Freitag, 26. Juni 2015

Sommer, Kurzrezensionen IX

Der grüne Heinrich – Gottfried Keller
Ich fand keinen Zugang. Wie beim Wilhelm Meister widersteht mir das larmoyante Erzählen, die gezierte altertümliche Ausdrucksweise, obwohl mich bei beiden Büchern Thema und Inhalt sehr reizten. Einem historischer Malstil, den man nicht mag, sieht man die hohe Handwerkskunst an, das Können, die unbestreitbare Begabung, doch ist es nicht möglich, sich davon mitreißen, sich unterhalten, sich begeistern zu lassen. Nach fünfzig Seiten war für mich der grüne Heinrich zu Ende. Die Novellen Kellers sind angenehmer, die kurze Form verhilft dem flottierenden Stil zu mehr Substanz, die z.B. die Leute von Seldwyla deutlich lesenswerter macht.

Wilhelm Meisters Lehrjahre, Wilhelm Meisters Wanderjahre – Johann Wolfgang von Goethe
Ich habe die Lektüre nach wenigen Seiten abgebrochen, Grund analog dem grünen Heinrich und dem Heinrich von Ofterdingen.

Faust I – Johann Wolfgang von Goethe
Die Zueignung ist das Schönste. Bald danach beginnen die Knittelverse, die von Goethes beispielloser Poesie so viel rauben; der Verzicht auf Regelmaß, um das Stück volksnäher wirken zu lassen, als künstliche Kunstreduktion. Selbstverständlich sind da glanzvolle Passagen, sogar in Hülle und Fülle, und der Vergleich mit dem Urfaust zeigt den enormen Sprung vom „gewöhnlichen“ Langgedicht zu etwas Einzigartigem. Dennoch stolpere ich beim Lesen immer wieder über Füße, die den rhythmischen Fluß unerwartet brechen wie plötzliche Felsen, und das in ansonsten ruhigen, ufernahen Gewässern, fernab aller Stromschnellen. Ein Monument, das noch höher hätte gebaut werden können, hinauf bis an die kleistschen Türme heran.

Faust II – Johann Wolfgang von Goethe
Der berüchtigten Fortsetzung gelang es, mich nach dem ersten Akt wieder loszuwerden. Die Poesie mag gelungen sein, die hermetische Gestaltung macht einen anderen als den philologischen Zugang unwahrscheinlich.

Die unsichtbare Loge – Jean Paul
Was ich über Jean Paul wusste, ließ mich ihn lesen wollen. Ich nahm mir die Romane vor, chronologisch. Leider verließ ich das Vorhaben schon nach dem Vorwort der unsichtbaren Loge. Das Buch unzweifelhaft ein Füllhorn, Sprache und Konstruktion aber zu widerstandsfähig. Es ist sein Erstling. Ich werde es mit dem Hesperus versuchen, der soll griffiger sein.

Umgang mit Größen - Walter Kempowski
Eine erfrischend subjektive Sammlung kurzer Texte, Ein- und Zweiseiter, über Schriftsteller, deren Werk darin nur eine kleine Rolle spielt. Wesentlich konzentriert sich Kempowski auf scheinbare Nebensächlichkeiten, Frisuren, Kleidung, Redensarten, Lebensstil und verflicht das mit oberflächlicher literarischer Bewertung zu einem Stimmungsbild, das viel mehr Lust auf diese Autoren macht, als eine klassische Besprechung es vermocht hätte.

Sonntag, 21. Juni 2015

Sommer, Kurzrezensionen VIII

Hans und Heinz Kirch – Theodor Storm
Zu Storm kehre ich mittlerweile gerne zurück. Hans und Heinz Kirch ist eine tragische Vater-und-Sohn-Geschichte; die Versöhnung zweier gegensätzlicher Lebensentwürfe scheitert am Starrsinn der beiden Männer, die sich trotz ihrer heftigen Feindschaft so sehr ähneln, eben weil sie aus einem Blute sind. Die Rivalität wird schließlich so groß, dass sie die tief verankerte, noch spürbare Liebe verleugnet und Vergebung erst nach der Katastrophe möglich ist. – Wo aber ist Heinz Kirch geblieben?

Über naive und sentimentalische Dichtung – Friedrich Schiller
Eine dieser, nunja, spinnerten Abhandlungen, in welchen die Größen der Klassik und Frühromantik versuchten, einen gemeinsamen Ästhetikbegriff zu definieren und sich zu diesem Zweck an der antiken und zeitgenössischen Philosophie und Literatur bedienten. Dabei heraus kam immer ein Kauderwelsch, denn natürlich herrscht in den Texten kein System, sondern die Poesie. Ohne definierte Begrifflichkeiten – so etwas wie Sprachphilosophie existierte nur als Rudiment – waren die Schriftsteller auf die holden Brocken angewiesen, die die Inspiration ihnen zutrug. Bei Schiller heißt die Dialektik deshalb „naiv“, im Sinne von natürlich, genial, eingegeben, sinnlich, und „sentimental“, im Sinne von überlegt, reflektiert, ideal, kognitiv. Mit dem alten Dualismus der Sinnen- und Ideenwelt, dem später auch Karl Kraus sein „Heine und die Folgen“ widmete, wird nun buntes Spiel getrieben, die Bezeichnungen und Urteile sind offen, gänzlich offen für Interpretation und Schabernack, die wissenschaftliche Analyse damit Kunstwerk. Ein Werk, das sentimentalisch sein will, aber nur naiv verstanden werden kann.

Die Räuber – Friedrich Schiller
Schillers Frühwerk hat mir bei aller Sprachkunst nicht gefallen. Zu unglaubwürdig sind die Charaktere, zu unrealistisch die Motivationen, die allein dem Zweck des Dramas dienen. Es liest sich wie eine antike Tragödie, war vielleicht auch so angelegt, kommt dafür aber zweitausend Jahre zu spät.

Kabale und Liebe – Friedrich Schiller
Ganz anders hier. Endlich leben die Figuren, ich glaube ihnen, nehme ihnen die Haltung ab, kann ihre Schritte nachvollziehen. Allein das Entsagen der Milford ist nach wie vor lächerlich, trotz der begründenden donnermächtigen Szene mit Luise. Die unglückliche Liebe zwischen Mann von Stand und Bürgerlicher (ein beliebtes Thema damals) führt hier zu Täuschung und erweitertem Suizid, dann im Sterben noch Aufklärung, wie es sich gehört. Der Hofmarschall, seine Stimme klingt mir im Ohr, ist köstlich, das ganze dramatische Produkt auf jeder einzelnen Seite ein Genuß. Das beste, was ich von Schiller gelesen habe.

Maria Stuart, Die Jungfrau von Orleans – Friedrich Schiller
Weniger so Maria Stuart und die Jungfrau, an denen sich die Methode wiederholt, ohne Neues zu erfahren. Die beiden Stücke konnten mich nicht packen wie das vorige.

Die Leiden des jungen Werthers – Johann Wolfgang von Goethe
Der große Roman des Sturm und Drang, mich hat er kalt gelassen. Ich kann mit der gekünstelten Sprache nichts anfangen. Seitens der damaligen Tonangeber wird den Nachahmern Empfindelei und Kitsch vorgeworfen, ich stelle diese Diagnosen schon dem Werther. Die beste zeitgenössische Kritik, die ich auf Anhieb finde, stammt von Lichtenberg: „Die schönste Stelle im ‚Werther‘ ist die, wo er den Hasenfuß erschießt.“

Freitag, 19. Juni 2015

Sommer, Kurzrezensionen VII

Reigen – Arthur Schnitzler
In der Anlage schönes Stück, zehn Dialoge zwischen Liebespartnern, von denen der eine im nächsten Dialog wieder auftaucht, und am Ende schließt sich der Kreis. Ein Sittenspiegel, Gesellschaftsbild der Wiener Moderne durch alle Schichten. In der Durchführung mir zu behäbig, zu prüde und indirekt, um noch genossen zu werden.

Leutnant Gustl – Arthur Schnitzler
Beißende Farce mit Ziel des k.u.k. militärischen Selbstverständnisses. Übertreibt mächtig, die Entlarvung schießt mehr ins Komische denn ins Wahrhaftige.

Ein fliehendes Pferd – Martin Walser
Von Walser kenne ich sonst nichts. Das fliehende Pferd ist so gut, dass ich mehr lesen werde. Es ist die Geschichte eines im leeren Leben arrivierten Einzelgängers, eines prototypischen Unspirituellen von der Art, die heute die Tribünen des Alters bevölkern, wo sie in massenhafter Gesellschaft und in ihrer Depression doch stets alleine sind. Ein Widersacher tritt auf, scheinbar gegensätzlichen Charakters, doch in seiner Haltlosigkeit gleichwertig. Am Ende kommt es zu einem Überschlag, einem Lichtbogen zwischen beiden bis dahin voneinander getrennten Welten, die Erkenntnis der gemeinsamen Flucht.

Essays – Kurt Tucholsky
Ein kleiner Band mit Essays und Glossen, die generell angriffslustig daherkommen. Tucholsky versuchte, einer siechen Gesellschaft in langer Krankenschau Diagnose und Therapie zu stellen, und damit scheiterte er. So treffend er analysierte, so gekonnt und witzig seine Formulierungen auch waren, die Deutschen hörten nicht. Tucholsky verstummte und ging in den Freitod. Großer Beobachter, Pointierer, Aphoristiker. Sprachlich nicht auf einer Höhe mit Kraus, was auch kaum möglich ist, dennoch sehr unterhaltsam.

Kleine philosophische Aufsätze – Voltaire
Ein Wunderwerk und überhaupt nicht klein. Ungeheuer, was Voltaire im Kopf und in den Griffeln hatte, und das im 18. Jahrhundert! Ein Fünftel des Bandes nimmt der Briefwechsel mit Friedrich II. ein, beiderseits blitzend vor Schärfe und Gewandtheit, in der Phase der Feindschaft und danach eine äußerst unterhaltsame Lektüre. Und dann erst die Aufsätze. Voltaire steht nicht für ein bestimmtes System, er bezieht Stellung zu allem, das ihn bewegt, und mit seinem Witz, seinem Sprachtalent, nicht zuletzt seiner beeindruckenden Nüchternheit, die direkt aus dem 21. Jahrhundert stammen könnte, hinterläßt er ein begeisterndes, frisches und lebendiges Vermächtnis. Ein helles Licht, das da brannte.

Der Menschen Hörigkeit – W. Somerset Maugham
Autobiographisch gefärbter Entwicklungsroman, mit dem der Zahn der Zeit wenig Gnade hatte. Die Sprache, die Thematik, die Konstruktion sind altertümlich, zwar charmant, aber einfach nicht mehr interessant genug, um noch mit Hingabe gelesen zu werden. Der Text kommt, zu spät für seine Zeit, moralisch daher. Es tut mir leid um Philip Carey, denn manche Passagen sind doch sehr gelungen, beispielsweise die Charakterisierung Haywards. Freilich wollte ich wissen, wie es ausgeht, und dabei sind mir Roman und Autor dann doch ein bißchen ans Herz gewachsen.

Mittwoch, 17. Juni 2015

Sommer, Kurzrezensionen VI

Nathan der Weise – Gotthold Ephraim Lessing
Schon die Galotti war großartig, und Nathan ist es auch. So rund und perfekt, dass es fast schon zu viel, fast magisch wird. Wo sind die Schwächen, wo die Ecken und Kanten, an denen man reiben kann? Mit ungeheurer Souveränität führt Lessing durch die Blankverse, alles sitzt, alles klingt im Spätwerk des Meisters. Und wie elegant er seine Ideen verabreicht, wie locker und flüssig kommt das daher. Ein Genuß von Anfang bis Ende. Ehrfurchtgebietend!

Das verlorene Paradies – John Milton
Leider gelang es mir nicht, mich auf das Langgedicht einzulassen. Für mich ist diese Form wohl verloren, denn mit dem Homer ging es mir ähnlich. Was richten wir an. Ich begnüge mich mit der vielfältigen Sekundärliteratur und beweine die entgangenen Zeiten.

Ilias, Odyssee – „Homer“
Bis auf die üblichen ikonenhaften Verse mir unzugänglich, siehe oben.

Die Metamorphosen – Ovid
Ein gigantisches Werk. Ich las einzelne Gesänge, fand aber die Übersetzung langweilig, nachdem ich in der Schule die lautmalerischen Feinheiten des Originals hatte kennenlernen dürfen. Da ich der alten Sprachen nicht ausreichend mächtig bin, um mich dem Onoma der Poesie noch befriedigend anzunähern, bleibt die Lektüre Fragment. Als Lesebuch zu römischen Legenden ist der Voß nicht verkehrt, auch aus geistesgeschichtlicher Hinsicht, da die Metamorphosen den abendländischen Blick geprägt haben dürften.

Kindertotenlieder – Friedrich Rückert
Wie soll man so etwas besprechen. Man lese das erste Lied und weine. Danach kommen hunderte.

Gedichte – Georg Trakl
Grodek hat mich beeindruckt, doch finde ich in den sämtlichen Gedichten wenig Vergleichbares. Überwiegend sind das unoriginelle Schmerzenslaute, symbolisch be- und überladen, semantisch offen, nicht sehr musikalisch.

Dienstag, 16. Juni 2015

Sommer, Kurzrezensionen V

Poetik in Stichworten – Ivo Braak
Anhand vieler Beispiele streift Braak wohlgegliedert und unterhaltsam durch die Begriffe der Literaturwissenschaft. Von Oberbegriffen über Stil- und Schallformen bis zum großen Kapitel der Gattungen wird alles behandelt. Immer knapp, immer informativ, die Beispiele anregend. Trotz der „Stichworte“ im Titel ein gutes Lesebuch, um tiefer in die Welt der Poetik einzutauchen.

Das Käthchen von Heilbronn – Heinrich von Kleist
Schon durch den Krug bin ich zum Kleist-Jünger geworden, das Käthchen von Heilbronn bestärkt mich. Ein wundervolles, allenfalls ein wenig ausladendes Schauspiel um Liebesschmerz, Rittertum und menschliche Kaiser, dessen Rezeptionsgeschichte ähnlich wundervolle Blüten trieb. Wegen des verschachtelten Aufbaus, den eingeschobenen Prosaabschnitten nicht ganz so schwungvoll.

Prinz Friedrich von Homburg – Heinrich von Kleist
Fantastisch! Atemberaubend. Ein Feuerwerk, ein wilder Ritt! Der Prinz soll die Reiterei befehligen, ist mit seinem Kopf aber bei einem Mädchen. Eklat, Verurteilung, Rehabilitation. Die berühmten Dialoge, der vollendete Rhythmus, die menschliche Angelegenheit um Leben und Ehre machen das Drama so gut. Für mich das beste seiner Zeit.

Die Marquise von O. – Heinrich von Kleist
Den Kohlhaas habe ich hier vor langer Zeit, unter ganz anderen Voraussetzungen besprochen, nun folgt der Rest. Die Marquise von O. ist wunderbar! Skandalöse Verwicklungen, falsche Fährten, herrliche Sprache, so voller Witz, mitreißend, so dicht, ohne Schnörkel. Die subtilen Winke, die Ausgestaltung der Vater-Tochter-Beziehung, die das Gefüge so nonchalant, aber mit Macht verschiebt. Ein Meisterwerk, ein Hochgenuß! Kleists beste Prosa.

Weitere Erzählungen und Novellen – Heinrich von Kleist
Das Erdbeben in Chili kann da nicht ganz mithalten, es scheinen erste Konstruktionsfäden durch. Kaum vernehmlich quietscht das Getriebe, trotzdem sehr unterhaltsam. Die Verlobung in St. Domingo erscheint schließlich vollends hanebüchen, ein krauser Plot, der nur von der so feinfühlig inszenierten Tragik und der wiederum vollkommenen Sprache gerettet wird. Das Bettelweib von Locarno ist kurz, die Geschichte banal, aber voller merkwürdiger Fehler, die unfreiwillig sein können, im Falle von Absicht dem Ganzen aber etwas wahrlich Geisterhaftes verleihen und zu schauderndem Wieder- und Wiederlesen zwingen. Der Findling ist nicht zu empfehlen, denn hier richtet die Sprache nicht mehr viel aus. Die argen Zufälle, argen Wendungen des Schicksals mögen möglich sein, werden aber nicht entsprechend verkauft. Ganz ähnlich ergeht es der Heiligen Cäcilie. Zuletzt der Zweikampf hat Stärken, kommt in seiner naiven Konstruktion aber nicht an die besten Erzählungen des Autors heran, die da Kohlhaas und Marquise heißen.

Die Soldaten – Jakob Michael Reinhold Lenz
Sturm und Drang, das bedeutet übersteigerte Empfindsamkeit, Übererregbarkeit, Schwulst, Kitsch. Positiv rechne ich den Soldaten die Kritik an der sozialen Schieflage der Zeit an, sowie eine, den Umständen entsprechend, aparte Sprache, die dem Werk einen gewissen Rang erhält. Skurril ist die Schlußszene, beide Fassungen, die angeblich so gemeint ist, mir aber zynisch erscheint.

Sommer, Kurzrezensionen IV

Blumenberg – Sibylle Lewitscharoff
Die beifallheischende Nabelschau eines akademisierten Bildungsbürgertums. Vertrocknete literatur- und philosophiewissenschaftliche Ambitionen werden unter klaffendem Spaltmaß zu einem Ganzen gefügt, einem Krüppel von Roman, dessen blitzblank polierte metallische Nieten und Nägel in das einstmals schöne Motiv einer Herbstlandschaft geschlagen sind. Begabte Autorin, fürchterliches Buch.

Hyperion oder der Eremit in Griechenland – Friedrich Hölderlin
So sehr ich Hölderlin bewundere, seine Oden, seine Hymnen, ja die ganze versgebundene Lyrik ist einzigartig, kann ich mit Hyperion, seiner auf Romanlänge angelegten Prosadichtung, nicht viel anfangen. Das scheint an der Form zu liegen, bei Novalis ergeht es mir ähnlich. Der hymnische Ton findet im Ungebundenen keine Schranken, die Verdichtung fehlt. Die Handlung löst sich auf in Musik, in klingende Kulisse, und jegliche Dichte muß erschlaffen. Das Thema ist das alte romantische – Allstreben, Natur, das Jenseitige, das Leben als Kunst – und der alte Irrtum ist es, man könne diese gültigen Ideen in Worte fassen. O Bellarmin! Sicher werde ich einst zurückkehren zu Dir.

Hymnen an die Nacht – Novalis
Der wunderbare Titel, der schillernde Verfasser. Leider machte die Lektüre keinen Spaß. Novalis’ Hymnen sind nicht an mich gerichtet, und das bedrückt mich.

Heinrich von Ofterdingen – Novalis
Tja, nun sind wir bei der blauen Blume angekommen. So viel habe ich diesem Text zu verdanken, so viel ihm entnommen, und doch kann ich ihn nicht lesen. Ich will es das Wilhelm-Problem (s.d.) nennen, es betrübt mich und ist schon selbst Literatur geworden; auch wenn es dereinst in Form gegossen wird, werden die alten, schändlich vernarbten Knoten sich nicht lösen.

Auf den Marmorklippen – Ernst Jünger
Die hochsuggestive, vernichtungsromantische Sprache Jüngers in einem Roman zu erleben, kann nicht begeistern. Die Handlung freilich parabolisch, kein Satz ohne Symbol, im Pathos schließlich Brand, Vernichtung, Hochgefühl: Natur. So geht die Reihe auch in den „Sachbüchern“ des Autoren, wo sie besser funktioniert. Vielleicht, weil der prätentiöse Eindruck dort weniger durchschlägt, weil etwas Erlebtes erzählt wird, hinter dem er sich verstecken kann, und sich die Enstehungsgeschichte solcher Ideen daraus zumindest herleiten und sogar halbwegs bewundern läßt. Die Marmorklippen hingegen sind ein Jahrhundert zu jung, um gut zu sein.

In Stahlgewittern – Ernst Jünger
In der Anlage ähnlich, aber weniger aufrichtig als zwei Jahre später der Kampf als inneres Erlebnis. Die Episoden wirken fiktiver, ergänzter, nachbearbeiteter, konstruierter. Vielleicht deshalb wurden die Stahlgewitter solch ein Erfolg. Jünger bleibt etwas Besonderes; die in kein Schema passende Ideenwelt, die schwülstige Sprache. Schon als Kontrast ist er lesenswert, wobei ein oder zwei Bücher reichen werden.

Sonntag, 14. Juni 2015

Sommer, Kurzrezensionen III

Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe
999 Briefe von 1794 bis 1805. Schon interessant, den beiden bei der Entwicklung ihrer Freundschaft zuzusehen. Die zunehmende Vertrautheit, Freude über die Entdeckung eines Seelenverwandten, die anfänglich scheu vorgetragenen, später sehr offenen Kritiken an den Arbeiten des anderen. Schiller ist der Diplomat, der das verletzliche Goethe-Ego weich bettet und ihm Verbesserungen honigsüß unterbreitet, als wären es dessen eigene gewesen. Das plötzliche Ende natürlich erschütternd.

Satyricon – Petronius Arbiter
Nunja, die „Begebenheiten des Enkolp“ spinnen sich ein wenig merkwürdig aus. Freilich, einer der ersten „Romane“, Sittenspiegel, Blick in die römische Mittel- und Unterschicht, stilistisch wohl meisterhaft (Wikipedia). Allein, auf deutsch bleibt vom Stil der Blütezeit nicht mehr viel, lateinische Gedichte wären anstrengend, und so ist das Buch eine Reihung skurriler erotischer Eskapaden, Orgien und Ästhetik geworden. Interessanter wäre, zu erfahren, wie das Satyricon auf die Überlieferer in den Klosterbibliotheken wirkte.

Kosmos – Alexander von Humboldt
Ein großer Ehrgeiz, ein unerreichbares Ziel: die gesamte physische Welt als System von innen und außen zu beleuchten und darzustellen, und das in fünf Bänden. Von Humboldt hat es Mitte des 19. Jahrhunderts versucht – was er vorlegte, ist ein romantisches Schwärmstück, eine farbenfrohe Nummerierung und jubelnde Katalogisierung der ihm bekannten Dinge. Keine Wissenschaft, aber Poesie, und mitunter schwer verdaulich, wenn es an die allzu trockenen Aufzählungen geht. Doch ein großer, ein wirklich großer, ein kindlicher Schwärmer war er.

Briefe 1769-1791 – Wolfgang Amadeus Mozart
Die Lektüre hat mir nicht viel gegeben. Mozart konnte derb sein, der Tod seiner Mutter erschütterte ihn, und die meiste Zeit über sind dies ganz normale Briefe eines normalen Mannes an seine Freunde und Familie. Die Vaterhörigkeit kommt ein wenig durch. Um die Musik zu würdigen, sind die Briefe nicht dienlich.

Vorsicht! Vorurteile – Peter Ustinov
Das sind kleine Betrachtungen, die sich um alles Mögliche drehen, nicht nur um Vorurteile, und der allseits beliebte Ustinov ist verschmitzt. Die Texte sind nachlässig und inkonsequent, Humor regiert die Welt, ansatzweise, immer dann, wenn es autobiographisch wird, aufblitzender Gehalt rettet das Unternehmen nicht. Man sollte so etwas nicht lesen.

Ringwelt – Larry Niven
Ein Science-Fiction Roman der goldenen Ära, als man in jenem Genre noch mit rudimentären handwerklichen Mitteln Erfolg erreichte, siehe Asimov, Clarke etc. Die Ideen sind nicht das Problem, die sind gut, aber daß diese ausgesprochene schriftstellerische Naivität tatsächlich an ein Publikum heranreichte, wirkt heutzutage befremdlich. Die Bücher sind unlesbar.

Samstag, 13. Juni 2015

Sommer, Kurzrezensionen II

Literatur und Lüge – Karl Kraus
Kraus musste sein, der Ruf des Wiener Zerfledderers ist groß. Ich sage nicht „Erledigers“, denn trotz aller Erfolge, trotz der zweifelsohne häufigen, opulenten Befriedigung wirkt der Autor dieser Attacken wund, und ich glaube nicht, daß eine wirkliche, abschließende, eine reinigende Erledigung im krausschen Inneren je stattgefunden hat. Es gibt hier wahnwitzige Passagen der gelungensten Polemik, man erlebt den Meister, es ist unvergleichlich, streckenweise unglaublich. Am Ende, nach dutzenden verschossenen Pfeilen, das Gift wird langsam trocken, sieht man nach den Opfern und findet – nichts mehr.

Heine und die Folgen – Karl Kraus
Ganz anders Heine, ein unübersehbares Ziel. Scheunentorgroß. Die Vorwürfe: Seichtheit, Attrappe, Künstlichkeit, Allegorie. In Kraus’ überwältigendem Furor durchaus nachvollziehbare Urteile, die den Heinegenuß schmälern können, wie schon Gernhardt warnte. Die Spitzfindigkeiten sind sympathisch, sind süffig, sind verführerisch. Vorsicht also den Heinefreunden: den Text lieber auslassen oder hinter geharnischten Vorurteilen lesen.

Shakespeares Sonette – Karl Kraus
Wie ich mich freute, nun den Gipfel zu erreichen. Kerr, dann Heine, nun Shakespeare! Wie ich gluckste! Welche Waffen würde er zücken, der Dämon, welche Schwächen, welchen häßlichen Makel bloßlegen am Barden, wie ihn tödlich verwunden, für immer tödlich? Oh Schaulust, süße Schaulust! Mir schauderte. Ich gaffte. – – Nachdichtungen.
Nachdichtungen!
Kraus respektiert Shakespeare. Er dichtet ihn nach.
Gleich frage ich: warum? Klar, macht Spaß, aber warum veröffentlichen? Die Dinger sind nicht so gut.

Schatzkästlein des Rheinischen Hausfreunds – Johann Peter Hebel
Ratschläge, Kalendergeschichten, Aphorismen, Scherze, im ländlichen Ton gehalten und von sehr wechselhaftem Reiz. Die aufgesetzt pastorale Stimmung bisweilen ermüdend, die Inhalte oft mäßig originell, doch immer wieder eingestreute knackige Leckerbissen. Insgesamt aus heutiger Sicht nicht mehr lesenswert.

In einem anderen Land – Ernest Hemingway
Etwas stört mich an dem Roman. Ich fand Hemingways Kurzgeschichten überragend: In unserer Zeit, die Nick Adams Stories, Macomber, Kilimandscharo. Der Stil ist der gleiche, nur scheint er die große Romanhandlung nicht tragen zu können. Der Lakonie geht die Luft aus. Es gibt großartige Kapitel, der Plot ist ergreifend, das Ende wahrhaft schrecklich, doch kommt man nie ganz heran an die Charaktere, kann nie sich ganz versenken in den Freuden, den Problemen, den Katastrophen. Die Distanz bleibt zu groß.

Der alte Mann und das Meer – Ernest Hemingway
Mir ist schleierhaft, wie diese Novelle zu einem solchen Ruhm kommen konnte. Sicher, die Symbolik, das Parabolische. Vielleicht das Autobiographische. Aber wo ist die Gewalt, die Tiefe, der Wahn, das Elend, das Ende, die Welt eines großen Werks eines wirklich großen Schriftstellers? Für mich wird Hemingway der lyrische Stimmungsmaler bleiben, der in den kleinen Formen Unübertreffliches leistete.

Freitag, 12. Juni 2015

Sommer, Kurzrezensionen I

Die Blechtrommel – Günter Grass
Moderner Klassiker, dessen Form und Klang immer noch reizen: magisch, wild, spektakulär, postmodern, eine Sprache zum Hutziehen. Inhaltlich leidet der Roman an der Kümmernis der Trümmergeneration, dem Mief der brotlichen Demut. Seine herrlich pessimistische Philosophie erstickt er in zu viel des Guten, zu viel Lametta, zu viel Knalleffekt. Reicht damit über den hölzernen Zustand der Galionsfigur nicht hinaus.

Germania – Tacitus
Fröhliches Werk über die Germanen und ihre Stämme. Lesenswert der selbstsicheren Beobachtungen, der empathischen Analysen, der beschwingten Authentizitätslage wegen. Wirft ein Licht auf das Rom jener Tage. Jahrtausendealt, allein dadurch staunenswert.

Naked Lunch – William S. Burroughs
Wer sich durch verrückte Bücher herausgefordert fühlt, sollte dieses versuchen. Ich meine verrückt im schlechten Sinne. Die Beat Generation hat mindestens ein gutes Buch hervorgebracht, Naked Lunch ist sehr schlecht. Drogenwirkung anhand formaler Mittel, Zerrissenheit, erste Pickel.

Der Mann ohne Eigenschaften – Robert Musil
Ein Monolith des Zwanzigsten Jahrhunderts, dessen Wikipedia-Seite ein literarisches Wunderland verheißt, einen anthropologisch-metaphysischen Triumphzug, einen Roman der Zukunft. Leider ist er langweilig, ich kam kaum über die ersten paar Dutzend Seiten hinaus. Altbackenes Erzählen, überbordende Reflexion, uninteressante Konflikte – ein Roman der Vergangenheit, ein k.u.k-Spezifikum. Viel interessanter ist die Entstehungsgeschichte, die doch immer wieder um Primärlektüre fleht. Vielleicht irgendwann.

Derrick oder die Leidenschaft für das Mittelmaß – Umberto Eco
Der Titel verrät es schon, hier sind in einem Büchlein die leidlich originellen Essays eines berühmten Romanautors versammelt, um auf Teufel komm raus zu beweisen, daß auch er seiner Gattung treu bleiben sollte. Die Gedanken sind selten interessant, teils heillos italienspezifisch, und immer recht lieblos ausgeführt.

Das Parfum – Patrick Süskind
Ein einzelner Gedanke, der einen Roman tragen soll. Jämmerliche Umsetzung, kindlicher Stil, einfache dramaturgische Tricks, Pappfiguren als Charaktere, aufgeblähter, im Großformat nicht funktionierender Aphorismus. Ekelhaft ironisch, selbstzufrieden. Amateurhaft in der Sprache.