Freitag, 24. Oktober 2014

Der Distelfink - Donna Tartt

Ein großangelegter Entwicklungsroman, den ich vielleicht mit Dickens vergleichen würde, hätte ich denn den schon gelesen. Donna Tartt gelingt es, ihre banale Handlung um einen traumatisierten, sich ans Unendliche klammernden Jungen so packend auszuarbeiten, daß Lesepausen nur unter Überwindung möglich sind, die Nächte zu Tagen werden und die Tage abgleiten in Hypnagogie. Sie läßt einen nicht los, diese Geschichte, der betörenden Glaubwürdigkeit der Figuren sei Dank und vor allem der kunstvollen, ja machtvollen, zu allem fähigen, aber damit nicht protzenden Sprache. Eine Sprache von einschüchternder Brillanz, rund, harmonisch, voller Überraschungen und immer überbordend, die so ausgewogen, so perfekt, so in jahrelanger Kleinarbeit mühevoll erarbeitet daherkommt und dann dieses irdene, kitschig-poppige Epos erzählt, das ist schon etwas Besonderes. Etwas, das man gelesen haben muß.
Ein bisschen Feilen an der Stringenz; aus dem Füllhorn mehr Transzendenz, mehr Kontakt zu dem Hohen, von dem ihr Junge schon so veloren schwärmt; ein bisschen mehr Wucht und vom Duft der Ewigkeit noch ein Quäntchen, und Donna Tartt wird zu den großen amerikanischen Autoren gehören.

Sonette aus dem Portugiesischen - Elizabeth Barrett Browning

Übertragen von Rainer Maria Rilke
Ich kenne mich in der englischen Sonettlyrik nicht gut aus. Spenser, Shakespeare. In einem Poetikbändchen stieß ich auf Barrett Browning, ein Sonett "aus dem Portugiesischen", und war hingerissen. Nach ausgiebiger Beschäftigung mit Brownings Sonetten, schon auf den ersten Blick herrlich z.B. die I, die XLIII, erfuhr ich von Rilkes Übertragungen ins Deutsche und war wieder hingerissen.
Seit ihrer Jugend befand sich Elizabeth in einer körperlichen und seelischen Krise, die sie, zurückgezogen und krank, mithilfe der Dichtung ertrug. Sie war produktiv und veröffentlichte, wirkte aber nie, als würde das Glück sie noch jemals finden können. Dann, spät, lernte sie Robert Browning kennen, selber Dichter, der ihr Werk liebte, sie anbetete, sie heiratete. Es muß eine nahezu vollkommene Liebe gewesen sein, und Essenz dieser letzten, gemeinsamen Jahre wurde der berühmteste englische Sonettzyklus nach Shakespeare. [Quelle natürlich Wikipedia]
Ganz klar, daß es hier um die Liebe geht. Liebe in all ihren Formen, kitschig natürlich, herrlich kitschig, formvollendet, überraschend, erhebend. Die Sprache ist einfach, leicht zu skandieren, die Botschaften leuchtend und schlicht, der kompositorische Anspruch übermenschlich. In der Musik sind die späten Schubertsonaten vergleichbare Werke, oder die Abegg-Variationen Robert Schumanns.
Und in die ohnehin schon überwältigende Fülle dieser einander endlos sich überbietenden Phantasmen gießt Rilke nun noch sein ganzes voll ausgereiftes Können hinein, bringt eigene Großtaten unter dem simplen Namen der Übertragung und vernichtet die letzte verzweifelte Aussicht des Lesers, sich nicht klein und schäbig zu fühlen. Um den Kollaps optimal auskosten zu können, empfehle ich die zweisprachige Lektüre.

Die Stimmen des Flusses - Jaume Cabré

Vollkommen ahnungslos ging ich an dieses Geschenk heran, das Buch eines mir unbekannten Autoren, Kinder auf dem Einband, eine Familiengeschichte?
Die ersten Seiten sind zäh, eine fordernde Konstruktion, die den Leser prüft, ihm ohne Einführung Figur um Figur vorwirft, Erzählperspektive und -stimme innerhalb eines Absatzes wechselt, vor- und rückblendet ohne Umbruch, ohne - ja, ohne Bruch. Denn hat man sich erst gewöhnt an das Ungewohnte, fügen die merkwürdigen Einzelheiten sich allmählich zusammen, werden rundes und aufreizendes Ganzes; der Stil ist gewagt - und funktioniert. Wenn er nicht gerade vor Aufregung glitzert, strahlt dieser Stil ein ruhiges, rotbraunes Licht, leuchtet seine Herbstfarben auf hingerichtete Kinder, zerbrechende Ehen, narbig verwundete Leben, vermittelt in distanzierter und doch geheimnisvoller Nähe das tröstliche Gefühl vom Lauf der Dinge. Ein guter, mir sehr sympathischer Stil, immer wieder gebrochen allerdings von humorigen Anflügen, die überhaupt nicht hineinpassen, auf rührende Momente plötzlich dick auftragen und Melancholie zur Posse deformieren. Es gibt da Passagen, die den Zynismus bis zum Slapstick treiben. Gelegentlich scheint auch die Glaubwürdigkeit zu leiden, wenn beispielsweise eine glückliche Partnerschaft ansatzlos in die Brüche geht, weil die Frau den Leuten im Dorf mehr glaubt als ihrem gerade noch angebeteten Mann. Und ob der Roman die zahlreichen Cliffhanger und Spannungstricks wirklich nötig hatte, bleibt Geschmackssache. Dennoch, die immer wieder aufstrahlenden, zutiefst beeindruckenden Fähigkeiten des Autors entschädigen mehr als genug für jeden Fehler, diese wunderschönen Augenblicke, die gelassene Poesie.
Es ist keine Familiengeschichte. Familien spielen gewichtige Rollen im Buch, aber eigentliche Themen sind die verhängnisvolle Wirkung der Macht und die Frage, ob man dem Leben eine Bedeutung geben kann. Mehrere Protagonisten stellen sich diese Frage, hin- und hergeworfen vom Schicksal, von den äußeren Umständen, den eigenen Träumen, den Narben. Cabré gelingt es, eine komplizierte generationenumspannende Handlung aufzubauen, die sich aus den Wirrnissen des spanischen Bürgerkriegs speist und ihre Spuren bis in die Gegenwart zieht. Ein sehr gutes Buch mit nur wenigen Schwächen.

Also sprach Zarathustra - Friedrich Nietzsche

In den Zarathustra hat Nietzsche alles gepackt, was sich bis dahin in seinem Denken abspielte, und es ist ein herrliches Buch geworden. Das liegt nicht an der Philosophie - die hat ihre Schönheit, nimmt in vielerlei Hinsicht eine Sonderstellung ein, kann als Brücke zwischen Schopenhauer und den Existenzialisten gesehen werden, sondern an der Sprache. Nietzsche bedient sich für sein zusammenfassendes und gleichzeitig grundlegendes Werk einer Prosa, die ihresgleichen sucht. Kurze, allein stehende Absätze, aneinandergereiht zu kurzen, Themen gewidmeten Kapiteln; ein Kanzelstil, ein hymnischer, pathetischer Kanzelstil, der nicht diskutiert, sondern Zarathustra, den Verkünder, deklamierend durch vier Buchteile führt, wo der den Widernissen des Auserwähltseins begegnet, den Schwierigkeiten der Lehre, den Grenzen des Ichs, dem Kommunikationsproblem. Die aphoristische Qualität, die Pointierung, die Verständlichkeit, die Klarheit des Ausdrucks lassen prägnante, leuchtende, ewige Zitate entstehen.
So ist der Eindruck, wenn die ersten Kapitel mit Macht kommen, mit neuer, ungekannter Energie auf den Leser niederstürzen und ihre verführerische Faszination entfalten, die Faszination der unentdeckten, jenseitigen Welt. Diese Sprache, diese Kühnheit. Angesichts der unfaßbaren Stil- und Selbstsicherheit des Autors erscheint die abwerwitzig kurze Entstehungszeit des Textes kaum vorstellbar.
Doch er läßt nach. Das Außergewöhnliche wird zum Zierrat, die Fernfühligkeit zum Manierismus, und spätestens im dritten Teil sprühen die Ideen nicht mehr Feuer und Funken, sondern intonieren schwachbrüstig die ehemals frischen Ideen des Anfangs. Nietzsche hatte ein großes Konzept, und er besaß die künstlerischen Mittel, aber um solch ein ungeheures Projekt vom Anfang bis zum Ende vital und voller Kraft zu erhalten, sind übermenschliche Fähigkeiten nötig. Fähigkeiten, von denen Zarathustra träumt, und die auch Nietzsche nicht besaß.
Ein umwerfendes Buch, gewagt und gekonnt. Die Fortführung der Schopenhauerschen Weltansicht, ihre Umprägung vom Willen der Welt zum Willen des Menschen. Eine optimistische, lebensbejahende Philosophie, die hier unter der Feder eines genialen Literaten ihren Ausdruck findet. Ganz egal, ob man sich für Philosophie oder Nietzsche interessiert, als Literaturbegeisterter muß man dieses Buch lesen. Zumindest die erste Hälfte.

Small World - Martin Suter

Ein distanzierter, sparsamer, recht ordentlicher Stil, zerschlagen von einer unausgewogenen, unbeholfenen, fadenscheinigen Konstruktion. Der Hausfreund einer reichen Familie verkommt im Trott aus Bittstellertum, Nichtstun und Alkohol. Das dunkle Geheimnis der Familie, von Suter immer wieder gerne angekündigt, wirklich geheimnisvoll, klärt sich erst am Ende, denn bevor wir Näheres erfahren, kommt die Demenz dazwischen. Der Hausfreund baut ab, wird wirr, und allmählich nehmen die haarstäubenden Dinge aus dem Nebel der frühen, nun wieder zutage tretenden Erinnerungen Konturen an, die dekadente Familie kriegt ihr Fett weg, ein Heilmittel für Alzheimer kommt auf den Markt, und alle lebten glücklich bis an ihr Lebensende. Zwischendrin sind gute Passagen, eine neue Liebe entsteht und vergeht, ganz lakonisch natürlich, und die Alzheimersymptome sind gut getroffen. Gegen Ende versteigt sich der Autor auf dem Boden eines bereits mit erheblichen konstruktiven Schwächen kämpfenden realistischen Romans ins Absurde, aus Milieustudie wird Slapstick, neue Heilmittel in der Gartenlaube, die greise Dame in mörderischer Absicht Insulin verspritzend, und schafft lieber ein Hollywoodende als ein befriedigendes.
Suter verrät viel, viel zu viel. Die verwirrten Schreie der an den Haaren herbeigezerrten Geschichte sind unüberhörbar. Die Figuren weitgehend farblos, Empathie kaum vorhanden. Das Buch ist langweilig.

Dienstag, 30. September 2014

Das Echolot - Abgesang '45 - Walter Kempowski

Das Echolot ist umstritten. Weil Kempowski keine Zeile selbst verfaßt, sondern Tagebucheinträge collagenartig zusammengetragen hat, gibt es herbe Kritik. Aber auch Begeisterung, denn durch diese Technik seien Eindrücke möglich geworden, die durch Fiktion nie zu erreichen seien.
Ich finde das Konzept großartig, die Durchführung aufgrund der unbezähmbaren Masse an Einträgen aber mißlungen. Eine Weile ist es hochinteressant, die geschichtlichen Ereignisse hautnah und aus dutzenden Perspektiven, aus dutzenden Denkweisen heraus mitzuerleben, wenn aber kein Ende kommt, wenn auch der fünfzigste Landser von den miesen Bedingungen im Gefangenenlager berichtet, wenn Hitler immer wieder den Endsieg beschwört, weiß ich, daß eine strengere Auswahl, eine Kürzung um mindestens die Hälfte, wenn nicht gar um vier Fünftel besser gewesen wäre. Wir hätten ein erschreckendes, aufwühlendes und gleichzeitig hektisches, antreibendes Dokument gehabt, das an Information nichts verloren, an Dichte, Beklemmung, Atemlosigkeit deutlich gewonnen hätte.
Vielleicht eine Möglichkeit, die Kempowski nicht wollte. Vielleicht wollte er neutral bleiben, absolut neutral, auch die schleppende Gleichmut und lähmende Orientierungslosigkeit der letzten Tage mit in sein Echolot nehmen, und die Langeweile der Leser spielte dafür keine Rolle.
Wie auch immer, das Echolot ist etwas Einzigartiges und wird jedem ein Fundus sein, der gerne blättert und sich von den jeweils scharf umrissenen Epochen, hier die Wochen des Kriegsendes, ein nahaufgenommenes Bild machen möchte. Zum Durchlesen hingegen ungeeignet, da weitgehend redundant.

Boris Godunow - Alexander Puschkin

Die Thronbesteigung Boris Godunows, die Machtergreifung des ersten falschen Dimitri - es sind gewichtige Ereignisse, die sich Puschkin für sein Bühnenstück herausgesucht hat. Trotz des höfischen Rahmens beschwört er im Vorwort ausdrücklich das bürgerliche Drama nach Shakespeare, ein Ansinnen, dem wohl die ausführlichen Charaktergemälde, natürliche, relativ ungekünstelte Verhaltensweisen und die gelegentlichen Derbheiten, Auflockerungen durch das Volk, zu verdanken sind.
Er bleibt im Blankvers und formal den Konventionen verhaftet. Er hat es nicht schwer - in Rußland gab es keine vortreffliche Konkurrenz, von der er sich hätte absetzen müssen. Leider weiß ich nicht, wessen Übersetzung ich gelesen habe, aber ihr gelang es, die bereits sehr spannenden und handlungsstarken Geschehnisse packend ins Deutsche zu retten.
Godunow, der mutmaßliche Thronfolgermörder, besteigt den Zarenthron. Als er nach einigen Jahren am Blutsturz stirbt, ergreift der erste falsche Dimitri die Gelegenheit und stürzt die Herrscherfamilie vermittels eines blutigen Coups in den Tod. Damit endet der Text, die unglückliche Entwicklung der folgenden Jahre kommt in Puschkins Drama nicht vor.
Puschkin wertet nicht. Sowohl Godunow als auch Dimitri, zwei machtversessene Schurken, handeln nachvollziehbar und lassen sich von Zweifeln und Ängsten leiten, sind menschlich. Die blinde Masse Volk schwankt vom einen Ursupatoren zum nächsten und verleiht die Macht an den Schauspieler, der seine Sache am besten macht. Blut und Verderben hängen allgegenwärtig in der Luft und schlagen mal nach hier, mal dorthin aus, eine wüste Zeit, die ihre friedlichste und zivilisierteste Seite noch in den gezierten Gesprächen der Adeligen findet. Adelige, die in der nächsten Szene das Blut schüren müssen, um zu überleben. Und weil sie es genießen. Eine wüste Zeit damals, vor vierhundert Jahren, und eine wüste Zeit ist es heute.

Antigone, König Ödipus - Sophokles

Antigone
In der Übertragung von Hölderlin.
Sophokles untersucht den Widerstreit zwischen Gesetz und Freiheit, zwischen Politik und Ethik, zwischen althergebrachten Werten und dem Neuen. In einer männerdominierten Welt widersetzt sich Antigone einer tödlichen Regel, und weil er diese Regel für sie nicht beugen will, bricht die Katastrophe über den Tyrannen Kreon herein.
Das ist ganz possierlich, und viele wichtige Themen finden sich in dem Stück, von der Staatstheorie zur Gottesfurcht und sogar zum Feminismus, sodaß es bis heute immer wieder Bearbeitung fand. Antigone ist sicher eine der kristallinsten der überlieferten griechischen Tragödien, die Stoffauswahl, die gelungene Form, die endliche Läuterung lassen, die strengen Vorgaben berücksichtigend, ein Meisterwerk erkennen. Dennoch, der Stoff ringt dem heutigen Leser freilich nicht mehr als ein Gähnen ab. Interessant wird das Werk erst in historischer und philologischer Betrachtung.
Was hingegend ganz ausnehmend und dauerhaft besonders ist, ehrfuchtgebietend und Portal in eine düster-entrückte Welt, ist die hölderlinsche Übertragung der antiken Verse. Hölderlin hat die alten Griechen in neue Form gehoben. An der Schule der pindarischen Hymnen hat er seinen eigenen Stil verfeinert, und was wir in der Antigone finden, ist das Endresultat, ist der leuchtende Funken am Ziel seiner langen Reise durch die Dichtung dieser großen Künstler. Hölderlin verwendet kein festes Versmaß, er paßt sich, wie der ursprüngliche Autor, der Handlung an. Die Dialoge sind überwiegend Blankverse, der Chor hingegen erklimmt hymnische Höhe, ein Gebiet, das Hölderlin beherrschte wie kein anderer. Seiner Poesie gelingt dabei ein vages Beklemmnis, eine dunkle Not, und die hoffnungslose Situation der Ödipustochter in der von vornherein aussichtslosen, unerbittlichen griechischen Tragödie hebt schrecklich an zu singen.

"Ungeheuer ist viel. Doch nichts
Ungeheuerer als der Mensch."


König Ödipus
Übersetzt und für die neuere Bühne eingerichtet von Hugo von Hofmannsthal.
Daß alles von der Übertragung abhängt, beweist von Hofmannsthals Ödipus, der einen ganz anderen Ton als Hölderlin entwickelt. Seine Verse sind nüchterner, meisterliche, aber eben ganz übliche deutsche Blankverse, und die Grundstimmung wirkt aufgeräumter, neutral. Er entledigt sich des Chors und integriert stattdessen "die Greise" in die Handlung, die nur noch an einer Stelle eine Art Gesang tun dürfen, und das auch nur bruchstückhaft. Es gibt Bühnenanweisungen. Insgesamt sieht von Hofmannsthals Ödipus einem typischen deutschen Drama des Neunzehnten Jahrhunderts recht ähnlich.
Was ihn vergleichsweise harmlos und unspektakulär macht. Ich verstehe die Intention - die Aufführungspraxis wies den Weg. Auf der Bühne mag das Stück auch große Wirkung entfalten, von allem Überirdischem befreit bleibt einem Leser aber nicht mehr viel, das ihn im stillen, im Traumkämmerlein noch bezaubern könnte. Die Handlung ist banal. Auf der Höhe seiner Macht erkennt König Ödipus, daß er gemäß eines Familienfluches seinen Vater getötet und mit seiner Mutter Kinder gezeugt hat. Tod und Verzweiflung.
Von Hofmannsthal war groß; ein Hölderlin wird nicht alle paar Jahrhunderte geboren.

Zwei Kultur-Romane - Iain Banks

Exzession
Thema sind diesmal die Gehirne, die mysteriösen Kontrollorgane der großen Schiffe, die in der Kultur die Entscheidungen treffen. Ein unerklärbares Objekt taucht am Rande des Kulturraums auf, die Gehirne reagieren, es gibt Fraktionen, Konservative, Verrückte, alles läuft nach großartigen Verwicklungen auf ein zerstörerisches Finale hinaus, als das Objekt wieder verschwindet und der Roman in ein etwas bemühtes Ende ausklingt.
Bis dahin eine anstrengende Lesereise, denn in "Exzession" pflegt Banks einen äußerst technischen Stil, verschachtelte Introspektiven, futuristisch anmutende Zeichensetzung, kryptische Codes und Signale, denn ja, er möchte zeigen, wie die Gehirne denken. Mir hat das den Zugang erschwert, und über den ganzen Roman hinweg bin ich nicht warm geworden mit dieser Weise. Dazu kommt der Humor der Gehirne, der direkt aus den Sitcoms der Neunziger stammt, und "Exzession" wird zu einem mäßigen, von einzelnen Glanzlichtern erhelltes Experiment.

Inversionen
Zwei eingerahmte Geschichten, die nichts miteinander zu tun haben, außer, daß sie vermutlich die gleiche Gesellschaft abbilden und zwei Charaktere teilen. Das Ganze ist ein clever aufgesetztes Rätselraten, wer ist der Erzähler, wer der Adressat einer Geschichte, und das Grundproblem lautet, ob, und wenn ja, wie eine höher entwickelte Gesellschaft einer niedrigeren beistehen soll, tatsächlich übertragbar auf die heutigen Verhältnisse, Konflikt der Religionen, Wirtschaftshilfe für Afrika oder Zurückgebliebene wie Rußland. Freunde der Kultur-Paraphernalia kommen allerdings nicht auf ihre Kosten, sind die beiden Erzählungen doch eher Detektivgeschichten in mittelalterlich-feudalem Umfeld. Ihr Ton ist passenderweise völlig anders als in "Exzession", und ob einem das gefällt oder nicht - es ist bemerkenswert, wie der Autor diese unterschiedlichen Stile handhabt.

An Banks habe ich mich gewöhnt. Ich kann mich auf ihn verlassen. Ich weiß, was er liefert. Es ist nie hervorragend, aber streckenweise gut und dann innerhalb der heutigen SF durchaus bekömmliche Kost.

Drei Expanse-Romane - James S. A. Corey

"Leviathan erwacht", "Calibans Krieg", "Abbadons Tor", drei erste Teile der "Expanse"-Reihe eines Autorenduos mit gemeinsamem Pseudonym James Corey, die ich nach einer Empfehlung besorgte. Weitere Teile sollen folgen, dann ohne mich, denn die Bücher sind schlecht. Leider - ich hätte so gerne wieder gute Science Fiction gelesen.
Was Corey abliefert, ist allerhöchstens Drehbuch für actiongeladene Buddy-Movies, wahllos verquickt mit interplanetarischem Detektivgedöns und extraterrestrischer Liebe. Die übliche Bedrohung der gesamten Menschheit wird umständlich geheimnisvoll in Szene gerückt, das Schiff der guten Jungs beherbergt liebenswerte Schablonen, dann treten Zombies auf. Ach. Und je. In den Büchern ist nicht viel, was ihren Umfang rechtfertigen würde, das Dehnungsmaterial reichlich.
Die Ausgangslage erscheint reizvoll. Bis zum Rand wurde das Sonnensystem kolonisiert, doch darüber hinaus geht es nicht, mit der Lichtgeschwindigkeit nach wie vor als oberste Grenze. Ein schön altmodisches Universum, mit dem schön Schindluder getrieben werden könnte. Das soll auch getan werden, allerdings verläßt Corey umgehend die natürliche Bahn der großangelegten Space Opera und geht nahe, viel zu nahe an seine Charaktere ran, er möchte nämlich ein guter Schrifsteller sein und genau hinsehen. Er konzentriert sich auf klischeehafte Dialoge, stereotypes Verhalten, die Ausarbeitung seines guten Helden, seines zerrütteten Sidekicks und der attraktiven Weltraumbiene und hat außerhalb dieser schon ruinierten Grundzutaten nichts, mit dem er noch ein wenig Augenwischerei treiben könnte. Ein wenig Fahrt kommt an manchen Stellen auf, wird aber fachgerecht wieder eingebremst durch dumme Witze, sitcomartiges Verhalten und generelles Schreiben für den Schirm. Ja, ich glaube, hier sollte eine Filmvorlage geschrieben werden.
Das wäre auch in Ordnung. Als Film wäre die Geschichte weit unterhaltsamer, und man müßte sich anschließend nicht ärgern über die Durchmengung eines traditionellen Mediums mit Ballast.

"So hätte er es dargestellt, wenn er jemanden gehabt hätte, dem er es hätte beschreiben können."
"Sie kicherten, als sei das ein köstlicher Scherz gewesen."

Sonntag, 31. August 2014

Erzählungen - Antoine de Saint-Exupéry

Ein Sammelband mit Prosa des verspielten, vielleicht etwas zu spät geborenen Franzosen. Die Erzählungen "Südkurier", "Nachtflug" und "Flug nach Arras" sind schwärmerische Naturstücke, worin die Welt ihre Bewohner in Mondnächten verschlingt, zwischen und über den Wolken, auf Ebenen also, zu denen der Nichterhabene keinen Zugang besitzt, würde er die kristalline Freiheit der dort möglichen urlichtigen Gedanken- und Gefühlswelt ohnehin nicht verkraften. Die Sprache ist überbordend und voll, dem profanen Inhalt nicht gerecht, die Feder die eines ambitionierten Parnassiens, dessen Versuch, den Arbeitsalltag in die Kunst zu holen, kitschig. Daß es um wilde Abenteuer geht, um Männergeschichten, Kurierflüge zur Pionierzeit, ändert nichts an der Deplatziertheit der Form. Sie ist keine bewußte Aneignung, kein Stilmittel, keine Thematisierung von Stil und Literatur selbst, Techniken, deren Auswüchse damals bereits nicht mehr zu bremsen waren, sondern schlicht und einfach die ureigene Sprache de Saint-Exupérys. Es ist interessant, wie sich, durch alle Kunstformen hinweg, immer wieder Einzelne den Strömungen wiedersetzten, sich isolierten und die Transformation zur Lithfaßsäule des -Zismus willig oder willfährig in Kauf nahmen.
Anders mit "Wind, Sand und Sterne", einem autobiographischen Blick auf des Autors Männerjahre. Der Schwulst kaum noch zu spüren, tritt hier eine erdige, beschwingte Genauigkeit in den Vordergrund und sorgt für gelungene und nach all der Mühe erholsam bekömmliche Betrachtungen. Es geht ums Fliegen, die Kameradschaft, die Maschinen und die Natur, um Wüste, Menschen etc. Die Themen sind nicht wichtig, zum ersten Mal hat mir das Lesen jedoch Spaß gemacht, was an den vielleicht zum ersten Mal aufrichtigen Gedanken liegt. Die bekannte Figur des verfemten, an der Lieblosigkeit der Welt verzweifelnden Dichters, ein bei Überdauernden häufig gesehenes und sympathisches Bild.
Es folgen kurze Stücke, Facetten im Menschen de Saint-Exupéry, "Beruf und Berufung des Schriftstellers", "Madrid", "Brief an einen Ausgelieferten", "Brief an die Franzosen", "Ein Plädoyer für den Frieden", "Brief an Pierre Dalloz".
Den "kleinen Prinzen" habe ich mir für den Schluß aufgehoben. Nach all dem Klimperkram hatte ich das nicht mehr erwartet. Ich hatte Vorstellungen in mir von dieser Geschichte, zuckersüße, in Poesiealben geklebte Bildchen, hingerissene Französischlehrer mit vor weinseligem Entzücken gerötetem Kopf, albern aufgemachte Hefte, die einem als Jugendlichem irgendwo in die Hände fallen, angefüllt mit popindustriell angerührtem Gutmenschentum und rührseliger Bigotterie.
"Der kleine Prinz" ist gut! Es muß das eine Mal gewesen sein, daß de Saint-Exupéry ein Thema fand, auf das sein abgehalfterter immobiler Stil paßte wie Yin auf Yang. Hier, an der Geschichte des vom fernen Asteroiden auf die Erde gekommenen Jungen auf der Suche nach seiner Rose, erwacht dieser Stil zum Leben. Kitsch - natürlich, sentimental - freilich; aber notwendig. Auf aphoristische, unbeholfene Weise kodiert der Autor seine Weltsicht in ein Disney-Transkript, bleibt stets im Ungefähren, wird nie konkret und sichert sich so den Beifall des größten Teils seiner Leser, da hier jeder etwas für sich entdeckt. Ein metapherngesättigtes Märchen, ein optimistisches, humanistisches Grundleuchten mit Träne im Knopfloch. Ein großer Abenteuerspielplatz. Die einstigen Vorstellungen waren richtig gewesen.

Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug - Kurt Vonnegut

Noch so ein verschrobenes Ding. Die miterlebte Bombardierung Dresdens traumatisiert einen amerikanischen Kriegsgefangenen. Zu einem unbestimmten Zeitpunkt gerät die Wahrnehmung des Mannes aus den Fugen, er wird von Außerirdischen entführt, "springt aus der Zeit" und kann sich von nun an in seinem Leben nach Belieben vor- und rückwärts bewegen. Zu den Stationen, die er im Buch besucht, gehört auch seine eigene Ermordung, die ihn dank der von den Außerirdischen übernommenen fatalistischen Philosophie nicht bekümmert, denn die Zeit ist nur Illusion und der Freie Wille eine eigentümliche Besonderheit der Erdenbewohner.
Vonnegut betreibt Verarbeitung seines eigenen Traumas. Wie geht man literarisch mit so etwas um, mit so etwas Furchtbarem, Unbeschreiblichem, mit der Sinnlosigkeit der Zerstörung, mit der letztendlichen Sinnlosigkeit des Lebens selbst? Ein Zerrbild entsteht. Billy Pilgrim schnappt über, die Schizophrenie ist ihm Schutz vor der Realität, innerhalb ihr kann er der eigenen Sinnlosigkeit gefahrlos nachgehen, ohne die Augen nach draußen richten zu müssen. Das Buch ist pessimistisch, düster, hoffnungslos, die Menschheit ohne Aussicht, und etwas zu tun bringt sowieso nichts.
Der Autor kennt keine Kompromisse. Die postmoderne Zerfaserung, die saloppen Eigenarten, die vielen Zeitsprünge lassen das Lesen zur Aufgabe werden, die abgründige Weltsicht, der nur noch ein schriller Zynismus entgegensteht, bietet keinen Halt. Und dennoch bricht beim Lesen nicht der Schweiß aus, nicht fragt man sich 'wo bin ich hier hineingeraten?' und ohne Abscheu greift man nach dem Buch. Denn es ist einfach nicht gut genug, es packt nicht, bringt das Scheußliche, diese Schwärze in allen Belangen, nicht effektiv genug zur Geltung. Der Roman liest sich, wie man sich einen zerfaserten Roman eben so vorstellt, ambitioniert, ein bisschen frech, ein bisschen exaltiert, mit am Ende aber doch limitierten Möglichkeiten. Immer wird hier die Form dominieren. Wen interessiert es, wie gebrochen der Protagonist ist? Seht nur, diese Wendungen!
Ein Buch, um der Menschheit den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Wegen zu viel Flitter, zu viel Glitzerkram und bunten Kügelchen landet es jedoch auf dem Jahrmarkt, zwischen Lebkuchenherzen und Zuckerwatte, die auch viele Verehrer haben.

Breakfast of Champions - Frühstück für Helden - Kurt Vonnegut

Komische Bücher sind das. Vonneguts Art zu schreiben hat sich mir nie ganz erschlossen. Ein Ausbund an Ironie und Doppelbödigkeit, ein Spiel mit Namen und Bedeutungen, die Selbstreferenz, die übervolle Breitseite der postmodernen Mittel ... für mich zu viel des Guten. Ein Autor, der sich seiner Fähigkeiten voll bewußt war, aber offenbar etwas anderes machen wollte, als was Autoren sonst so machen. Er beschloß, ein bisschen zu spinnen.
Und übers Spinnen geht es auch in "Breakfast of Champions", genau gesagt über Schizophrenie und den Wirklichkeitsverlust, der uns allen droht, im Angesicht der schillernden Zeichen und Bedeutungen unserer Umgebung, dem Welt-Konstrukt. Vonnegut bemüht sich, zwecks Einheit von Inhalt und Form seinen Text so schizophren zu machen wie seine Hauptfigur, was der Lesbarkeit nicht unbedingt gut tut. Klar, die Philosophie kommt rüber, es ist schon alles ziemlich erschreckend in unseren Köpfen, und wie unfrei wir sind, und wie fremd das Außen, aber ein Erlebnis wird das Buch dadurch nicht, sondern zu schwerfällig, zu zerstückelt, zu gewollt verschroben, um noch Genuß zu sein. Dick fällt ein, der zwar schriftstellerisch nicht so weit war wie Vonnegut, es aber, intuitiv vermutlich, besser verstand, seinen ähnlich gelagerten Verrücktheiten zu passender Form zu verhelfen.
Ein reicher Kleinstadtunternehmer wird allmählich verrückt. In seinem Wahn nimmt er die Ergüsse eines abgehalfterten SciFi-Autors für voll und handelt entsprechend, rastet aus und schlägt ein paar Leute zusammen. Hat man die Stoßrichtung erst einmal erkannt und die zunächst erfrischende Direktheit mancher Zustandsbeschreibungen sich abgenutzt, wird die Lektüre zäh. Vonnegut hat gute Absichten, findet aber nie das rechte Maß und den Schwung, sie an den Mann zu bringen.

Samstag, 30. August 2014

Planet der Habenichtse - Ursula K. Le Guin

Die Autorin von "Erdsee" und der "Linken Hand der Dunkelheit" hatte noch ein paar Meriten im Portfolio und es war an der Zeit, diese zu sichten.
"Der Planet der Habenichtse" ist eine Sozialutopie von solch antiquierter Machart, wie ich sie kaum mehr ertragen kann, Arhur C. Clarke läßt grüßen. Zwei Planeten stehen sich gegenüber, der herkömmliche Planet Urras und der anarchistische, von Urras-Auswanderern besiedelte Planet Anarres: kontrollierte Laborbedingungen. Der konfliktträchtige Austausch zwischen den Gesellschaften, die Traditionen, die Eigenarten bilden das Gerüst der belanglosen Handlung, die natürlich nur Aufhänger ist, um wie an der Volkshochschule die Vor- und Nachteile politischer Systeme durchzudeklinieren. Das geschieht mithilfe pausenloser naiver Reflektionen, Erklärungen, Abwägungen, die so ungeschickt wirken, so unmotiviert und künstlich, daß Le Guin besser einen Aufsatz geschrieben hätte.
Die Autorin kann schreiben, anders als Clarke. Erdsee und die linke Hand waren gute Bücher, das eine meditativer Gegenentwurf zu den fauligen Schimmelpilzkolonien der schon damals wuchernden Tolkienepigonen, das andere psychedelisch schlüpfrige, mit Versatzstücken der Hippiekultur angereicherte und dennoch rührende Liebesgeschichte, in der nicht nur die Frauen, sondern auch Zwitter und mehr zu ihrem Recht kommen. Beim Planeten der Habenichtse ist Le Guin aber das missionarische Salz ausgerutscht. Vielleicht war sie verliebt.

Deutschland schafft sich ab - Thilo Sarrazin

Der öffentlichen Diskussion dieses Buches zu entgehen, war mir bei seinem Erscheinen noch nicht möglich gewesen, ich wußte also ungefähr, was darin stand und was daran kritisiert wurde. Die üblichen Figuren attackierten Sarrazin in der üblichen Weise und mir imponierte lediglich, wie der Mann sich zur Wehr setzte, ohne sich um seinen für die politischen Geschäfte so wichtigen massenmedientauglichen Ruf zu sorgen. Wie es üblich ist, gelangte ich durch die lang- und breitgetretene multimediale Debatte zu keinem Erkenntnisgewinn und blieb dem Buch gegenüber indifferent. Aber da war noch das Exemplar im Schrank.
"Deutschland schafft sich ab" ist eine schwierige Angelegenheit und deshalb willkommen. Das Buch erlaubt keine eindeutige Meinung, man kann nicht voll für oder voll gegen Sarrazins Thesen sein. Die Debatte wird aus diesem Grund nie zum erliegen kommen, nie aussterben, höchstens unsichtbar werden, sich verlagern von den Podiumsdiskussionen an die Stammtische. Wenn das beabsichtigt war - ein Geniestreich!
Das war es aber wohl eher nicht, denn Ursachen für den Zwiespalt sind einerseits eine zum Teil bestechende Faktizität in Kombination mit klaren, gut durchdachten Interpretationen. Andererseits die immer wieder aufwallende Plumpheit, die mit teils naiver, teils subtiler Rückwärtsgewandtheit und gelegentlich bräunlich riechenden Prämissen ein ansonsten gewissenhaft austariertes Konstrukt durcheinander- und ins Schwanken bringt. Ich dachte vorher, Sarrazin wäre vielleicht mißverstanden - aber nein, er liefert seinen Gegnern ideale Angriffspunkte, begräbt seine durchaus validen Sorgen unter dem Lärm, den Sozialeugenik und ähnliche Themen verursachen müssen. In Vorwegnahme regt er sich auf über den Lärm, darüber, daß man solche Themen nicht mehr diskutieren könne, liegt aber falsch. Diskutieren kann man sie, nur durchführen nicht. Das ist die Errungenschaft des Zwanzigsten Jahrhunderts.
Der Zwiespalt setzt sich fort. Ich als Linker wundere mich, wie schlagend manche Zahlen zur Grundsicherung und deren Ausnutzung wirken. Ich als Internationaler stelle fest, daß mich der Untergang des Nationalstaats Deutschland nebst Deutscher Kultur und Sprache doch ein wenig schmerzen würde. Aber warum eigentlich? Seiten in mir, auf die ich durch dieses Buch erst richtig aufmerksam wurde. Gleichzeitig nervt die Schwafelei, die dröge, unausgegorene Sprache voller Floskeln und Füllworten, die elende Redundanz. Sarrazin wiederholt sich von Kapitel zu Kapitel, die wenigen Punkte, die er hat, werden ausgewalzt bis zum Gehtnichtmehr. Natürlich ist er als Schriftsteller nicht geübt, einem Finanzbeamten liegen Zahlen mehr als Sätze. Das Buch ist passables Übersichtswerk, aber nicht durchlesbar. Die Kernaussagen wären auf zwanzig, dreißig Seiten elegant zu erledigen gewesen, eine Rede an die Nation, wie sie im 19. Jahrhundert gerne gehalten wurde.
Das gelegentliche Polemisieren, über das ich mich zunächst ärgerte, frischt den trockenen Mörtel doch eher auf und wird irgendwann sogar notwendig, um überhaupt das nächste Kapitel erreichen zu können. Zynismus als Spezialeffekt. Und herrlich die Stellen, wenn er den "traditionellen deutschen Fleiß" beschwört, den "Zuwachs von Produktivität pro Arbeitsstunde" als höchstes Ziel an den Altar hängt und damit auf Grundsätzen baut, die einen Blick über den Tellerrand, der zur Lösung seiner Probleme vielleicht nötig wäre, von vornerein verhindern. Im Labyrinth, das Sarrazin ängstigt, steckt er als Maus.
Sicher ist, das Buch schürt die Angst vor dem Islam. Man sollte sich selbst beim Lesen beobachten, die Gegenübertragung unter die Lupe nehmen und zack - ein wenig neue Angst kommt da hinzu, das läßt sich gar nicht vermeiden. Zahlen wirken immer.

Donnerstag, 31. Juli 2014

Goethe, Kunstwerk des Lebens - Rüdiger Safranski

Rüdiger Safranksi war mir länger schon bekannt als der Autor, dessen allenorten empfohlene phänomenale Nietzsche-Biographie ich noch lesen sollte. Geschenkt bekam ich den Goethe, und der tut es ja wohl auch. Schriftstellerbiographien sind etwas Merkwürdiges, schließlich sind diese Leute erinnerungswürdig ihres Werks wegen, nicht ihres Lebens. Ausnahmen sind immer möglich, aber ist Goethe wirklich eine? Safranski untertitelt vielversprechend mit "Kunstwerk des Lebens".
Von der ersten Seite an steht fest, daß wir es mit einem gewieften Biographen zu tun haben. Geschliffene Prosa wie im Roman, bekömmliche Häppchen, großer Anekdotenreichtum, Werkbezug und Interpretation, aber nie zu viel, nie den Leser überfordern, lieber die Fläche suchen als die Tiefe, dort ist es behaglich, im Tiefen könnte man abrutschen, sich verlieren. Gelegentlich driftet der flüssige Stil ins Saloppe, fraglich wohlwollende Ironie kommt auf, passagenweise erscheint Goethe als lächerliche Figur, ein hochnäsiger idiot savant, dem alles zufliegt und der außerhalb seiner Literatur auf fremde Hilfe angewiesen ist. Sein Umfeld verpackt alle Kritik in respektvolle, gedrechselte Umständlichkeiten, um das leicht zu kränkende Kind bei Laune zu halten. Der safranskische Goethe entwickelt sein Leben anhand eines großen Plans, und die Teleologie nimmt überhand, wenn der Biograph Werke allzu sinnfällig mit prägenden Ereignissen verknüpft. Das liest sich dann eingängig und erweckt den Eindruck von Intimität und Eingeweihtsein, als hätte man hinter die Maske einer großen Künstlerseele geblickt, der dahinter ja Mensch ist wie du und ich. Aber so ist es eben nicht.
Das Eingängige kostet die Objektivität. Das Buch ist Essay und nicht Aufsatz. Kein hervorragender Essay, sondern ein guter. Es gibt Schwächen, die hymnischen Besprechungen erscheinen mir als Lob der Farben durch den Blinden. Warum schreibt man eine weitere Goethe-Biographie? Um zu unterhalten. Weil man es kann. Und weil sich eine Stange Geld damit verdienen läßt. Neue Erkentnisse, Blickwinkel, Ansätze - Woher? Wohin? Safranski präsentiert seinen Goethe als unterhaltsamen, leicht verdaulichen und sehr bekömmlichen Happen, was allein schon mehr ist, als viele Romane leisten. Um ein Buch über Goethe zu lesen, ist sein Buch nicht die schlechteste Wahl. Besser aber sind immer Bücher von Goethe.
Goethe ist keine Ausnahme. Das Leben verblaßt hinter dem Werk. Er hatte das Glück, diese unermeßliche Begabung in stürmischen Zeiten voll ausschöpfen zu können, finanziell weitgehend unabhängig, befruchtet im regen Austausch mit anderen Größen einer stilbildenden Epoche. Sein Leben ist gleichzeitig uninteressant und unaufschließbar, weder durch Zeitzeugnisse, noch durch Biographien. Menschen, die solche Spuren hinterlassen, sind nicht Mensch wie du und ich. Ihre Leistungen werden nie nachvollziehbar sein. Es sind vielleicht nicht einmal Menschen. Sola scriptura.

Aus dem Leben eines Lohnschreibers - Joseph von Westphalen

Ich erwartete Bekenntnisse eines Ghostwriters. Tatsächlich ist das Buch eine Sammlung kurzer, frecher Texte eines mir bis dato unbekannten deutschen Schrifstellers, der es mit seinen Veröffentlichungen gelegentlich ins Feuilleton schafft, aus Mangel an Anerkennung aber mittlerweile wohl die Rolle des leidenschaftslosen Honorarschreibers spielen und rekursiv erfolgreich sein möchte.
Die frechen Texte sind frech und handeln vom launischen Autor an seinen Auftragsarbeiten. Bemüht provokant werden die ignoranten/philiströsen/blasierten Seiten der Auftragsgeber und der Kollegenschaft aufs Korn genommen, der launische Autor bleibt distanziert-ironisch und erhebt das Honorar zur höchsten Weihe der schreibenden Zunft. Ein absurder Mischmasch aus erfundenen und wahren Anekdoten, der mäßig unterhält und auch mir das eine oder andere Lächeln entlocken konnte, tatsächlich aber für geistig ältere Semester geeignet sein dürfte. Wer Kabarett mag, sollte auch bei von Westphalen auf seine Kosten kommen.
So gut wie jeder der Texte mündet früher oder später in die erotische Phantasie. Zum Geld gesellen sich also die Frauen, weshalb man diesen Ausbund an Kitsch und Zielschreiberei ebensogut ohne Reue in die Tonne treten könnte, wären da nicht eine durchaus geübte Technik und gelegentliche gewitzte Einfälle, die dem Autor im Durchschnittsbrei doch einen der oberen Plätze bescheren und nicht allzu üble Vermutungen über sein restliches Werk anstellen lassen. Ein sympathischer alter Schreibbock das, dem zumindest in dieser Textsammlung die Raffinesse abgeht, selbstauferlegte Klischees zu verlassen.

Rotkehlchen - Jo Nesbø

Ein Roman von einem dieser Krimiautoren mit Sonderzeichen im Namen. Liest sich nicht schlecht, aber, ich weiß nicht, ob das an der stromlinienförmigen Übersetzung liegt oder einfach so üblich ist im schnellebigen Bestsellerbereich, der Text ist stilistisch großteils unausgegoren, fahrig, nachlässig, ja - lieblos. So runtergeschrieben und mal drübergeguckt halt.
Zumindest die Konstruktion ist eindrucksvoll. Nesbø verflicht seine Handlungsstränge nahtlos, kommt nach schleppendem Beginn einigermaßen in die Gänge, immer mal stirbt eine wichtige Figur. Doch fand ich die Charaktere eintönig, die Spannung nicht vorhanden, und als die ersten Nazis ins Spiel kamen, erhielt die Lektüre einen rosafarbenen Ton. Ich konnte den Plot einfach nicht ernstnehmen, beschränkte mich auf die Analyse, keine leichte Aufgabe das, an der ich schließlich auch scheiterte und die zweite Hälfte querlas.

Betrachtungen über die Grundlagen der Philosophie - René Descartes

Die meditationes in der Übersetzung von Ludwig Fischer.
Nicht viel zu besprechen hier. Ich werde keine Philosophiekritik machen, es ist eben ein altes Werk an der Grenze zur Neuzeit, aus dem das benebelnde Morphium der tausendjährigen Kirche noch immer wabert wie aus einer nie gewaschenen Soutane. Epochemachend für die abendländische Entwicklung, ist es heute im Wesentlichen Fenster in eine Zeit, die unvorstellbar weit zurückzuliegen scheint, eine Zeit, in der ein paar Gottesbeweise in jede ernstzunehmende philosophische Schrift gehörten, eine Zeit, in der gläubig-rationalistische Denkweise zu Bücherverboten führte. Unvorstellbar, diese Lähmung der Menschheit, die Beschneidung aller Blüten.
Ich beschränke mich auf die Form. Fischer ist eitel. Er nutzt die Gelegenheit, um von Kirchmann, seinen Vorgänger, wo es geht zu diskreditieren. Das ist lästig und stört den Lesefluß, der sowieso nicht angenehm plätschert, sondern ob der verschwurbelten Ausdrucksweise des quasi scholastisch tätigen Autors eher zu trüben Tümpeln gerinnt. Ich kann nicht behaupten, daß ich Descartes unsortierte Ergüsse gerne gelesen hätte und empfehle zum Studium dieses mächtigen Funkengebers, sich auf die Sekundärliteratur zu verlegen.

Der Berg - Dan Simmons

"The Abominable" - wahrhaft abscheulich. Was ist geworden aus Dan Simmons?
Seit Olympos hat Simmons nichts Funktionierendes mehr veröffentlicht, der jüngste Ausstoß dringt gar in Regionen vor, in denen nur noch die allerschattenhaftesten, glitschigsten Kreaturen in Pfuhlen hausen, wie Frank Schätzing. Müll - von einem einst so unterhaltsamen, anregenden, liebenswerten Autor. Welche Tragödie.
Es muß einen Grund geben für diesen Abstieg. Krankheit. Psychose, Depression, Demenz. Abgründe, die auch einen Autor nicht verschonen. Weshalb geht der Verleger aber nicht dazwischen und verhindert die öffentliche Selbstzerstörung, diese bühnenwirksame Zersetzung vor internationaler Leserschaft? Ein Verlag trägt Verantwortung, nicht nur literarische, auch menschliche. Simmons wird vorgegaukelt, er schreibe nach wie vor gut, fände sein Publikum, würde am Ende gar mit den Jahren besser. Die Einschätzungen auf dansimmons.com lassen etwas in der Art vermuten. Wegen eines guten Namens wird Simmons von den Machern gerupft wie ein Huhn, jeder verdient mit, niemanden stört, daß der Mann sich weithin lächerlich macht.
Form: Klischeebeladene Erzählung auf Mittelstufenniveau voller Charakterschablonen, schematisch, affirmativ, ohne Gehalt oder Hintersinn, ziel- und lektoratslos.
Inhalt: Bergsteiger klettern in den 1920ern auf Berge, plötzlich kommen Nazis. Auf dem Gipfel des Mount Everest kämpft man um kompromittierende Fotos, die Adolf Hitler als sadistischen Pädophilen zeigen und letzendlich dazu verwendet werden, den Krieg zu gewinnen. Mittels Erpressung des German Fuhrer.
Zugegebenermaßen speist meine Wut sich nicht zuletzt aus dem beschränkten Weltbild der neueren simmonsschen Werke. In Olympos waren es die Moslems, die auch in ferner Zukunft noch Juden ausrotten, im "Berg" müssen die vielgebuchten Nazis ran. Hitlers Dämonie reicht nicht aus, also wird er Kinderschänder und die Kinder sind - jawohl, Juden, empörungsmaximierend zweifelsfrei an der Beschneidung erkennbar.
Ein kreuzverstockter Ami irgendwo im mittleren Westen, der sich bebend die eigenen Schuldgefühle von der Seele schreibt und das als Unterhaltung tarnt. Natürlich, es wird Leute geben, die den "Berg" gerne lesen. Es gibt diese Leute. Es gibt auch Leute, die sich Abszesse züchten.

Samstag, 21. Juni 2014

Das weingetränkte Notizbuch - Charles Bukowski

Bukowski, der Trinker, der Hurer, der Schläger, der Dichter - ein verbreitetes Bild, das sich mit der Lektüre bestätigt und festigt. Doch ist das nicht einfach ein genialer Teufel, den die Fährnisse eines harten, echten Lebens haltlos von Abgrund zu Abgrund stoßen, und der die letzten Züge, die letzten entzündeten Blicke auf diese Welt, die ihn nie wollte, einsaugt wie ein Schwamm und aufs Papier spuckt wie den allerletzten Rotz, den Rotz des Sterbenden, sondern das alles ist einstudiert. Natürlich.
Natürlich ist das Handwerk, natürlich ist das Übung. Und natürlich ist das Bild vom versoffenen Wrack nur ein Bild. Bukowski hat Jahrzehnte damit zugebracht, seinen Stil zu finden, asketische, fokussierte Jahrzehnte. Er hatte genaue Vorstellungen davon, wie er nicht klingen wollte, und mit den Jahren fand er näher und näher heran an die Nische, die ihm früh schon vorschwebte. Es ist das die Nische des modernen Poète maudit, des anarchischen Trunkenbolds, dem zwischen den Räuschen und sexuellen Eskapaden immer ein offenes Ohr bleibt für klassische Musik und stets ein waches Auge für gute Literatur. Sicher gab es alkoholische Phasen in seinem Leben, sehr alkoholische vielleicht, aber um die Kunst auf dieses sein Niveau zu bringen, brauchte es schlicht und einfach ein regelrecht funktionierendes Gehirn, und damit entlarvt Bukowski sich und sein Bemühen um Außenwirkung schon während der ersten Seiten.
Denn das Zeug ist gut geschrieben. Den Stil hat er erreicht, ja, was er aber nicht ablegen konnte, sind Manierismen, die er früher vielleicht einmal benötigte, um bekannt zu werden, die auf der Höhe seines speziellen Könnens aber nur noch lästig sind. Ich meine das Kokettieren mit der Wirkung. Keine Seite ohne irgendeine Flasche, irgendeinen Schnaps, Wein, als ob wir es nicht wüßten. Ja, der Mann hat Alkohol getrunken. Ja, er hat gut geschrieben. Beides gleichzeitig! Und dann auch noch Mozart. Und Koks! Und Nutten!
Er hätte das nicht nötig gehabt. Denkt man den Blödsinn weg, bleiben im weingetränkten Notizbuch kurze, teils witzige, teils scharfsinnige Texte, die sehr unterhaltsam sind und nicht nur masturbierende Außenwirkung, es geht um alles Mögliche, die Ideen sprudeln und gelegentlich überschlagen sie sich. Und ein paar Texte sind richtig gut. Das sind die, die mich begeistert haben und mich ihn nun als guten Schrifsteller sehen lassen, der die Probleme von unten erfaßt und ihnen Namen gibt. Denn auch ich war zuvor dem Bild erlegen.
Komischer Typ. Sympathischer Typ, mit Schwächen, wie jeder.

"Diese alten Hühner, deren Männer sich längst totgeschuftet haben, damit sie immer Spitzenhöschen zum Anziehen hatten. Die alten Hühner, denen kein Spitzenhöschen mehr stand und für die ich an allem schuld war, weil ich mich nicht an irgendeiner idiotischen Bohrmaschine krummbuckelte."
"Wenn Sie das Rathaus im Stadtzentrum sehen und die ganzen ehrbaren, kostbaren Leute, verzagen Sie nicht. Es gibt ein ganzes Heer, eine ganze Völkerschar von Verrückten, halb verhungert, versoffen, beknackt und wunderbar. Ich kenne viele davon. Ich gehöre zu ihnen. Es kommen noch mehr. Die Stadt ist noch nicht erobert. Tot zu sein, bevor man stirbt, ist etwas Grässliches."

Matto regiert - Friedrich Glauser

Wachtmeister Studer wird zur Klärung eines Todesfalles in eine Schweizer Nervenheilanstalt beordert - es ist 1935, der Roman ungewöhnlich. Friedrich Glauser gelingt es, mit einem geschliffenen, distanzierten Stil voll subtiler Eigenarten eine Atmosphäre aufzubauen, die ich vergleichbar noch nicht erlebt habe. Eine Bedrückung, eine Bedrohung und gleichzeitig Unbekümmertheit, schwelende Dämonie dicht unter den Oberflächen, wo munteres Geschwätz und Schweizer Lokalkolorit in Falschfarben schillern, der sparsam eingesetzte Dialekt - alles Entfremdungen, die die profane Handlung mehr und mehr anschieben und schon bald über die Schwelle des Irrsinns stoßen.
Um den Irrsinn geht es. Oder auch nicht. Nach wenigen Seiten bin ich gewappnet für einen fesselnden Ritt durch die Abgründe der Psyche, für die gewittrige Exploration des Über- und Untersinnlichen, des phantastisch Bösen, des Es. Die Exposition, die Stimmung, die Verfremdung lassen mich mitfiebern und Ängste leiden, ein Buch durchaus, das mir Angst macht. Dann, das erste Drittel ist gelesen, verflacht es. Die suggestiven Ansätze schweben haltlos und sinken, versickern dort im Sand, die Krimihandlung drängt nach vorn, unterweltlich dräuende Andeutungen erweisen sich handfest und konstruiert, der Fluß stockt, ein kompliziertes Schleusensystem bringt die wilde Fahrt auf dem Styx zum Erliegen. Das Ende schließlich ein Debakel, kaum wiederzuerkennen die anfängliche Meisterschaft, der düstere Sog, längst nur noch ein laues Lüftchen, das allerhöchstens noch riecht nach jenseitigen Blüten.
Matto regiert ist empfehlenswert als Stilstudie. So etwas gibt es nicht mehr, wer heutzutage so schreiben kann, schreibt keine Krimis. Das Buch ist ein Beispiel für verfehlte Ziele, für zu viel Ambition auf zu wenig Raum, für nachlassende Inspiration, Konzentration, schlicht und ergreifend eine Dokumentation des Scheiterns. Ein beinahe großer Roman, höchst lesenswert trotz allem, und sicher und leider kein Opfer Mattos.

Drei Polemiken - Jean Ziegler

"Die neuen Herrscher der Welt", "Wir lassen sie verhungern", "Der Aufstand des Gewissens"
Jean Ziegler ist Globalisierungsgegner, Gegner des demokratischen, auch als "neoliberal" bezeichneten Kapitalismus. Ich auch. Trotzdem gefallen mir seine Schriften nicht.
Sie sind schlecht geschrieben. Das Thema ist aktuell, die Probleme groß, Lösungen unmöglich. Idealisten klammern sich an den verzweifelten Glauben an das Gute in der Masse, veröffentlichen Streitschriften, Studien, Belege, Reden, starten Projekte, engagieren sich an Brennpunkten, investieren ihre ganze Energie in die Sache, helfen, retten, wo es geht, doch kennt die Maschine kein zurück. Nur eine Richtung gibt es, und die lautet Wachstum. Die potenten Industriestaaten wetteifern bis aufs Blut; Wohlstand, Liberalismus, Demokratie als Jahrmarkt, die Todesspirale dreht längst über die kritische Geschwindigkeit hinaus, die Globalisierung saugt und säuft den Rest der Welt mit hinein, ob sie will oder nicht. Die einzigen validen Optionen sind Augenschließen, Schockstarre, Distanz. Wir hängen alle mit drin.
Ziegler ist so ein Engagierter, ist wild und unbeugsam, und politisch ebenso impotent wie seine Mitstreiter. Regelmäßig veröffentlicht er Bücher, die die Katastrophe in jeweils neuen Farben malen. Er geht dabei so methodisch vor wie ein frisch erweckter Jugendlicher, klagt an, zerreißt in der Luft, wirft mit Zahlen um sich, ohne Quellen zu nennen. Es sind wütende Texte, die in vage unbestimmte Richtungen zielen und mit Zorn und Rache schießen. Ziegler kommt zu keinem Punkt, findet keinen Ansatz, keinen Abschluß, kein Resümee. Er ist hilflos und merkt es nicht. Ein bemitleidenswerter, guter Mensch, verloren in seinem Glauben.
Diese Art Texte funktioniert auf gewisser Ebene ganz gut, es sind Funktionstexte, deren Aufgabe mit Veröffentlichung erfüllt ist. Eine Verbesserung ist nicht vorgesehen und vermutlich auch nicht möglich. Der Autor schreibt, so gut er kann. Wie der entrüstete Renter in heimischer Stube, der auch mal zum Weltgeschehen beitragen will.
Die Person Ziegler ist besser, er tut ja immerhin was. Seine Texte sind es nicht.

Zwei Erzählungen - Fernando Pessoa

Einer der großen, von mir respektvoll umkreisten Dichter des zwanzigsten Jahrhunderts. Das "Buch der Unruhe" lockt im Schrank, es lockt, aber zu schwer lasten die sekundären Vorschußlorbeeren, als das ich es bereits anrühren könnte. Der Lorbeer muß noch ziehen.
Zwei schnelle Geschichtchen dürfens aber schonmal sein, schnell gelesen, schnell kritisiert, vielleicht nicht viel Tiefgang, höhö, dachte ich.

Ein anarchistischer Bankier
Nun, leider ja, tatsächlich: nicht viel Tiefgang. Eine Satire auf eifernde politische Aktivisten und gleichzeitig auf die eherne Glätte des Kapitals. Ein Bankier argumentiert, er sei der wahre Anarchist, denn er habe sich in absoluter Freiheit nach oben gekämpft und nehme seinen Mitmenschen nicht die Freiheit, das Gleiche zu tun. Sein Gesprächspartner, der Aktivist, liefert dümmliche Zwischenfragen. Platt.

Ein ganz ausgefallenes Abendessen
Vielleicht ein Hieb gegen die aufkeimende Konsumgesellschaft, den dekadenten Moralverfall, das Hohle der bürgerlichen Sitten. Ein Gourmet wird zur Veranstaltung einer Abendgesellschaft provoziert und verspricht seinen Gästen eine Überraschung. Am Ende hat er den Provokateur zum Essen verarbeitet, was niemandem aufgefallen war, bis auf den Leser, und dem gleich zu Beginn. In einem Ausbruch von Blutrausch wird der Gourmet gelyncht, dann geht jeder seiner Wege. Ein wenig bizarr, abrupt, um kein Märchen zu sein. Die Geschichte büßt viel Wirkung ein, es fehlt an Subtilität. Knapp fünfzig Jahre später nahmen ähnliche Satiren mit dem Aufkommen des Splatterfilms einen Anfang, das waren stilsichere und effektivere Produktionen.

Insgesamt also enttäuschend, nichts vom großen Pessoa. Anscheinend gibt es auch den kleinen Pessoa, was dem "Buch der Unruhe" aber keinen Abbruch tun soll. Ich kenne Zitate.

Handbüchlein der Moral - Epiktet

In der Übersetzung von Carl Hilty.
Eine kleine Sammlung munterer stoischer Weisheiten, eine Epitome der epiktetschen Philosophie. Es handelt sich um Lebenshilfen, konkrete Ratschläge, praktische Ethiken, die auch in der heutigen Zeit unverändert zustimmend gelesen werden können. Eine Vorwegnahme des camusschen Existenzialismus; mehr Stoa, und die Welt wäre gut.

"Wenn ich ohne Verletzung des Gewissens, der Redlichkeit und einer edlen Gesinnung Besitztümer erwerben kann, so zeigt mir diesen Weg, so will ich sie erwerben. Verlangt ihr aber von mir, daß ich meine wahren Güter aufgeben soll, damit ihr Nichtgüter erwerbet, so müßt ihr selbst es einsehen, wie unbillig und unverständig ihr seid."
"Wenn man dem ersten besten Gewalt über deinen Leib gäbe, das würde dich entrüsten. Scheust du dich denn nicht, jedem beliebigen, der dir begegnet, Gewalt über dein Gemüt zu geben, so daß er dasselbe erschüttern und in Unruhe versetzen kann, sobald er sich mit dir zankt?"

Montag, 26. Mai 2014

Die Welt ohne uns - Alan Weisman

Ein Gedankenspiel. Was würde geschehen, wenn die Menschen morgen schlagartig verschwänden? Was würde geschehen auf der Erde, mit unseren Hinterlassenschaften, den Häusern, Städten, der begradigten Natur, dem Klima?
Diese Idee untersucht der Autor, anhand verschiedener Stationen zeichnet er den Verfall, rechnet aus, wie lange es dauert, bis von einem Haus nur noch die Grundmauern stehen, und wie lange, bis selbst die nicht mehr. Er widmet sich Großstädten, den wilden Tieren, den Schadstoffen, Kernkraftwerken, Punkt für Punkt geht es in die Menschenlosigkeit, hundert Jahre, tausend, hunderttausend. Die Welt ohne uns führt ihr eigenes Leben, das ist das Thema dieses Buches.
Ein nettes Spiel, ja, aber letztlich ohne Belang. So verführerisch der Gedanke auch klingt, er trägt kein ganzes Buch, zumindest nicht ein solches nüchternes Sachbuch. Was soll denn die Konsequenz sein, sollen die Menschen sich alle umbringen? Realistische Lösungen müssen her, jeder Eskapismus ist nur verschwendete Energie. Es sei denn, er ist gut geschrieben, und das ist er hier nicht.
Weisman beginnt nüchtern, driftet dann ab zu ökologischer Belehrung. Er kann seine Altklugkeit nie ganz verbergen, pflegt einen plaudernd wissenden Stil wie der Experte mit Pfeife, dabei zeigt er immer wieder Schwächen, holpert, springt, sprengt entstehende Stimmung mit überflüssigen Details, erzwingt dramatische Effekte, ist kurz und knapp kein geübter Schriftsteller. Die Geschwätzigkeit ist ein Problem. Weisman kennt den Namen jeder Blume, jedes Tiers, wie schön.
Als Sachbuch ohne Konsequenz, als Kunstwerk schlecht, wie überflüssig.

Der feine Unterschied - Philipp Lahm

Ganz anders als bei Thiess fehlt hier die Ursprünglichkeit. Warum lese ich ein Buch von einem Fußballer, eine Autobiographie? Weil ich sehen will, wie schwer sich solch ein hochgezüchteter Körper, solch eine radikal professionelle Körpermaschine mit dem Geist tut. Ich will sehen, wie sich dieser hochbezahlte Muskel- und Reflexapparat auf ein Gebiet wagt, wo ihm die Kraft versagt, ein Gebiet, auf dem selbst Menschen scheitern, die ein Leben lang trainieren und dabei nie in die Bundesliga vorstoßen.
Das Buch jedoch, dessen Autor mit Philipp Lahm angegeben ist, liest sich passabel. Schon damit ist es eine Enttäuschung. Und die Belanglosigkeit des Inhalts wird zum weiteren Sargnagel, denn statt der im Untertitel versprochenen sportlichen und karriereplanerischen Tips, "wie man heute Spitzenfußballer wird", erfahren wir schlaglichtartig von den großen Ereignissen in Lahms Karriere, dem Übertritt zu den Profis, Verletzungen, Trainer, Turniere etc. Alles unverbindlich dahergeplaudert, gar nicht verkrampft, und nicht ohne gelegentliche literarische Rafinesse, was den Unmut weiter steigert.
Fassen wir zusammen: Fußballerbiographie, nicht komisch, belanglos. Die Aufgabe eines Fußballers ist Unterhaltung, und unterhalten fühlte ich mich nicht.

Mordkommision - Richard Thiess

Eine Reihe von Tatsachenberichten, Mordgeschichten. Gefiel mir gut, die Berichte sind packend geschrieben, verzichten auf peinliches Beiwerk, zuviel hinzuvermutetes lebensnahes Blabla, bleiben fokussiert und nüchtern. Der Autor, ein aktiver Kriminaler, betont, daß er auf die Schilderung der polizeilichen Arbeitsweise Wert lege, die käme immer zu kurz. Ein Vorhaben, das er beherzt umsetzt - nicht zu knapp führt das zu Komik, die ganzen Ämter und Titel, das Beamtendeutsch, so ernst und aufrichtig vorgetragen, sympathisch. Fremde soziale Milieus und Kulturen erlangen unser Wohlwollen großteils über ihre Eigenarten, die unverstellt drollig, aber eben auch glaubwürdig wirken. Niemand könnte sich für einen fränkischen Brauer begeistern, der auf die Frage nach seinen Traditionen mit Voltaire käme, hochdeutsch.
Eine wirkliche Schwäche hingegen ist die nervtötende Angewohnheit des Autors, bei jeder Erwähnung irgendwelcher kooperierenden Stellen auf deren reibungsloser, vorbildlicher Mitarbeit herumzureiten, die wunderbare Kollegialität sämtlicher Polizei- und Dienstebenen zu betonen. Auch die immer gesetzestreue Handlungsweise der Ermittler, die stets eingehaltenen Rechte der Verdächtigen fallen in ihrer gebetsmühlenartigen Wiederholung schnell auf die Nerven. Genau andersrum wirds sein.
Gut geschrieben im Rahmen des Möglichen, es sind halt nunmal Fallberichte.

Die Morawische Nacht - Peter Handke

Peter Handke, der Gruppe 47-Sprenger, der Jugoslawien-Interessierte, der mit dem Künstlergesicht, wie lernt man den kennen. In der Morawischen Nacht? Ein Buch, das im Radio beschwärmt wurde, ein Spätwerk. Jenseits der früheren Provokation? Jenseits des literarischen Feuers?
In der Tat. Sperrige Erzählung, ein Autor lädt alte Freunde auf sein Hausboot ein und erzählt von einer Reise durch Europa, zu den Stationen seines Lebens, seines Ichs, die so stattgefunden haben können oder auch nicht, und wieder zurück, zurück aufs Hausboot auf der Morawa, der "Morawischen Nacht". Er hat die offenen Fragen und Konflikte bereist, die jeden bedrängen, hat sie visitiert und akzeptiert, und dadurch in ein Gleichgewicht gefunden, das ihm das Erzählen erst möglich macht. Ein "ehemaliger Autor" soll er sein.
Eine an sich schöne Anlage wird mir bei Handke zu sehr durch die Mangel gedreht. Ein Wust an Ellipsen, Parenthesen, Aufzählungen, monologischen Fragen zerhacken den Text. Der betont künstliche Stil ist geschlossen und funktioniert, bremst aber jeden Erzählfluß aus, das ganze Projekt ist selbstreferentiell bis in die Haarspitzen. Das Thema könnte retten, ist aber nicht interessant genug, um diese Kunst um der Kunst willen auszugleichen und aus dem Projekt noch eine angenehme Lektüre zu machen.

Sonntag, 25. Mai 2014

Die Angst des Tormanns beim Elfmeter - Peter Handke

Dieses kurze Stück war damals sicherlich ein Aufreger. Knochentrocken, stilsicher, auf seine Weise direkt und geschlossen, werden hier tiefe Fragen gewälzt. Die Distanz zur Wirklichkeit, die Unzulänglichkeit der Sprache vielleicht, Schizophrenie. Ein moderner Chandos-Brief? Ein Mann streift durch die Welt, kommt aus dem Interpretieren nicht heraus, schafft sich Realitäten. Er tötet eine Zufallsbekanntschaft, streift weiter, findet keinen Zugang. Wer hier die Antwort weiß, liegt falsch. Es geht gerade ums Nichtwissen.
Der Text ist so hochverdichtet und so ambitioniert in seinen Absichten, daß er als Lektüre vollkommen versagt, versagen muß. Ein Text fürs Lehrbuch, fürs Museum, für Schulen. Ein Stilbeispiel. Sogar fürs Feuilleton zu wenig. In jedem Fall ermüdend, ja, ekelhaft.

Montag, 14. April 2014

Holzfällen, eine Erregung - Thomas Bernhard

Ein sehr eigentümlicher Stil, den Bernhard hier pflegt, ein mit Wiederholungen und Wendungen gespickter Monolog des Gastes einer Wiener Abendgesellschaft. Der Gast ist nach Österreich zurückgekehter Autor, widerwillig folgt er der vorgeblich unverhofften Einladung seines alten Bekanntenkreises und erlebt den Abend, die Leute, die Stadt und das ganze Land als Zumutung. Zumutung, deren unwiderruflicher Teil er ist.
Eine Schmähschrift auf höchstem Niveau. Bernhard läßt kein Stein auf dem anderen, nichts Gutes an den Künstlerkreisen, der Aufgeblasenheit des Kulturbetriebs, der Scheinheiligkeit der involvierten Personen. Er sieht dieses phänomenale Übel als etwas Regionales, infektiöse Herde auf der Landkarte, der Welt und des Geistes, ansteckende Herde, denen man nicht zu nahe kommen darf, um die chronische Entzündung zu vermeiden. Es wird klar, daß er sich selbst als längst befallen empfindet. Das Buch mag ein Versuch sein, diesen Makel nach außen zu stellen.
Holzfällen ist das Ergebnis einer Spurensuche, eine traumatische Selbstanalyse in Händen eines Weltliteraten. Der Kollateralschaden ist groß. Weit mehr als Holz, was diesem Kahlschlag zum Opfer fällt.

Samstag, 12. April 2014

Die Kunst des Lesens - Vladimir Nabokov

Ein Buch, das meine Gier entfachte - leider, wird mein Lesealltag doch bereits zur Genüge von Sekundärem dominiert. Die europäischen Klassiker sind es, die ich lesen will, die wichtigen, prägenden, bleibenden Romane des achtzehnten, neunzehnten, zwanzigsten Jahrhunderts. Und wie weit bin ich gekommen? Bleibe hängen an philosophischen Aufsätzen, an Literatur über Literatur, lese Bücher über das Schreiben und übers Lesen, lese Biographien. Die Gier ist es, die den Nabokov, der auf dem schönen Umschlag so gelehrt im Sonnenstuhl fläzt, die Schiebermütze auf dem Kopf, kritisch lesend, an mich fesselt, Gier darauf, was der große Erzähler zu sagen hat über die geradezu titanischen Klassiker, die er für diesen Band zur Besprechung auswählte. Die Gier auf mundgerecht Vorgekautes, so argwöhne ich.
Es sind hohe Ansprüche an den "guten Leser", die Nabokov stellt und kategorisch formuliert, in einer Art Propädeutikum, noch vor der ersten Besprechung. Dann geht es um "Mansfield Park" von Jane Austen. Nabokov schreibt süffig und begeisternd, er knöpft sich den Roman vor, analysiert den Text auf knapp siebzig Seiten in essayistischer Manier. Er schafft es durchaus, den Blick weiter zu schärfen, seine eigenen enormen Ansprüche auf den Leser zu übertragen und stets unterhaltsam zu bleiben. Doch leistet er sich für meinen Geschmack Nachlässigkeiten, die den Putz dieser Ansprüche etwas bröckeln lassen.
Es fehlt der klare Ausdruck. Zu oft sind es "geniale Autoren", die wir bewundern, deren "Klarheit", "Eleganz" usw. Nabokov schwelgt in Universalien, findet nicht zur so wichtigen Präzision, die ich von einem Schriftsteller seines Formats doch erwarte. Prätention stellt sich ein, ein Hauch Altklugkeit, und insgesamt wird der brillante Ersteindruck dieser ausführlichen und tiefgehenden Auseinandersetzungen mit den tollen Werken geschmälert; es könnte auch ein besserer Bibliotheksführer sein, der uns da seine Bücher zeigt.
Weiter geht es mit Dickens' Bleakhaus, Flauberts Bovary, Stevensons Jekyll und Hide, Kafkas Verwandlung. Die Lupe, die Nabokov verwendet, fördert interessante Dinge zu Tage, doch springt sie fröhlich umher, verweilt an einem Ort, um den nächsten, gleichwertigen, nur zu streifen. Seiner Analyse fehlt es an Stringenz, an innerer Logik, Nabokov schreibt seine Untersuchungen wie Unterhaltungstexte, behält seine muntere, fabulierende Stimme stets bei und scheitert an der selbstauferlegten Ernsthaftigkeit. Er kann nicht anders, er spielt. Was fraglos schön ist, aber nicht zu dem Gedanken verführen sollte, man hätte etwas gelernt.
Ein Bruch ergibt sich zu den Besprechungen der russischen Werke, Gogol, Dostojewksi, Tolstoi, Tschechow. Nabokov legt die Lupe zur Seite, verlegt sich aufs Allgemeine, verwandelt die Analyse in ein Teegespräch über die Autoren, die politischen Umstände, die Bedingungen der Entstehungszeiten. Er interpretiert ein bisschen herum, vergleicht mit westlichen Schriftstellern, erzählt nach und kümmert sich nicht um irgendwelche Details. Interessante Eindrücke eines Landsmannes sind das, weit entfernt von auch nur halbwegs objektiven Textbetrachtungen, aber umso intensivere und stimmungsgeladene Essays aus dem Nähkästchen, die ihre schlecht verhüllte Leidenschaft dem unter Ironie begrabenen, sehnsuchtsvollen Blut des Exilanten verdanken.

Roman eines Schicksallosen - Imre Kertész

Semiautobiographisches Buch, ungarischer Bub wird ins Konzentrationslager deportiert, überlebt, und kehrt nach Kriegsende heim. Der Roman wirkte auf mich zunächst wie ein ermüdender Tatsachenbericht, zur Steigerung der Betroffenheit aus kindlicher Perspektive verfasst - ein Holocaust-Holden. Ich war nicht begeistert, ging von einer glatt heruntererzählten, allseits bewunderten, düster benickten Überlebendenproduktion aus, die Nazis und ihre Gräueltaten.
Nach zwanzig, dreißig Seiten schlug der Verfremdungseffekt ein und rückte alles in anderes Licht. Die bleierne Müdigkeit, die Gleichgültigkeit des Knaben war auf einmal nicht mehr die lakonisch unbekümmerte Haltung eines sorglosen Jünglings, sondern das grundlegende System, auf dem dieser Charakter aufbaut. Und mit ihm die ganze Welt. Wie ein dicker Nebel lastet die Gottergebenheit, diese abergläubisch ergebene Fügung ins Schicksal auf allen handelnden Personen, ja, den Völkern. Die Deutschen sind keine Personen wie du und ich, sie sind nicht böse, sondern Naturgewalt, an der die wirklichen Menschen sich brechen.
Der Bub erlebt die Verschleppung seiner Eltern, den Massenmord und die albtraumhaften Bedingungen in den Konzentrationslagern, wo er mehr als ein Jahr gefangen ist und wegen interessanter Wunden dem Tod durch Arbeit entgeht. Er erlebt den Untergang der Zivilisation, den Untergang der menschlichen Geschichte, und mit der Rückkehr in die Welt, aus der er kam, wird ihm klar, wie dünn das Eis der Menschlichkeit auch dort ist, und dass es jeden Tag brechen kann. All das erlebt und schildert er mittels einer unbegreiflichen, bestürzenden Gelassenheit, abgestumpft von Anfang an, unbekümmert. Er beschreibt die Deutschen wie Wasserfälle oder leuchtende Gebirgszüge, wie Gewitterwolken. Der Bub ist ein Reagenz, anhand dessen uns der Autor seinen eigenen Zorn demonstriert, ein Kondensationskeim.
Kertesz und am Schluss auch der Bub sind zornig über die Haltung der Menschen, die das Naziregime und dessen Taten erst möglich machten. Es ist die Resignation, das Hinnehmen, die Obrigkeitshörigkeit, das leidenschaftslose Aufgeben des Widerstandes, was den Mord ermöglichte. Manche im Buch erklären die Nazis als Prüfung Gottes, man könne nur beten. Andere finden andere Erklärungen, „offenbar hat es so sein müssen.“ Und dann tritt die Mutter auf, die mit dem Vater des Buben im Sorgerechtsstreit liegt und den Bub zur Rede stellt, warum der das so klaglos akzeptiere und sich an die gerichtlichen Vorgaben halte, ihrer Meinung nach „zähle allein sein Wille“, und „Liebe werde nicht durch Worte, sondern durch Taten gezeigt“. Das Resümee des Buben läßt sich auf die Haltung derjenigen übertragen, die das Glück haben, noch nicht an der Reihe zu sein. Sie mischen sich in die Verhaftung ihrer Nachbarn nicht ein: „Schließlich ist das ja ihre Auseinandersetzung. Und es wäre mir peinlich, wenn ich da urteilen müsste.“ Beim kaum bewachten Marsch der Verhafteten durch die Stadt zum Bahnhof, zum Abtransport, entwischen mehrere Leute, indem sie einfach wegspazieren, der Rest wundert sich über diese Frechheit, bleibt gehorsam in Reih und Glied und damit dem Untergang geweiht. Ein Mädchen akzeptiert den Judenstern und spricht über ihn als naturgemäße Markierung ihrer Besonderheit, „wir Juden sind anders als die anderen“, „den Unterschied tragen wir in uns“. Unablässig handeln Leute „anständig“, „vernünftig“, mit „würdigem Auftreten“, wenn sie den Anweisungen der Beamten Folge leisten, keine Fragen stellen und tun, was man von ihnen verlangt. Solche Beispiele werden im ersten Buchdrittel immer wieder vorgeführt, es sind die Kerngedanken des Buches. Mit der Abfahrt nach Auschwitz ist dieses Leben, die Exposition, vorbei, dann folgen Durchführung und Variation. „Am nächsten Tag passierte mir eine kuriose Geschichte …“
Ich reite so auf diesen Details herum, weil ich zeigen möchte, was für ein großartiger, raffinierter Roman das ist. Er ist eben nicht eine weitere Auschwitzpassion, sondern eine kunstvoll in Form gegossene Zornschrift gegen die Schicksalsergebenheit schlechthin, gegen Passivität. Ein Pamphlet für den freien Willen, für den Geist, für die Aufklärung.
Oder doch nicht? Am Ende begegnet der Junge Bekannten, die den Krieg zu Hause verbrachten, und führt mit ihnen, die ihn nicht verstehen, ein Gespräch über Schicksal und Willensfreiheit, ein Gespräch des Autors mit sich selbst, das seit dessen eigener Zeit in Auschwitz wohl nie verstummt sein dürfte. Vielleicht ist da gar kein Zorn, vielleicht spielen Emotionen nach einem derartigen Schicksal keine Rolle mehr, und Kertesz lebt, was er seinen Jungen in diesem Schlusskapitel erkennen lässt.

Imperium - Christian Kracht

Eine Südseeballade, die mit der Authentizität der geschichtlichen Ereignisse spielt, in fesselnd barocker Sprache. Ja, die Sprache ist besonders, Kracht bemüht einen verschnörkelten, pathetischen Stil, schreibt lange, schwungvolle, schöne Sätze. Schön, aber nicht geistlos. Was er in die Geschichte des Aussteigers August Engelhardt alles hineinpackt, der das Deutsche Reich Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts mit dem Ziel Deutsch-Neuguinea verlässt, um eine Kokosnussreligion zu begründen, macht den Roman endgültig außergewöhnlich.
Das Imperium steht für Deutschland, steht für die unstete Menschheit, den Geist des Aussteigers, schließlich für die aufkeimende neue Supermacht nach Ende des Zweiten Weltkriegs, den Konsum, verkörpert durch amerikanische Soldaten und eine Colaflasche. Die Imperien brechen der Reihe nach zusammen, wie sie es immer taten, das Buch ist ein lustvolles Verfallsspektakel vor historischem Hintergrund, gespickt mit geschichtlichen Details und einer allgegenwärtigen Ironie, die nur manchmal fröhlich wirkt. Kracht lässt kein gutes Haar an den Hoffnungen seiner Helden, hat kein Mitleid mit den grotesken Gestalten, die seine Welt bevölkern. Trotz der herrlich ausufernden Sprache wirkt der Roman verdichtet, sein Anliegen, die Fäulnis unter der hübschen Maskerade ans Licht zu bringen, ist immer präsent und auf den Punkt. Eine Kunst, diesen Ton so sicher zu halten, diese Distanz zu den jammervollen Figuren nie zu verlieren. In seiner metakulturellen, postmodernen Art ist das Buch innerhalb aktueller Trends vielleicht kritikanfällig, mir jedoch hat es ausgesprochen gut gefallen.

Trost der Philosophie - Boethius

Die Consolatio ist beeindruckend als Kunstwerk, als philosophische Lektüre weniger geeignet. Beeindruckend im Sinne der ästhetischen Höhe, im Sinne des erfolgreichen Eklektizismus zum Ende einer literarischen Epoche, im Sinne der Umstände, in denen das Werk entstand. Boethius verfaßte den Text in Gefangenschaft, er war weströmischer Adeliger, in irgendwelche Intrigen verwickelt und zum Tode verurteilt, und aus diesen sorglosen luxuriösen Verhältnissen in den Untergang gestoßen, entwickelte er sein Manifest zu solcher Blüte, dass es die Jahrtausende überstand.
Boethius bedient sich einer nicht ganz harmonischen Mäeutik und führt durch fünf Bücher, eine gestufte Herangehensweise, streng geordnet steigt der Gedanke zum Ziel. Der Text ist ein Prosimetrum, jedes Gedicht steht in anderem Versmaß, der Wille zur Kunst drängt allgegenwärtig durch und verdeckt oftmals den Blick auf die Philosophie und auch auf die Kunst selbst. Zu bemüht, könnte man sagen, wollte man den automatischen Respekt vor einem uralten Werk schmälern.
Die Philosophie ist im Wesentlichen platonisch, gewürzt mit Stoa und christlichen Motiven, die gegen Ende mehr und mehr die Oberhand gewinnen. Interessant, aber rar, sind Boethius' eigene Ideen, die nach Veröffentlichung für lange, lange Zeit in der abendländischen Leere schweben und erst im Mittelalter wieder aufgegriffen werden. Ja, ein letztes großes Werk der Spätantike - als Leuchtturm vergangener Zeiten wird es seine Bedeutung niemals einbüßen.
In Buch Eins leidet der eingekerkerte Ich-Erzähler unterm Weltschmerz, seine Klage ist gegen Alles gerichtet, Menschenschicksale sind unbedeutend vor dem Weltall und den Zeiten, alles nichtig. Die Philosophie tritt hinzu und spendet ersten, vorsichtigen Trost. Buch Zwei konkretisiert die Klage, die Philosophie hakt Punkt für Punkt die begehrenswerten, verlorenen Güter ab: Stellung, Ruhm, Macht, Geld. Der Verlust ist Schicksal, ist passiert, man muß ihn hinnehmen. Sie entwertet die weltlichen Güter, stellt den Menschen als etwas Höheres dar, lenkt den Blick auf die Güter des Inneren. In Buch Drei betreibt sie eine genauere Analyse des Glücks, das die Menschen in ihren weltlichen Gütern suchen. Sie sind bloß Abbilder, stehen platonisch für etwas anderes, doch was ist das? Die wahren Ziele des Glücks sind die Einheit der Weltordnung und das Bewußtsein des philosophischen Menschen, Teil zu sein, Teil der Harmonie. Bei den Alten war das ein philosophischer Idealzustand, bei Boethius ist es Gott, à la Augustin. Der Ich-Erzähler sieht das ein, ist aber nicht befriedet, ihm fehlt der Bezug aufs Konkrete, auf die Unbillen des Schicksals, die ihn in den Kerker brachten und die Bösen an die Macht. In Buch Vier stellt die Philosophie deshalb klar, daß alles auf das Gute ausgerichtet ist, das Schlechte nur ein Mißlingen, alles eingebettet in die göttliche Vorhersehung. Das tröstet über die vordergründige Ungerechtigkeit hinweg und versöhnt, mithilfe des Neuplatonismus. Nun könnte alles gut sein, aber es fehlt noch der Knackpunkt. Was ist mit dem freien Willen, wenn sowieso alles Vorhersehung und vorbestimmt ist? Kapitel Fünf klärt das: Gottes Vorwissen ist nicht in der Zeit, die Menschen schon. Die Vorhersehung und der menschliche freie Wille sind unterschiedliche Qualitäten, die nicht vermischt werden dürfen. Für Gott geschieht alles gleichzeitig, für ihn gibt es keine Zukunft, keine Vergangenheit, kein "Vorwissen". Zukunft und Freiheit sind Sachen der Menschen. Die Menschen und ihre Leben sind in diesem ewigen, zeitlosen Gott und damit frei. Hübsch.

Freitag, 7. März 2014

Maigret und der gelbe Hund - Georges Simenon

Viel wurde geschrieben über diesen eigentümlichen Autor, der mit kunstloser Sprache, dem konsequenten Verzicht auf Struktur und Lektorat, dieser unermüdlichen, intuitiven Produktivität so traumwandlerisch Stimmung schaffte, Atmosphäre, dichte, packende Geschichten, deren Anhänger sich nicht zuletzt in hochliterarischen Kreisen tummeln. Wenn es um Empfehlungen geht - das Werk ist groß, allein fünfundsiebzig Maigret-Romane! - hört man regelmäßig, es sei egal, die Bücher nähmen sich nichts; alle seien gleich gut. Mit dem gelben Hund wollte ich überprüfen, wie gut das ist.
Zunächst einmal ist das eine gewöhnliche Kriminalgeschichte. Ein Mord, Verletzte, Detektivarbeit, Auflösung. Doch Simenon ist viel weiter als Christie, er entwickelt seine Figuren seltsam indirekt. Bei ihm sind es lebendige Passanten, keine buntgescheckten Protagonisten im Scheinwerferlicht. Und was er tut, tut er leichtfüßig, unheimlich leichtfüßig, fast flüchtig wirkt das. Unheimlich ist der richtige Ausdruck. Hier wurde intuitiv geschrieben, der Text hat Fransen und Ösen, bewegt sich hierhin, mal dorthin, die Handlung entsteht quasi als Nebeneffekt, ist sprunghaft und spült das Floß der geistigen und örtlichen Schauplätze beiläufig zum Ziel. Bei jedem anderen wäre das voll in die Hose gegangen, bei Simenon funktioniert es. Und ist atmosphärisch, sehr atmosphärisch. Der in einem Affenzahn geschriebene Roman verzichtet auf genau die richtigen Dinge, schleppt genau die richtige Menge Ballast mit herum, wirkt genau richtig beliebig, sodaß die Figuren zum Leben erwachen. Die Handlung? - pff, abhaken. Die Charakterisierungen! Und beispielhaft wohl auch der Schluß, die Geschichte hört einfach auf, keine Lust mehr, ein "Ende", nächstes Buch. Eine Frechheit, und wiederum genau richtig.
Anders als viele Bewunderer kann ich bei Simenon keine Zeichen besonderer Literarizität erkennen. Aber ich erkenne einen begnadeten Autor und eine einzigartige Herangehensweise ans Schreiben. Simenons Stil ist etwas Besonderes, ich kann nur empfehlen, sich ein Bild zu machen. Schon immer wollte ich mal "idiosynkratisch" schreiben, hiermit seis getan.

Alles ist grün - David Foster Wallace

Von ihm hatte ich noch nichts gelesen. Ich stelle hiermit fest: den Ruf des postmodernen Sprachakrobaten trägt Wallace zu recht. Was hier an treffenden Vergleichen, Metaphern, Wendungen ungehemmt sprudelt, mit welcher Genauigkeit Emotion und Situation in wenige klare Worten gefasst werden, ist beeindruckend. Beinahe jeder Satz ist zitierfähig, als Sinnspruch, als Kostbarkeit. Gleichzeitig ergibt sich daraus das große Manko: es ist einfach zu viel.
Wenn man etwas sehr gerne mag, eine bestimmte Süßigkeit, eine seltene Spezialität, und diese dann plötzlich pfundweise vor sich hat, zum freien Verzehr, dann legt man los und frisst. Nicht lange, und das Zeug hängt einem zum Hals raus. Muß man weiteressen, kommt erst der Widerwille, dann schnell die Übelkeit. Ganz ähnlich ist es mit den wallaceschen Sprachspielereien: Offenen Mundes folgt man dem Spektakel, das Lesen fordert die volle Aufmerksamkeit ein, die volle Konzentration, - die natürlich Energie verbraucht, ich will nicht wissen, wie viele Kalorien ich in diesen schmalen Band gepulvert habe (es hat sich gelohnt) - und weniger Anstrengung bei gleichem oder größerem Lohn erscheint einfach attraktiver. Denn irgendwann kommt die Übelkeit.
Zu den Geschichten. Den Auftakt macht die Begegnung zweier Kapitalismusrepräsentanten in der Tiefgarage. Der eine kippt um, der andere „versteht sich zum Glück auf HLW“, und der kurze Text endet mit ungestört verhallenden Hilferufen. Die Ebene der Führungskräfte ist von der Außenwelt abgeschottet, zur Sicherheit natürlich. „Hier und dort“ ist ein einfühlsames, bewegendes Häcksel eines Paartherapieprotokolls, das die Schmerzen über vertane Chancen zwischen trotzigen Kommentaren des Paares leuchten läßt, nie verheilende Wunden. Auch „Sag nie“ behandelt zerbrechende und neu geformte Liebe, verschiedene Perspektiven werden ineinander verschoben und erzeugen diesen schlaglichtartigen Eindruck, dieses nüchtern-protokollarische, immer wieder durchbrochen von Gedankenfetzen, die den Figuren ungefiltert zu entströmen scheinen. „Alles ist grün“, zwei Seiten lang, eine flüchtige Impression ohne Handlung, hat mir nicht gefallen. Die letzte Geschichte, ein postmoderner Text über die Postmoderne, mißt hundertfünfzig Seiten, ein endlos geflochtenes Band, selbstbezüglich bis zum Abwinken, und ist als Stilübung zu verstehen. Ich tat mich schwer und brach die Lektüre bald ab, aus o.g. Sättigungsgefühl.
Ich empfehle den Band wegen der ersten drei Geschichten. Wer den markanten Stil von David Foster Wallace kennenlernen möchte, erhält einen guten Eindruck.

„Ich schenkte ihr die intime Bedeutung meiner selbst, und ihr Bus fuhr ab, und etwas für mich Entscheidendes blieb ihn ihr wie der Stachel einer Biene. Und jetzt will ich nur noch weit weg fahren und bluten.“
„Die Hölle selbst kann nicht wüten wie eine kühl aufgenommene Postmodernistin.“

Mein Frankreich - Peter Sloterdijk

Seit der Lektüre der "Philosophischen Temperamente" ist einige Zeit vergangen, die damalige Besprechung stammt aus Mitte 2013. In der Zwischenzeit las ich über postmodernen Jargon, und das ist wirklich ein herrliches Thema, das dem Literatur- und Dekonstruktionsbegeistertern ein paar prustende Stunden verschafft. In Rückschau wird klar: Sloterdijk ist die reinste Jargonmaschine - was meinen Respekt vor seinen Sprachkünsten nicht schmälern, sondern nur eine, bislang unerkannte, humorige Facette hinzufügen soll.
Unter gezwungenermaßen anderen Voraussetzungen also lese ich "Mein Frankreich", eine Auswahl frankreichbezogener Texte des frankophilen Formulierkastens. Wieder lesenswerte Essays, schön und scheinbar erhellend, wären es nur nicht so viele, denn mit Ausnahmen klingt diesmal alles gleich. Der Autor wählt das Ziel, einen französischen Philosophen, eine französische Epoche, einen französischen Zustand, und schmeißt seinen Kasten an. Wunderbare, schwer nachzuahmende Konstrukte winden sich da heraus, die Spaß machen, durchaus Spaß machen, aber irgendwann ist es eben gut - die Tricks nutzen ab, der Zauber verblaßt und läßt den Apparat durchscheinen, der Jargon dröhnt über die Zeilen, und Aussagen, Neues sucht man vergeblich. Den vielen Leckerbissen, den tollen Passagen fehlt der Gehalt, man wird einfach nicht satt. Sloterdijk ist ein Aufbereiter, ein Sekundärschriftsteller ohne eigene Ambition außerhalb der Ästhetik. Ein Privatfeuilletonist.
Ich gucke Fußball, Bayern gegen Arsenal, 2:0; ein, wie ich hoffe, hübscher Vergleich fällt mir ein. Es gibt Schönspieler, Augenweiden, die alle Tricks beherrschen, hochbegabte Techniker, die vor den Fans glänzen, Attraktionen, die ins Fernsehen und in den Zirkus kommen. Für den Wettkampf sind sie nicht geeignet. Auf dem großen Platz fehlt ihnen die Puste und die taktische Disziplin, sie setzen sich nicht durch, schießen keine Tore, bringen die Mannschaft nicht nach vorne. In spektakulären Solos dribbeln sie sich fest und verzetteln sich in nie gesehenen, atemberaubenden Kunststücken. Sie verlieren.
So ist Sloterdijks Sprache.

Philosophische Temperamente - Peter Sloterdijk

Noch so ein Gelehrtaussehender, der notorisch an der Endstation Fernsehen herumlungert. Sloterdijk war mir auf Anhieb unsympathisch, das vorliegende Büchlein hat diesen Eindruck revidiert.
Der Autor bespricht eine Auswahl von Philosophen des Abendlands, von Platon bis Foucault, die Besprechungen waren ehemals Vorworte irgendeiner Reihe. Seine Meinungen und Analysen sind dabei recht wurscht, es ist vor allem wichtig, die literarische Qualität, die Musikalität seiner schillernden Prosa herauszustreichen. Die Texte sind mal kurz, mal länger, und alle sprühen sie vor Eleganz, vor Einfallsreichtum und Wortwitz, sodass man jeden dritten Satz als Schaustück für sich stehen lassen könnte.
Sloterdijk macht das Gleiche wie ich, nur viel besser. Auch er ist voreingenommen. Mag er einen der Herren nicht, endet es wie mit Edmund Husserl in einer herben Farce. Hingegen andere erhalten solch hohes Lob, dass es mit Worten nicht mehr zu überbieten ist, der junge Schelling etwa. Sloterdijk genießt es, seiner überbordenden Formulierungslust alle Zügel schießen zu lassen, gewagte sprachliche Konstruktionen schraubt er weiter und weiter, manchmal bis über den Abgrund hinaus, und feiert die stürzenden Stilblüten dann mit dem Geschmack des untergangsverwöhnten Kenners. Ein Beispiel: "[Schellings Jugendwerk] spiegelt einen pleromatischen Weltaugenblick wieder - es bezeugt eine singuläre Vollmacht der Intelligenz in der Fülle ihrer Epoche." - Das hat er wohl aus einem Kneipengespräch.
Ich empfehle das Buch. Sloterdijk philosophiert nicht, er beweist essayistisches Können in wundervoll verschrobenen Vignetten über das Werk anderer Leute. Viel Sachliches gibt es nicht; die Texte sind Kunstwerke, Sachlichkeit wird überflüssig.

„Augustinus hat die Schleusen geöffnet, durch die seither primärmasochistische Energien ins europäische Denken einströmen.“
„Die Moderne hat entdeckt, dass der Mensch auch ohne Gott sich selbst mißfallen kann.“
„Ich soll das Faktum meines Daseins als ich selbst so leicht und so schwer nehmen, als wäre mein Ichsein Gottes letzte Gelegenheit.“
„Die Geister der Moderne scheiden sich an der Frage, ob die Evidenz wirklich erlangbar sei und ob sie, als erreichte, dazu tauge, die ontologische Psychose des unruhigen Tieres zu heilen.“

Mehrere SF-Romane

Das Kultur-Spiel - Iain M. Banks
Zwei Romane aus dem Universum der "Kultur", namentlich "Das Spiel Azad" und "Einsatz der Waffen". Beides passable, actionreiche SciFi-Geschichten ohne allzuviel Tiefgang und damit eigentlich nicht zu empfehlen, letztere zudem arg holperig, wohl ein zur nachträglichen Veröffentlichung überarbeiteter Schubladenroman. Es ist die Suche nach der Wärme eines "Bedenke Phlebas", die mich Banks weiterlesen läßt. Vielleicht finde ich sie in einem seiner nächsten Bücher.

Zwei Romane von Arthur C. Clarke
Ein SF-Großmeister harrte des Lesens. Nach zwei Romanen - "Die Stadt und die Sterne" und "Das Lied der fernen Erde" - lautet mein Urteil: enttäuschend. Es ist wie so oft in der Science Fiction: Der technisch bewanderte Autor schafft glaubwürdige Zusammenhänge, erklärt seine Welten, leistet etwas in der realen Wissenschaft (wie Clarke, wie Asimov) und kommt als Schriftsteller über ein mäßiges Niveau nicht hinaus. Clarke liest sich ähnlich naiv, ähnlich holperig wie z.B. Huxleys neue Welt, ähnlich stilunbewußt wie viele seiner damaligen Genregenossen. Von Ausnahmen abgesehen fanden gute Autoren anscheinend erst Ende der Achtzigerjahre ihren Weg in die wachsenden Genres; mit steigender Beliebtheit der ehemaligen Nischenliteraturen bekamen die Verlage eine größere und bessere Auswahl.
Clarke hatte die richtigen, die richtungsweisenden Ideen. Er hatte nicht die Fähigkeiten, sie umzusetzen. In einem Umfeld von Dilettanten reichte das aus, um einem breiten Anhängerfeld unvergeßlich zu werden.

Der ewige Krieg - Joe Haldeman
Ein Stückwerk, offenbar konzeptlos geschrieben, intuitiv drauflos, ganz sympathisch mit seinem durchgehaltenen lakonischen Stil, aber anlagebedingt ohne überspannendes Thema und den heutzutage so aufwändig konstruierten Genrenachfahren uneinholbar nachstehend. Haldeman versucht, hart zu sein in dieser Verarbeitung seiner Vietnamerlebnisse, den Krieg echt klingen zu lassen, brutal, rustikal, die Protagonisten abgeklärt und verhärmt. Er bringt es nur zum Zynismus.
Die allzu offensichtliche Moralkeule hört nie auf zu schwingen, die 70er lassen grüßen, Hippies und freie Liebe, und all das, was er in seine kleine, actiongeladene Geschichte hineinpacken will, bringt den engagierten Autor bald ins Trudeln. So geht es von der noch relativ nüchternen Grundausbildung der Raumsoldaten über zeitdilatierende Einsätze in die Zukunft, wo Heterosexuelle diskriminiert werden und entfremdete Heimkehrer als Sonderlinge einer asexuellen, apolitischen und unmenschlichen Gesellschaft auf abgelegenen Kolonien weiterleben dürfen.
Aufsehenerregend zu seiner Zeit, heute nicht mehr empfehlenswert.

Mittwoch, 5. Februar 2014

Mårbacka - Selma Lagerlöf

Einst las ich Gösta Berling und war beeindruckt. Eine moderne Romanautorin läßt in ungekannter Weise einen barocken Stil aufleben, schnörkelreich und pathetisch erzählt sie aus dem turbulenten Leben des abgefallenen Pfarrers und Lebemanns, der sich den Dämonen stellt. Die hinreißenden Sprachgemälde einer vergangenen schwedischen Kultur und Natur weckten den Eindruck einer Überlieferung, ein Werk früherer Zeitalter, vergessen und wiederentdeckt. Wie gesagt, beeindruckt war ich, und deshalb gab es Nachschlag: Mårbacka, Kindheitserinnerungen. Der Zettel mit der Besprechung fiel mir jüngst aus dem Regal entgegen - wo wäre sie besser aufgehoben als hier.
Das Buch setzt sich zusammen aus einer Reihe kurzer Episoden, kleine, hübsche Geschichtchen aus der Kinderzeit. Von sich selbst spricht die Autorin in der dritten Person, "die kleine Selma". Der Ton oszilliert zwischen realistisch und märchenhaft, immer weht irgendwo ein Hauch Magie, es ist die Welt eines kleinen Kindes, die sich auftut. Das ist herrlich, und doch lesen sich die Geschichten ein wenig schwerfällig. Ein gewisses Maß an Beharrlichkeit ist nötig, man hat es mit wunderschönen Sätzen und Einfällen zu tun, Lagerlöf läßt es dabei aber gelegentlich bewenden und erhebt die Kunst zum einzigen Reiz. Immer wieder werden wir belohnt, z.B. wenn die von unglücklicher Liebe gebrochene Jungfer Lovisa, in einem Alter jenseits aller Vermählungsaussichten, ihre neue Leidenschaft, den Garten entdeckt, und aufblüht: "Die Menschen wunderten sich, wie sie es machte, daß ihre Blumen blühten und glühten wie nirgends sonst im weiten Umkreis. Keiner wußte, daß sie sich ihre Farben von Mamsell Lovisas entschwundenem Glückstraum borgten."
Auch die Übersetzung muß gelobt werden. Die Schwierigkeit, solche Schönheit in eine andere Sprache zu übertragen, erscheint kaum vorstellbar. Ich kenne das Original naturgemäß nicht, aber viel schöner kann es kaum sein.
Selma Lagerlöf hat sich die Vergangenheit bewahrt. Die Erinnerung an die Kindheit, die Geschwister, Eltern, die Heimat blieb lebendig in ihr, bis ins hohe Alter. Das bereits so früh entwickelte literarische Können traf auf eine Liebe, die sich nur in wenigen Werken so faßlich niederschlägt wie in dem der Schwedin. Die Kindheitsjahre selbst, Hauptinspiration für all ihre Bücher, hat sie sich lange aufgehoben. Mårbacka erschien 1922. Es ist erster Teil einer autobiographischen Trilogie, die 1932, acht Jahre vor Lagerlöfs Tod, zum Abschluß kam.

Der glückliche Tod - Albert Camus

Als er mir kürzlich in die Hände fiel, war der "glückliche Tod" mir unbekannt, obwohl ich dachte, einen guten Überblick zu haben über das Werk des Franzosen. Das schmale Bändchen wäre schnell gelesen, also los, einen Camus soll man nicht liegen lassen.
Merkwürdig. Blumige Sprache, bilderreich, metapherngesättigt, voller Lyrizismen und starrend vor pastellfarbenen Adjektiven, Gedankengängen und Assoziationsfolgen, die sich im poetischen Nichts verlieren. So untypisch für Camus' sonst so präzise Sprache. Ein ironisches Spätwerk? Erschienen 1971 steht vorne drin, posthum also. Ein junger Mann hadert mit dem einfachen Leben, begeht einen Mord, lebt fortan in finanziellem Wohlstand, stirbt einen - glücklichen Tod. Ein gewisser Patrice Mersault, mit gewissen angedeuteten absurdphilosophischen Verhaltensweisen. Einen Meursault gabs doch auch im "Fremden", tatsächlich eine humorige Rückschau also?
Trotz aufblitzender Feinheiten wirkt der Text plump, irgendwie zusammengeschustert, als passten die Teile nicht aneinander. Da sind Brüche drin, Stilebenen kollidieren, immer wieder bricht sich unbeherrschter Schwulst Bahn, als wollte ein gereifter Autor sein jüngeres Selbst auf die Schippe nehmen. Aber es gibt keine Auflösung.
Die kommt mit der Recherche. Natürlich - so paßt es ins Bild. Beraubt vom Reiz des Kuriosen, bleibt dem "glücklichen Tod" kaum mehr eigener Reiz übrig. Kaum also empfehlenswert, es sei denn für Komparatisten.

Dienstag, 4. Februar 2014

Zwei unvollendete Romane - Franz Kafka

Und weiter gehts im Reigen. Bleibt man dran an einem Autor, kühlt das Werk nicht ab zu altem Fett, sondern bleibt flüssig; die eigenen Gedanken darüber und Tage können, statt zu kratzen, eintauchen und - je nachdem, wie lange sie es aushalten - reifen, durchgaren, genießbar werden. Oder verbrennen, wenn man nicht aufpaßt.
Kafka war ein armer Mensch. Ein zerrüttetes Verhältnis zum Vater weitete sich auf dem Boden einer empfindsamen, verletzlichen Anlage zur großen Grundangst aus. Der "Brief an den Vater" nimmt das komplette Werk vorweg. Die Lektüre der Romane und Geschichten kann man sich dann eigentlich sparen, wären sie nicht so erbaulich zu lesen. Das Problem hierbei ist nur, daß alle das Gleiche enthalten. Kafka wußte schon, warum er nie einen Roman fertig schrieb und warum nach seinem Tod alles vernichtet werden sollte - dem Brod wars wurscht, deshalb haben wir das Unglück heute in seiner vollen Pracht: dutzende Geschichten, drei unvollendete Romane, und alles das Gleiche.
Kafka war ein Schuldiger. Zwanghafte Schuldgefühle saßen ihm im Nacken, zwanghaft verarbeitete er sie zu Literatur. Das gelang ihm wie keinem Zweiten, mit surrealen Mitteln, dem charakteristischen Stil, der Entfremdung. Er ist zu würdigen als einer der großen psychologischen Schriftsteller, dessen Interesse an den menschlichen Beweggründen sich jedoch innerhalb eines sehr engen Spektrums bewegte - der Schuld eben, und allem, was dazugehört.
Für mich begann deshalb die Langeweile nach den ersten hundert Seiten des "Prozesses", einem Roman, dessen Kapitel ebenso allesamt dasselbe enthalten, nur eben anhand verschiedener Schauplätze, Charaktere, Situationen. Natürlich findet sich dieser Roman in den Erzählungen wieder, und die Erzählungen wiederum in den Romanen. Bei Kafka kreist alles um die Mitte, alles ist innerhalb des Kreises, und nichts ist außerhalb. Der Kreis ist wunderschön, doch hat man ihn eine Weile lang betrachtet, kennt man ihn und wird seiner überdrüssig.

Der Prozess
Josef K. und die Verleumdung. Man sollte das Buch gelesen haben. Zwar wird der Mangel an Abwechslung schnell unangenehm, doch mußte ich im Laufe der Lektüre mein Urteil zurücknehmen, der Stil sei nichts Besonderes. Er ist es doch. Erst auf die Länge entpuppt sich die wahre Meisterschaft, die es schafft, das Dröge zu Schönem zu machen, Abstraktem Form zu geben, Bürokratie und Apparat mit kühlem Leben zu versehen. Kafka hatte die passende Sprache für sein Thema gefunden, für das Dunkle, Fremde und Schuldige in diesem aufdämmernden Maschinenjahrhundert, und niemand sonst konnte diese Sprache sprechen.

Das Schloss
Der Landvermesser will ins Schloss, kommt aber nicht rein. Unzufriedenheit entspinnt sich. Knapp vierhundert Seiten.

Einem Kafka-Neuling würde ich empfehlen, mit dem "Brief an den Vater" anzufangen, dann den "Prozess" zu lesen und nach Gusto Geschichten: "Urteil", "Verwandlung", "Strafkolonie", "Landarzt". Das "Schloss" kann man sich sparen, auf den ersten Seiten wird man feststellen, daß man es schon kennt.

Zwei Erzählungen - Franz Kafka

Kafkas Rang als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftsteller begründe sich aus der psychologischen Tiefe seines Werks, dem hermeneutischen Reiz, der vermittels neuartiger literarischer Mittel eingefangenen, für das zwanzigste Jahrhundert späterhin als typisch empfundenen Atmosphäre von Entfremdung und Entmenschlichung; nicht aus einer exklusiven stilistischen Brillianz, so scheint es mir nach Lektüre dieser beiden kurzen Geschichten, und auch des Romanfragments "Amerika". Kafkas Werk ist bedeutend seines Inhalts wegen, nicht der Form.
Damit wir uns nicht falsch verstehen - diese Texte sind hochverdichtet. Eigenwillig in ihrer mitleidslosen Kürze, in ihrer Lakonie, kennen sie keine Ausschweifung, zeugen von hohem Stilwillen und unermüdlichem Streben nach Geschlossenheit. Aber das ist nichts Besonderes. Besonders ist allein das Thema, das immer gleiche. Die Protagonisten sind Hingeworfene, auf stetem Rückzug zu einem Ort, den es nicht gibt. In der Welt ist nichts, das sie verstehen können, und nichts, das sie versteht. Ein unbestimmbarer Druck hängt über allem Geschehen, über den unbeschwerten Naivitäten wie über den so berühmten, buchstäblich unerhörten Ereignissen. Es gibt kein Entkommen, wohin man auch flieht, denn man bleibt ja am Leben.
Die Wut, mit der die Interpreten eines ganzen Jahrhunderts sich auf dieses zarte, durchsichtig leuchtende Werk gestürzt haben und es unter ihrer unerschütterlichen Wichtigkeit begruben, ist nichts als lächerlich.

Das Urteil
Ein Vater-Sohn-Konflikt wird andeutungsvoll ausgeleuchtet. Krass kippt der Ton vom munteren Erzählen zum bösen Vexierspiel, nach elf Seiten ist alles vorbei, der Sohn gestürzt in die Fluten, vom Vater zum Tode verurteilt. Was real ist und was Einbildung, bleibt offen. Es entscheidet die Stimmung.

In der Strafkolonie
Der oberste Henker einer Strafkolonie, genannt der "Offizier", führt einem nonchalanten Forschungsreisenden die in die Jahre gekommene Folter- und Hinrichtungsmaschine vor, den Stolz der Kolonie, die den Verurteilten die Unrechtsurteile mit Glasnadeln zwölf Stunden lang ins Fleisch ritzt, bis sie verbluten. Der Ton ist sachlich, die mörderischen Ansichten bürokratisch kühl. Es folgt das typische Vexierspiel zwischen den beiden Handlungsträgern, die Komparsen sehen zu. Urteil ohne Prozess, Schuld ohne Bewußtsein, Strafe als Erlösung. Kafka, wohin man sieht. In seiner Drastik durchaus bemerkenswert, mit offenem, interessant schimmerndem Schluß.

Eine weitere Erzählung, Die Verwandlung, habe ich vor längerer Zeit gelesen. Die damalige Besprechung steht für sich allein, mir fehlte der Kontext zum Gesamtwerk als natürliche Eichung.

Amerika / Der Verschollene - Franz Kafka

Die Geschichte eines 15-jährigen, aus der Heimat nach Amerika verbannt, dort vom Großonkel verstoßen, von Kumpanen ausgenutzt und verraten, in unwürdiger Hotelanstellung ausgenutzt und entlassen, von den Kumpanen nochmals gefangengesetzt und ausgenutzt, endlich angekommen am paradiesischen und doch so irrealen und unergründlichen Welttheater von Oklahoma, endet mit der Zugfahrt eben dorthin, durch die Berge. Karl Roßmann, der 15-jährige, ist fleißig, aufrichtig, ehrbar, mitleidsvoll und gütig, zuvorkommend, naiv. Kurz, er vereint alle Tugenden auf sich. Die Fähigkeit, die wahren Absichten seiner Umwelt zu erkennen, geht ihm ab. Und so schlittert er vom einen ins nächste Desaster, von Demütigung zu Demütigung, immer bemüht um bestmögliche Erfüllung der an ihn gestellten Ansprüche.
Die Realität ist hier in Schieflage. Alles wirkt unheimlich, auf unbestimmte Art bedrohlich und doch beinahe lächerlich, die Atmosphäre ist erdrückend und grotesk, der Bruch zwischen Protagonist und Welt so bestürzend, es ist die dem Autor eigene Welt. Diese ist dunkel, sitzt einem im Nacken, ihre Geschichten sind zutiefst düster, pessimistisch, nihilistisch. Kafka hat sich vom Leben verabschiedet, er hat große Distanz zwischen sich und die Menschen gebracht, ohne Hoffnung auf Wiederkehr, und diesen Umstand, in all seiner Tragik, wusste er vollendet in Form zu bringen.

Mittwoch, 15. Januar 2014

Der Kampf als inneres Erlebnis - Ernst Jünger

So schreiben Leute, die auf Ferieninseln Kinder massakrieren. In den zwanziger Jahren waren es noch Schriftsteller auf dem Weg zum Weltruhm.
Ernst Jünger kämpft als junger Mann im Ersten Weltkrieg. Er bekommt Orden, er wird verwundet, er massakriert. Im Krieg verwirklicht und verfestigt er seine Erziehung. Er fängt an, Bücher zu schreiben.
Nach einem Drittel des Textes hatte ich vor, diesen Schund zu verreißen, den Kitsch, den Schwulst, den überfrachteten unreifen Stil, der sich an romantische Vorbilder anlehnt und mit seiner naiven und kindischen kriegsschwärmerischen Ideologie nur Zinnsoldaten schafft. Dann jedoch, zur Hälfte zirka, kam es zum Bruch. Das Geschriebene verselbständigte sich, im Wortnebel der überreifen Vokabeln und gedrechselten Formulierungen entstand eine Metaebene, von der herab der Text als merkwürdig strahlendes Kunstwerk erschien. Ob vom Autor gewollt oder nicht - die Emphase, das rücksichtslose Bekenntnis zu Krieg, Ästhetik und schwülstiger Sprache entwickelte ein Eigenleben, wie ein häßliches Tier, dem man mit zoologischem Interesse und trotziger, wohlwollender Suche nach Schönheit begegnet. Und Jünger schließt sich dieser Suche an, in den späteren Kapiteln wird seine Haltung neutraler, immer losgelöster vom Geschehen, er sucht nach Heilung der von ihm beobachteten Urzustände und nach Versöhnung mit der Welt, in der sie auftreten, immer unter Beibehaltung dieser abgründig blumigen Sprache. Es gelingt ihm, Sympathie zu wecken für seine Ansichten, Sympathie für diese Trottelei inmitten eines stickigen, parfürmierten Dschungels. Der Mann hat die Hölle gesehen, und er hat das Gute darin gesehen. Das ist pervers und bemerkenswert.
"Der Kampf als inneres Erlebnis" bleibt kurios und schafft die aberwitzige Wende vom Müll zum Buch, das man unter allen Umständen lesen sollte. Es ist Sekundärliteratur über sich selbst. Ein Prosagedicht von Händen eines leidenschaftlichen Henkers. Ein Rausch. Ein Machwerk. Wo gibt es so etwas noch.