Dienstag, 30. September 2014

Das Echolot - Abgesang '45 - Walter Kempowski

Das Echolot ist umstritten. Weil Kempowski keine Zeile selbst verfaßt, sondern Tagebucheinträge collagenartig zusammengetragen hat, gibt es herbe Kritik. Aber auch Begeisterung, denn durch diese Technik seien Eindrücke möglich geworden, die durch Fiktion nie zu erreichen seien.
Ich finde das Konzept großartig, die Durchführung aufgrund der unbezähmbaren Masse an Einträgen aber mißlungen. Eine Weile ist es hochinteressant, die geschichtlichen Ereignisse hautnah und aus dutzenden Perspektiven, aus dutzenden Denkweisen heraus mitzuerleben, wenn aber kein Ende kommt, wenn auch der fünfzigste Landser von den miesen Bedingungen im Gefangenenlager berichtet, wenn Hitler immer wieder den Endsieg beschwört, weiß ich, daß eine strengere Auswahl, eine Kürzung um mindestens die Hälfte, wenn nicht gar um vier Fünftel besser gewesen wäre. Wir hätten ein erschreckendes, aufwühlendes und gleichzeitig hektisches, antreibendes Dokument gehabt, das an Information nichts verloren, an Dichte, Beklemmung, Atemlosigkeit deutlich gewonnen hätte.
Vielleicht eine Möglichkeit, die Kempowski nicht wollte. Vielleicht wollte er neutral bleiben, absolut neutral, auch die schleppende Gleichmut und lähmende Orientierungslosigkeit der letzten Tage mit in sein Echolot nehmen, und die Langeweile der Leser spielte dafür keine Rolle.
Wie auch immer, das Echolot ist etwas Einzigartiges und wird jedem ein Fundus sein, der gerne blättert und sich von den jeweils scharf umrissenen Epochen, hier die Wochen des Kriegsendes, ein nahaufgenommenes Bild machen möchte. Zum Durchlesen hingegen ungeeignet, da weitgehend redundant.

Boris Godunow - Alexander Puschkin

Die Thronbesteigung Boris Godunows, die Machtergreifung des ersten falschen Dimitri - es sind gewichtige Ereignisse, die sich Puschkin für sein Bühnenstück herausgesucht hat. Trotz des höfischen Rahmens beschwört er im Vorwort ausdrücklich das bürgerliche Drama nach Shakespeare, ein Ansinnen, dem wohl die ausführlichen Charaktergemälde, natürliche, relativ ungekünstelte Verhaltensweisen und die gelegentlichen Derbheiten, Auflockerungen durch das Volk, zu verdanken sind.
Er bleibt im Blankvers und formal den Konventionen verhaftet. Er hat es nicht schwer - in Rußland gab es keine vortreffliche Konkurrenz, von der er sich hätte absetzen müssen. Leider weiß ich nicht, wessen Übersetzung ich gelesen habe, aber ihr gelang es, die bereits sehr spannenden und handlungsstarken Geschehnisse packend ins Deutsche zu retten.
Godunow, der mutmaßliche Thronfolgermörder, besteigt den Zarenthron. Als er nach einigen Jahren am Blutsturz stirbt, ergreift der erste falsche Dimitri die Gelegenheit und stürzt die Herrscherfamilie vermittels eines blutigen Coups in den Tod. Damit endet der Text, die unglückliche Entwicklung der folgenden Jahre kommt in Puschkins Drama nicht vor.
Puschkin wertet nicht. Sowohl Godunow als auch Dimitri, zwei machtversessene Schurken, handeln nachvollziehbar und lassen sich von Zweifeln und Ängsten leiten, sind menschlich. Die blinde Masse Volk schwankt vom einen Ursupatoren zum nächsten und verleiht die Macht an den Schauspieler, der seine Sache am besten macht. Blut und Verderben hängen allgegenwärtig in der Luft und schlagen mal nach hier, mal dorthin aus, eine wüste Zeit, die ihre friedlichste und zivilisierteste Seite noch in den gezierten Gesprächen der Adeligen findet. Adelige, die in der nächsten Szene das Blut schüren müssen, um zu überleben. Und weil sie es genießen. Eine wüste Zeit damals, vor vierhundert Jahren, und eine wüste Zeit ist es heute.

Antigone, König Ödipus - Sophokles

Antigone
In der Übertragung von Hölderlin.
Sophokles untersucht den Widerstreit zwischen Gesetz und Freiheit, zwischen Politik und Ethik, zwischen althergebrachten Werten und dem Neuen. In einer männerdominierten Welt widersetzt sich Antigone einer tödlichen Regel, und weil er diese Regel für sie nicht beugen will, bricht die Katastrophe über den Tyrannen Kreon herein.
Das ist ganz possierlich, und viele wichtige Themen finden sich in dem Stück, von der Staatstheorie zur Gottesfurcht und sogar zum Feminismus, sodaß es bis heute immer wieder Bearbeitung fand. Antigone ist sicher eine der kristallinsten der überlieferten griechischen Tragödien, die Stoffauswahl, die gelungene Form, die endliche Läuterung lassen, die strengen Vorgaben berücksichtigend, ein Meisterwerk erkennen. Dennoch, der Stoff ringt dem heutigen Leser freilich nicht mehr als ein Gähnen ab. Interessant wird das Werk erst in historischer und philologischer Betrachtung.
Was hingegend ganz ausnehmend und dauerhaft besonders ist, ehrfuchtgebietend und Portal in eine düster-entrückte Welt, ist die hölderlinsche Übertragung der antiken Verse. Hölderlin hat die alten Griechen in neue Form gehoben. An der Schule der pindarischen Hymnen hat er seinen eigenen Stil verfeinert, und was wir in der Antigone finden, ist das Endresultat, ist der leuchtende Funken am Ziel seiner langen Reise durch die Dichtung dieser großen Künstler. Hölderlin verwendet kein festes Versmaß, er paßt sich, wie der ursprüngliche Autor, der Handlung an. Die Dialoge sind überwiegend Blankverse, der Chor hingegen erklimmt hymnische Höhe, ein Gebiet, das Hölderlin beherrschte wie kein anderer. Seiner Poesie gelingt dabei ein vages Beklemmnis, eine dunkle Not, und die hoffnungslose Situation der Ödipustochter in der von vornherein aussichtslosen, unerbittlichen griechischen Tragödie hebt schrecklich an zu singen.

"Ungeheuer ist viel. Doch nichts
Ungeheuerer als der Mensch."


König Ödipus
Übersetzt und für die neuere Bühne eingerichtet von Hugo von Hofmannsthal.
Daß alles von der Übertragung abhängt, beweist von Hofmannsthals Ödipus, der einen ganz anderen Ton als Hölderlin entwickelt. Seine Verse sind nüchterner, meisterliche, aber eben ganz übliche deutsche Blankverse, und die Grundstimmung wirkt aufgeräumter, neutral. Er entledigt sich des Chors und integriert stattdessen "die Greise" in die Handlung, die nur noch an einer Stelle eine Art Gesang tun dürfen, und das auch nur bruchstückhaft. Es gibt Bühnenanweisungen. Insgesamt sieht von Hofmannsthals Ödipus einem typischen deutschen Drama des Neunzehnten Jahrhunderts recht ähnlich.
Was ihn vergleichsweise harmlos und unspektakulär macht. Ich verstehe die Intention - die Aufführungspraxis wies den Weg. Auf der Bühne mag das Stück auch große Wirkung entfalten, von allem Überirdischem befreit bleibt einem Leser aber nicht mehr viel, das ihn im stillen, im Traumkämmerlein noch bezaubern könnte. Die Handlung ist banal. Auf der Höhe seiner Macht erkennt König Ödipus, daß er gemäß eines Familienfluches seinen Vater getötet und mit seiner Mutter Kinder gezeugt hat. Tod und Verzweiflung.
Von Hofmannsthal war groß; ein Hölderlin wird nicht alle paar Jahrhunderte geboren.

Zwei Kultur-Romane - Iain Banks

Exzession
Thema sind diesmal die Gehirne, die mysteriösen Kontrollorgane der großen Schiffe, die in der Kultur die Entscheidungen treffen. Ein unerklärbares Objekt taucht am Rande des Kulturraums auf, die Gehirne reagieren, es gibt Fraktionen, Konservative, Verrückte, alles läuft nach großartigen Verwicklungen auf ein zerstörerisches Finale hinaus, als das Objekt wieder verschwindet und der Roman in ein etwas bemühtes Ende ausklingt.
Bis dahin eine anstrengende Lesereise, denn in "Exzession" pflegt Banks einen äußerst technischen Stil, verschachtelte Introspektiven, futuristisch anmutende Zeichensetzung, kryptische Codes und Signale, denn ja, er möchte zeigen, wie die Gehirne denken. Mir hat das den Zugang erschwert, und über den ganzen Roman hinweg bin ich nicht warm geworden mit dieser Weise. Dazu kommt der Humor der Gehirne, der direkt aus den Sitcoms der Neunziger stammt, und "Exzession" wird zu einem mäßigen, von einzelnen Glanzlichtern erhelltes Experiment.

Inversionen
Zwei eingerahmte Geschichten, die nichts miteinander zu tun haben, außer, daß sie vermutlich die gleiche Gesellschaft abbilden und zwei Charaktere teilen. Das Ganze ist ein clever aufgesetztes Rätselraten, wer ist der Erzähler, wer der Adressat einer Geschichte, und das Grundproblem lautet, ob, und wenn ja, wie eine höher entwickelte Gesellschaft einer niedrigeren beistehen soll, tatsächlich übertragbar auf die heutigen Verhältnisse, Konflikt der Religionen, Wirtschaftshilfe für Afrika oder Zurückgebliebene wie Rußland. Freunde der Kultur-Paraphernalia kommen allerdings nicht auf ihre Kosten, sind die beiden Erzählungen doch eher Detektivgeschichten in mittelalterlich-feudalem Umfeld. Ihr Ton ist passenderweise völlig anders als in "Exzession", und ob einem das gefällt oder nicht - es ist bemerkenswert, wie der Autor diese unterschiedlichen Stile handhabt.

An Banks habe ich mich gewöhnt. Ich kann mich auf ihn verlassen. Ich weiß, was er liefert. Es ist nie hervorragend, aber streckenweise gut und dann innerhalb der heutigen SF durchaus bekömmliche Kost.

Drei Expanse-Romane - James S. A. Corey

"Leviathan erwacht", "Calibans Krieg", "Abbadons Tor", drei erste Teile der "Expanse"-Reihe eines Autorenduos mit gemeinsamem Pseudonym James Corey, die ich nach einer Empfehlung besorgte. Weitere Teile sollen folgen, dann ohne mich, denn die Bücher sind schlecht. Leider - ich hätte so gerne wieder gute Science Fiction gelesen.
Was Corey abliefert, ist allerhöchstens Drehbuch für actiongeladene Buddy-Movies, wahllos verquickt mit interplanetarischem Detektivgedöns und extraterrestrischer Liebe. Die übliche Bedrohung der gesamten Menschheit wird umständlich geheimnisvoll in Szene gerückt, das Schiff der guten Jungs beherbergt liebenswerte Schablonen, dann treten Zombies auf. Ach. Und je. In den Büchern ist nicht viel, was ihren Umfang rechtfertigen würde, das Dehnungsmaterial reichlich.
Die Ausgangslage erscheint reizvoll. Bis zum Rand wurde das Sonnensystem kolonisiert, doch darüber hinaus geht es nicht, mit der Lichtgeschwindigkeit nach wie vor als oberste Grenze. Ein schön altmodisches Universum, mit dem schön Schindluder getrieben werden könnte. Das soll auch getan werden, allerdings verläßt Corey umgehend die natürliche Bahn der großangelegten Space Opera und geht nahe, viel zu nahe an seine Charaktere ran, er möchte nämlich ein guter Schrifsteller sein und genau hinsehen. Er konzentriert sich auf klischeehafte Dialoge, stereotypes Verhalten, die Ausarbeitung seines guten Helden, seines zerrütteten Sidekicks und der attraktiven Weltraumbiene und hat außerhalb dieser schon ruinierten Grundzutaten nichts, mit dem er noch ein wenig Augenwischerei treiben könnte. Ein wenig Fahrt kommt an manchen Stellen auf, wird aber fachgerecht wieder eingebremst durch dumme Witze, sitcomartiges Verhalten und generelles Schreiben für den Schirm. Ja, ich glaube, hier sollte eine Filmvorlage geschrieben werden.
Das wäre auch in Ordnung. Als Film wäre die Geschichte weit unterhaltsamer, und man müßte sich anschließend nicht ärgern über die Durchmengung eines traditionellen Mediums mit Ballast.

"So hätte er es dargestellt, wenn er jemanden gehabt hätte, dem er es hätte beschreiben können."
"Sie kicherten, als sei das ein köstlicher Scherz gewesen."