Montag, 16. September 2013

Eichmann in Jerusalem - Hannah Arendt

Ein Bericht von der Banalität des Bösen
Jede Generation entwickelt ihre eigene Taktik. Die Zeitzeugen wussten von nichts; die Kriegs- und Nachkriegskinder blicken auf die toten Eltern, unvorstellbar, was die taten und zuließen, unvorstellbar, nichts gewusst zu haben; die Kinder dieser Kinder geht es nichts mehr an. Ein solches Kind bin ich.
Ein beliebtes antisemitisches Argument macht die Juden für den Antisemitismus verantwortlich: Die unnachgiebige Präsenz, der ewig erhobene Zeigefinger seien Hauptursache für das Ressentiment, der jahrhundertealte Haß ein selbstverschuldetes Problem. Ein Gedanke, der in seiner bloßstellenden Kraft heutzutage auch von den abgebrühten Cretins höchstens noch augenzwinkernd vorgetragen werden kann.
Doch schlägt der Spott um in Tragik, wenn dieses Argument Bestätigung auf einem wichtigeren Gebiet findet als bei den Verdauungsgesprächen gehoben debiler Kreise, dem Lehrplan nämlich, zumindest dem der Neunziger Jahre. Kein humanistisches Fach, das damals ohne die endlos unreflektiert wiederholte Litanei ausgekommen wäre. Das verblüffende Desinteresse am Schüler, der Mangel an Psychologie, an Empathie, kurz, die qualvolle Neurose der Lehrplanersteller aus den besten überkompensierenden Jahrgängen erzeugte bei uns nichts als Abwehr. Dadurch wurde ich nicht zum Antisemiten. Aber ein Thema, das mich bislang nicht berührt hatte – die Judenvernichtung im Dritten Reich – wurde dauerhaft zum roten Tuch.
„Es stellt sich … heraus, dass die Entwicklung eines Individuums durch die Entwicklung aller anderen … bedingt ist, und dass die verschiedenen Generationen … einen Zusammenhang unter sich haben, dass die Späteren in ihrer physischen Existenz durch ihre Vorgänger bedingt sind, die von ihnen akkumulierten Produktivkräfte und Verkehrsformen übernehmen und dadurch in ihren eigenen gegenseitigen Verhältnissen bestimmt werden. Kurz, es zeigt sich, dass eine Entwicklung stattfindet und die Geschichte eines einzelnen Individuums keineswegs von der Geschichte der vorhergegangenen und gleichzeitigen Individuen loszureißen ist, sondern von ihr bestimmt wird.“ [Marx, Dt. Ideologie, MEW 3, 423]
Marx dient hier als Herold einer der Grundzüge der abendländischen Philosophie. Nach der schulischen Roßkur habe ich lange gebraucht, um mir diesen Grundzug anzueignen, zu lernen, dass ich in der Geschichte stehe. Das Selbst kann nicht von seinem sozialen Umfeld und seiner historischen Rolle gelöst werden [M. Sandel]. So sehr man auch nach Isolation strebt, das Ich ist ein Produkt der gemachten Erfahrungen, mit Menschen, ohne Menschen. Die Gesellschaft und die Geschichte der Gesellschaft formen das Individuum. Wir sind zeitliche Wesen. Wer das nicht erkennt, hat keine Stimme.

Hannah Arendt war im Auftrag einer amerikanischen Zeitung Beobachterin des Eichmann-Prozesses. Der aus mehreren Essays hervorgegangene Bericht hat mich wochenlang beschäftigt. Was macht ihn so außergewöhnlich? Arendt ist eine brillante Schriftstellerin, das Thema eines der Schrecklichsten des Zwanzigsten Jahrhunderts. Ein Spannungsverhältnis.
Arendt konzentriert sich auf den Prozess, nicht auf Eichmann. Sie kritisiert die Anklage, die Beweisführung, die Umstände, die Rechtsbrüche. Ihre eigentliche Aufgabe, die Beobachtung, verwebt sie, gekonnt wie ein Romancier, mit ausführlicher subjektiver Reflektion über den Holocaust. Die Gräuel der Nazis schildert sie kühl, wirft die ungeheuren Zahlen in den Raum, um sich dann der Analyse der israelischen Rechtslage zu widmen. Gegenüber passiven oder kollaborienden Juden ist sie gnadenlos. Sie psychologisiert, wo es nur geht, liest in Zeugen, in den Anwälten, in Eichmann. Alles, was sie schreibt, leuchtet ein; nie wird es langweilig. Fraglos war Arendt eine enorm gebildete Frau, die ihre Bildung auch aufs Papier brachte.
Womit wir beim Problem wären. Das Ganze liest sich so gut, so süffig, so schön. Ein Prozessbericht zwar, gleichzeitig Hochliteratur. Schlichtweg alles würde gefallen, schriebe man es so. Angesichts der Art, wie Arendt Einzelne und Gruppierungen charakterisiert, dann segnet oder verurteilt und ihr dabei die Herzen zufliegen, stellt sich die Frage: Ist es weise, etwas derartig Furchtbares, die Vernichtungshölle, die Opfer, die Täter, in betörende Prosa zu fassen, schlagfertig, geistreich, voller hinreißender Einfälle und Pointen? Um Ausgleich zu wirken sicher nicht. Die der Veröffentlichung folgenden Verwerfungen waren Legion.
Geniale Autoren sind eitel. Zur Vervollständigung des genialen Bildes sei deshalb der arendtsche Eitelkeitsnachweis erbracht: Regelmäßig nimmt sie die „erhabenen Gefühle“ aufs Korn, die Eichmann gerne als Motivation hinter seinen Handlungen sieht. Genauso regelmäßig verfällt sie allerdings selbst in schwülstigen Stil, gleitet in Kitsch ab und verfällt auf simple Mittel. Als Beispiel der Schluss, der ihr das eine oder andere erhabene Gefühl abgerungen haben wird: „In diesen letzten Minuten war es, als zöge Eichmann selbst das Fazit der langen Lektion in Sachen menschlicher Verruchtheit, der wir beigewohnt hatten – das Fazit von der furchtbaren Banalität des Bösen, vor der das Wort versagt und an der das Denken scheitert.“ Das Los aller Schriftsteller: sie sind intrinsisch unglaubwürdig. Eine endlose Schleife.

„So bleibt also nur übrig, dass Sie eine Politik gefördert und mitverwirklicht haben, in der sich der Wille kundtat, die Erde nicht mit dem jüdischen Volk … zu teilen, als ob Sie und Ihre Vorgesetzten das Recht gehabt hätten, zu entscheiden, wer die Erde bewohnen soll und wer nicht. Keinem Angehörigen des Menschengeschlechts kann zugemutet werden, mit denen, die solches wollen und in die Tat umsetzen, die Erde zusammen zu bewohnen. Dies ist der Grund, der einzige Grund, dass Sie sterben müssen.“
Der Urteilsspruch symbolisiert die Hilflosigkeit der Nachwelt. Das Gehorsamsdilemma wird nicht aufgelöst, die Todesstrafe aus einem grotesken Widerspruch heraus begründet. Man hatte die Hölle nicht verstanden und kein Mittel gefunden, ihr zu begegnen.

Das Buch hat mich tief bewegt. Ist man ein Mensch, und hat man eine Stimme, dann ist Arendts Bericht trotz aller literarischer Anmutung eine schonungslose Konfrontation mit der deutschen Vergangenheit, mit Massen- und Einzelschicksalen, die in die Hölle gingen.
Die Hölle. Was im Menschen lauert, das Unvorstellbare, Unnennbare, tief unter den mürben Schichten, ist so fremdartig, so unbegreiflich, so fürchterlich, dass irgendwo der Wahnsinn sitzt. Unvorstellbar, zu was Menschen werden können. Und während wir sitzen und lesen, geschieht das Grauen, es gibt keine Hilfe.

Sonntag, 15. September 2013

Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend - Andreas Altmann

Die späte Abrechnung eines ungeliebten Sohnes mit dem Elternhaus. Altmann plaudert aus der Erinnerung, erzählt seine Kindheit in locker gefügten Kapitelchen. Lieblos und gewalttätig geht es dort zu, dem Bub wird von Anfang an zu verstehen gegeben, dass er nicht willkommen ist; unerbittlich wird er auf Versager und Kuscher getrimmt. Die Neurosen und Therapien im Erwachsenenalter sind unvermeidlich, die Unsicherheit, die Scham, die lebenslangen Schuldgefühle den Unterdrückern gegenüber. Da geht es Altmann wie Millionen Kindern weltweit, in der uralten großen kindlichen Tragödie ohne Publikum, die die Psychotherapie erst so spät vollendet in Kapital umzumünzen gelernt hat.
Dass seine Geschichte nicht bewegt, liegt an den literarischen Mitteln. Die Kapitel sind knappe Schlaglichter, die einem wie auch immer gearteten potentiellen Stil keine Entfaltungsmöglichkeit bieten. Jederzeit spürbar die anhaltende Wut, die auch vierzig Jahre danach noch den Drang zum Schreiben liefert. Der Text ist eine Rache, eine schonungslose Anklage, gerichtet an die nicht mehr Belangbaren, und dient dem einzigen Zweck, diesen lähmenden Zorn loszuwerden, ihn sich vom Leibe zu schreiben.
Mäßig interessant für Leidensgenossen, für leidenschaftliche Mitleider vielleicht, allenfalls für aufrichtige Psychologen, die wiederum von vorneherein schon wissen, was im Buch erst am Ende steht: Niemand trägt Schuld an dem, was er ist. Immer gibt es einen Beweger. Und weil der Text keinen besonderen, keinen ästhetischen, poetischen, philosophischen Zweck verfolgt, ist er eben dementsprechend platt einfach eine Schilderung, eine heftige zwar, aber mehr nicht.
Nicht nur auf die Eltern richtet sich der unheilige Zorn des Autors, auch auf die Kirche zielt er, die Altmann als Beweger höherer Ordnung ausgemacht hat und damit wieder am Anfang steht. Ein Fest für Kirchenspötter das, ein Aspekt zumindest, der mir durchaus gefallen hat.

Drei Fleischbücher - Duve, Grabolle, Foer

Anständig essen – Karen Duve
Ein weiteres Buch der angesprochenen Duveumschau. Meine auch vorher schon bestehende Neugier, ein allenfalls dezent müffelnder Schwelbrand, explodierte beim Lesen bald zum Großfeuer, das mir den jahrzehntelang eingefleischten Konsum tierischer Produkte tatsächlich ausbrannte. Duve hat das nicht allein geschafft, siehe unten: Grabolle und Foer und mein nicht zu unterschätzendes Gehirn haben ihr geholfen. Ich möchte das Thema an dieser Stelle nicht weiter ausführen, die Buchbesprechungen stehen im Vordergrund.
Nur die eine Warnung. Ich rate jedem, der weiterhin Fleisch essen möchte und geistig beweglich ist, von der Lektüre dieser Bücher ab, denn wenn er das ist, kann er das anschließend nicht mehr tun. Worüber ich mich natürlich freuen würde.
„Anständig essen“ ist das literarisch verbrämte Protokoll eines Selbstversuchs zur Ernährungsumstellung. Weil ihr ein schlechtes Gewissen gemacht wird, informiert sich die Erzählerin, die weitgehend, aber nicht vollständig mit der Autorin identisch sein dürfte, über Tierhaltung und Fleischproduktion und probiert nach und nach vier "Stufen" bewusster Ernährung aus. Das sind Ökoprodukte, Vegetarismus, Veganismus, Frutarismus. Sie berichtet, wie sie die verschiedenen Phasen erlebt und lockert den Text mit Einschüben zu bestimmten Faktengebieten, Statistiken und persönlichen Erlebnissen auf. Am Ende zieht sie Bilanz und ihre Konsequenzen. Das Buch lässt sich prima lesen, weiß mit literarischen Winkelzügen zu fesseln und ist deshalb kein astreines Sachbuch. Umso besser.

„Durch die Verweigerung fast sämtlicher angebotener Nahrungsmittel habe ich meine Mutter unglücklicher gemacht, als es mir durch exzentrische Partnerwahl oder aussichtslose Berufe je gelungen ist.“


Kein Fleisch macht glücklich – Andreas Grabolle
Das zweite Fleischbuch im Bunde, von einem Biologen, der bis dato schriftstellerisch noch nicht in Erscheinung getreten ist. Trotzdem schafft er ein gutes Deutsch, zumindest die erste Hälfte ist angenehm lesbar und nicht frei vom einen oder anderen Zungenschnalzerli. Grabolle bewegt sich im Unpersönlichen, er spricht zwar immer wieder von sich und seiner Entwicklung, geht aber nie sehr nahe ran, pflegt eher einen Reportcharakter und glänzt mit Fakten, was das Buch zu einer netten Ergänzung macht. An die beiden anderen reicht es aber nicht hin, denn ungefähr mit Ende der erwähnten ersten Hälfte wird man der Zahlengewitter überdrüssig, fühlt sich erschlagen von den Breitseiten unerbittlicher Statistiken, ermüdend grell. Die zu Beginn noch reichlichen Pointen lassen nach, der Sprachwitz erlahmt, sodass der Gedanke nahe liegt, dem Autor sei die Luft ausgegangen. Der Höhepunkt des Niedergangs ist ein hysterisches Kapitel über Mangelerscheinungen und wie sie zu verhindern seien, wo der recherchande Biologe eine Armada von Spurenelementen beschwört, deren Lebensbedeutung herausstellt und mit physiologischem Rat nicht geizt. Gegen Ende wird dieser Abschnitt völlig verrückt, Begriffe und Stoffe tauchen auf, von denen die meisten Ärzte noch nie gehört haben, faktische Fehler treten hinzu, das ahnungslose Umsichschmeißen mit wissenschaftlichen Begriffen und Fachausdrücken würde jeder Illustrierten oder Apothekenzeitschrift zur Ehre gereichen. Wertet man das Kapitel als heitere Hommage an den Klischeeveganer, ist niemandem wehgetan. Das Buch beginnt gut, lässt aber stark nach.

„… stellt sich mir mittlerweile die Frage, warum eine Tötung akzeptabel sein soll, nur weil sie angst- und schmerzfrei ist. […] Ich muss für mein Urteil einfach nur an meine Katzen denken. Sie in der Sonne liegend zu kraulen, erscheint mir für sie eindeutig attraktiver zu sein, als ihre Existenz schmerzfrei zu beenden.“


Tiere essen – Jonathan Safran Foer
Und Nummer drei. Das Vorbild der ganzen Mode reflexiver Fleischbücher hatte ich bis zum Schluss aufgehoben, ich dachte, weil es das Älteste ist, würde es nichts Neues bieten, seien seine Standpunkte in den anderen schon enthalten.
Doch hier ist es nochmal anders. Foer geht so nahe heran wie möglich, schreibt zutiefst persönlich und macht aus seinem Sachbuch Literatur. Er nimmt die Geschichte seiner Familie, die Geschichte der westlichen Gesellschaft, die Traditionen, Bräuche und Gewohnheiten und untersucht, wie sie mit dem täglichen Leben und Essen verflochten sind, untersucht, welche Moral wann und wo entstanden ist, und was sie gebietet. Aus den Ergebnissen versucht er, eine verlässliche Handlungsanweisung abzuleiten, zur Orientierung nach Geburt seines Sohnes. Im Laufe der Kapitel lässt er dieses Ziel aus den Augen, am Ende steht eine eher emotionale Entscheidung. Doch bis dahin haben wir ein gutes Buch gelesen.
Foer geht den eigenen Motivationen schonungslos auf den Grund, das erste Kapitel ist beinahe schmerzhaft ehrlich. Trotz der gelesenen anderen Fleischbücher werde ich erst von „Tiere essen“ tatsächlich und dauerhaft aufgewühlt. Das Buch ist radikaler, direkter, und besser geschrieben. Und wütender. Eine mühsam unterdrückte Wut vibriert im Buch, eine Wut, die sich mit der erblühenden eigenen solidarisiert und die ich dem Autor, der auf seinen Fotos stets so friedlich milde dreinschaut, niemals zugetraut hätte.
Jeder sollte sie kennenlernen.

„Warum sollte sich Essen von anderen ethischen Bereichen unseres Lebens unterscheiden? Wir waren ehrliche Menschen, die manchmal logen, umsichtige Freunde, die manchmal ungeschickt vorgingen. Wir waren Vegetarier, die ab und zu Fleisch aßen. […] Das dachte ich, reichte.“
„‚Freilaufend‘ wird in den USA zur Bezeichnung verschiedenster Produkte verwendet – Fleisch, Eier und Milchprodukte – und gehört zur Kategorie ‚Bullshit‘ (siehe: BULLSHIT). Es sollte einen genauso wenig beruhigen wie die Etiketten ‚naturbelassen‘, ‚frisch‘ oder ‚magisch‘.“
„Wir sind diejenigen, die man zu Recht fragen wird: Was habt ihr getan, als ihr die Wahrheit über das Essen von Tieren erfahren habt?“
„Unsere Reaktion auf die Massentierhaltung ist letztlich ein Test dafür, wie wir auf die Schwachen, die Unsichtbaren, die Stummen reagieren – sie ist ein Test dafür, wie wir handeln, wenn uns niemand zwingt, auf die eine oder andere Weise zu handeln.“

Regenroman, Taxi, Grrrimm - Karen Duve

Mir wurde der „Regenroman“ empfohlen, der sei atmosphärisch, so feucht, so unangenehm feucht, dass einen Ekel überkomme. Außerdem schwärmte ein von mir geachteter Autor für Karen Duve, weshalb ich mir ihr Oeuvre mal vorgeknöpft habe. Mit gewichtigen Folgen, aber dazu im nächsten Eintrag.

Regenroman
Eine beschwingte Geschichte mehrerer Verliererfiguren, die im abgelegenen Hinterland Ostdeutschlands aufeinandertreffen. Es regnet, es gibt ein Moor mit allerlei Gekreuch, viel Nebel, Großstadtmenschen treffen auf mystische Naturweiber, und am Ende bricht alles glorios zusammen. Das Ganze erinnert in seiner Skurrilität an dieses sich ungebrochener Beliebtheit erfreuende Kinogenre der späten Neunziger, in dem saloppe Filme wie Snatch, Fight Club, und die Tarantinos zu Hause sind. Der Regenroman könnte somit ein Buch zum Film sein, er liest sich wie ein Drehbuch, ein atemloser, mit reichlich Pointen und Wendungen und der obligatorischen Portion Bosheit gespickter Plot, der sich vergnüglich liest, aber keinen bleibenden Eindruck hinterläßt.

Taxi
Eine junge Frau verdingt sich aus Neugier und finanziellen Nöten als Taxifahrerin in der Hamburger Nachtschicht. Was sie dabei erlebt, die Anekdoten über Fahrgäste und Kollegen, die Liebschaften mit Bekannten, schildert sie lakonisch, abgeklärt und auch desillusioniert. Diese Frau lässt sich vom Leben nicht mehr überraschen, sie weiß, was sie tut und bekommt auf ihre Art meistens, was sie will. Die Unsympathen ihrer Umgebung durchschaut sie sofort, meidet sie aber nicht und lässt sich auf deren Neurosen und Intrigen ein. Mit ihren Liebhabern knüpft sie stets Abhängigkeitsbeziehungen. Eine leblose Frau, hin- und hergeworfen von der Welt und dem eigenen, ziellosen Willen. Eine Gestalt, die von sich meint, sie sei frei, doch ist sie bemitleidenswert. Eine starke Figur.
Der Stil ist zugänglich und schnörkellos, kaum merkbar arbeiten subtile Mittel. Ein Text wie ein Fernsehfilm. Das Ende ist schlecht, ansonsten habe ich „Taxi“ gerne gelesen.

„Alles in unserem Leben sprach dafür, dass wir Nieten waren, dass wir es nicht gebracht hatten und auch nicht mehr bringen würden, und deswegen wollten wir es schriftlich haben oder als Foto, dass wir klug genug oder schön genug waren. Dass wir zu irgendetwas taugten.“

Grrrimm
Nacherzählungen Grimmscher Märchen. Ich verstehe das nicht, es sind die bekannten Geschichten, in die Gegenwart gehoben und mit Klamauk versehen. Die sieben Zwerge sind z.B. scharf aufs Schneewittchen. Klar kann hier jemand schreiben, das Vorhaben ist formal gelungen, aber wer das lesen oder witzig finden soll, steht auf einem anderen Blatt. Die Rezension ist nicht repräsentativ, ich habe nur knapp ein Fünftel gelesen.

Zwei ältere Science Fiction Anthologien

Ich habe zwei SF-Kurzgeschichtensammlungen gelesen, eine herausgegeben in den 60ern, die andere 1980. Beide sind unlesbar und führen innerhalb von Sekunden vor Augen, wie sehr sich die Science Fiction in den letzten Jahrzehnten verändert hat.

156 Science Fiction Stories
Abenteuerliche Schnipsel mit böswilligen Venusmenschen, zu werbezwecken verkleinerten Protagonisten, Weltenenden durch Gotteswort etc. Alle äußerst wagemutig angelegt, exaltiert wäre ein vorsichtiger Begriff. Die Geschichten sind heilloser Jahrmarktzauber voll unschuldiger Wunder und naiver Magie, trotz gelegentlicher unguter Enden herrscht eine neugierige, fröhliche Grundstimmung, Technik überall, und nur selten blendet ein Blitz von Progressivität das prägenitale Treiben, wenn etwa Elfriede Jelinek eine Art Feminismus in die radioaktive Wüste pflanzt. Wer einmal einen Weltallfilm aus den Fünfzigern gesehen hat, kennt die Gefühle, die den Blick in so fern vergangene Zeiten begleiten, allein ein Film läßt sich leichter ertragen.

30 Jahre Magazine of Fantasy and Science Fiction, hrsg. Edward L. Ferman, 1980
Nun drehen sich die Geschichten um die Bedrohung am Horizont, sei es durch sich verselbständigende Technik, einen möglichen Atomkrieg, oder andere menschheitsbedrohende Unentrinnbarkeiten. Kurz, der Ton ist pessimistisch geworden, geerdet an den ausgebliebenen technologischen Wundern, am beunruhigenden Kontrollverlust des kalten Krieges. Die Umsetzung nach wie vor mangelhaft, grobe, jederzeit vorhersehbare Plots mit aus heutiger Sicht ermüdenden Pointen. Mal ist es ein psychopathischer Android ("Geliebtes Fahrenheit"), mal ein aufregend mißgebildetes, in seinem Denken erschreckend klischeebehaftetes Kind ("Menschenkind"), mal sind es Hinterlassenschaften einer ausgebombten Kultur, die von den Überlebenden als heilige Reliquien verehrt werden ("Ein Lobgesang auf Leibowitz"). Es war auch in den 80ern nicht üblich, andere als oberflächliche SF zu schreiben.

Samstag, 14. September 2013

Haus der Löcher - Nicholson Baker

Ein absurd überdrehtes Pornomärchen, dessen Intention mir nicht klar wurde. Parodie? Versuch eines literarischen Pornos? Tabu- oder Ausbruch?
Hat alles nicht geklappt. In zusammenhanglosen Episoden taumeln die unterschiedlichsten Typen durch tripartige Sequenzen hinein ins "Haus der Löcher", frei von Ziel und Zweck, um sich an jenem Ort allerlei wohl witzig gemeinten sexuellen Ritualen zu unterziehen, Peniswaschanlage etc., und reglementierten und durchorganisierten Orgasmen. Ein wahnhaft fröhliches Augenzwinkern schwebt über allem, etwas wie Erregung kommt nicht im Mindesten auf, lustig ist das Ganze aber auch nicht. In seiner unbeholfenen Übertreibung wirkt es vielmehr wie der Versuch eines Prüden, nicht prüde zu sein, endlich einmal was ordentlich Versautes zu schreiben. Umso verklemmter liest es sich dann, unerträglich für einen in einem freien Land Aufgewachsenen.