Freitag, 7. März 2014

Maigret und der gelbe Hund - Georges Simenon

Viel wurde geschrieben über diesen eigentümlichen Autor, der mit kunstloser Sprache, dem konsequenten Verzicht auf Struktur und Lektorat, dieser unermüdlichen, intuitiven Produktivität so traumwandlerisch Stimmung schaffte, Atmosphäre, dichte, packende Geschichten, deren Anhänger sich nicht zuletzt in hochliterarischen Kreisen tummeln. Wenn es um Empfehlungen geht - das Werk ist groß, allein fünfundsiebzig Maigret-Romane! - hört man regelmäßig, es sei egal, die Bücher nähmen sich nichts; alle seien gleich gut. Mit dem gelben Hund wollte ich überprüfen, wie gut das ist.
Zunächst einmal ist das eine gewöhnliche Kriminalgeschichte. Ein Mord, Verletzte, Detektivarbeit, Auflösung. Doch Simenon ist viel weiter als Christie, er entwickelt seine Figuren seltsam indirekt. Bei ihm sind es lebendige Passanten, keine buntgescheckten Protagonisten im Scheinwerferlicht. Und was er tut, tut er leichtfüßig, unheimlich leichtfüßig, fast flüchtig wirkt das. Unheimlich ist der richtige Ausdruck. Hier wurde intuitiv geschrieben, der Text hat Fransen und Ösen, bewegt sich hierhin, mal dorthin, die Handlung entsteht quasi als Nebeneffekt, ist sprunghaft und spült das Floß der geistigen und örtlichen Schauplätze beiläufig zum Ziel. Bei jedem anderen wäre das voll in die Hose gegangen, bei Simenon funktioniert es. Und ist atmosphärisch, sehr atmosphärisch. Der in einem Affenzahn geschriebene Roman verzichtet auf genau die richtigen Dinge, schleppt genau die richtige Menge Ballast mit herum, wirkt genau richtig beliebig, sodaß die Figuren zum Leben erwachen. Die Handlung? - pff, abhaken. Die Charakterisierungen! Und beispielhaft wohl auch der Schluß, die Geschichte hört einfach auf, keine Lust mehr, ein "Ende", nächstes Buch. Eine Frechheit, und wiederum genau richtig.
Anders als viele Bewunderer kann ich bei Simenon keine Zeichen besonderer Literarizität erkennen. Aber ich erkenne einen begnadeten Autor und eine einzigartige Herangehensweise ans Schreiben. Simenons Stil ist etwas Besonderes, ich kann nur empfehlen, sich ein Bild zu machen. Schon immer wollte ich mal "idiosynkratisch" schreiben, hiermit seis getan.

Alles ist grün - David Foster Wallace

Von ihm hatte ich noch nichts gelesen. Ich stelle hiermit fest: den Ruf des postmodernen Sprachakrobaten trägt Wallace zu recht. Was hier an treffenden Vergleichen, Metaphern, Wendungen ungehemmt sprudelt, mit welcher Genauigkeit Emotion und Situation in wenige klare Worten gefasst werden, ist beeindruckend. Beinahe jeder Satz ist zitierfähig, als Sinnspruch, als Kostbarkeit. Gleichzeitig ergibt sich daraus das große Manko: es ist einfach zu viel.
Wenn man etwas sehr gerne mag, eine bestimmte Süßigkeit, eine seltene Spezialität, und diese dann plötzlich pfundweise vor sich hat, zum freien Verzehr, dann legt man los und frisst. Nicht lange, und das Zeug hängt einem zum Hals raus. Muß man weiteressen, kommt erst der Widerwille, dann schnell die Übelkeit. Ganz ähnlich ist es mit den wallaceschen Sprachspielereien: Offenen Mundes folgt man dem Spektakel, das Lesen fordert die volle Aufmerksamkeit ein, die volle Konzentration, - die natürlich Energie verbraucht, ich will nicht wissen, wie viele Kalorien ich in diesen schmalen Band gepulvert habe (es hat sich gelohnt) - und weniger Anstrengung bei gleichem oder größerem Lohn erscheint einfach attraktiver. Denn irgendwann kommt die Übelkeit.
Zu den Geschichten. Den Auftakt macht die Begegnung zweier Kapitalismusrepräsentanten in der Tiefgarage. Der eine kippt um, der andere „versteht sich zum Glück auf HLW“, und der kurze Text endet mit ungestört verhallenden Hilferufen. Die Ebene der Führungskräfte ist von der Außenwelt abgeschottet, zur Sicherheit natürlich. „Hier und dort“ ist ein einfühlsames, bewegendes Häcksel eines Paartherapieprotokolls, das die Schmerzen über vertane Chancen zwischen trotzigen Kommentaren des Paares leuchten läßt, nie verheilende Wunden. Auch „Sag nie“ behandelt zerbrechende und neu geformte Liebe, verschiedene Perspektiven werden ineinander verschoben und erzeugen diesen schlaglichtartigen Eindruck, dieses nüchtern-protokollarische, immer wieder durchbrochen von Gedankenfetzen, die den Figuren ungefiltert zu entströmen scheinen. „Alles ist grün“, zwei Seiten lang, eine flüchtige Impression ohne Handlung, hat mir nicht gefallen. Die letzte Geschichte, ein postmoderner Text über die Postmoderne, mißt hundertfünfzig Seiten, ein endlos geflochtenes Band, selbstbezüglich bis zum Abwinken, und ist als Stilübung zu verstehen. Ich tat mich schwer und brach die Lektüre bald ab, aus o.g. Sättigungsgefühl.
Ich empfehle den Band wegen der ersten drei Geschichten. Wer den markanten Stil von David Foster Wallace kennenlernen möchte, erhält einen guten Eindruck.

„Ich schenkte ihr die intime Bedeutung meiner selbst, und ihr Bus fuhr ab, und etwas für mich Entscheidendes blieb ihn ihr wie der Stachel einer Biene. Und jetzt will ich nur noch weit weg fahren und bluten.“
„Die Hölle selbst kann nicht wüten wie eine kühl aufgenommene Postmodernistin.“

Mein Frankreich - Peter Sloterdijk

Seit der Lektüre der "Philosophischen Temperamente" ist einige Zeit vergangen, die damalige Besprechung stammt aus Mitte 2013. In der Zwischenzeit las ich über postmodernen Jargon, und das ist wirklich ein herrliches Thema, das dem Literatur- und Dekonstruktionsbegeistertern ein paar prustende Stunden verschafft. In Rückschau wird klar: Sloterdijk ist die reinste Jargonmaschine - was meinen Respekt vor seinen Sprachkünsten nicht schmälern, sondern nur eine, bislang unerkannte, humorige Facette hinzufügen soll.
Unter gezwungenermaßen anderen Voraussetzungen also lese ich "Mein Frankreich", eine Auswahl frankreichbezogener Texte des frankophilen Formulierkastens. Wieder lesenswerte Essays, schön und scheinbar erhellend, wären es nur nicht so viele, denn mit Ausnahmen klingt diesmal alles gleich. Der Autor wählt das Ziel, einen französischen Philosophen, eine französische Epoche, einen französischen Zustand, und schmeißt seinen Kasten an. Wunderbare, schwer nachzuahmende Konstrukte winden sich da heraus, die Spaß machen, durchaus Spaß machen, aber irgendwann ist es eben gut - die Tricks nutzen ab, der Zauber verblaßt und läßt den Apparat durchscheinen, der Jargon dröhnt über die Zeilen, und Aussagen, Neues sucht man vergeblich. Den vielen Leckerbissen, den tollen Passagen fehlt der Gehalt, man wird einfach nicht satt. Sloterdijk ist ein Aufbereiter, ein Sekundärschriftsteller ohne eigene Ambition außerhalb der Ästhetik. Ein Privatfeuilletonist.
Ich gucke Fußball, Bayern gegen Arsenal, 2:0; ein, wie ich hoffe, hübscher Vergleich fällt mir ein. Es gibt Schönspieler, Augenweiden, die alle Tricks beherrschen, hochbegabte Techniker, die vor den Fans glänzen, Attraktionen, die ins Fernsehen und in den Zirkus kommen. Für den Wettkampf sind sie nicht geeignet. Auf dem großen Platz fehlt ihnen die Puste und die taktische Disziplin, sie setzen sich nicht durch, schießen keine Tore, bringen die Mannschaft nicht nach vorne. In spektakulären Solos dribbeln sie sich fest und verzetteln sich in nie gesehenen, atemberaubenden Kunststücken. Sie verlieren.
So ist Sloterdijks Sprache.

Philosophische Temperamente - Peter Sloterdijk

Noch so ein Gelehrtaussehender, der notorisch an der Endstation Fernsehen herumlungert. Sloterdijk war mir auf Anhieb unsympathisch, das vorliegende Büchlein hat diesen Eindruck revidiert.
Der Autor bespricht eine Auswahl von Philosophen des Abendlands, von Platon bis Foucault, die Besprechungen waren ehemals Vorworte irgendeiner Reihe. Seine Meinungen und Analysen sind dabei recht wurscht, es ist vor allem wichtig, die literarische Qualität, die Musikalität seiner schillernden Prosa herauszustreichen. Die Texte sind mal kurz, mal länger, und alle sprühen sie vor Eleganz, vor Einfallsreichtum und Wortwitz, sodass man jeden dritten Satz als Schaustück für sich stehen lassen könnte.
Sloterdijk macht das Gleiche wie ich, nur viel besser. Auch er ist voreingenommen. Mag er einen der Herren nicht, endet es wie mit Edmund Husserl in einer herben Farce. Hingegen andere erhalten solch hohes Lob, dass es mit Worten nicht mehr zu überbieten ist, der junge Schelling etwa. Sloterdijk genießt es, seiner überbordenden Formulierungslust alle Zügel schießen zu lassen, gewagte sprachliche Konstruktionen schraubt er weiter und weiter, manchmal bis über den Abgrund hinaus, und feiert die stürzenden Stilblüten dann mit dem Geschmack des untergangsverwöhnten Kenners. Ein Beispiel: "[Schellings Jugendwerk] spiegelt einen pleromatischen Weltaugenblick wieder - es bezeugt eine singuläre Vollmacht der Intelligenz in der Fülle ihrer Epoche." - Das hat er wohl aus einem Kneipengespräch.
Ich empfehle das Buch. Sloterdijk philosophiert nicht, er beweist essayistisches Können in wundervoll verschrobenen Vignetten über das Werk anderer Leute. Viel Sachliches gibt es nicht; die Texte sind Kunstwerke, Sachlichkeit wird überflüssig.

„Augustinus hat die Schleusen geöffnet, durch die seither primärmasochistische Energien ins europäische Denken einströmen.“
„Die Moderne hat entdeckt, dass der Mensch auch ohne Gott sich selbst mißfallen kann.“
„Ich soll das Faktum meines Daseins als ich selbst so leicht und so schwer nehmen, als wäre mein Ichsein Gottes letzte Gelegenheit.“
„Die Geister der Moderne scheiden sich an der Frage, ob die Evidenz wirklich erlangbar sei und ob sie, als erreichte, dazu tauge, die ontologische Psychose des unruhigen Tieres zu heilen.“

Mehrere SF-Romane

Das Kultur-Spiel - Iain M. Banks
Zwei Romane aus dem Universum der "Kultur", namentlich "Das Spiel Azad" und "Einsatz der Waffen". Beides passable, actionreiche SciFi-Geschichten ohne allzuviel Tiefgang und damit eigentlich nicht zu empfehlen, letztere zudem arg holperig, wohl ein zur nachträglichen Veröffentlichung überarbeiteter Schubladenroman. Es ist die Suche nach der Wärme eines "Bedenke Phlebas", die mich Banks weiterlesen läßt. Vielleicht finde ich sie in einem seiner nächsten Bücher.

Zwei Romane von Arthur C. Clarke
Ein SF-Großmeister harrte des Lesens. Nach zwei Romanen - "Die Stadt und die Sterne" und "Das Lied der fernen Erde" - lautet mein Urteil: enttäuschend. Es ist wie so oft in der Science Fiction: Der technisch bewanderte Autor schafft glaubwürdige Zusammenhänge, erklärt seine Welten, leistet etwas in der realen Wissenschaft (wie Clarke, wie Asimov) und kommt als Schriftsteller über ein mäßiges Niveau nicht hinaus. Clarke liest sich ähnlich naiv, ähnlich holperig wie z.B. Huxleys neue Welt, ähnlich stilunbewußt wie viele seiner damaligen Genregenossen. Von Ausnahmen abgesehen fanden gute Autoren anscheinend erst Ende der Achtzigerjahre ihren Weg in die wachsenden Genres; mit steigender Beliebtheit der ehemaligen Nischenliteraturen bekamen die Verlage eine größere und bessere Auswahl.
Clarke hatte die richtigen, die richtungsweisenden Ideen. Er hatte nicht die Fähigkeiten, sie umzusetzen. In einem Umfeld von Dilettanten reichte das aus, um einem breiten Anhängerfeld unvergeßlich zu werden.

Der ewige Krieg - Joe Haldeman
Ein Stückwerk, offenbar konzeptlos geschrieben, intuitiv drauflos, ganz sympathisch mit seinem durchgehaltenen lakonischen Stil, aber anlagebedingt ohne überspannendes Thema und den heutzutage so aufwändig konstruierten Genrenachfahren uneinholbar nachstehend. Haldeman versucht, hart zu sein in dieser Verarbeitung seiner Vietnamerlebnisse, den Krieg echt klingen zu lassen, brutal, rustikal, die Protagonisten abgeklärt und verhärmt. Er bringt es nur zum Zynismus.
Die allzu offensichtliche Moralkeule hört nie auf zu schwingen, die 70er lassen grüßen, Hippies und freie Liebe, und all das, was er in seine kleine, actiongeladene Geschichte hineinpacken will, bringt den engagierten Autor bald ins Trudeln. So geht es von der noch relativ nüchternen Grundausbildung der Raumsoldaten über zeitdilatierende Einsätze in die Zukunft, wo Heterosexuelle diskriminiert werden und entfremdete Heimkehrer als Sonderlinge einer asexuellen, apolitischen und unmenschlichen Gesellschaft auf abgelegenen Kolonien weiterleben dürfen.
Aufsehenerregend zu seiner Zeit, heute nicht mehr empfehlenswert.