Freitag, 24. Oktober 2014

Der Distelfink - Donna Tartt

Ein großangelegter Entwicklungsroman, den ich vielleicht mit Dickens vergleichen würde, hätte ich denn den schon gelesen. Donna Tartt gelingt es, ihre banale Handlung um einen traumatisierten, sich ans Unendliche klammernden Jungen so packend auszuarbeiten, daß Lesepausen nur unter Überwindung möglich sind, die Nächte zu Tagen werden und die Tage abgleiten in Hypnagogie. Sie läßt einen nicht los, diese Geschichte, der betörenden Glaubwürdigkeit der Figuren sei Dank und vor allem der kunstvollen, ja machtvollen, zu allem fähigen, aber damit nicht protzenden Sprache. Eine Sprache von einschüchternder Brillanz, rund, harmonisch, voller Überraschungen und immer überbordend, die so ausgewogen, so perfekt, so in jahrelanger Kleinarbeit mühevoll erarbeitet daherkommt und dann dieses irdene, kitschig-poppige Epos erzählt, das ist schon etwas Besonderes. Etwas, das man gelesen haben muß.
Ein bisschen Feilen an der Stringenz; aus dem Füllhorn mehr Transzendenz, mehr Kontakt zu dem Hohen, von dem ihr Junge schon so veloren schwärmt; ein bisschen mehr Wucht und vom Duft der Ewigkeit noch ein Quäntchen, und Donna Tartt wird zu den großen amerikanischen Autoren gehören.

Sonette aus dem Portugiesischen - Elizabeth Barrett Browning

Übertragen von Rainer Maria Rilke
Ich kenne mich in der englischen Sonettlyrik nicht gut aus. Spenser, Shakespeare. In einem Poetikbändchen stieß ich auf Barrett Browning, ein Sonett "aus dem Portugiesischen", und war hingerissen. Nach ausgiebiger Beschäftigung mit Brownings Sonetten, schon auf den ersten Blick herrlich z.B. die I, die XLIII, erfuhr ich von Rilkes Übertragungen ins Deutsche und war wieder hingerissen.
Seit ihrer Jugend befand sich Elizabeth in einer körperlichen und seelischen Krise, die sie, zurückgezogen und krank, mithilfe der Dichtung ertrug. Sie war produktiv und veröffentlichte, wirkte aber nie, als würde das Glück sie noch jemals finden können. Dann, spät, lernte sie Robert Browning kennen, selber Dichter, der ihr Werk liebte, sie anbetete, sie heiratete. Es muß eine nahezu vollkommene Liebe gewesen sein, und Essenz dieser letzten, gemeinsamen Jahre wurde der berühmteste englische Sonettzyklus nach Shakespeare. [Quelle natürlich Wikipedia]
Ganz klar, daß es hier um die Liebe geht. Liebe in all ihren Formen, kitschig natürlich, herrlich kitschig, formvollendet, überraschend, erhebend. Die Sprache ist einfach, leicht zu skandieren, die Botschaften leuchtend und schlicht, der kompositorische Anspruch übermenschlich. In der Musik sind die späten Schubertsonaten vergleichbare Werke, oder die Abegg-Variationen Robert Schumanns.
Und in die ohnehin schon überwältigende Fülle dieser einander endlos sich überbietenden Phantasmen gießt Rilke nun noch sein ganzes voll ausgereiftes Können hinein, bringt eigene Großtaten unter dem simplen Namen der Übertragung und vernichtet die letzte verzweifelte Aussicht des Lesers, sich nicht klein und schäbig zu fühlen. Um den Kollaps optimal auskosten zu können, empfehle ich die zweisprachige Lektüre.

Die Stimmen des Flusses - Jaume Cabré

Vollkommen ahnungslos ging ich an dieses Geschenk heran, das Buch eines mir unbekannten Autoren, Kinder auf dem Einband, eine Familiengeschichte?
Die ersten Seiten sind zäh, eine fordernde Konstruktion, die den Leser prüft, ihm ohne Einführung Figur um Figur vorwirft, Erzählperspektive und -stimme innerhalb eines Absatzes wechselt, vor- und rückblendet ohne Umbruch, ohne - ja, ohne Bruch. Denn hat man sich erst gewöhnt an das Ungewohnte, fügen die merkwürdigen Einzelheiten sich allmählich zusammen, werden rundes und aufreizendes Ganzes; der Stil ist gewagt - und funktioniert. Wenn er nicht gerade vor Aufregung glitzert, strahlt dieser Stil ein ruhiges, rotbraunes Licht, leuchtet seine Herbstfarben auf hingerichtete Kinder, zerbrechende Ehen, narbig verwundete Leben, vermittelt in distanzierter und doch geheimnisvoller Nähe das tröstliche Gefühl vom Lauf der Dinge. Ein guter, mir sehr sympathischer Stil, immer wieder gebrochen allerdings von humorigen Anflügen, die überhaupt nicht hineinpassen, auf rührende Momente plötzlich dick auftragen und Melancholie zur Posse deformieren. Es gibt da Passagen, die den Zynismus bis zum Slapstick treiben. Gelegentlich scheint auch die Glaubwürdigkeit zu leiden, wenn beispielsweise eine glückliche Partnerschaft ansatzlos in die Brüche geht, weil die Frau den Leuten im Dorf mehr glaubt als ihrem gerade noch angebeteten Mann. Und ob der Roman die zahlreichen Cliffhanger und Spannungstricks wirklich nötig hatte, bleibt Geschmackssache. Dennoch, die immer wieder aufstrahlenden, zutiefst beeindruckenden Fähigkeiten des Autors entschädigen mehr als genug für jeden Fehler, diese wunderschönen Augenblicke, die gelassene Poesie.
Es ist keine Familiengeschichte. Familien spielen gewichtige Rollen im Buch, aber eigentliche Themen sind die verhängnisvolle Wirkung der Macht und die Frage, ob man dem Leben eine Bedeutung geben kann. Mehrere Protagonisten stellen sich diese Frage, hin- und hergeworfen vom Schicksal, von den äußeren Umständen, den eigenen Träumen, den Narben. Cabré gelingt es, eine komplizierte generationenumspannende Handlung aufzubauen, die sich aus den Wirrnissen des spanischen Bürgerkriegs speist und ihre Spuren bis in die Gegenwart zieht. Ein sehr gutes Buch mit nur wenigen Schwächen.

Also sprach Zarathustra - Friedrich Nietzsche

In den Zarathustra hat Nietzsche alles gepackt, was sich bis dahin in seinem Denken abspielte, und es ist ein herrliches Buch geworden. Das liegt nicht an der Philosophie - die hat ihre Schönheit, nimmt in vielerlei Hinsicht eine Sonderstellung ein, kann als Brücke zwischen Schopenhauer und den Existenzialisten gesehen werden, sondern an der Sprache. Nietzsche bedient sich für sein zusammenfassendes und gleichzeitig grundlegendes Werk einer Prosa, die ihresgleichen sucht. Kurze, allein stehende Absätze, aneinandergereiht zu kurzen, Themen gewidmeten Kapiteln; ein Kanzelstil, ein hymnischer, pathetischer Kanzelstil, der nicht diskutiert, sondern Zarathustra, den Verkünder, deklamierend durch vier Buchteile führt, wo der den Widernissen des Auserwähltseins begegnet, den Schwierigkeiten der Lehre, den Grenzen des Ichs, dem Kommunikationsproblem. Die aphoristische Qualität, die Pointierung, die Verständlichkeit, die Klarheit des Ausdrucks lassen prägnante, leuchtende, ewige Zitate entstehen.
So ist der Eindruck, wenn die ersten Kapitel mit Macht kommen, mit neuer, ungekannter Energie auf den Leser niederstürzen und ihre verführerische Faszination entfalten, die Faszination der unentdeckten, jenseitigen Welt. Diese Sprache, diese Kühnheit. Angesichts der unfaßbaren Stil- und Selbstsicherheit des Autors erscheint die abwerwitzig kurze Entstehungszeit des Textes kaum vorstellbar.
Doch er läßt nach. Das Außergewöhnliche wird zum Zierrat, die Fernfühligkeit zum Manierismus, und spätestens im dritten Teil sprühen die Ideen nicht mehr Feuer und Funken, sondern intonieren schwachbrüstig die ehemals frischen Ideen des Anfangs. Nietzsche hatte ein großes Konzept, und er besaß die künstlerischen Mittel, aber um solch ein ungeheures Projekt vom Anfang bis zum Ende vital und voller Kraft zu erhalten, sind übermenschliche Fähigkeiten nötig. Fähigkeiten, von denen Zarathustra träumt, und die auch Nietzsche nicht besaß.
Ein umwerfendes Buch, gewagt und gekonnt. Die Fortführung der Schopenhauerschen Weltansicht, ihre Umprägung vom Willen der Welt zum Willen des Menschen. Eine optimistische, lebensbejahende Philosophie, die hier unter der Feder eines genialen Literaten ihren Ausdruck findet. Ganz egal, ob man sich für Philosophie oder Nietzsche interessiert, als Literaturbegeisterter muß man dieses Buch lesen. Zumindest die erste Hälfte.

Small World - Martin Suter

Ein distanzierter, sparsamer, recht ordentlicher Stil, zerschlagen von einer unausgewogenen, unbeholfenen, fadenscheinigen Konstruktion. Der Hausfreund einer reichen Familie verkommt im Trott aus Bittstellertum, Nichtstun und Alkohol. Das dunkle Geheimnis der Familie, von Suter immer wieder gerne angekündigt, wirklich geheimnisvoll, klärt sich erst am Ende, denn bevor wir Näheres erfahren, kommt die Demenz dazwischen. Der Hausfreund baut ab, wird wirr, und allmählich nehmen die haarstäubenden Dinge aus dem Nebel der frühen, nun wieder zutage tretenden Erinnerungen Konturen an, die dekadente Familie kriegt ihr Fett weg, ein Heilmittel für Alzheimer kommt auf den Markt, und alle lebten glücklich bis an ihr Lebensende. Zwischendrin sind gute Passagen, eine neue Liebe entsteht und vergeht, ganz lakonisch natürlich, und die Alzheimersymptome sind gut getroffen. Gegen Ende versteigt sich der Autor auf dem Boden eines bereits mit erheblichen konstruktiven Schwächen kämpfenden realistischen Romans ins Absurde, aus Milieustudie wird Slapstick, neue Heilmittel in der Gartenlaube, die greise Dame in mörderischer Absicht Insulin verspritzend, und schafft lieber ein Hollywoodende als ein befriedigendes.
Suter verrät viel, viel zu viel. Die verwirrten Schreie der an den Haaren herbeigezerrten Geschichte sind unüberhörbar. Die Figuren weitgehend farblos, Empathie kaum vorhanden. Das Buch ist langweilig.