Mittwoch, 21. August 2013

Die Wand - Marlen Haushofer

Eine düstere Variation über den Zustand, den Pessoa "Dekadenz" nannte. Die harte Prämisse des Buches, Protagonistin wird von durchsichtiger, undurchdringlicher Wand vom Rest der Menschheit getrennt, läßt vielerlei Interpretationen zu, die hier nicht erörtert werden sollen. Wichtig ist, ob ich den Roman unterhaltsam finde. Das tue ich nicht.
Das Scheitern an der Gesellschaft, an den Menschen, ist ein allgegenwärtiges Topos der Dichtung aller Epochen. Von den Stoikern über die Spätantike, von den jahrhundertelangen weltabgekehrten Gottesstudien der Scholastik zu Kant, Schopenhauer, den Romantikern, Camus. Bekannte Namen, aber wie ihnen wird es den meisten Grenzsuchenden ergangen sein, auch denen, die nie veröffentlichten. Gesellschaft und Leben funktionieren nur in Unbewußtheit.
Selten habe ich diese Ideen in so langweiliger Form vorgefunden wie bei Haushofer. In nüchterner Protokollform schildert die Erzählerin ihr Leben in der menschenleeren Idylle, das sie unterschwellig genießt, generell aber Qual und Trübsal und Aussichtslosigkeit der immer anstrengenderen Tage in den Vordergrund rückt. Sie ist erstickt von Sorgen, ängstigt sich um ihre Tiere und sich selbst. Sie richtet sich ein im Wald, lebt von den Früchten der harten, erschöpfenden Arbeit. Das geht von morgens bis abends. Von Anfang bis Ende Erschöpfung, Hoffnungslosigkeit, erdrückend. Die einzigen Schimmer im grauen Brei sind die Tiere. Die Verbundenheit der Erzählerin mit den Tieren, und deren Verhalten ansich sind wunderbar getroffen, die Katzenpassagen die besten im Buch. Auch hier schlägt sich das Schema bald tot, seitenlang wird die arme brüllende Kuh gemolken, um sie von ihrer Last zu befreien, die Katze geht auf Streifzüge, hoffentlich passiert ihr nichts, der Hund ist treu, hoffentlich passiert ihm nichts. Rehe müssen geschossen und gegessen werden und sind deswegen auch arm.
Das ist alles schon gut und richtig, aber so endlos ausgewalzt, das das Lesen keinen Spaß macht. Die endlose Gleichförmigkeit der Schilderung ist ein Stilmittel, das leider funkioniert. Vielleicht hätte dem Text die kürzere Form gut getan.
Das Ende treibt die Isolation auf die Spitze und ist Beleg dafür, daß die Autorin es wirklich ernst meinte. Ein Blick auf ihre Biographie bestätigt das. Aber ernst ist es den Leuten immer.

Sonntag, 18. August 2013

Sprechen wir über Musik - Joachim Kaiser

Ein einfach gehaltenes, kleines Büchlein von hundertsiebzig Seiten. Kaiser, ein Musikkritiker, beantwortet Fragen des lesenden Publikums zu musikalischen Themen. Die können naiv sein oder kenntnisreich, Kaiser antwortet stets im Plauderton, erzählt Anekdoten, springt von Komponist zu Komponist und von Gattung zu Gattung, wird nie konkret und versucht damit nach eigener Aussage, den 'Zauber der Musik' weiterzugeben. Die kurzen Textchen sind fundiert und spritzig geschrieben und werden auch denjenigen nicht langweilig, die bereits verzaubert sind.
Für Einsteiger sicher ein guter Wegweiser, hier wird niemand vor den Kopf gestoßen, alles schön unprätentiös und in vielfältiger Weise anregend. Die anderen finden zu wenig Neues.

Der Implex – Dietmar Dath

Ein knapp achthundert Seiten starker Essay über die Geschichtsbedingtheit des Sozialismus. Beeindruckend geschrieben, sehr belesener und wortgewandter Autor, der seine und die marxistischen Ideen mit Furor vertritt. Gut so, ich bin in vielem seiner Meinung. Enorm gewöhnungsbedürftig sind die zügellose Form, das Sprunghafte, Fabulierende, kurz, der überbordend romantische Stil. Dath ist schonungslos, apodiktisch, vorlaut. Hat man die ersten hundert Seiten überstanden, macht das Buch deshalb großen Spaß; den Eingang in den politischen Diskurs als ernstzunehmender Beitrag verbaut es sich aber.
Zwei Lesenotizen, um meinen erwähnten Gewöhnungsprozess zu veranschaulichen:
[nach 50 Seiten] Der überlebensnotwendige Sozialismus spielt in der Gesellschaft keine Rolle mehr, weil die diskutierenden Autoren für Laien unverständlich geworden sind, die Bewegung sich von einer real gelebten Idee in die politischen und wissenschaftlichen Aufsätze verlagert hat, wo eisenharte dehydrierte Akademiker mit Mitteln des sprachlichen Extremismus um Fußnoten ihrer Fachgeschichte streiten.
[Schluss] Respekt. Man kann die Aussage des Werks auch kurz ausdrücken und einfacher: "Sozialismus ist nötig und geschichtliche Strömungen existieren". In seiner Form ist das Buch ein Monstrum, eine Performance, ein Hingucker, das hingeworfene Wahngebilde eines sich in seinen Text auflösenden Vielschreibers. Unmöglich, es ernstzunehmen und unmöglich, dass der Verlag das anders sieht. Inhaltlich nachvollziehbar, doch dermaßen verschwurbelt, desorganisiert und gespickt mit Eigenarten, seitenlangen korrekten Sätzen und einer Fülle seltener Nabelvokabeln, dass ich tatsächlich glaube, der Autor ist nicht bei Sinnen. Ein Genie, ein Wahnsinniger.
Ich werde mehr von Dath lesen.

„Gleichgeblieben ist aber, dass nicht eben die Mehrheit vom Profit eines Kapitalbesitzers, aus Grundrente, echten Aktien lebt – die vielen, die das niemals tun werden, nennen wir besitzlos, obwohl die meisten irgendwelche iPods, Bahncards und Haargels haben.“
„… die Proletarisierung als das ständige Absinken aus der Lebensplanung ins herumgeschmissene Leben bis zur Entsorgung durchs Begräbnisinstitut …“
„Keine mit foucaultianischem Besteck zerlegbare Diskursformation tut soviel für die Festschreibung der Attribute der ‚anderen Frau‘ wie deren häusliche Ausbeutung etwa durch Leute, die Foucault gelesen haben und Diskurse analysieren können;“

Zwei Romane

Ein Feuer auf der Tiefe - Vernor Vinge
Der hochgelobte SF-Klassiker konnte mich nicht begeistern. Er ist die Art von Science Fiction, die gar nicht erst versucht, die Identifikation mit einer anderen Welt zu erleichtern, sondern mit hundert neuen Konzepten ins Haus fällt, Alienrassen mit unaussprechlichen Namen, und dem ostentativ Unvorstellbaren. Hinzu kommen die typischen Probleme der Romane jener Zeit - ans Klischee angelehnte Charaktere beispielsweise, moralische Überlegenheit hinter befremdlichem Äußeren, und generell eine holperige Sprache, die aber auch immer der in jenen unkritisierten Kreisen gerne mal hastig zusammengekauften Übersetzung geschuldet sein kann.
Schlecht ist das Buch nicht. Die Geschichte von der Ausbreitung einer elektronischen Seuche auf die Biosphäre ist nett und mit einiger Rasanz umgesetzt. Gibt man dem Roman viel Zeit, schafft er es, wenn auch mit Mühe, glaubwürdiger zu werden. Und im Feuerwerk der Finaleklipse geht dankbarerweise ebenfalls unter, daß außer einem Wettrennen nicht sonderlich viel geschehen ist. Ein Roman, der keine Spuren hinterläßt.

Extrem laut und unglaublich nah - Jonathan Safran Foer
Eine Schnulze auf hohem Niveau. Foer genießt unter Kritikern einen zwiespältigen Ruf und anhand dieses Buchs kann ich nachvollziehen, wieso. Der Text strotzt nur so vor Finesse, der Autor kann schreiben, keine Frage. Aber er rührt auch notorisch Mist unter die edle Suppe. Nutzt Tricks zum Spannungsaufbau, die er nicht nötig hätte, schon gerade nicht, wenn es ihm mit dem Thema ernst gewesen wäre. Drückt wo es geht auf die Tränendrüse, vielleicht schon die Verfilmung im Hinterkopf, das prototypisch amerikanische Kindergesicht, dicke Krokodilstränen und wir Deutschen mit der prototypischen Synchronisation. Füllt die Seiten mit visuellen Banalitäten, einzelnen Worten, Gekrakel, Bildern.
9/11, Bub verliert Vater, verarbeitet das Trauma. Gleichzeitig Dresden '45, Mann verliert schwangere Geliebte, Mann ist Großvater von Bub. Beide Geschichten konvergieren im Jetzt, viel Tragik. Der o.g. Mist ist blöde, aber allem zugrunde liegt immer noch die Kunst eines fähigen Schriftstellers, der sie auch aufblitzen läßt, und nicht zu knapp. Schon dafür lohnt sich die Lektüre, wenn auch eine unendliche Zahl weniger widersprüchlicher Bücher existiert, die mehr lohnen.

Donnerstag, 8. August 2013

Der Anschlag - Stephen King

Der Mord an JFK scheint für viele Amerikaner ein wesentliches nationales Trauma zu sein, und so hatte auch Stephen King schon seit den Siebzigern geplant, einen Bewältigungsroman über den tiefsitzenden Schmerz eines ganzen Volkes zu schreiben. Vor drei Jahren hat er diesen Roman veröffentlicht.
Darin dauert es auch nicht lange, bis ein zufällig entdecktes Portal ins Jahr 1958 den Protagonisten die einzig sinnvolle Idee eingibt, was damit zu tun sei: das Kennedy-Attentat verhindern natürlich. Weil das erst 1963 stattfindet, ist der Roman lang. Lang im negativen Sinne: ausufernd und geschwätzig. Weil King mittlerweile ein guter Autor geworden ist, siehe Joyland, ist der Roman dennoch lesenswert. Nur werden die guten Passagen immer wieder gestreckt, mit übertrieben vorsichtigen Annäherungen an das eigentlich schlichte Thema verwässert.
Erst wird das Portal ausprobiert, funktioniert es wirklich. Dann wird es ausprobiert, um die Auswirkungen auf die Gegenwart zu testen. Erst danach fängt das Buch eigentlich an, es geht zurück ins Jahr 1958, um dort fünf Jahre bis zum Attentat zu warten. Da sind wir ca. auf Seite dreihundert. Bis hierhin war es gute Unterhaltung, vielleicht hätte King eine eigene Geschichte daraus machen sollen.
Die fünf Jahre in der Vergangenheit sind anders. Der Protagonist versucht, die Zeit rumzubringen. Er unterrichtet, kümmert sich liebevoll um Schüler, schließt Sportwetten ab, kommt damit der Mafia ins Gehege, und er verliebt sich. Eine nette Liebesgeschichte, die den größten Teil der dünnen Handlung trägt und schließlich zum Rahmen wird, wie so oft bei Thrillern, die ohne die liebe Frau als Motivation nicht auskommen.
Den größten Teil der Zeit verbringt er aber mit Beobachtung. Oswald, wie er in Rußland ist, Oswald, wie er wohnt, wie er gemein zu seiner Frau ist, wie er ein Arschloch ist, Oswald, wie er feige und wertlos ist und keine eigene Meinung hat, sondern sich alles einflüstern läßt, Oswald, wie er weiter wohnt und wohnt und wohnt. Am Ende klappt das Vorhaben, Kennedy überlebt. Aber ist das auch gut? Große Zweifel, große Zweifel, man sollte sich nicht zu sicher sein, denn was wäre ein spannender Roman ohne die obligatorische ausleitende Überraschung. Auf eines kann man im Genre aber zählen, immer: die Liebe.
Das klingt so zynisch, weil ich dem Buch ein wenig böse bin. Es hätte so viel besser sein können, mit ein paar hundert Seiten weniger. Wenn es den Kitsch nicht allzu sehr ausgewalzt, sich mit dem normalen Maß zufrieden gegeben hätte. Es hätte dichter und packender sein können, ohne auf seine durchaus vorhandenen Qualitäten verzichten zu müssen. Ich bin mir sicher, dass King das kann, Joyland war ein Vorgeschmack, und ich werde am Ball bleiben. Man ist nur denjenigen Büchern böse, die man schätzt.

Montag, 5. August 2013

Joyland - Stephen King

King habe ich zuletzt in meiner Jugend gelesen. Ich hatte damals irgendwann genug vom immer gleichen ultraamerikanischen Flair, den stets ähnlich gelagerten übersinnlich-tiefenpsychologischen Bedrohungen, den Traumwelten. Warum ich nun zu Joyland gegriffen habe, kann ich nicht sagen, vielleicht wars der Einband.
Ein Glücksfall. King scheint sich entwickelt zu haben. Joyland ist eine kurze, hochverdichtete Erzählung über das Abschiednehmen, das Sterben, die Erinnerung. Ein großes Thema, und King interpretiert es behutsam. Zwar finden sich die charakteristischen Elemente auch hier wieder, es gibt einen Geist, es gibt einen Serienmörder, doch wirken sie beliebig, fast überflüssig, wie notgedrungene Zugeständnisse des Autors an die treue Leserschaft. Der Roman würde ohne sie genauso, wenn nicht besser funktionieren.
Nach wie vor stören mich die unvermeidlichen Kingschen Amerikanismen, ständig singt irgendeine US-Blüte im Radio irgendwelche Lieder, yeah yeah, Klammern bevölkern die Seiten (so gewachsen, so nah am Sprechen), ständig fallen irgendwelche Firmennamen, und Jugendliche denken ständig ans Vögeln. So einer ist der Protagonist, 21 Jahre alt, frisch von der Freundin verlassen. Er kämpft mit dem Verlust, will ihn nicht wahrhaben, und neben der gefühlvollen Umkreisung dieser Zeit geht es in der Erinnerung des rückblickenden Übersechzigjährigen auf den ersten Seiten hauptsächlich ums Vögeln. Das soll uns näher an den Jugendlichen heranführen, ist aber ein Überbleibsel der plakativen Phase des Horrorautors. Gleichzeitig ist der Bursche seinem Umfeld an Lebensweisheit nämlich haushoch überlegen, ein moralischer Kompaß, der perfekte junge Mann.
Abgesehen von solchen überlebten Manierismen schafft es King, erstaunlich feinfühlig zu sein. Mit den nichtsubtilen erzählerischen Mitteln des Bestsellers schreibt er ein richtiges Buch, mit richtigen Gefühlen, richtigem Leben. Am Ende fällt der Abschied schwer, es bleibt ein herber, guter Eindruck, herb wie die windige Sandküste North Carolinas, dem Ort der Handlung. Nur ein Hauch von Bonbon allenfalls, ein Hauch von aromatisiertem Kleb und Zucker, wie ausgebleichte Coladosen in den Dünen.

Inferno - Dan Brown

Ich gebs zu, ich lese Dan Brown. Illuminati hat mir damals gut gefallen, auf exzentrische Weise. Ein gutaussehender sportlicher Professor fliegt im Flugzeug-das-zehntausend-fliegt mit einer hübschen, hochintelligenten, aber geistig doch jederzeit unterlegenen jungen Frau um die Welt, um Abenteuer zu bestehen und Rätsel zu lösen, in historisch bedeutsamem Umfeld, auf der Spur uralter böser Mächte, die immer irgendwo ein Wortspiel oder eine Mathematikaufgabe hinterlassen, um erreichbar zu bleiben. Verquast, naiv, hingeschludert - und spannend. Ein Spaß, nicht nur an der haarsträubenden Handlung, sondern aus genau diesen Gründen auch am Buch selbst. Generell empfehlenswert.
Und jetzt gibt’s einen neuen Brown: Inferno. Die Handlung wiederum blödsinnig, die Konstruktion reißbrettartig, die Charaktere die üblichen Schablonen, der Stil unterirdisch, und das Buch wiederum spannend. Wo das Geheimnis liegt, kann ich wirklich nicht sagen, aber Inferno hat Spaß gemacht. Der gutaussehende Professor lernt ein hübsches Mädchen kennen, IQ jenseits der 200, das dennoch ständig gerettet werden muß. Böser Bösewicht plant bösen Plan und darf alle paar Kapitel pathetisch darüber schwadronieren, so richtig böse, am Ende zeigt sich allerdings - oho - der hat sich ja was dabei gedacht. Die gewünschte Bedrohungskulisse will jedenfalls nicht recht aufkommen, die gewohnten Brownschen überraschenden Wendungen und Kapriolen erledigen aber ihren Job. Herrlich ist die geradezu kindliche Herangehensweise des Autors an die Welt, wenn er sich eindrucksvolle Dinge oder Organisationen ausdenkt. Das Flugzeug-das-zehntausend-fliegt ist diesmal nicht dabei, dafür gibt es eine Hundertmeteryacht mit Fenstern aus Nanotechnologie, wirklich ganz geheime Biocontainer mit Fingerabdrucksensor, und die WHO verwandelt sich von der grauen Bürokratie, die sie ist, in eine paramilitärische Eingreiftruppe mit auf der ganzen Welt stationierten Elitetrupps, breitkiefrigen wortkargen Kriegern, und einer standesgemäßen Air Force One, an deren Bord die weise Direktorin von Ort zu Ort fliegt, um wie Yoda tagtäglich die Fäden unseres Schicksals zu sortieren. Besondere Erwähnung verdient der liebenswerte unehrliche Erzähler, der mit fiesen Tricks Mißverständnisse und Fallen konstruiert, der Spannung willen.
Das alles ist so schlecht, so mies. Browns lausiges Talent hat ein neues braunes Exkrement hervorgewürgt und alle Welt liest es. Dass sich das lohnt, ist eins der wunderbarsten Rätsel des zeitgenössischen merkantilen Literaturbetriebs.