Montag, 14. April 2014

Holzfällen, eine Erregung - Thomas Bernhard

Ein sehr eigentümlicher Stil, den Bernhard hier pflegt, ein mit Wiederholungen und Wendungen gespickter Monolog des Gastes einer Wiener Abendgesellschaft. Der Gast ist nach Österreich zurückgekehter Autor, widerwillig folgt er der vorgeblich unverhofften Einladung seines alten Bekanntenkreises und erlebt den Abend, die Leute, die Stadt und das ganze Land als Zumutung. Zumutung, deren unwiderruflicher Teil er ist.
Eine Schmähschrift auf höchstem Niveau. Bernhard läßt kein Stein auf dem anderen, nichts Gutes an den Künstlerkreisen, der Aufgeblasenheit des Kulturbetriebs, der Scheinheiligkeit der involvierten Personen. Er sieht dieses phänomenale Übel als etwas Regionales, infektiöse Herde auf der Landkarte, der Welt und des Geistes, ansteckende Herde, denen man nicht zu nahe kommen darf, um die chronische Entzündung zu vermeiden. Es wird klar, daß er sich selbst als längst befallen empfindet. Das Buch mag ein Versuch sein, diesen Makel nach außen zu stellen.
Holzfällen ist das Ergebnis einer Spurensuche, eine traumatische Selbstanalyse in Händen eines Weltliteraten. Der Kollateralschaden ist groß. Weit mehr als Holz, was diesem Kahlschlag zum Opfer fällt.

Samstag, 12. April 2014

Die Kunst des Lesens - Vladimir Nabokov

Ein Buch, das meine Gier entfachte - leider, wird mein Lesealltag doch bereits zur Genüge von Sekundärem dominiert. Die europäischen Klassiker sind es, die ich lesen will, die wichtigen, prägenden, bleibenden Romane des achtzehnten, neunzehnten, zwanzigsten Jahrhunderts. Und wie weit bin ich gekommen? Bleibe hängen an philosophischen Aufsätzen, an Literatur über Literatur, lese Bücher über das Schreiben und übers Lesen, lese Biographien. Die Gier ist es, die den Nabokov, der auf dem schönen Umschlag so gelehrt im Sonnenstuhl fläzt, die Schiebermütze auf dem Kopf, kritisch lesend, an mich fesselt, Gier darauf, was der große Erzähler zu sagen hat über die geradezu titanischen Klassiker, die er für diesen Band zur Besprechung auswählte. Die Gier auf mundgerecht Vorgekautes, so argwöhne ich.
Es sind hohe Ansprüche an den "guten Leser", die Nabokov stellt und kategorisch formuliert, in einer Art Propädeutikum, noch vor der ersten Besprechung. Dann geht es um "Mansfield Park" von Jane Austen. Nabokov schreibt süffig und begeisternd, er knöpft sich den Roman vor, analysiert den Text auf knapp siebzig Seiten in essayistischer Manier. Er schafft es durchaus, den Blick weiter zu schärfen, seine eigenen enormen Ansprüche auf den Leser zu übertragen und stets unterhaltsam zu bleiben. Doch leistet er sich für meinen Geschmack Nachlässigkeiten, die den Putz dieser Ansprüche etwas bröckeln lassen.
Es fehlt der klare Ausdruck. Zu oft sind es "geniale Autoren", die wir bewundern, deren "Klarheit", "Eleganz" usw. Nabokov schwelgt in Universalien, findet nicht zur so wichtigen Präzision, die ich von einem Schriftsteller seines Formats doch erwarte. Prätention stellt sich ein, ein Hauch Altklugkeit, und insgesamt wird der brillante Ersteindruck dieser ausführlichen und tiefgehenden Auseinandersetzungen mit den tollen Werken geschmälert; es könnte auch ein besserer Bibliotheksführer sein, der uns da seine Bücher zeigt.
Weiter geht es mit Dickens' Bleakhaus, Flauberts Bovary, Stevensons Jekyll und Hide, Kafkas Verwandlung. Die Lupe, die Nabokov verwendet, fördert interessante Dinge zu Tage, doch springt sie fröhlich umher, verweilt an einem Ort, um den nächsten, gleichwertigen, nur zu streifen. Seiner Analyse fehlt es an Stringenz, an innerer Logik, Nabokov schreibt seine Untersuchungen wie Unterhaltungstexte, behält seine muntere, fabulierende Stimme stets bei und scheitert an der selbstauferlegten Ernsthaftigkeit. Er kann nicht anders, er spielt. Was fraglos schön ist, aber nicht zu dem Gedanken verführen sollte, man hätte etwas gelernt.
Ein Bruch ergibt sich zu den Besprechungen der russischen Werke, Gogol, Dostojewksi, Tolstoi, Tschechow. Nabokov legt die Lupe zur Seite, verlegt sich aufs Allgemeine, verwandelt die Analyse in ein Teegespräch über die Autoren, die politischen Umstände, die Bedingungen der Entstehungszeiten. Er interpretiert ein bisschen herum, vergleicht mit westlichen Schriftstellern, erzählt nach und kümmert sich nicht um irgendwelche Details. Interessante Eindrücke eines Landsmannes sind das, weit entfernt von auch nur halbwegs objektiven Textbetrachtungen, aber umso intensivere und stimmungsgeladene Essays aus dem Nähkästchen, die ihre schlecht verhüllte Leidenschaft dem unter Ironie begrabenen, sehnsuchtsvollen Blut des Exilanten verdanken.

Roman eines Schicksallosen - Imre Kertész

Semiautobiographisches Buch, ungarischer Bub wird ins Konzentrationslager deportiert, überlebt, und kehrt nach Kriegsende heim. Der Roman wirkte auf mich zunächst wie ein ermüdender Tatsachenbericht, zur Steigerung der Betroffenheit aus kindlicher Perspektive verfasst - ein Holocaust-Holden. Ich war nicht begeistert, ging von einer glatt heruntererzählten, allseits bewunderten, düster benickten Überlebendenproduktion aus, die Nazis und ihre Gräueltaten.
Nach zwanzig, dreißig Seiten schlug der Verfremdungseffekt ein und rückte alles in anderes Licht. Die bleierne Müdigkeit, die Gleichgültigkeit des Knaben war auf einmal nicht mehr die lakonisch unbekümmerte Haltung eines sorglosen Jünglings, sondern das grundlegende System, auf dem dieser Charakter aufbaut. Und mit ihm die ganze Welt. Wie ein dicker Nebel lastet die Gottergebenheit, diese abergläubisch ergebene Fügung ins Schicksal auf allen handelnden Personen, ja, den Völkern. Die Deutschen sind keine Personen wie du und ich, sie sind nicht böse, sondern Naturgewalt, an der die wirklichen Menschen sich brechen.
Der Bub erlebt die Verschleppung seiner Eltern, den Massenmord und die albtraumhaften Bedingungen in den Konzentrationslagern, wo er mehr als ein Jahr gefangen ist und wegen interessanter Wunden dem Tod durch Arbeit entgeht. Er erlebt den Untergang der Zivilisation, den Untergang der menschlichen Geschichte, und mit der Rückkehr in die Welt, aus der er kam, wird ihm klar, wie dünn das Eis der Menschlichkeit auch dort ist, und dass es jeden Tag brechen kann. All das erlebt und schildert er mittels einer unbegreiflichen, bestürzenden Gelassenheit, abgestumpft von Anfang an, unbekümmert. Er beschreibt die Deutschen wie Wasserfälle oder leuchtende Gebirgszüge, wie Gewitterwolken. Der Bub ist ein Reagenz, anhand dessen uns der Autor seinen eigenen Zorn demonstriert, ein Kondensationskeim.
Kertesz und am Schluss auch der Bub sind zornig über die Haltung der Menschen, die das Naziregime und dessen Taten erst möglich machten. Es ist die Resignation, das Hinnehmen, die Obrigkeitshörigkeit, das leidenschaftslose Aufgeben des Widerstandes, was den Mord ermöglichte. Manche im Buch erklären die Nazis als Prüfung Gottes, man könne nur beten. Andere finden andere Erklärungen, „offenbar hat es so sein müssen.“ Und dann tritt die Mutter auf, die mit dem Vater des Buben im Sorgerechtsstreit liegt und den Bub zur Rede stellt, warum der das so klaglos akzeptiere und sich an die gerichtlichen Vorgaben halte, ihrer Meinung nach „zähle allein sein Wille“, und „Liebe werde nicht durch Worte, sondern durch Taten gezeigt“. Das Resümee des Buben läßt sich auf die Haltung derjenigen übertragen, die das Glück haben, noch nicht an der Reihe zu sein. Sie mischen sich in die Verhaftung ihrer Nachbarn nicht ein: „Schließlich ist das ja ihre Auseinandersetzung. Und es wäre mir peinlich, wenn ich da urteilen müsste.“ Beim kaum bewachten Marsch der Verhafteten durch die Stadt zum Bahnhof, zum Abtransport, entwischen mehrere Leute, indem sie einfach wegspazieren, der Rest wundert sich über diese Frechheit, bleibt gehorsam in Reih und Glied und damit dem Untergang geweiht. Ein Mädchen akzeptiert den Judenstern und spricht über ihn als naturgemäße Markierung ihrer Besonderheit, „wir Juden sind anders als die anderen“, „den Unterschied tragen wir in uns“. Unablässig handeln Leute „anständig“, „vernünftig“, mit „würdigem Auftreten“, wenn sie den Anweisungen der Beamten Folge leisten, keine Fragen stellen und tun, was man von ihnen verlangt. Solche Beispiele werden im ersten Buchdrittel immer wieder vorgeführt, es sind die Kerngedanken des Buches. Mit der Abfahrt nach Auschwitz ist dieses Leben, die Exposition, vorbei, dann folgen Durchführung und Variation. „Am nächsten Tag passierte mir eine kuriose Geschichte …“
Ich reite so auf diesen Details herum, weil ich zeigen möchte, was für ein großartiger, raffinierter Roman das ist. Er ist eben nicht eine weitere Auschwitzpassion, sondern eine kunstvoll in Form gegossene Zornschrift gegen die Schicksalsergebenheit schlechthin, gegen Passivität. Ein Pamphlet für den freien Willen, für den Geist, für die Aufklärung.
Oder doch nicht? Am Ende begegnet der Junge Bekannten, die den Krieg zu Hause verbrachten, und führt mit ihnen, die ihn nicht verstehen, ein Gespräch über Schicksal und Willensfreiheit, ein Gespräch des Autors mit sich selbst, das seit dessen eigener Zeit in Auschwitz wohl nie verstummt sein dürfte. Vielleicht ist da gar kein Zorn, vielleicht spielen Emotionen nach einem derartigen Schicksal keine Rolle mehr, und Kertesz lebt, was er seinen Jungen in diesem Schlusskapitel erkennen lässt.

Imperium - Christian Kracht

Eine Südseeballade, die mit der Authentizität der geschichtlichen Ereignisse spielt, in fesselnd barocker Sprache. Ja, die Sprache ist besonders, Kracht bemüht einen verschnörkelten, pathetischen Stil, schreibt lange, schwungvolle, schöne Sätze. Schön, aber nicht geistlos. Was er in die Geschichte des Aussteigers August Engelhardt alles hineinpackt, der das Deutsche Reich Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts mit dem Ziel Deutsch-Neuguinea verlässt, um eine Kokosnussreligion zu begründen, macht den Roman endgültig außergewöhnlich.
Das Imperium steht für Deutschland, steht für die unstete Menschheit, den Geist des Aussteigers, schließlich für die aufkeimende neue Supermacht nach Ende des Zweiten Weltkriegs, den Konsum, verkörpert durch amerikanische Soldaten und eine Colaflasche. Die Imperien brechen der Reihe nach zusammen, wie sie es immer taten, das Buch ist ein lustvolles Verfallsspektakel vor historischem Hintergrund, gespickt mit geschichtlichen Details und einer allgegenwärtigen Ironie, die nur manchmal fröhlich wirkt. Kracht lässt kein gutes Haar an den Hoffnungen seiner Helden, hat kein Mitleid mit den grotesken Gestalten, die seine Welt bevölkern. Trotz der herrlich ausufernden Sprache wirkt der Roman verdichtet, sein Anliegen, die Fäulnis unter der hübschen Maskerade ans Licht zu bringen, ist immer präsent und auf den Punkt. Eine Kunst, diesen Ton so sicher zu halten, diese Distanz zu den jammervollen Figuren nie zu verlieren. In seiner metakulturellen, postmodernen Art ist das Buch innerhalb aktueller Trends vielleicht kritikanfällig, mir jedoch hat es ausgesprochen gut gefallen.

Trost der Philosophie - Boethius

Die Consolatio ist beeindruckend als Kunstwerk, als philosophische Lektüre weniger geeignet. Beeindruckend im Sinne der ästhetischen Höhe, im Sinne des erfolgreichen Eklektizismus zum Ende einer literarischen Epoche, im Sinne der Umstände, in denen das Werk entstand. Boethius verfaßte den Text in Gefangenschaft, er war weströmischer Adeliger, in irgendwelche Intrigen verwickelt und zum Tode verurteilt, und aus diesen sorglosen luxuriösen Verhältnissen in den Untergang gestoßen, entwickelte er sein Manifest zu solcher Blüte, dass es die Jahrtausende überstand.
Boethius bedient sich einer nicht ganz harmonischen Mäeutik und führt durch fünf Bücher, eine gestufte Herangehensweise, streng geordnet steigt der Gedanke zum Ziel. Der Text ist ein Prosimetrum, jedes Gedicht steht in anderem Versmaß, der Wille zur Kunst drängt allgegenwärtig durch und verdeckt oftmals den Blick auf die Philosophie und auch auf die Kunst selbst. Zu bemüht, könnte man sagen, wollte man den automatischen Respekt vor einem uralten Werk schmälern.
Die Philosophie ist im Wesentlichen platonisch, gewürzt mit Stoa und christlichen Motiven, die gegen Ende mehr und mehr die Oberhand gewinnen. Interessant, aber rar, sind Boethius' eigene Ideen, die nach Veröffentlichung für lange, lange Zeit in der abendländischen Leere schweben und erst im Mittelalter wieder aufgegriffen werden. Ja, ein letztes großes Werk der Spätantike - als Leuchtturm vergangener Zeiten wird es seine Bedeutung niemals einbüßen.
In Buch Eins leidet der eingekerkerte Ich-Erzähler unterm Weltschmerz, seine Klage ist gegen Alles gerichtet, Menschenschicksale sind unbedeutend vor dem Weltall und den Zeiten, alles nichtig. Die Philosophie tritt hinzu und spendet ersten, vorsichtigen Trost. Buch Zwei konkretisiert die Klage, die Philosophie hakt Punkt für Punkt die begehrenswerten, verlorenen Güter ab: Stellung, Ruhm, Macht, Geld. Der Verlust ist Schicksal, ist passiert, man muß ihn hinnehmen. Sie entwertet die weltlichen Güter, stellt den Menschen als etwas Höheres dar, lenkt den Blick auf die Güter des Inneren. In Buch Drei betreibt sie eine genauere Analyse des Glücks, das die Menschen in ihren weltlichen Gütern suchen. Sie sind bloß Abbilder, stehen platonisch für etwas anderes, doch was ist das? Die wahren Ziele des Glücks sind die Einheit der Weltordnung und das Bewußtsein des philosophischen Menschen, Teil zu sein, Teil der Harmonie. Bei den Alten war das ein philosophischer Idealzustand, bei Boethius ist es Gott, à la Augustin. Der Ich-Erzähler sieht das ein, ist aber nicht befriedet, ihm fehlt der Bezug aufs Konkrete, auf die Unbillen des Schicksals, die ihn in den Kerker brachten und die Bösen an die Macht. In Buch Vier stellt die Philosophie deshalb klar, daß alles auf das Gute ausgerichtet ist, das Schlechte nur ein Mißlingen, alles eingebettet in die göttliche Vorhersehung. Das tröstet über die vordergründige Ungerechtigkeit hinweg und versöhnt, mithilfe des Neuplatonismus. Nun könnte alles gut sein, aber es fehlt noch der Knackpunkt. Was ist mit dem freien Willen, wenn sowieso alles Vorhersehung und vorbestimmt ist? Kapitel Fünf klärt das: Gottes Vorwissen ist nicht in der Zeit, die Menschen schon. Die Vorhersehung und der menschliche freie Wille sind unterschiedliche Qualitäten, die nicht vermischt werden dürfen. Für Gott geschieht alles gleichzeitig, für ihn gibt es keine Zukunft, keine Vergangenheit, kein "Vorwissen". Zukunft und Freiheit sind Sachen der Menschen. Die Menschen und ihre Leben sind in diesem ewigen, zeitlosen Gott und damit frei. Hübsch.