Sonntag, 31. August 2014

Erzählungen - Antoine de Saint-Exupéry

Ein Sammelband mit Prosa des verspielten, vielleicht etwas zu spät geborenen Franzosen. Die Erzählungen "Südkurier", "Nachtflug" und "Flug nach Arras" sind schwärmerische Naturstücke, worin die Welt ihre Bewohner in Mondnächten verschlingt, zwischen und über den Wolken, auf Ebenen also, zu denen der Nichterhabene keinen Zugang besitzt, würde er die kristalline Freiheit der dort möglichen urlichtigen Gedanken- und Gefühlswelt ohnehin nicht verkraften. Die Sprache ist überbordend und voll, dem profanen Inhalt nicht gerecht, die Feder die eines ambitionierten Parnassiens, dessen Versuch, den Arbeitsalltag in die Kunst zu holen, kitschig. Daß es um wilde Abenteuer geht, um Männergeschichten, Kurierflüge zur Pionierzeit, ändert nichts an der Deplatziertheit der Form. Sie ist keine bewußte Aneignung, kein Stilmittel, keine Thematisierung von Stil und Literatur selbst, Techniken, deren Auswüchse damals bereits nicht mehr zu bremsen waren, sondern schlicht und einfach die ureigene Sprache de Saint-Exupérys. Es ist interessant, wie sich, durch alle Kunstformen hinweg, immer wieder Einzelne den Strömungen wiedersetzten, sich isolierten und die Transformation zur Lithfaßsäule des -Zismus willig oder willfährig in Kauf nahmen.
Anders mit "Wind, Sand und Sterne", einem autobiographischen Blick auf des Autors Männerjahre. Der Schwulst kaum noch zu spüren, tritt hier eine erdige, beschwingte Genauigkeit in den Vordergrund und sorgt für gelungene und nach all der Mühe erholsam bekömmliche Betrachtungen. Es geht ums Fliegen, die Kameradschaft, die Maschinen und die Natur, um Wüste, Menschen etc. Die Themen sind nicht wichtig, zum ersten Mal hat mir das Lesen jedoch Spaß gemacht, was an den vielleicht zum ersten Mal aufrichtigen Gedanken liegt. Die bekannte Figur des verfemten, an der Lieblosigkeit der Welt verzweifelnden Dichters, ein bei Überdauernden häufig gesehenes und sympathisches Bild.
Es folgen kurze Stücke, Facetten im Menschen de Saint-Exupéry, "Beruf und Berufung des Schriftstellers", "Madrid", "Brief an einen Ausgelieferten", "Brief an die Franzosen", "Ein Plädoyer für den Frieden", "Brief an Pierre Dalloz".
Den "kleinen Prinzen" habe ich mir für den Schluß aufgehoben. Nach all dem Klimperkram hatte ich das nicht mehr erwartet. Ich hatte Vorstellungen in mir von dieser Geschichte, zuckersüße, in Poesiealben geklebte Bildchen, hingerissene Französischlehrer mit vor weinseligem Entzücken gerötetem Kopf, albern aufgemachte Hefte, die einem als Jugendlichem irgendwo in die Hände fallen, angefüllt mit popindustriell angerührtem Gutmenschentum und rührseliger Bigotterie.
"Der kleine Prinz" ist gut! Es muß das eine Mal gewesen sein, daß de Saint-Exupéry ein Thema fand, auf das sein abgehalfterter immobiler Stil paßte wie Yin auf Yang. Hier, an der Geschichte des vom fernen Asteroiden auf die Erde gekommenen Jungen auf der Suche nach seiner Rose, erwacht dieser Stil zum Leben. Kitsch - natürlich, sentimental - freilich; aber notwendig. Auf aphoristische, unbeholfene Weise kodiert der Autor seine Weltsicht in ein Disney-Transkript, bleibt stets im Ungefähren, wird nie konkret und sichert sich so den Beifall des größten Teils seiner Leser, da hier jeder etwas für sich entdeckt. Ein metapherngesättigtes Märchen, ein optimistisches, humanistisches Grundleuchten mit Träne im Knopfloch. Ein großer Abenteuerspielplatz. Die einstigen Vorstellungen waren richtig gewesen.

Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug - Kurt Vonnegut

Noch so ein verschrobenes Ding. Die miterlebte Bombardierung Dresdens traumatisiert einen amerikanischen Kriegsgefangenen. Zu einem unbestimmten Zeitpunkt gerät die Wahrnehmung des Mannes aus den Fugen, er wird von Außerirdischen entführt, "springt aus der Zeit" und kann sich von nun an in seinem Leben nach Belieben vor- und rückwärts bewegen. Zu den Stationen, die er im Buch besucht, gehört auch seine eigene Ermordung, die ihn dank der von den Außerirdischen übernommenen fatalistischen Philosophie nicht bekümmert, denn die Zeit ist nur Illusion und der Freie Wille eine eigentümliche Besonderheit der Erdenbewohner.
Vonnegut betreibt Verarbeitung seines eigenen Traumas. Wie geht man literarisch mit so etwas um, mit so etwas Furchtbarem, Unbeschreiblichem, mit der Sinnlosigkeit der Zerstörung, mit der letztendlichen Sinnlosigkeit des Lebens selbst? Ein Zerrbild entsteht. Billy Pilgrim schnappt über, die Schizophrenie ist ihm Schutz vor der Realität, innerhalb ihr kann er der eigenen Sinnlosigkeit gefahrlos nachgehen, ohne die Augen nach draußen richten zu müssen. Das Buch ist pessimistisch, düster, hoffnungslos, die Menschheit ohne Aussicht, und etwas zu tun bringt sowieso nichts.
Der Autor kennt keine Kompromisse. Die postmoderne Zerfaserung, die saloppen Eigenarten, die vielen Zeitsprünge lassen das Lesen zur Aufgabe werden, die abgründige Weltsicht, der nur noch ein schriller Zynismus entgegensteht, bietet keinen Halt. Und dennoch bricht beim Lesen nicht der Schweiß aus, nicht fragt man sich 'wo bin ich hier hineingeraten?' und ohne Abscheu greift man nach dem Buch. Denn es ist einfach nicht gut genug, es packt nicht, bringt das Scheußliche, diese Schwärze in allen Belangen, nicht effektiv genug zur Geltung. Der Roman liest sich, wie man sich einen zerfaserten Roman eben so vorstellt, ambitioniert, ein bisschen frech, ein bisschen exaltiert, mit am Ende aber doch limitierten Möglichkeiten. Immer wird hier die Form dominieren. Wen interessiert es, wie gebrochen der Protagonist ist? Seht nur, diese Wendungen!
Ein Buch, um der Menschheit den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Wegen zu viel Flitter, zu viel Glitzerkram und bunten Kügelchen landet es jedoch auf dem Jahrmarkt, zwischen Lebkuchenherzen und Zuckerwatte, die auch viele Verehrer haben.

Breakfast of Champions - Frühstück für Helden - Kurt Vonnegut

Komische Bücher sind das. Vonneguts Art zu schreiben hat sich mir nie ganz erschlossen. Ein Ausbund an Ironie und Doppelbödigkeit, ein Spiel mit Namen und Bedeutungen, die Selbstreferenz, die übervolle Breitseite der postmodernen Mittel ... für mich zu viel des Guten. Ein Autor, der sich seiner Fähigkeiten voll bewußt war, aber offenbar etwas anderes machen wollte, als was Autoren sonst so machen. Er beschloß, ein bisschen zu spinnen.
Und übers Spinnen geht es auch in "Breakfast of Champions", genau gesagt über Schizophrenie und den Wirklichkeitsverlust, der uns allen droht, im Angesicht der schillernden Zeichen und Bedeutungen unserer Umgebung, dem Welt-Konstrukt. Vonnegut bemüht sich, zwecks Einheit von Inhalt und Form seinen Text so schizophren zu machen wie seine Hauptfigur, was der Lesbarkeit nicht unbedingt gut tut. Klar, die Philosophie kommt rüber, es ist schon alles ziemlich erschreckend in unseren Köpfen, und wie unfrei wir sind, und wie fremd das Außen, aber ein Erlebnis wird das Buch dadurch nicht, sondern zu schwerfällig, zu zerstückelt, zu gewollt verschroben, um noch Genuß zu sein. Dick fällt ein, der zwar schriftstellerisch nicht so weit war wie Vonnegut, es aber, intuitiv vermutlich, besser verstand, seinen ähnlich gelagerten Verrücktheiten zu passender Form zu verhelfen.
Ein reicher Kleinstadtunternehmer wird allmählich verrückt. In seinem Wahn nimmt er die Ergüsse eines abgehalfterten SciFi-Autors für voll und handelt entsprechend, rastet aus und schlägt ein paar Leute zusammen. Hat man die Stoßrichtung erst einmal erkannt und die zunächst erfrischende Direktheit mancher Zustandsbeschreibungen sich abgenutzt, wird die Lektüre zäh. Vonnegut hat gute Absichten, findet aber nie das rechte Maß und den Schwung, sie an den Mann zu bringen.

Samstag, 30. August 2014

Planet der Habenichtse - Ursula K. Le Guin

Die Autorin von "Erdsee" und der "Linken Hand der Dunkelheit" hatte noch ein paar Meriten im Portfolio und es war an der Zeit, diese zu sichten.
"Der Planet der Habenichtse" ist eine Sozialutopie von solch antiquierter Machart, wie ich sie kaum mehr ertragen kann, Arhur C. Clarke läßt grüßen. Zwei Planeten stehen sich gegenüber, der herkömmliche Planet Urras und der anarchistische, von Urras-Auswanderern besiedelte Planet Anarres: kontrollierte Laborbedingungen. Der konfliktträchtige Austausch zwischen den Gesellschaften, die Traditionen, die Eigenarten bilden das Gerüst der belanglosen Handlung, die natürlich nur Aufhänger ist, um wie an der Volkshochschule die Vor- und Nachteile politischer Systeme durchzudeklinieren. Das geschieht mithilfe pausenloser naiver Reflektionen, Erklärungen, Abwägungen, die so ungeschickt wirken, so unmotiviert und künstlich, daß Le Guin besser einen Aufsatz geschrieben hätte.
Die Autorin kann schreiben, anders als Clarke. Erdsee und die linke Hand waren gute Bücher, das eine meditativer Gegenentwurf zu den fauligen Schimmelpilzkolonien der schon damals wuchernden Tolkienepigonen, das andere psychedelisch schlüpfrige, mit Versatzstücken der Hippiekultur angereicherte und dennoch rührende Liebesgeschichte, in der nicht nur die Frauen, sondern auch Zwitter und mehr zu ihrem Recht kommen. Beim Planeten der Habenichtse ist Le Guin aber das missionarische Salz ausgerutscht. Vielleicht war sie verliebt.

Deutschland schafft sich ab - Thilo Sarrazin

Der öffentlichen Diskussion dieses Buches zu entgehen, war mir bei seinem Erscheinen noch nicht möglich gewesen, ich wußte also ungefähr, was darin stand und was daran kritisiert wurde. Die üblichen Figuren attackierten Sarrazin in der üblichen Weise und mir imponierte lediglich, wie der Mann sich zur Wehr setzte, ohne sich um seinen für die politischen Geschäfte so wichtigen massenmedientauglichen Ruf zu sorgen. Wie es üblich ist, gelangte ich durch die lang- und breitgetretene multimediale Debatte zu keinem Erkenntnisgewinn und blieb dem Buch gegenüber indifferent. Aber da war noch das Exemplar im Schrank.
"Deutschland schafft sich ab" ist eine schwierige Angelegenheit und deshalb willkommen. Das Buch erlaubt keine eindeutige Meinung, man kann nicht voll für oder voll gegen Sarrazins Thesen sein. Die Debatte wird aus diesem Grund nie zum erliegen kommen, nie aussterben, höchstens unsichtbar werden, sich verlagern von den Podiumsdiskussionen an die Stammtische. Wenn das beabsichtigt war - ein Geniestreich!
Das war es aber wohl eher nicht, denn Ursachen für den Zwiespalt sind einerseits eine zum Teil bestechende Faktizität in Kombination mit klaren, gut durchdachten Interpretationen. Andererseits die immer wieder aufwallende Plumpheit, die mit teils naiver, teils subtiler Rückwärtsgewandtheit und gelegentlich bräunlich riechenden Prämissen ein ansonsten gewissenhaft austariertes Konstrukt durcheinander- und ins Schwanken bringt. Ich dachte vorher, Sarrazin wäre vielleicht mißverstanden - aber nein, er liefert seinen Gegnern ideale Angriffspunkte, begräbt seine durchaus validen Sorgen unter dem Lärm, den Sozialeugenik und ähnliche Themen verursachen müssen. In Vorwegnahme regt er sich auf über den Lärm, darüber, daß man solche Themen nicht mehr diskutieren könne, liegt aber falsch. Diskutieren kann man sie, nur durchführen nicht. Das ist die Errungenschaft des Zwanzigsten Jahrhunderts.
Der Zwiespalt setzt sich fort. Ich als Linker wundere mich, wie schlagend manche Zahlen zur Grundsicherung und deren Ausnutzung wirken. Ich als Internationaler stelle fest, daß mich der Untergang des Nationalstaats Deutschland nebst Deutscher Kultur und Sprache doch ein wenig schmerzen würde. Aber warum eigentlich? Seiten in mir, auf die ich durch dieses Buch erst richtig aufmerksam wurde. Gleichzeitig nervt die Schwafelei, die dröge, unausgegorene Sprache voller Floskeln und Füllworten, die elende Redundanz. Sarrazin wiederholt sich von Kapitel zu Kapitel, die wenigen Punkte, die er hat, werden ausgewalzt bis zum Gehtnichtmehr. Natürlich ist er als Schriftsteller nicht geübt, einem Finanzbeamten liegen Zahlen mehr als Sätze. Das Buch ist passables Übersichtswerk, aber nicht durchlesbar. Die Kernaussagen wären auf zwanzig, dreißig Seiten elegant zu erledigen gewesen, eine Rede an die Nation, wie sie im 19. Jahrhundert gerne gehalten wurde.
Das gelegentliche Polemisieren, über das ich mich zunächst ärgerte, frischt den trockenen Mörtel doch eher auf und wird irgendwann sogar notwendig, um überhaupt das nächste Kapitel erreichen zu können. Zynismus als Spezialeffekt. Und herrlich die Stellen, wenn er den "traditionellen deutschen Fleiß" beschwört, den "Zuwachs von Produktivität pro Arbeitsstunde" als höchstes Ziel an den Altar hängt und damit auf Grundsätzen baut, die einen Blick über den Tellerrand, der zur Lösung seiner Probleme vielleicht nötig wäre, von vornerein verhindern. Im Labyrinth, das Sarrazin ängstigt, steckt er als Maus.
Sicher ist, das Buch schürt die Angst vor dem Islam. Man sollte sich selbst beim Lesen beobachten, die Gegenübertragung unter die Lupe nehmen und zack - ein wenig neue Angst kommt da hinzu, das läßt sich gar nicht vermeiden. Zahlen wirken immer.