Freitag, 13. Dezember 2013

Reise ans Ende der Nacht - Louis-Ferdinand Céline

Ein Zeitdokument. Das Aufsehen, das das Buch bei seinem Erscheinen 1932 auslöste, gäbe es heute nicht mehr, zu sehr haben Literatur und Rezeption sich gewandelt. Die "Reise ans Ende der Nacht" ist ein stilistischer Leckerbissen, ein Pamphlet gegen Nationalismus, Kapitalismus, gegen Herrschaft, Scheinheiligkeit, gegen alles, was von außen kommt, ein Pamphlet für das Individuum, fürs Leben. Céline arbeitet sich an seinen Themen ab, Drastik, Zynismus, Lakonie sind die trockenen Instrumente. Hat er das hinter sich, macht er nicht Halt, dringt weiter vor, tiefer, zu den Ursachen dieser Epiphänomene, dem Schlechten im Menschen, in allen Menschen und in der Welt. Die Haltung ist pessimistisch, verborgen hinter protektivem Nihilismus. Ein langweiliges Buch.
Louis-Ferdinand Céline war einer der bedeutenden französischen Schriftsteller des Zwanzigsten Jahrhunderts, die "Reise ans Ende der Nacht" der Beginn einer feurigen und kontroversen Karriere und Auslöser einer Stilwende, mit enormem Einfluß auf die französische Literatur, ähnlich der Bovary im Jahrhundert zuvor. Célines Biographie ist interessant aufgrund ihrer Wechselhaftigkeit, ein Mann, der zornig anfängt und halb wahnsinnig aufhört, vom düsteren Ethiker zum geifernden Antisemiten, jederzeit stilsicher und hochliterarisch, und dann tatsächlich eine gewisse Rehabilitation erfährt. Das plötzliche Einfallen dieses Mannes in die französische Literatur ist interessant, das Nebeneinander der großen Romane mit den absurden Streitschriften, die wechselvolle Bewertung durch die Öffentlichkeit und die Nachwelt. Ein Leben und Werk, interessant vor allem sekundär.
Denn aus heutiger Sicht ist da nichts Besonderes. Nach hundert Seiten hatte ich den Bogen raus und wußte, wie es weitergeht: Der Erzähler wettert. Bissig, originell, und immer gleich. Der heutige Leser langweilt sich. Zu sehr haben sich Literatur und Rezeption gewandelt. Auch dank dieses Buchs.

Das Leben der Tiere - J. M. Coetzee

Ein knapp hundertseitiger Essay über die Tierausbeutung, verpackt in fiktionales Gewand. Eine alternde Schriftstellerin, berühmt für einen Roman über Molly Bloom, hält an der Universität eine Gastvorlesung und ein Streitgespräch über die allgegenwärtige Katastrophe. Die Befremdung, die ihre Haltung bei ihrer Familie und ihrem Umfeld schon seit Jahren auslöst, läßt sie trotz aller Energie verbittert und hilflos zurück.
Der Text verwirrt zunächst mit der umständlichen Art, die Ansichten des Autors darzulegen. Die reflektierende Rahmenhandlung, der Monolog der Vorlesung, die drei Abschnitte als Tage, das Einbeziehen des Kafka-Textes. Coetzee schreibt polemisch, so stammen die angreifbaren Argumente, die von der Protagonistin dann als Stichwort gebraucht werden, generell von den Vegetarismusgegnern. Die Abwehr mancher Figuren ist zu deutlich gezeichnet, Norma ist ein Witz, alles spielt den auktorialen Intentionen ein wenig zu offensichtlich in die Karten. Trotzdem - es sind starke Stellen dabei, und die verzweifelte Stimmung, die sich durch die drei Handlungstage hinweg einstellt, sitzt. Die drastische Argumentation, die Darstellung des Themas als Frage nicht nur von Leben und Tod, sondern von menschlichen Maßstäben, von gut und böse, ja, als eine Frage des Seelenheils, besitzen Gültigkeit und gefallen mir. Und nicht zuletzt haben wir es mit einem geschickten Literaten zu tun, dessen Fertigkeiten den Text aus der Sperrigkeit herausheben zu etwas asymmetrisch Schönem, etwas, das gerade wegen seiner Kaprizen in Erinnerung bleiben wird. 

"Daß ich nicht länger weiß, wo ich mich befinde. Es hat den Anschein, als bewegte ich mich völlig ungezwungen unter den Menschen, als hätte ich völlig normale Beziehungen zu ihnen. Ist es denn möglich, frage ich mich, daß sie alle an einem Verbrechen ungeheuren Ausmaßes teilhaben? Phantasiere ich mir das alles zusammen?"
"Aber Ihr eigener Vegetarismus, Mrs. Costello, der entspringt doch wohl einer moralischen Überzeugung?" - "Nein, das glaube ich nicht. Er entspringt einem Verlangen, meine Seele zu retten."

Samstag, 7. Dezember 2013

Die Krankheit zum Tode - Søren Kierkegaard

Von Anfang an hat Søren Kierkegaard ein Gesamtkunstwerk geschaffen. Er gebraucht Schlüssel, Pseudonyme, nimmt konträre Haltungen an, Stile, spricht in seiner Autobiographie vom nur indirekt Sagbaren, auf das er abziele, auf das das ganze Werk als Einheit ausgerichtet sei, und als Baustein dieses komplexen Vexierbilds ist die "Krankheit zum Tode" zu verstehen. Ein Text, der zwischen Akademie und Dichtung schwankt und damit gewisse Schwierigkeiten bietet, dessen Wirkung auf den Leser aber von Tag zu Tag wächst, sein Wiederlesen immer wieder erzwingt, wie eine sperrige Sinfonie, die erst mit dem vierten oder fünften Hören zu klingen beginnt und einem fortan keine Ruhe mehr läßt. Schon dieser eine Text genügt, um Kierkegaard als einen der großen schriftstellenden Philosophen zu erkennen, deren Lektüre, egal welchen Inhalts, grundsätzlich Bereicherung ist.
Die Vermischung des Akademischen mit empfindsamen Stilelementen führt zu originellen Effekten, der Anspruch ist hoch, die verwinkelte und sprachironische Art, mit der der Autor seine vielfach romantisch überbordenden Thesen niederlegt, mag abschreckend wirken, komisch, wirr. Doch trifft Kierkegaard in seiner psychologischen Analyse ins Schwarze, und wer das erleben möchte, wird sich mit dem Werkcharakter anfreuden.
Die in der "Krankheit zum Tode" poetisierten Ideen sind alt wie das Abendland. Der Autor führt sie zusammen, er malt eine neue Landschaft aus alten Farben, und das meisterlich, das Ergebnis ist schön und befremdlich, fließende Verläufe, impressionistisch gar. Keine Preziose, sondern großes Werk, das steht und bleibt. Ein Vorgreifen aufs zwanzigste Jahrhundert, eine Philosophie der Bedingtheit, der Relativität, eine existenzialistische Philosophie, von "Anti-Climacus" (Kierkegaards diesmaliges Pseudonym) im Speziellen formuliert zu einer poetisch-psychologischen Grundlage des christlichen Glaubens.
Zum Inhalt. Ohne absoluten Bezugspunkt ist der Mensch verzweifelt. Verzweiflung ist die Krankheit zum Tode. Für Anti-Climacus ist dieser Bezugspunkt Gott, Verzweiflung die Sünde. Für Nichtkatholiken eine Metapher, die an Wahrheit nichts einbüßt - man muß sich nur umsehen. Heilung vermittels des Textes dürfte all den Verzweifelten versagt bleiben, da sie ihn per definitionem nicht annehmen können. Eine Zwickmühle, in der auch der Autor und Leser wie ich feststecken, die sich für nicht verzweifelt halten. Mein Rat lautet: einfach trotzdem lesen. Die Ironie im verwelkten Hirn als das deuten, was sie ist, und reagieren.

"Es ist aber gerade das Allgemeine [...], daß die meisten Menschen leben, ohne sich ihrer Bestimmung als Geist recht bewußt zu werden - und daher all die sogenannte Sicherheit, Zufriedenheit mit dem Leben usw. usf., was gerade Verzweiflung ist."
"Auch wenn die Menschen noch so eitel und eingebildet sind, so haben sie doch zumeist eine sehr geringe Vorstellung von sich selbst, daß heißt, sie haben keine Vorstellung davon, Geist, das Absolute zu sein, wie ein Mensch sein kann;"
"Der Mensch ist Geist. Doch was ist Geist? Geist ist das Selbst. Doch was ist das Selbst? Das Selbst ist ein Verhältnis, das sich zu sich selbst verhält, oder es ist in diesem Verhältnis jenes, daß dieses sich zu sich selbst verhält; das Selbst ist nicht das Verhältnis, sondern daß sich das Verhältnis zu sich selbst verhält."

Rehe am Meer - Ralf Rothmann

Ein Kurzgeschichtenband eines mir bis dato unbekannten Autors. Thema ist die Melancholie.
Wie in einem Variationenzyklus wird dieses Thema vor unterschiedlichen Szenarien bearbeitet, durchdrungen, erfühlt. Die Ausgestaltung ist vielfältig, der Autor verfügt über Stil- und Ausdrucksmöglichkeiten, die selten Wiederholungsgefühle zulassen. Generell sind es zarte, hauchzarte Geschichten, so fragil, so subtil beimpft mit Stimmung und Bedeutung, dass mir das stellenweise auf den Wecker ging. Feinsinnig, empfindsam, rücksichtsvoll - Adjektive, die zu Rothmann passen wie die Faust aufs Auge, doch wünscht man sich gelegentlich etwas Direktheit, schlicht und einfach, z.B. im titelgebenden „Rehe am Meer“. Eine Erzählung, die hauchend vergeht im Schnee, vor Sehnsucht vielleicht, Trauer, es wird nicht ganz klar, Rehe laufen umher, zumindest symbolisch ist schwer was los.
Andere Geschichten treffen meinen Geschmack, loten das Leitmotiv aus, im kammermusikalischen Sinne natürlich, und schaffen den Kontakt. Diese empfehlenswerten sind „Willst du Nudeln?“, „Spitze Schuhe“, „Gethsemane“, „Mein zweibeiniger Bäcker“. Sonderstellung haben „Den Blitz begraben“ und „Tausend Mönche“, Erstere ist doch tatsächlich lustig, Letztere wagt eine Wendung im Sinne nichtfiligraner Literatur.
Die Geschichten gefielen mir besser und besser, je mehr ich davon las. Rothmann ist ein Meister, mit dem man warm werden muss. Ein Meister des Stillen, des Einsamen, Verlassenen. Ein Meister, der viel geschrieben hat.