Samstag, 21. Juni 2014

Das weingetränkte Notizbuch - Charles Bukowski

Bukowski, der Trinker, der Hurer, der Schläger, der Dichter - ein verbreitetes Bild, das sich mit der Lektüre bestätigt und festigt. Doch ist das nicht einfach ein genialer Teufel, den die Fährnisse eines harten, echten Lebens haltlos von Abgrund zu Abgrund stoßen, und der die letzten Züge, die letzten entzündeten Blicke auf diese Welt, die ihn nie wollte, einsaugt wie ein Schwamm und aufs Papier spuckt wie den allerletzten Rotz, den Rotz des Sterbenden, sondern das alles ist einstudiert. Natürlich.
Natürlich ist das Handwerk, natürlich ist das Übung. Und natürlich ist das Bild vom versoffenen Wrack nur ein Bild. Bukowski hat Jahrzehnte damit zugebracht, seinen Stil zu finden, asketische, fokussierte Jahrzehnte. Er hatte genaue Vorstellungen davon, wie er nicht klingen wollte, und mit den Jahren fand er näher und näher heran an die Nische, die ihm früh schon vorschwebte. Es ist das die Nische des modernen Poète maudit, des anarchischen Trunkenbolds, dem zwischen den Räuschen und sexuellen Eskapaden immer ein offenes Ohr bleibt für klassische Musik und stets ein waches Auge für gute Literatur. Sicher gab es alkoholische Phasen in seinem Leben, sehr alkoholische vielleicht, aber um die Kunst auf dieses sein Niveau zu bringen, brauchte es schlicht und einfach ein regelrecht funktionierendes Gehirn, und damit entlarvt Bukowski sich und sein Bemühen um Außenwirkung schon während der ersten Seiten.
Denn das Zeug ist gut geschrieben. Den Stil hat er erreicht, ja, was er aber nicht ablegen konnte, sind Manierismen, die er früher vielleicht einmal benötigte, um bekannt zu werden, die auf der Höhe seines speziellen Könnens aber nur noch lästig sind. Ich meine das Kokettieren mit der Wirkung. Keine Seite ohne irgendeine Flasche, irgendeinen Schnaps, Wein, als ob wir es nicht wüßten. Ja, der Mann hat Alkohol getrunken. Ja, er hat gut geschrieben. Beides gleichzeitig! Und dann auch noch Mozart. Und Koks! Und Nutten!
Er hätte das nicht nötig gehabt. Denkt man den Blödsinn weg, bleiben im weingetränkten Notizbuch kurze, teils witzige, teils scharfsinnige Texte, die sehr unterhaltsam sind und nicht nur masturbierende Außenwirkung, es geht um alles Mögliche, die Ideen sprudeln und gelegentlich überschlagen sie sich. Und ein paar Texte sind richtig gut. Das sind die, die mich begeistert haben und mich ihn nun als guten Schrifsteller sehen lassen, der die Probleme von unten erfaßt und ihnen Namen gibt. Denn auch ich war zuvor dem Bild erlegen.
Komischer Typ. Sympathischer Typ, mit Schwächen, wie jeder.

"Diese alten Hühner, deren Männer sich längst totgeschuftet haben, damit sie immer Spitzenhöschen zum Anziehen hatten. Die alten Hühner, denen kein Spitzenhöschen mehr stand und für die ich an allem schuld war, weil ich mich nicht an irgendeiner idiotischen Bohrmaschine krummbuckelte."
"Wenn Sie das Rathaus im Stadtzentrum sehen und die ganzen ehrbaren, kostbaren Leute, verzagen Sie nicht. Es gibt ein ganzes Heer, eine ganze Völkerschar von Verrückten, halb verhungert, versoffen, beknackt und wunderbar. Ich kenne viele davon. Ich gehöre zu ihnen. Es kommen noch mehr. Die Stadt ist noch nicht erobert. Tot zu sein, bevor man stirbt, ist etwas Grässliches."

Matto regiert - Friedrich Glauser

Wachtmeister Studer wird zur Klärung eines Todesfalles in eine Schweizer Nervenheilanstalt beordert - es ist 1935, der Roman ungewöhnlich. Friedrich Glauser gelingt es, mit einem geschliffenen, distanzierten Stil voll subtiler Eigenarten eine Atmosphäre aufzubauen, die ich vergleichbar noch nicht erlebt habe. Eine Bedrückung, eine Bedrohung und gleichzeitig Unbekümmertheit, schwelende Dämonie dicht unter den Oberflächen, wo munteres Geschwätz und Schweizer Lokalkolorit in Falschfarben schillern, der sparsam eingesetzte Dialekt - alles Entfremdungen, die die profane Handlung mehr und mehr anschieben und schon bald über die Schwelle des Irrsinns stoßen.
Um den Irrsinn geht es. Oder auch nicht. Nach wenigen Seiten bin ich gewappnet für einen fesselnden Ritt durch die Abgründe der Psyche, für die gewittrige Exploration des Über- und Untersinnlichen, des phantastisch Bösen, des Es. Die Exposition, die Stimmung, die Verfremdung lassen mich mitfiebern und Ängste leiden, ein Buch durchaus, das mir Angst macht. Dann, das erste Drittel ist gelesen, verflacht es. Die suggestiven Ansätze schweben haltlos und sinken, versickern dort im Sand, die Krimihandlung drängt nach vorn, unterweltlich dräuende Andeutungen erweisen sich handfest und konstruiert, der Fluß stockt, ein kompliziertes Schleusensystem bringt die wilde Fahrt auf dem Styx zum Erliegen. Das Ende schließlich ein Debakel, kaum wiederzuerkennen die anfängliche Meisterschaft, der düstere Sog, längst nur noch ein laues Lüftchen, das allerhöchstens noch riecht nach jenseitigen Blüten.
Matto regiert ist empfehlenswert als Stilstudie. So etwas gibt es nicht mehr, wer heutzutage so schreiben kann, schreibt keine Krimis. Das Buch ist ein Beispiel für verfehlte Ziele, für zu viel Ambition auf zu wenig Raum, für nachlassende Inspiration, Konzentration, schlicht und ergreifend eine Dokumentation des Scheiterns. Ein beinahe großer Roman, höchst lesenswert trotz allem, und sicher und leider kein Opfer Mattos.

Drei Polemiken - Jean Ziegler

"Die neuen Herrscher der Welt", "Wir lassen sie verhungern", "Der Aufstand des Gewissens"
Jean Ziegler ist Globalisierungsgegner, Gegner des demokratischen, auch als "neoliberal" bezeichneten Kapitalismus. Ich auch. Trotzdem gefallen mir seine Schriften nicht.
Sie sind schlecht geschrieben. Das Thema ist aktuell, die Probleme groß, Lösungen unmöglich. Idealisten klammern sich an den verzweifelten Glauben an das Gute in der Masse, veröffentlichen Streitschriften, Studien, Belege, Reden, starten Projekte, engagieren sich an Brennpunkten, investieren ihre ganze Energie in die Sache, helfen, retten, wo es geht, doch kennt die Maschine kein zurück. Nur eine Richtung gibt es, und die lautet Wachstum. Die potenten Industriestaaten wetteifern bis aufs Blut; Wohlstand, Liberalismus, Demokratie als Jahrmarkt, die Todesspirale dreht längst über die kritische Geschwindigkeit hinaus, die Globalisierung saugt und säuft den Rest der Welt mit hinein, ob sie will oder nicht. Die einzigen validen Optionen sind Augenschließen, Schockstarre, Distanz. Wir hängen alle mit drin.
Ziegler ist so ein Engagierter, ist wild und unbeugsam, und politisch ebenso impotent wie seine Mitstreiter. Regelmäßig veröffentlicht er Bücher, die die Katastrophe in jeweils neuen Farben malen. Er geht dabei so methodisch vor wie ein frisch erweckter Jugendlicher, klagt an, zerreißt in der Luft, wirft mit Zahlen um sich, ohne Quellen zu nennen. Es sind wütende Texte, die in vage unbestimmte Richtungen zielen und mit Zorn und Rache schießen. Ziegler kommt zu keinem Punkt, findet keinen Ansatz, keinen Abschluß, kein Resümee. Er ist hilflos und merkt es nicht. Ein bemitleidenswerter, guter Mensch, verloren in seinem Glauben.
Diese Art Texte funktioniert auf gewisser Ebene ganz gut, es sind Funktionstexte, deren Aufgabe mit Veröffentlichung erfüllt ist. Eine Verbesserung ist nicht vorgesehen und vermutlich auch nicht möglich. Der Autor schreibt, so gut er kann. Wie der entrüstete Renter in heimischer Stube, der auch mal zum Weltgeschehen beitragen will.
Die Person Ziegler ist besser, er tut ja immerhin was. Seine Texte sind es nicht.

Zwei Erzählungen - Fernando Pessoa

Einer der großen, von mir respektvoll umkreisten Dichter des zwanzigsten Jahrhunderts. Das "Buch der Unruhe" lockt im Schrank, es lockt, aber zu schwer lasten die sekundären Vorschußlorbeeren, als das ich es bereits anrühren könnte. Der Lorbeer muß noch ziehen.
Zwei schnelle Geschichtchen dürfens aber schonmal sein, schnell gelesen, schnell kritisiert, vielleicht nicht viel Tiefgang, höhö, dachte ich.

Ein anarchistischer Bankier
Nun, leider ja, tatsächlich: nicht viel Tiefgang. Eine Satire auf eifernde politische Aktivisten und gleichzeitig auf die eherne Glätte des Kapitals. Ein Bankier argumentiert, er sei der wahre Anarchist, denn er habe sich in absoluter Freiheit nach oben gekämpft und nehme seinen Mitmenschen nicht die Freiheit, das Gleiche zu tun. Sein Gesprächspartner, der Aktivist, liefert dümmliche Zwischenfragen. Platt.

Ein ganz ausgefallenes Abendessen
Vielleicht ein Hieb gegen die aufkeimende Konsumgesellschaft, den dekadenten Moralverfall, das Hohle der bürgerlichen Sitten. Ein Gourmet wird zur Veranstaltung einer Abendgesellschaft provoziert und verspricht seinen Gästen eine Überraschung. Am Ende hat er den Provokateur zum Essen verarbeitet, was niemandem aufgefallen war, bis auf den Leser, und dem gleich zu Beginn. In einem Ausbruch von Blutrausch wird der Gourmet gelyncht, dann geht jeder seiner Wege. Ein wenig bizarr, abrupt, um kein Märchen zu sein. Die Geschichte büßt viel Wirkung ein, es fehlt an Subtilität. Knapp fünfzig Jahre später nahmen ähnliche Satiren mit dem Aufkommen des Splatterfilms einen Anfang, das waren stilsichere und effektivere Produktionen.

Insgesamt also enttäuschend, nichts vom großen Pessoa. Anscheinend gibt es auch den kleinen Pessoa, was dem "Buch der Unruhe" aber keinen Abbruch tun soll. Ich kenne Zitate.

Handbüchlein der Moral - Epiktet

In der Übersetzung von Carl Hilty.
Eine kleine Sammlung munterer stoischer Weisheiten, eine Epitome der epiktetschen Philosophie. Es handelt sich um Lebenshilfen, konkrete Ratschläge, praktische Ethiken, die auch in der heutigen Zeit unverändert zustimmend gelesen werden können. Eine Vorwegnahme des camusschen Existenzialismus; mehr Stoa, und die Welt wäre gut.

"Wenn ich ohne Verletzung des Gewissens, der Redlichkeit und einer edlen Gesinnung Besitztümer erwerben kann, so zeigt mir diesen Weg, so will ich sie erwerben. Verlangt ihr aber von mir, daß ich meine wahren Güter aufgeben soll, damit ihr Nichtgüter erwerbet, so müßt ihr selbst es einsehen, wie unbillig und unverständig ihr seid."
"Wenn man dem ersten besten Gewalt über deinen Leib gäbe, das würde dich entrüsten. Scheust du dich denn nicht, jedem beliebigen, der dir begegnet, Gewalt über dein Gemüt zu geben, so daß er dasselbe erschüttern und in Unruhe versetzen kann, sobald er sich mit dir zankt?"