Dienstag, 19. November 2013

Zwei Kurzgeschichtenbände - Raymond Carver

Der "Erneuerer der amerikanischen Kurzgeschichte" hatte eins dieser unfertigen Leben, immer nahe am Abgrund, vom Alkohol ver- und angetrieben. Mit fünfzig starb er am Krebs. Die unselige Beziehung zum Lektor Gordon Lish wurde seither selbst zur lakonischen, carvertauglichen Geschichte.

Würdest du bitte endlich still sein, bitte (1976)
Beispiel Lish-Lektorat. Aufs Äußerste reduzierte Erzählungen, Lakonie mit allen Mitteln. Offene Enden, in denen etwa Themen oder Stimmungen sich allenfalls andeuten, denn Ausdrücklichkeit wäre Sünde. Die Geschichten wirken abgehackt, unfertig und bezugslos im Raume stehend. Ein Eindruck, der auch am Ende des Bandes noch besteht, wenn das Strickmuster sich allzu oft wiederholt und nur von wenigen Ausnahmen hat unterbrechen lassen. Ich erkenne das stilistische Können an, nur fehlt mir der Inhalt. Zwei, drei wirklich tolle Geschichten sind dabei, z.B. die letzte, der Rest ist wie lose Blätter, die dem Spaziergänger um die Nase wehen. Sie bringen ihren feinen, unnennbaren Duft; kaum sind sie vorüber, bleibt nichts übrig.

Kathedrale (1983)
Das Beispiel ohne Lish. Etwas völlig anderes. Carver schreibt länger, ausgedehnt, nimmt sich Zeit, geht auf die Figuren ein und - auf seine Themen! Die Geschichten sind immer noch offen, meistens stellt sich aber das Gefühl eines Abschlusses zumindest für die Protagonisten ein. Ich kann nicht sagen, was mir besser gefällt, in "Würdest..." bringt mich das bemüht Karge zum Kichern, "Kathedrale" hingegen ist langatmig und gnadenlos. Die Suche des alleinerziehenden Vaters nach einer Kindsbetreuung empfand ich als quälend, auch, weil sie gut geschrieben ist, die des arbeitslosen Farmers als nicht besser. Hingegen erstklassige Texte gibt es ebenfalls, z.B. den ersten und den letzten. Um der Analogie treu zu bleiben, haben wir es bei "Kathedrale" mit öligen Blättern aus dem Rinnstein zu tun, die an unseren Sohlen kleben bleiben und sich erst nach längerer Wegstrecke wieder lösen.

Samstag, 9. November 2013

Drei Bücher zur Verslehre

Einführung in die Verslehre – Hans-Dieter Gelfert
Ein Reclam-Büchlein, kompakt und griffig. Gelfert gliedert seine Übersicht in einen systematischen und einen historischen Teil. Die Systematik nähert sich ihrem Thema Schritt für Schritt von außen, vom eigentlichen Grund zu dichten geht es über Schichten nach innen, Strophe, Reim, Vers, Silbe, und deren Möglichkeiten. Die Historik schließlich widmet sich den bestehenden Formen, deren Entstehung und Charakteristik, anhand ausreichender Beispiele.
Die Platzprobleme in solch einem kleinformatigen, schmalen Bändchen sind durchweg spürbar. Der Autor faßt sich knapp, mit energischem Willen zur Vollständigkeit treibt er sein Sujet vorwärts und kommt nicht selten ins Stolpern. Was er schreibt, die knappen Absätze, ist wohlüberlegt und flüssig zu lesen. Ich vermisse jedoch einen roten Faden, isoliert und sprunghaft werden die Kategorien behandelt, zu enzyklopädisch schmeckt die Struktur. Aufgrund des erzählenden Duktus ist das Büchlein als Nachschlagewerk aber ebensowenig zu gebrauchen – ein Zwittertext, der nicht weiß, wohin.

Einführung in die deutsche Metrik – Daniel Frey
Die strenge Form mancher Verse wird hier am Sekundärwerk höchstselbst demonstriert. Frey wählt einen starren zweiseitigen Aufbau, links behandelt er das jeweilige Thema, es geht um die Bausteine, Rhythmen, Verse, Strophen, Dichtarten, und rechts gibt es Beispiele. Das ist sehr anschaulich und schnell nachzuvollziehen, weshalb Freys Kompendium sich von den drei Vorgestellten am besten zum kompakten Nachschlagewerk eignet. Nachteil an dieser Teilung ist, dass der festgeschriebene Raum von einer Seite zu Abstrichen in der Behandlung solch heterogener Gegenstände führen muss. So wird der Stanze, dem Sonett, der Ode der gleiche Platz eingeräumt wie dem trochäischen Fünfheber oder dem Stabreim des Mittelalters. Nichtsdestotrotz ein gutes Buch, dem es an aussagekräftigen Beispielen nicht mangelt.

Einführung in den neueren deutschen Vers – Alfred Behrmann
Ein Geschichtswerk. Unter den dreien gelingt es Behrmann am besten, eine schlüssige und aus sich selbst entwickelte Entstehung der Versarten im Deutschen zu geben. Das Buch war mal eine Vorlesung, im Vergleich zu seinen Kollegen argumentiert Behrmann auch eher wissenschaftlich, trifft aber trotzdem einen angenehmen Ton und bleibt für den Laien stets verständlich. Wer erfahren möchte, wie sich die deutsche Poesie seit der lutherischen Zeit entwickelt hat, ist hier richtig. Beispiele sind knapp, Behrmann gelingt es vielmehr in eigenen Worten, die Zusammenhänge, die diskutierten Elemente darzustellen, er verfügt über die entsprechenden Begrifflichkeiten und bedient sich ihrer in sichtlich geübter Weise. Eine rundum gelungene Übersicht, zu lesen wie ein Roman und voller Leidenschaft, die der bemüht sachliche Vortrag an keiner Stelle verleugnen kann. Der romantischste der drei Texte, romantisch vielleicht wider Willen. Nicht der gröbste Fehler, wenn es um Dichtung geht.

Freitag, 8. November 2013

Heimliche Helden - Ulrike Draesner

Ein vom Feuilleton hochgelobter Essayband. Die Autorin ist einigen Größen der, mit Ausnahmen, deutschsprachigen Weltliteratur auf den Fersen, widmet sich klug Werk und Person.
Mir hat das Buch nicht gefallen wollen. Von enthusiastischen Rezensionen gereizt, erwartete ich ein unterhaltsames, bildendes Lesevergnügen, am Ende gar eine innigere Beziehung zu den mir bekannten Autoren, ein erstes Kennenlernen der unbekannten. Das hat Draesner nicht geschafft.
Stattdessen betreibt sie eitle Nabelschau, drückt sich in spektakulären Idiosynkrasien aus, was avantgardistisch wirken und Kritiker beeindrucken soll, letztlich idiotisch wirkt und nervtötend ist. Die Autorin verwendet Sätze wie Ausrufezeichen, Sätze, die manchmal nur aus Substantiven und Doppelpunkten bestehen. Und noch prägnanter und näher dran am Puls der Literatur geht es zu, wenn plötzlich Einwortsätze einander jagen, atemlos, Einwortabsätze, und die Seite auch in der Metaebene Gestaltung findet. Das ist starke Schreibe, sieht stark aus, ist auch irgendwie lapidar und auf den Punkt, ist stark, ist mutig, ist kopflos. Lesen läßt sich das nur unter konstantem Ärger. Es gibt Abschnitte, in denen eine mögliche Aussage unter all dem stilistischen Flitter nicht zu erkennen ist. Kunstvoll synkopierende Assoziationsfolgen reihen sich zum strukturellen Zungenschnalzer, aber was steht da überhaupt? Man lese die Einleitung zu Hebel, um zu verstehen, was ich meine.
Aber das Buch ist nicht durchweg schlecht, gottlob, die Qualität schwankt, es gibt bessere Passagen. Fabre ist ganz gut.
Ich kann Heimliche Helden nicht empfehlen. Dieser Zwang zu Blinklicht und Werbepause. Warum nicht eine ganz normale Sprache? Draesner kann wunderbar analysieren, hat tolle Ideen, doch trotz ihrer offensichtlich außergewöhnlichen Fähigkeiten begibt sie sich in konzedierende Tiefen, die sie nicht nötig hätte. Schade drum.

Tage der Toten - Don Winslow

Das Buch wurde mir nahegelegt, ein dichter, packender Krimi, der Seinesgleichen suche.
Vor seiner Schriftstellerkarriere hatte Don Winslow ein bewegtes Leben, die zahlreichen Romane, allesamt harte Agentengeschichten, Thriller, sind wohl aus eigener Erfahrung gespeist. Tage der Toten steht aus dem ansonsten stromlinienförmigen Oeuvre heraus, eine großangelegte, generationenüberspannende Geschichte über den Drogenkrieg an der US-amerikanischen Südgrenze, der Versuch einer Bestandsaufnahme des modernen Amerika, wenige Hauptpersonen durchstreifen die Jahrzehnte, historische Ereignisse, historische Figuren; Freunde und Feinde, deren Wege sich kreuzen, Fiktion vermengt mit der Wirklichkeit. Die große, ganz große Kulisse, und doch ein Kammerstück.
Ich habe eine Weile gebraucht, um warm zu werden mit dem Roman. Das erste Kapitel ist unförmig, unablässig „denkt“ der in Adverbien schwelgende Protagonist, ein Stil zum Abgewöhnen. Das ändert sich. Winslow gestaltet die Kapitel der jeweiligen Handlungsträger charakteristisch, bis in den Stil hinein. Das „Denken“ bleibt Arthur Keller überlassen, die holzköpfigen Ganoven sind schon direkter unterwegs, und solcherart Nuancen finden sich bei allen Figuren. Dazu kommen gewagte Perspektiv- und damit wieder Stilwechsel, ein videoclipartiger Eindruck entsteht.
Der ehrgeizige Plot verfranst sich gerne in ausufernden Etäppchen, die Handlung kommt dann kaum voran, in besseren Teilen gelingt es dem Autor, das Tempo hoch, den Effekt brutal zu halten. Diese hardboiled-Schreibe ist allerdings immer etwas schwammig, immer alles seltsam kursorisch, als stünde die Erzählung knapp neben dem Geschehen. Das mit großem Aufwand und viel Insiderwissen gezeichnete Milieu wirkt deshalb nur fast echt. Irgendetwas fehlt.
Die Figuren bleiben trotz aller liebevollen Ausarbeitung Klischeeware: der unversöhnliche Rächer, die grundgute Nutte, der entspannte Priester. Die Handlung umspannt Dekaden, besteht aber zu großen Teilen aus Schießereien, in denen die Grundregeln des Hollywoodkinos herrschen. Tote gibts hunderte, tausende, ein wenig abgegriffene Poesie hinterher, und niemanden scherts.
Ein ambitioniertes Buch, das über die Genregrenzen hinausgeht, gespickt mit erinnerungswürdigen Momenten, ruiniert durch mangelnde Verschlankung, durch Unentschlossenheit und Ziellosigkeit. Ein ähnlich ambitioniertes Lektorat, und Tage der Toten hätte ein großes Buch werden können.