Mittwoch, 15. Januar 2014

Der Kampf als inneres Erlebnis - Ernst Jünger

So schreiben Leute, die auf Ferieninseln Kinder massakrieren. In den zwanziger Jahren waren es noch Schriftsteller auf dem Weg zum Weltruhm.
Ernst Jünger kämpft als junger Mann im Ersten Weltkrieg. Er bekommt Orden, er wird verwundet, er massakriert. Im Krieg verwirklicht und verfestigt er seine Erziehung. Er fängt an, Bücher zu schreiben.
Nach einem Drittel des Textes hatte ich vor, diesen Schund zu verreißen, den Kitsch, den Schwulst, den überfrachteten unreifen Stil, der sich an romantische Vorbilder anlehnt und mit seiner naiven und kindischen kriegsschwärmerischen Ideologie nur Zinnsoldaten schafft. Dann jedoch, zur Hälfte zirka, kam es zum Bruch. Das Geschriebene verselbständigte sich, im Wortnebel der überreifen Vokabeln und gedrechselten Formulierungen entstand eine Metaebene, von der herab der Text als merkwürdig strahlendes Kunstwerk erschien. Ob vom Autor gewollt oder nicht - die Emphase, das rücksichtslose Bekenntnis zu Krieg, Ästhetik und schwülstiger Sprache entwickelte ein Eigenleben, wie ein häßliches Tier, dem man mit zoologischem Interesse und trotziger, wohlwollender Suche nach Schönheit begegnet. Und Jünger schließt sich dieser Suche an, in den späteren Kapiteln wird seine Haltung neutraler, immer losgelöster vom Geschehen, er sucht nach Heilung der von ihm beobachteten Urzustände und nach Versöhnung mit der Welt, in der sie auftreten, immer unter Beibehaltung dieser abgründig blumigen Sprache. Es gelingt ihm, Sympathie zu wecken für seine Ansichten, Sympathie für diese Trottelei inmitten eines stickigen, parfürmierten Dschungels. Der Mann hat die Hölle gesehen, und er hat das Gute darin gesehen. Das ist pervers und bemerkenswert.
"Der Kampf als inneres Erlebnis" bleibt kurios und schafft die aberwitzige Wende vom Müll zum Buch, das man unter allen Umständen lesen sollte. Es ist Sekundärliteratur über sich selbst. Ein Prosagedicht von Händen eines leidenschaftlichen Henkers. Ein Rausch. Ein Machwerk. Wo gibt es so etwas noch.

Samstag, 4. Januar 2014

Die Kunst des Hungers - Paul Auster

Ein Essay- und Interviewband. Der Amerikaner Auster widmet sich europäischen, vornehmlich französischen Schriftstellern, dringt in Werk und Charakter, analysiert feinfühlig, beschreibt, faßt zusammen und schwärmt in geschliffener Sprache, die vor Lust am Lesen sprüht und neue Feuer entfacht. Meistens sind es Details, die ihn interessieren, beispielsweise das Schreiben in Notzeiten bei Hamsun und Kafka, wenn der "Hunger" entsteht. Er schnappt sich diese Elemente und breitet sie aus zur Erklärung großer Sachverhalte, beredt induktiv, immer nachvollziehbar. Daß die Beiträge in der Qualität schwanken, ist dabei selbstverständlich. Perlen wechseln ab mit langatmigen, allzu assoziativen Explorationen gezwungener Themen, kühnen Deutungsexzessen, die im hermeneutisch-psychologischen Nebel verlorengehen, alles sprachlich gekonnt und beneidenswert, aber doch gelegentlich ermüdend.
Auster ist ein bemerkenswerter Autor. Die Texte der "Kunst des Hungers" entstammen größtenteils den Siebzigern, wie viele seiner Lyrikbände. Erst später fing er an, die Romane zu schreiben, die ihn weltweit bekannt machten. Es sollte sich lohnen, sie zu lesen.

Der Mythos des Sisyphos - Albert Camus

Albert Camus knöpft sich die Philosophie vor. Die ganze Philosophie. Alle Denkmodelle, alle Glaubensgrundsätze von der Antike bis Husserl benötigen den Sprung. Den Sprung vom Rationalen, von der Phänomenologie hinüber zur Metaphysik, zum Glauben. Hinreißend schlüssig und schmerzhaft kompromißlos zerpflückt Camus in atemlosen Tempo beispielhafte Systeme, folgt den auch von ihm bewunderten Argumentationen bzw. Ästhetiken bis zum Ende, wo der Sprung wartet, und bereitet alles für seinen großen Schlag. Diese Philosophien sind Tröstungen. Trost schwächt den Menschen, denn der muß sich der Wirklichkeit nicht mehr stellen. Der Mensch will Absolutes und findet nur Ungewißheit. Ein Problem, das durch nichts zu lösen ist. Camus nennt das Erkennen dieses Problems das Erkennen des Absurden.
Die Konsequenz folgt umgehend. Die Lösung lautet Selbstmord. Warum und wie der zu vermeiden ist, steht in der zweiten Hälfte des Buchs. Dort geht Camus sich selbst in die Falle, er entwirft eine pragmatische Ethik, anhand der das Schicksal zu ertragen sei, mittels der dem Los des Absurden getrotzt und aus der Sisyphusaufgabe eine Lust werden könne. Dass er nun selber tröstet, scheint dem Autor in seinen jungen Jahren tatsächlich entgangen zu sein.
Ein ambitionierter Zirkelschluß, aufgrund des unbändigen Charismas des wütenden Denkers und der schon jetzt packenden Sprache ein Werk, an dem kein Weg vorbeiführt. Roh und wuchtig wie „Der Fremde“. Der erste Abschnitt voller Wahrheit.

„Der Überdruß ist das Ende eines mechanischen Lebens, gleichzeitig aber auch der Anfang einer Bewußtseinsregung.“
„Ich verstehe also, warum die Doktrinen, die mir alles erklären, mich gleichzeitig schwächen. Sie befreien mich von dem Gewicht meines eigenen Lebens, und ich muß es dennoch allein ertragen.“
„Für einen Menschen ohne Scheuklappen gibt es kein schöneres Schauspiel als die Intelligenz im Kampf mit einer ihr überlegenen Wirklichkeit. Das Schauspiel des menschlichen Stolzes ist unvergleichlich.“
„Es gibt kein Schicksal, das durch Verachtung nicht überwunden werden kann.“

Die Orestie - Aischylos

Ein Drama in drei Teilen, Klytaimnestra tötet den heimgekehrten Agamemnon, ihren Mann, weil er die gemeinsame Tochter für günstigen Wind geopfert hat. Eine verständliche Tat, doch nicht für ihren Sohn Orestes, der wiederum die Mutter tötet, es ist eine Geschichte der Rache. Eine Handlung zum Vergessen, wäre da nicht das interessante Ende, wo per göttlichem Richterspruch die männliche über die weibliche Rache gestellt, Orestes’ Schuld also vergeben wird. Ungeachtet der Qualität des Urteils geschieht dies über die abwägende Vermittlung zweier unvereinbarer Positionen, über einen fast schon aufklärerischen Vergleich, der in der damaligen Theaterwelt der gnadenlos und blutrünstig vergeltenden Götter wohl ein Novum gewesen sein dürfte.
Doch das bleibt Randnotiz, denn das wahrhaft Herausragende ist natürlich die Form. Beim Skandieren der Übersetzung Johann Gustav Droysens bleibt man immer wieder an gelungenen Strophen hängen, schreibt Denkwürdiges heraus, schwelgt. Freie Rhythmen sind es, für die Mode ein halbes Jahrhundert zu spät, dem hochtrabenden Thema im Ton aber gerecht.

„Nicht gibt es Rettung, Freunde, nicht durch Zögern mehr!“
„So wahr mir Dike, meines Kindes Rächerin,

mir Ate und Erinnys, der ich ihn erschlug,

mag helfen, [...]“ 
„Noch eh er fragt: ‚Von wannen, Fremdling, kommst du?‘ tot
Streck ich ihn nieder mit des Schwertes heißem Schlag.“

Drei kurze Rezensionen

Johnathan Littell – Die Wohlgesinnten
Eine Kitschausgeburt, eine in Faktizität schwelgende Seifenoper, eine Verballhornung der guten literarischen Absichten. Genre nach Studio Braun: Nazihorrorporno.
Ein monströses Werk. Über tausend Seiten genauer Recherche als unbestreitbar enorme Fleißarbeit, verquirlt mit lächerlich oberflächlicher Sprache, stereotypen Charakteren und aneinandergereihten Klischees zu Etwas.
Einem Frevelstück, dem Wohlgesinnte nicht vergönnt sind. Einem Detektor für unaufrichtige Feuilletons.

Alastair Reynolds – Unendlichkeit
Schlecht geschriebenes, langatmiges SciFi-Stück. Klischees, Klischees, fast wie bei Littell. Ein Debüt, vielleicht wird Reynolds später besser, ich werde es nie erfahren.

Iain M. Banks – Bedenke Phlebas
Anders Banks, der schreiben kann. Zwar liefert er über weite Strecken die übliche Romanzenkost, verliert zu viel Zeit mit Actionpassagen, auch bei ihm haben die Starken Schwächen und die Schwachen Stärken, doch liegt seiner Geschichte ein tieferes Wesen zugrunde, eine Melancholie, die das Buch trotz der Probleme aus dem Einerlei heraushebt. Eine temporeiche, atemlose Hatz, die nach aller süffiger Konvention verstörend endet und lange haften bleibt.