Freitag, 11. Oktober 2013

Stirb und werde - André Gide

Romantisch verbrämte, episodenhaft verdichtete Autobiographie des Franzosen, geschrieben im Alter von knapp fünfzig Jahren, in für die damalige Zeit sehr offener und reflexiver Weise. Die gesellschaftlichen Normen konnte Gide wohl nicht zuletzt wegen seiner gehobenen, finanziell unabhängigen Stellung derartig herausfordern. Der Buchtitel ist miserabel übersetzt - ins genaue Gegenteil des Originals.
„Stirb und werde“ ist die Lebensgeschichte eines dieser bemerkenswert autonomen Menschen, die über die dichterische Präsenz verfügen, die ihrer außergewöhnlichen Erkenntnis gerecht wird. Das zerworfene Leben, das aus den Trümmern von Ermattung und Resignation letztendlich zum Erwachen führt, den lange verleugneten Weg vor sich strahlend ausgebreitet, ist Urmoment im Wachsen des Menschen. Die Befreiung vom Scheinbaren, die Wenigen vorbehalten ist. Und wenn die Wenigen noch gut schreiben, ist es zum epochemachenden Werk nicht weit.
Einzigartig bei Gide mag die Unbekümmertheit sein, mit der er zwei große klassische Leidenswege biographisch verflicht: die quälende, von Zweifel und Rückschlägen belastete Hinwendung zum wahren Leben, der Literatur, dem Geist, sowie die nie ganz abgeschlossene Expedition durch die Tiefen von Schuldgefühl und puritanisch-bürgerlicher Moral, hin zur freudigen Bejahung der eigenen Homosexualität. Eine wohlabgeschmeckte Parallelität, kunstfertig und symbolhaft, der Ästhetik der Parnassiens voll und ganz genügend.
Einzigartig auch der Stil, der in der Übertragung von Ferdinand Hardekopf - vergessen wir den Titel - so vollmundig daherkommt, dass man das Buch nicht aus der Hand legen will, und wohl zum Besten gehört, was die französische Literatur der Jahrhundertwende zu bieten hat. Gides umfassende selbstverordnete Erziehung baut auf den alten Klassikern, den französischen und deutschen Neuklassikern und vor allem auf den Romantikern und Zeitgenossen, und zu seinem Glück ist er mit der alles entscheidenden Eigenschaft gesegnet - dem Geschmack, aus diesem überbordenden Grundstock keine farblose Soße, sondern etwas Schlankes, Neues, Eigenständiges zu fabrizieren. Das Ergebnis wirkt auf den ersten Blick mit all den Anekdoten, Abschweifungen, Verästelungen wie romantisches Geplauder, ist mit stets geordneter Klarheit und richtungsgebender Geradlinigkeit aber gleichzeitig modern. Ein Stil, der die Zeiten nicht überlebt hat. Ein Eklektiker, der sein Handwerk beherrscht. Ein Erastes, galant und witzig.

„Sie tanzten auf die alte Oulad-Weise, den Kopf geradeaus und den Rumpf unbeweglich, die Hände biegsam und das ganze Innere erzitternd vom rhythmischen Aufschlagen der Füße […] während der kleine Mohammed, in lyrischer Wildheit, seine Schellentrommel bearbeitete. Oh, er war schön! Halb nackt unter seinen Lumpen, schwarz und schlank wie ein Dämon, offenen Mundes, wirren Blicks …“

Donnerstag, 10. Oktober 2013

Gerechtigkeit - Michael Sandel

Wie wir das richtige tun
Ein angenehm lesbarer Überblick zur Freiheits- und Gerechtigkeitsdebatte der vergangenen Jahrzehnte. Sandel, ein Harvard-Philosophieprofessor, pflegt die nicht von vorneherein verwerfliche Haltung, Sachbücher einfach und verständlich in geschmeidigem Stil abzufassen. Zudem gelingt ihm das hervorragend, ich kannte mich auf dem Gebiet kaum aus und hatte nie Verständnisschwierigkeiten.
Der Preis einer derartigen Zugänglichkeit ist unvermeidlich. Um Wirkung zu erzielen, kurze Aufmerksamkeitsspannen nicht zu überfordern und dem Publikum in jedem Fall genügend Unterhaltung zu bieten, werden Gedankengänge gerafft, auf den Punkt gebracht, pointiert, mit anschaulichen Beispielen versehen und dann gerne frühzeitig verlassen, um attraktiveren Pfaden zu folgen. Es ist kein Standardwerk, sondern ein Lesebuch, das man im Urlaub mal an den Strand mitnehmen kann. Man muss Sandel anrechnen, dass er anders als viele seiner Sachbuchkollegen auf den nervtötenden, Versagen schwitzenden Humor verzichtet, der aus dem US-geprägten populärwissenschaftlichen Buchsektor, besonders bei Professoren und Doktoren auf dem Umschlag, nicht mehr wegzudenken ist. Sandels Witzeln bewegt sich in erträglichem Rahmen, dem durch die US-Sachbuchinnung vorgeschriebenem Minimum. Dort wird man bekanntlich auch zu unsäglichen Zwillingsformeln in Kapitelüberschriften verpflichtet: ‚Baseballbilder und Toiletten‘, ‚Humes Haus und die Windschutzscheibe‘. Vorwerfen muss man dem Autor die stellenweise durchscheinende Eitelkeit, und vor allem sich mit der Aufmachung und dem lächerlichen PR-Brimborium (Sandel hat eine Internet-Show, direkt aus dem Hörsaal!) der grassierenden Vereinnahmung durch Medien und Werbung zu ergeben. Klar, er erreicht Leute, aber schon innerhalb seiner eigenen Moral liegt er damit falsch, die übrigens eine sehr durchdachte und sympathische ist.
Im Buch verfolgt Sandel ausgehend von den Ursprüngen der Gerechtigkeitsphilosophie deren Entwicklung nach und stellt die aktuell beliebten Positionen gegenüber, das sind vor allem Utilitarismus, Libertarianismus, Konsequenzen aus Kant und Aristoteles, und John Rawls’ Egalitarismus, den er sehr mag und aus dem er seine eigene Vorstellung ableitet, einen ‚narrativ‘ geprägten Kommunitarismus. Als fraglich gerechte Gesellschaftsformen diskutiert er Feudal- und Kastensystem, den libertarianisch freien Markt, die Meritokratie, und das in die richtige Richtung zielende rawlssche Unterschiedsprinzip.
Nach der vergnüglichen und erhellenden Lektüre ist mir wieder einmal unverständlich, wieso das Gute gedacht, aber nicht umgesetzt werden kann. Da hocken tausende Studenten in den Geisteswissenschaften herum, erhalten eine luxuriöse Bildung und die Essenz schlauer Denker mehrerer Jahrtausende eingeimpft, und die Welt ist trotzdem wie sie ist. Es bringt also alles überhaupt nichts. Zu empfehlen ist das Buch trotzdem.

„Moralität ist nicht empirisch. Sie steht ein Stück weit abseits vom Getriebe der Welt. Sie gibt ein Urteil über die Welt ab. Die Naturwissenschaft kann moralische Fragen nicht erfassen, weil sie innerhalb der Sinnenwelt operiert.“
„In einer kapitalistischen Gesellschaft ist es hilfreich, unternehmerischen Elan zu haben. In einer bürokratischen Gesellschaft nützt es einem, dem Vorgesetzten um den Bart gehen zu können. In einer Gesellschaft der Massendemokratie hilft es einem, wenn man im Fernsehen gut aussieht und sich in kurzen, oberflächlichen Sprüchen äußert.“
Die Haltung, nach der man als Nachgeborener mit der Judenvernichtung nichts am Hut hat, „geht zu Unrecht davon aus, dass das Selbst von seinen sozialen und historischen Rollen und seinem sozialen und historischen Status gelöst werden kann.“
„Eine der auffälligsten Tendenzen unserer Zeit ist die Ausdehnung der Märkte und des marktorientierten Denkens auf Lebensbereiche, die traditionell von anderen Normen beherrscht wurden.“

Fräulein Jacobs funktioniert nicht - Louise Jacobs

Als ich aufhörte, gut zu sein
Ein Mädchen, das in der Schule versagt, den Anschluss verpasst und Eltern hat, die das nicht verkraften können. Startschuss fürs Leben von Fräulein Jacobs, in diesem Buch rückblickend in Prosa gesetzt und berührend.
Louise Jacobs stammt aus gutem Hause, wächst auf in der Schweiz, fühlt sich dort, wie in ihrer Familie, nie heimisch. Der Konflikt, der die von der Autorin als diverse Schulschwächen erklärten Epiphänomene auslöst, typischerweise die allzu ehrgeizige Erziehung, wird im Buch nur angedeutet. Stattdessen beschreibt Jacobs die Folgen, das schulische Scheitern, verzweifelte elterliche Versuche, die Tochter irgendwie auf Kurs zu bringen, die Flucht nach Amerika und die schließliche Somatisierung in Form einer Magersucht. Das ist recht banal, solche Biographien gibt es zuhauf.
Was das Buch gut macht, ist auch nicht der Stil. Jacobs erzählt schnörkellos rekapitulierend, zur bemühten Auflockerung, Brechung, Literarisierung, was weiß ich, flicht sie eine zähe zukünftige Perspektive ein, wo ihre Figur, am Ziel ihrer Wünsche, den so dringlich ersehnten Naturerlebnissen nachgeht. Das lässt sich ausblenden, dann packt die eigentliche Lebensgeschichte mit großer Aufrichtigkeit, Nähe, und neugieriger Reflexion, die in den Seelentiefen allenfalls gelegentlich auf federnden Widerstand trifft. Denn ein Rest unerkannter, liebenswerter Naivität liegt dort zu Grunde, und trägt bei zum Reiz dieses sympathischen Buchs.

Drei bis vier Romane - Andreas Eschbach

Ich habe von Andreas Eschbach mal ein Buch gelesen, Quest hieß das, da ging es um einen Raumschiffkapitän, der, todkrank, in einer sterbenden Welt eine Suche nach Gott unternahm, mit wundervollem Ende. Das ist lange her, und vorerst werde ich Quest nicht wiederlesen. Aber drei andere Romane habe ich aus dem Schrank geholt, die standen daneben.

Die Haarteppichknüpfer
Der Erstling, Nachsicht waltet. Trotzdem finde ich das Buch nicht gut, zu sehr scheint der Anfänger durch. Es bessert sich zwar, die späteren Kapitel wirken sicherer, aber im Vergleich zur aalglatten Prosa z.B. des "Letzten seiner Art" durchweht die "Haarteppichknüpfer" der jugendliche Duft der Schreibwerkstatt.
Die Geschichte besteht aus aneinandergereihten Schnipseln, Kurzgeschichten, deren Bezug sich erst verzögert aufklärt, die am Ende ein grobes Mosaik bilden und mühsam konstruierte Fragen klären. Plotlöcher, unglaubwürdige Charaktere, hölzerne Dialoge usw., ist alles da, aber Eschbach macht es bereits jetzt besser als die handelsüblichen Papierproduzenten, die Hohlbeins, Heitze, und wie sie alle heißen. Denn eines muss man ihm lassen: das Gespür für große Themen. Auch wenn die Mittel dafür ihm noch vollkommen abgehen.

Das Jesus-Video
Verfilmt, viel Geld mit verdient, also keine Zurückhaltung mehr. Oder doch, immerhin waren das die Neunziger, da hat man sowas gelesen und Dan Brown war nichtmal geboren. Aber sowieso besteht kein Grund zur Härte, denn auch hier ist der Stil sympathisch unbeholfen, wenn auch schon angepasster, stromlinienförmiger. Die Gelassenheit des Veröffentlichten.
Der Plot ist durchdacht und entblößt seine Beliebigkeit selten, und läßt man sich auf die bemühten Charakterisierungsversuche ein, sind die vierhundert Seiten schnell gelesen. Wieder ein grosses Thema, das diesmal aber im Regen stehen gelassen und von der aufgeblähten Thrillerhandlung erdrückt wird. Oder zugedeckt zumindest, denn so viel wiegt die nicht.
Bei dieser Gelegenheit frage ich mich, was das Befremdliche ist am Strickmuster solcher Thriller nach US-Vorbild. Ich habe etliche gelesen, alles Kammerstücke. Ob Ortsbegrenzung oder nicht, nur wenige Personen treten auf, alle aufgeladen mit scharfkantiger Bedeutung, der Idealist, der Lockere, der Professor, die gebildete Blondine, der Skrupellose. Das Zeug liest sich gut weg und fühlt sich immer unecht an, warum? Eschbach selbst scheint gemerkt zu haben, in welches Fahrwasser er gerät, flicht regelmäßig Kapitel ein, in denen er diesen Schablonen Tiefe attestiert, den Skrupellosen z.B. plagen Eheprobleme. Das ist recht possierlich, ich rate von der Lektüre aber ab.

Der Letzte seiner Art
Furchtbar müde und umständlich. Ein Cyborg, Überbleibsel verrückter militärischer Experimente mit Bart, sucht Zuflucht in einer irischen Küstenstadt und wird dort schließlich ausfindig gemacht. Er flieht, offenes Ende, düstere Anklänge.
Eschbach schreibt jetzt nicht mehr sympathisch, er hat sein Handwerk gelernt. Aalglatt, ohne Ecken und Kanten, Charme oder Charakter. Und nicht mal ein ordentliches Thema, wem gehört mein Körper, naja.
Die eschbachschen Veröffentlichungen der letzten Jahre wirken leider, als wären sie ähnlich wie dieses Buch zielgenau hin auf einen Genremarkt produziert, weswegen in meinem Blog vorerst keine weiteren Bücher von Andreas Eschbach landen werden. Trotz meiner miesen Kritiken habe ich den Glauben aber nicht verloren und werde warten. Er soll jetzt in Gottes Namen die handelsübliche Menge Polit-, Umwelt- und sonstwelche hochaktuellen Thriller rausbringen, irgendwann hängen die ihm zum Hals raus und er schreibt wieder was Gutes. Das ist wie mit fahrradfahrenden Vierzigjährigen.

Wer bin ich, und wenn ja, wie wie viele? - Richard David Precht

Der Mann hat keinen guten Ruf. Verschrien als Talkshow-Schönling und bestsellergenerierender Schundphilosoph, erhält er mittlerweile sogar vom verfeindeten Feuilleton Schützenhilfe, aus schlechtem Gewissen vielleicht, das den Neid elitärer Kreise auf einen hübschen, erfolgreichen Mann diagnostiziert. Precht kann’s egal sein, er erreicht Millionen. Und wie schaut es im Buch aus?
Harmlos. Precht greift die populären Fragen heraus und schreibt ein wenig zur jeweiligen Geistesgeschichte. Eine lockere Umschau, ein Plauderkränzchen. Keine neuen Gedanken, stattdessen bekömmliche Häppchen ohne Kalorien. Ob einem Laien das als "Einführung in die Philosophie" taugt, sei dahingestellt, denn auch Laien haben Bedürfnisse und werden nach dieser Lektüre ausgesprochen unbefriedigt bleiben, haben sie doch keine Antworten und erst recht keinen strukturierten Einblick erhalten.
Ich kann die Banalisierung von Allem nicht leiden, ich bin auch nicht der Meinung, dass man die Leute "abholen" muss. Es war also zugegebenermaßen ein abgekartetes Spiel, und ich schließe mich hiermit den o.g. Vorurteilen an. Aber kann man dem Mann böse sein? Wer einen derartigen Geldhahn gefunden hat, tut sich verständlicherweise damit schwer, ihn wieder zuzudrehen. Wer weiß, wie wir uns in seiner Lage verhielten.