner Vorhang, die Liebe, Tragik, Psychologie, Lakonie. Eine gute Mischung, die immer noch funktioniert, von einem, der es konnte.