Montag, 26. Mai 2014

Die Welt ohne uns - Alan Weisman

Ein Gedankenspiel. Was würde geschehen, wenn die Menschen morgen schlagartig verschwänden? Was würde geschehen auf der Erde, mit unseren Hinterlassenschaften, den Häusern, Städten, der begradigten Natur, dem Klima?
Diese Idee untersucht der Autor, anhand verschiedener Stationen zeichnet er den Verfall, rechnet aus, wie lange es dauert, bis von einem Haus nur noch die Grundmauern stehen, und wie lange, bis selbst die nicht mehr. Er widmet sich Großstädten, den wilden Tieren, den Schadstoffen, Kernkraftwerken, Punkt für Punkt geht es in die Menschenlosigkeit, hundert Jahre, tausend, hunderttausend. Die Welt ohne uns führt ihr eigenes Leben, das ist das Thema dieses Buches.
Ein nettes Spiel, ja, aber letztlich ohne Belang. So verführerisch der Gedanke auch klingt, er trägt kein ganzes Buch, zumindest nicht ein solches nüchternes Sachbuch. Was soll denn die Konsequenz sein, sollen die Menschen sich alle umbringen? Realistische Lösungen müssen her, jeder Eskapismus ist nur verschwendete Energie. Es sei denn, er ist gut geschrieben, und das ist er hier nicht.
Weisman beginnt nüchtern, driftet dann ab zu ökologischer Belehrung. Er kann seine Altklugkeit nie ganz verbergen, pflegt einen plaudernd wissenden Stil wie der Experte mit Pfeife, dabei zeigt er immer wieder Schwächen, holpert, springt, sprengt entstehende Stimmung mit überflüssigen Details, erzwingt dramatische Effekte, ist kurz und knapp kein geübter Schriftsteller. Die Geschwätzigkeit ist ein Problem. Weisman kennt den Namen jeder Blume, jedes Tiers, wie schön.
Als Sachbuch ohne Konsequenz, als Kunstwerk schlecht, wie überflüssig.

Der feine Unterschied - Philipp Lahm

Ganz anders als bei Thiess fehlt hier die Ursprünglichkeit. Warum lese ich ein Buch von einem Fußballer, eine Autobiographie? Weil ich sehen will, wie schwer sich solch ein hochgezüchteter Körper, solch eine radikal professionelle Körpermaschine mit dem Geist tut. Ich will sehen, wie sich dieser hochbezahlte Muskel- und Reflexapparat auf ein Gebiet wagt, wo ihm die Kraft versagt, ein Gebiet, auf dem selbst Menschen scheitern, die ein Leben lang trainieren und dabei nie in die Bundesliga vorstoßen.
Das Buch jedoch, dessen Autor mit Philipp Lahm angegeben ist, liest sich passabel. Schon damit ist es eine Enttäuschung. Und die Belanglosigkeit des Inhalts wird zum weiteren Sargnagel, denn statt der im Untertitel versprochenen sportlichen und karriereplanerischen Tips, "wie man heute Spitzenfußballer wird", erfahren wir schlaglichtartig von den großen Ereignissen in Lahms Karriere, dem Übertritt zu den Profis, Verletzungen, Trainer, Turniere etc. Alles unverbindlich dahergeplaudert, gar nicht verkrampft, und nicht ohne gelegentliche literarische Rafinesse, was den Unmut weiter steigert.
Fassen wir zusammen: Fußballerbiographie, nicht komisch, belanglos. Die Aufgabe eines Fußballers ist Unterhaltung, und unterhalten fühlte ich mich nicht.

Mordkommision - Richard Thiess

Eine Reihe von Tatsachenberichten, Mordgeschichten. Gefiel mir gut, die Berichte sind packend geschrieben, verzichten auf peinliches Beiwerk, zuviel hinzuvermutetes lebensnahes Blabla, bleiben fokussiert und nüchtern. Der Autor, ein aktiver Kriminaler, betont, daß er auf die Schilderung der polizeilichen Arbeitsweise Wert lege, die käme immer zu kurz. Ein Vorhaben, das er beherzt umsetzt - nicht zu knapp führt das zu Komik, die ganzen Ämter und Titel, das Beamtendeutsch, so ernst und aufrichtig vorgetragen, sympathisch. Fremde soziale Milieus und Kulturen erlangen unser Wohlwollen großteils über ihre Eigenarten, die unverstellt drollig, aber eben auch glaubwürdig wirken. Niemand könnte sich für einen fränkischen Brauer begeistern, der auf die Frage nach seinen Traditionen mit Voltaire käme, hochdeutsch.
Eine wirkliche Schwäche hingegen ist die nervtötende Angewohnheit des Autors, bei jeder Erwähnung irgendwelcher kooperierenden Stellen auf deren reibungsloser, vorbildlicher Mitarbeit herumzureiten, die wunderbare Kollegialität sämtlicher Polizei- und Dienstebenen zu betonen. Auch die immer gesetzestreue Handlungsweise der Ermittler, die stets eingehaltenen Rechte der Verdächtigen fallen in ihrer gebetsmühlenartigen Wiederholung schnell auf die Nerven. Genau andersrum wirds sein.
Gut geschrieben im Rahmen des Möglichen, es sind halt nunmal Fallberichte.

Die Morawische Nacht - Peter Handke

Peter Handke, der Gruppe 47-Sprenger, der Jugoslawien-Interessierte, der mit dem Künstlergesicht, wie lernt man den kennen. In der Morawischen Nacht? Ein Buch, das im Radio beschwärmt wurde, ein Spätwerk. Jenseits der früheren Provokation? Jenseits des literarischen Feuers?
In der Tat. Sperrige Erzählung, ein Autor lädt alte Freunde auf sein Hausboot ein und erzählt von einer Reise durch Europa, zu den Stationen seines Lebens, seines Ichs, die so stattgefunden haben können oder auch nicht, und wieder zurück, zurück aufs Hausboot auf der Morawa, der "Morawischen Nacht". Er hat die offenen Fragen und Konflikte bereist, die jeden bedrängen, hat sie visitiert und akzeptiert, und dadurch in ein Gleichgewicht gefunden, das ihm das Erzählen erst möglich macht. Ein "ehemaliger Autor" soll er sein.
Eine an sich schöne Anlage wird mir bei Handke zu sehr durch die Mangel gedreht. Ein Wust an Ellipsen, Parenthesen, Aufzählungen, monologischen Fragen zerhacken den Text. Der betont künstliche Stil ist geschlossen und funktioniert, bremst aber jeden Erzählfluß aus, das ganze Projekt ist selbstreferentiell bis in die Haarspitzen. Das Thema könnte retten, ist aber nicht interessant genug, um diese Kunst um der Kunst willen auszugleichen und aus dem Projekt noch eine angenehme Lektüre zu machen.

Sonntag, 25. Mai 2014

Die Angst des Tormanns beim Elfmeter - Peter Handke

Dieses kurze Stück war damals sicherlich ein Aufreger. Knochentrocken, stilsicher, auf seine Weise direkt und geschlossen, werden hier tiefe Fragen gewälzt. Die Distanz zur Wirklichkeit, die Unzulänglichkeit der Sprache vielleicht, Schizophrenie. Ein moderner Chandos-Brief? Ein Mann streift durch die Welt, kommt aus dem Interpretieren nicht heraus, schafft sich Realitäten. Er tötet eine Zufallsbekanntschaft, streift weiter, findet keinen Zugang. Wer hier die Antwort weiß, liegt falsch. Es geht gerade ums Nichtwissen.
Der Text ist so hochverdichtet und so ambitioniert in seinen Absichten, daß er als Lektüre vollkommen versagt, versagen muß. Ein Text fürs Lehrbuch, fürs Museum, für Schulen. Ein Stilbeispiel. Sogar fürs Feuilleton zu wenig. In jedem Fall ermüdend, ja, ekelhaft.