Donnerstag, 31. Juli 2014

Goethe, Kunstwerk des Lebens - Rüdiger Safranski

Rüdiger Safranksi war mir länger schon bekannt als der Autor, dessen allenorten empfohlene phänomenale Nietzsche-Biographie ich noch lesen sollte. Geschenkt bekam ich den Goethe, und der tut es ja wohl auch. Schriftstellerbiographien sind etwas Merkwürdiges, schließlich sind diese Leute erinnerungswürdig ihres Werks wegen, nicht ihres Lebens. Ausnahmen sind immer möglich, aber ist Goethe wirklich eine? Safranski untertitelt vielversprechend mit "Kunstwerk des Lebens".
Von der ersten Seite an steht fest, daß wir es mit einem gewieften Biographen zu tun haben. Geschliffene Prosa wie im Roman, bekömmliche Häppchen, großer Anekdotenreichtum, Werkbezug und Interpretation, aber nie zu viel, nie den Leser überfordern, lieber die Fläche suchen als die Tiefe, dort ist es behaglich, im Tiefen könnte man abrutschen, sich verlieren. Gelegentlich driftet der flüssige Stil ins Saloppe, fraglich wohlwollende Ironie kommt auf, passagenweise erscheint Goethe als lächerliche Figur, ein hochnäsiger idiot savant, dem alles zufliegt und der außerhalb seiner Literatur auf fremde Hilfe angewiesen ist. Sein Umfeld verpackt alle Kritik in respektvolle, gedrechselte Umständlichkeiten, um das leicht zu kränkende Kind bei Laune zu halten. Der safranskische Goethe entwickelt sein Leben anhand eines großen Plans, und die Teleologie nimmt überhand, wenn der Biograph Werke allzu sinnfällig mit prägenden Ereignissen verknüpft. Das liest sich dann eingängig und erweckt den Eindruck von Intimität und Eingeweihtsein, als hätte man hinter die Maske einer großen Künstlerseele geblickt, der dahinter ja Mensch ist wie du und ich. Aber so ist es eben nicht.
Das Eingängige kostet die Objektivität. Das Buch ist Essay und nicht Aufsatz. Kein hervorragender Essay, sondern ein guter. Es gibt Schwächen, die hymnischen Besprechungen erscheinen mir als Lob der Farben durch den Blinden. Warum schreibt man eine weitere Goethe-Biographie? Um zu unterhalten. Weil man es kann. Und weil sich eine Stange Geld damit verdienen läßt. Neue Erkentnisse, Blickwinkel, Ansätze - Woher? Wohin? Safranski präsentiert seinen Goethe als unterhaltsamen, leicht verdaulichen und sehr bekömmlichen Happen, was allein schon mehr ist, als viele Romane leisten. Um ein Buch über Goethe zu lesen, ist sein Buch nicht die schlechteste Wahl. Besser aber sind immer Bücher von Goethe.
Goethe ist keine Ausnahme. Das Leben verblaßt hinter dem Werk. Er hatte das Glück, diese unermeßliche Begabung in stürmischen Zeiten voll ausschöpfen zu können, finanziell weitgehend unabhängig, befruchtet im regen Austausch mit anderen Größen einer stilbildenden Epoche. Sein Leben ist gleichzeitig uninteressant und unaufschließbar, weder durch Zeitzeugnisse, noch durch Biographien. Menschen, die solche Spuren hinterlassen, sind nicht Mensch wie du und ich. Ihre Leistungen werden nie nachvollziehbar sein. Es sind vielleicht nicht einmal Menschen. Sola scriptura.

Aus dem Leben eines Lohnschreibers - Joseph von Westphalen

Ich erwartete Bekenntnisse eines Ghostwriters. Tatsächlich ist das Buch eine Sammlung kurzer, frecher Texte eines mir bis dato unbekannten deutschen Schrifstellers, der es mit seinen Veröffentlichungen gelegentlich ins Feuilleton schafft, aus Mangel an Anerkennung aber mittlerweile wohl die Rolle des leidenschaftslosen Honorarschreibers spielen und rekursiv erfolgreich sein möchte.
Die frechen Texte sind frech und handeln vom launischen Autor an seinen Auftragsarbeiten. Bemüht provokant werden die ignoranten/philiströsen/blasierten Seiten der Auftragsgeber und der Kollegenschaft aufs Korn genommen, der launische Autor bleibt distanziert-ironisch und erhebt das Honorar zur höchsten Weihe der schreibenden Zunft. Ein absurder Mischmasch aus erfundenen und wahren Anekdoten, der mäßig unterhält und auch mir das eine oder andere Lächeln entlocken konnte, tatsächlich aber für geistig ältere Semester geeignet sein dürfte. Wer Kabarett mag, sollte auch bei von Westphalen auf seine Kosten kommen.
So gut wie jeder der Texte mündet früher oder später in die erotische Phantasie. Zum Geld gesellen sich also die Frauen, weshalb man diesen Ausbund an Kitsch und Zielschreiberei ebensogut ohne Reue in die Tonne treten könnte, wären da nicht eine durchaus geübte Technik und gelegentliche gewitzte Einfälle, die dem Autor im Durchschnittsbrei doch einen der oberen Plätze bescheren und nicht allzu üble Vermutungen über sein restliches Werk anstellen lassen. Ein sympathischer alter Schreibbock das, dem zumindest in dieser Textsammlung die Raffinesse abgeht, selbstauferlegte Klischees zu verlassen.

Rotkehlchen - Jo Nesbø

Ein Roman von einem dieser Krimiautoren mit Sonderzeichen im Namen. Liest sich nicht schlecht, aber, ich weiß nicht, ob das an der stromlinienförmigen Übersetzung liegt oder einfach so üblich ist im schnellebigen Bestsellerbereich, der Text ist stilistisch großteils unausgegoren, fahrig, nachlässig, ja - lieblos. So runtergeschrieben und mal drübergeguckt halt.
Zumindest die Konstruktion ist eindrucksvoll. Nesbø verflicht seine Handlungsstränge nahtlos, kommt nach schleppendem Beginn einigermaßen in die Gänge, immer mal stirbt eine wichtige Figur. Doch fand ich die Charaktere eintönig, die Spannung nicht vorhanden, und als die ersten Nazis ins Spiel kamen, erhielt die Lektüre einen rosafarbenen Ton. Ich konnte den Plot einfach nicht ernstnehmen, beschränkte mich auf die Analyse, keine leichte Aufgabe das, an der ich schließlich auch scheiterte und die zweite Hälfte querlas.

Betrachtungen über die Grundlagen der Philosophie - René Descartes

Die meditationes in der Übersetzung von Ludwig Fischer.
Nicht viel zu besprechen hier. Ich werde keine Philosophiekritik machen, es ist eben ein altes Werk an der Grenze zur Neuzeit, aus dem das benebelnde Morphium der tausendjährigen Kirche noch immer wabert wie aus einer nie gewaschenen Soutane. Epochemachend für die abendländische Entwicklung, ist es heute im Wesentlichen Fenster in eine Zeit, die unvorstellbar weit zurückzuliegen scheint, eine Zeit, in der ein paar Gottesbeweise in jede ernstzunehmende philosophische Schrift gehörten, eine Zeit, in der gläubig-rationalistische Denkweise zu Bücherverboten führte. Unvorstellbar, diese Lähmung der Menschheit, die Beschneidung aller Blüten.
Ich beschränke mich auf die Form. Fischer ist eitel. Er nutzt die Gelegenheit, um von Kirchmann, seinen Vorgänger, wo es geht zu diskreditieren. Das ist lästig und stört den Lesefluß, der sowieso nicht angenehm plätschert, sondern ob der verschwurbelten Ausdrucksweise des quasi scholastisch tätigen Autors eher zu trüben Tümpeln gerinnt. Ich kann nicht behaupten, daß ich Descartes unsortierte Ergüsse gerne gelesen hätte und empfehle zum Studium dieses mächtigen Funkengebers, sich auf die Sekundärliteratur zu verlegen.

Der Berg - Dan Simmons

"The Abominable" - wahrhaft abscheulich. Was ist geworden aus Dan Simmons?
Seit Olympos hat Simmons nichts Funktionierendes mehr veröffentlicht, der jüngste Ausstoß dringt gar in Regionen vor, in denen nur noch die allerschattenhaftesten, glitschigsten Kreaturen in Pfuhlen hausen, wie Frank Schätzing. Müll - von einem einst so unterhaltsamen, anregenden, liebenswerten Autor. Welche Tragödie.
Es muß einen Grund geben für diesen Abstieg. Krankheit. Psychose, Depression, Demenz. Abgründe, die auch einen Autor nicht verschonen. Weshalb geht der Verleger aber nicht dazwischen und verhindert die öffentliche Selbstzerstörung, diese bühnenwirksame Zersetzung vor internationaler Leserschaft? Ein Verlag trägt Verantwortung, nicht nur literarische, auch menschliche. Simmons wird vorgegaukelt, er schreibe nach wie vor gut, fände sein Publikum, würde am Ende gar mit den Jahren besser. Die Einschätzungen auf dansimmons.com lassen etwas in der Art vermuten. Wegen eines guten Namens wird Simmons von den Machern gerupft wie ein Huhn, jeder verdient mit, niemanden stört, daß der Mann sich weithin lächerlich macht.
Form: Klischeebeladene Erzählung auf Mittelstufenniveau voller Charakterschablonen, schematisch, affirmativ, ohne Gehalt oder Hintersinn, ziel- und lektoratslos.
Inhalt: Bergsteiger klettern in den 1920ern auf Berge, plötzlich kommen Nazis. Auf dem Gipfel des Mount Everest kämpft man um kompromittierende Fotos, die Adolf Hitler als sadistischen Pädophilen zeigen und letzendlich dazu verwendet werden, den Krieg zu gewinnen. Mittels Erpressung des German Fuhrer.
Zugegebenermaßen speist meine Wut sich nicht zuletzt aus dem beschränkten Weltbild der neueren simmonsschen Werke. In Olympos waren es die Moslems, die auch in ferner Zukunft noch Juden ausrotten, im "Berg" müssen die vielgebuchten Nazis ran. Hitlers Dämonie reicht nicht aus, also wird er Kinderschänder und die Kinder sind - jawohl, Juden, empörungsmaximierend zweifelsfrei an der Beschneidung erkennbar.
Ein kreuzverstockter Ami irgendwo im mittleren Westen, der sich bebend die eigenen Schuldgefühle von der Seele schreibt und das als Unterhaltung tarnt. Natürlich, es wird Leute geben, die den "Berg" gerne lesen. Es gibt diese Leute. Es gibt auch Leute, die sich Abszesse züchten.