Mittwoch, 5. Februar 2014

Mårbacka - Selma Lagerlöf

Einst las ich Gösta Berling und war beeindruckt. Eine moderne Romanautorin läßt in ungekannter Weise einen barocken Stil aufleben, schnörkelreich und pathetisch erzählt sie aus dem turbulenten Leben des abgefallenen Pfarrers und Lebemanns, der sich den Dämonen stellt. Die hinreißenden Sprachgemälde einer vergangenen schwedischen Kultur und Natur weckten den Eindruck einer Überlieferung, ein Werk früherer Zeitalter, vergessen und wiederentdeckt. Wie gesagt, beeindruckt war ich, und deshalb gab es Nachschlag: Mårbacka, Kindheitserinnerungen. Der Zettel mit der Besprechung fiel mir jüngst aus dem Regal entgegen - wo wäre sie besser aufgehoben als hier.
Das Buch setzt sich zusammen aus einer Reihe kurzer Episoden, kleine, hübsche Geschichtchen aus der Kinderzeit. Von sich selbst spricht die Autorin in der dritten Person, "die kleine Selma". Der Ton oszilliert zwischen realistisch und märchenhaft, immer weht irgendwo ein Hauch Magie, es ist die Welt eines kleinen Kindes, die sich auftut. Das ist herrlich, und doch lesen sich die Geschichten ein wenig schwerfällig. Ein gewisses Maß an Beharrlichkeit ist nötig, man hat es mit wunderschönen Sätzen und Einfällen zu tun, Lagerlöf läßt es dabei aber gelegentlich bewenden und erhebt die Kunst zum einzigen Reiz. Immer wieder werden wir belohnt, z.B. wenn die von unglücklicher Liebe gebrochene Jungfer Lovisa, in einem Alter jenseits aller Vermählungsaussichten, ihre neue Leidenschaft, den Garten entdeckt, und aufblüht: "Die Menschen wunderten sich, wie sie es machte, daß ihre Blumen blühten und glühten wie nirgends sonst im weiten Umkreis. Keiner wußte, daß sie sich ihre Farben von Mamsell Lovisas entschwundenem Glückstraum borgten."
Auch die Übersetzung muß gelobt werden. Die Schwierigkeit, solche Schönheit in eine andere Sprache zu übertragen, erscheint kaum vorstellbar. Ich kenne das Original naturgemäß nicht, aber viel schöner kann es kaum sein.
Selma Lagerlöf hat sich die Vergangenheit bewahrt. Die Erinnerung an die Kindheit, die Geschwister, Eltern, die Heimat blieb lebendig in ihr, bis ins hohe Alter. Das bereits so früh entwickelte literarische Können traf auf eine Liebe, die sich nur in wenigen Werken so faßlich niederschlägt wie in dem der Schwedin. Die Kindheitsjahre selbst, Hauptinspiration für all ihre Bücher, hat sie sich lange aufgehoben. Mårbacka erschien 1922. Es ist erster Teil einer autobiographischen Trilogie, die 1932, acht Jahre vor Lagerlöfs Tod, zum Abschluß kam.

Der glückliche Tod - Albert Camus

Als er mir kürzlich in die Hände fiel, war der "glückliche Tod" mir unbekannt, obwohl ich dachte, einen guten Überblick zu haben über das Werk des Franzosen. Das schmale Bändchen wäre schnell gelesen, also los, einen Camus soll man nicht liegen lassen.
Merkwürdig. Blumige Sprache, bilderreich, metapherngesättigt, voller Lyrizismen und starrend vor pastellfarbenen Adjektiven, Gedankengängen und Assoziationsfolgen, die sich im poetischen Nichts verlieren. So untypisch für Camus' sonst so präzise Sprache. Ein ironisches Spätwerk? Erschienen 1971 steht vorne drin, posthum also. Ein junger Mann hadert mit dem einfachen Leben, begeht einen Mord, lebt fortan in finanziellem Wohlstand, stirbt einen - glücklichen Tod. Ein gewisser Patrice Mersault, mit gewissen angedeuteten absurdphilosophischen Verhaltensweisen. Einen Meursault gabs doch auch im "Fremden", tatsächlich eine humorige Rückschau also?
Trotz aufblitzender Feinheiten wirkt der Text plump, irgendwie zusammengeschustert, als passten die Teile nicht aneinander. Da sind Brüche drin, Stilebenen kollidieren, immer wieder bricht sich unbeherrschter Schwulst Bahn, als wollte ein gereifter Autor sein jüngeres Selbst auf die Schippe nehmen. Aber es gibt keine Auflösung.
Die kommt mit der Recherche. Natürlich - so paßt es ins Bild. Beraubt vom Reiz des Kuriosen, bleibt dem "glücklichen Tod" kaum mehr eigener Reiz übrig. Kaum also empfehlenswert, es sei denn für Komparatisten.

Dienstag, 4. Februar 2014

Zwei unvollendete Romane - Franz Kafka

Und weiter gehts im Reigen. Bleibt man dran an einem Autor, kühlt das Werk nicht ab zu altem Fett, sondern bleibt flüssig; die eigenen Gedanken darüber und Tage können, statt zu kratzen, eintauchen und - je nachdem, wie lange sie es aushalten - reifen, durchgaren, genießbar werden. Oder verbrennen, wenn man nicht aufpaßt.
Kafka war ein armer Mensch. Ein zerrüttetes Verhältnis zum Vater weitete sich auf dem Boden einer empfindsamen, verletzlichen Anlage zur großen Grundangst aus. Der "Brief an den Vater" nimmt das komplette Werk vorweg. Die Lektüre der Romane und Geschichten kann man sich dann eigentlich sparen, wären sie nicht so erbaulich zu lesen. Das Problem hierbei ist nur, daß alle das Gleiche enthalten. Kafka wußte schon, warum er nie einen Roman fertig schrieb und warum nach seinem Tod alles vernichtet werden sollte - dem Brod wars wurscht, deshalb haben wir das Unglück heute in seiner vollen Pracht: dutzende Geschichten, drei unvollendete Romane, und alles das Gleiche.
Kafka war ein Schuldiger. Zwanghafte Schuldgefühle saßen ihm im Nacken, zwanghaft verarbeitete er sie zu Literatur. Das gelang ihm wie keinem Zweiten, mit surrealen Mitteln, dem charakteristischen Stil, der Entfremdung. Er ist zu würdigen als einer der großen psychologischen Schriftsteller, dessen Interesse an den menschlichen Beweggründen sich jedoch innerhalb eines sehr engen Spektrums bewegte - der Schuld eben, und allem, was dazugehört.
Für mich begann deshalb die Langeweile nach den ersten hundert Seiten des "Prozesses", einem Roman, dessen Kapitel ebenso allesamt dasselbe enthalten, nur eben anhand verschiedener Schauplätze, Charaktere, Situationen. Natürlich findet sich dieser Roman in den Erzählungen wieder, und die Erzählungen wiederum in den Romanen. Bei Kafka kreist alles um die Mitte, alles ist innerhalb des Kreises, und nichts ist außerhalb. Der Kreis ist wunderschön, doch hat man ihn eine Weile lang betrachtet, kennt man ihn und wird seiner überdrüssig.

Der Prozess
Josef K. und die Verleumdung. Man sollte das Buch gelesen haben. Zwar wird der Mangel an Abwechslung schnell unangenehm, doch mußte ich im Laufe der Lektüre mein Urteil zurücknehmen, der Stil sei nichts Besonderes. Er ist es doch. Erst auf die Länge entpuppt sich die wahre Meisterschaft, die es schafft, das Dröge zu Schönem zu machen, Abstraktem Form zu geben, Bürokratie und Apparat mit kühlem Leben zu versehen. Kafka hatte die passende Sprache für sein Thema gefunden, für das Dunkle, Fremde und Schuldige in diesem aufdämmernden Maschinenjahrhundert, und niemand sonst konnte diese Sprache sprechen.

Das Schloss
Der Landvermesser will ins Schloss, kommt aber nicht rein. Unzufriedenheit entspinnt sich. Knapp vierhundert Seiten.

Einem Kafka-Neuling würde ich empfehlen, mit dem "Brief an den Vater" anzufangen, dann den "Prozess" zu lesen und nach Gusto Geschichten: "Urteil", "Verwandlung", "Strafkolonie", "Landarzt". Das "Schloss" kann man sich sparen, auf den ersten Seiten wird man feststellen, daß man es schon kennt.

Zwei Erzählungen - Franz Kafka

Kafkas Rang als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftsteller begründe sich aus der psychologischen Tiefe seines Werks, dem hermeneutischen Reiz, der vermittels neuartiger literarischer Mittel eingefangenen, für das zwanzigste Jahrhundert späterhin als typisch empfundenen Atmosphäre von Entfremdung und Entmenschlichung; nicht aus einer exklusiven stilistischen Brillianz, so scheint es mir nach Lektüre dieser beiden kurzen Geschichten, und auch des Romanfragments "Amerika". Kafkas Werk ist bedeutend seines Inhalts wegen, nicht der Form.
Damit wir uns nicht falsch verstehen - diese Texte sind hochverdichtet. Eigenwillig in ihrer mitleidslosen Kürze, in ihrer Lakonie, kennen sie keine Ausschweifung, zeugen von hohem Stilwillen und unermüdlichem Streben nach Geschlossenheit. Aber das ist nichts Besonderes. Besonders ist allein das Thema, das immer gleiche. Die Protagonisten sind Hingeworfene, auf stetem Rückzug zu einem Ort, den es nicht gibt. In der Welt ist nichts, das sie verstehen können, und nichts, das sie versteht. Ein unbestimmbarer Druck hängt über allem Geschehen, über den unbeschwerten Naivitäten wie über den so berühmten, buchstäblich unerhörten Ereignissen. Es gibt kein Entkommen, wohin man auch flieht, denn man bleibt ja am Leben.
Die Wut, mit der die Interpreten eines ganzen Jahrhunderts sich auf dieses zarte, durchsichtig leuchtende Werk gestürzt haben und es unter ihrer unerschütterlichen Wichtigkeit begruben, ist nichts als lächerlich.

Das Urteil
Ein Vater-Sohn-Konflikt wird andeutungsvoll ausgeleuchtet. Krass kippt der Ton vom munteren Erzählen zum bösen Vexierspiel, nach elf Seiten ist alles vorbei, der Sohn gestürzt in die Fluten, vom Vater zum Tode verurteilt. Was real ist und was Einbildung, bleibt offen. Es entscheidet die Stimmung.

In der Strafkolonie
Der oberste Henker einer Strafkolonie, genannt der "Offizier", führt einem nonchalanten Forschungsreisenden die in die Jahre gekommene Folter- und Hinrichtungsmaschine vor, den Stolz der Kolonie, die den Verurteilten die Unrechtsurteile mit Glasnadeln zwölf Stunden lang ins Fleisch ritzt, bis sie verbluten. Der Ton ist sachlich, die mörderischen Ansichten bürokratisch kühl. Es folgt das typische Vexierspiel zwischen den beiden Handlungsträgern, die Komparsen sehen zu. Urteil ohne Prozess, Schuld ohne Bewußtsein, Strafe als Erlösung. Kafka, wohin man sieht. In seiner Drastik durchaus bemerkenswert, mit offenem, interessant schimmerndem Schluß.

Eine weitere Erzählung, Die Verwandlung, habe ich vor längerer Zeit gelesen. Die damalige Besprechung steht für sich allein, mir fehlte der Kontext zum Gesamtwerk als natürliche Eichung.

Amerika / Der Verschollene - Franz Kafka

Die Geschichte eines 15-jährigen, aus der Heimat nach Amerika verbannt, dort vom Großonkel verstoßen, von Kumpanen ausgenutzt und verraten, in unwürdiger Hotelanstellung ausgenutzt und entlassen, von den Kumpanen nochmals gefangengesetzt und ausgenutzt, endlich angekommen am paradiesischen und doch so irrealen und unergründlichen Welttheater von Oklahoma, endet mit der Zugfahrt eben dorthin, durch die Berge. Karl Roßmann, der 15-jährige, ist fleißig, aufrichtig, ehrbar, mitleidsvoll und gütig, zuvorkommend, naiv. Kurz, er vereint alle Tugenden auf sich. Die Fähigkeit, die wahren Absichten seiner Umwelt zu erkennen, geht ihm ab. Und so schlittert er vom einen ins nächste Desaster, von Demütigung zu Demütigung, immer bemüht um bestmögliche Erfüllung der an ihn gestellten Ansprüche.
Die Realität ist hier in Schieflage. Alles wirkt unheimlich, auf unbestimmte Art bedrohlich und doch beinahe lächerlich, die Atmosphäre ist erdrückend und grotesk, der Bruch zwischen Protagonist und Welt so bestürzend, es ist die dem Autor eigene Welt. Diese ist dunkel, sitzt einem im Nacken, ihre Geschichten sind zutiefst düster, pessimistisch, nihilistisch. Kafka hat sich vom Leben verabschiedet, er hat große Distanz zwischen sich und die Menschen gebracht, ohne Hoffnung auf Wiederkehr, und diesen Umstand, in all seiner Tragik, wusste er vollendet in Form zu bringen.