Samstag, 27. Juli 2013

Bridge-Trilogie - William Gibson

Virtuelles Licht, Idoru, Futurematic
Nein, ich kann das nicht mehr lesen. Nach den drei hervorragenden Neuromancern, die von Gibson zu einem beinahe würdigen Abschluß gebracht wurden, war kein Raum mehr für weitere Bücher im gleichen Stil. Und doch schrieb er eine ganze zweite Trilogie lang genau das, diesen abgehackten, launischen Stil, diese harten und verletzlichen Jungs, noch härtere Weiber, die ganze abgezockte Welt da draußen, alles kalt, düster und irgendwie technisch. Natürlich schreibt er gut, sowas verlernt man nicht, aber es ist halt wirklich einfach dasselbe. Der MacGuffin, Verfolgungsjagden, die Liebesgeschichte, der Schuß Mystik. Alles da.
Ich konnte das nicht mehr lesen und habe nach der Hälfte von "Virtuelles Licht" abgebrochen. Der Neuromancer war gut, weil er was Neues war. Wenn ein Werk abgeschlossen ist, schwingt es, streckt die Fühler aus und wirkt. Dann sollte man es in Ruhe lassen und etwas Anderes machen. Kopisten ihrer Selbst sind traurige Gestalten.
Wer tatsächlich mehr aus der alten Schublade haben möchte, kann sich die Bridge-Bücher meinetwegen reinziehen, es gibt sogar noch eine dritte Trilogie, und wenn auch die gelesen ist, einfach von vorn anfangen. Es gibt Schlimmeres.

Dienstag, 16. Juli 2013

Der Schimmelreiter - Theodor Storm

Im Friesland vergangener Zeiten nutzt der Knabe Hauke Haien seine Begabung und die Fügungen des Schicksals, dient sich beim Deichgrafen hoch und wird dessen Nachfolger. Fortan fühlt er sich beobachtet und beneidet; um die Rechtmäßigkeit seiner Position zu beweisen, stürzt er sich in Arbeit, reibt sich auf und geht große Wagnisse; er überwindet sämtliche Hindernisse, auch den Aberglauben seiner Mitbürger, und ist zurecht Stolz. Weil er ein einziges Mal schwach wird und seine harte Linie um des Friedens Willen verlässt, bezahlt er am Ende mit dem Leben seiner Familie. Er selber stürzt sich in den Tod und wird zum Gegenstand einer Legende.
Soweit die äußere Handlung. Zu interpretieren gibt es allerhand im Schimmelreiter, an Metaphorik und möglichen Bedeutungsebenen wurde nicht gespart. Im Gegenteil, ich habe das Gefühl, Storm hat noch einmal sein ganzes Können in die Geschichte packen wollen, und ich habe das Gefühl, dieses Vorhaben ist ihm entglitten.
Die bekannteste Novelle des norddeutschen Heimaterzählers hat mich nicht ihrem Ruf gemäß beeindruckt. Ausgreifend stapft die Handlung durch die Marschen, überfrachtet raunt die Symbolik, die Charaktere wachsen sehr zögerlich ans Leserherz, sodass dem tragischen Ende wenig bleibt, was es seinem Zwecke gemäß pulverisieren kann. Die sperrigen Rahmenebenen, die ganze überspannte Bauweise tun ein Übriges, um den Schimmelreiter zu einem interessanten Spätwerk zu stempeln. Ein achtbares Urteil, für diesen Autor aber zu wenig.

Foundation - Isaac Asimov

Es muss ein Jahrzehnt her sein, dass ich zuletzt ein Buch von Isaac Asimov gelesen habe. Damals hatte es mir der "Foundation"-Zyklus angetan, ich besaß alle zehn Bände der hübschen Heyne-Sonderausgabe und war mit der Lektüre flott durch. Asimov hat mit seinen Ideen zur Freiheit künstlicher Wesen nicht nur kulturellen Einfluß gehabt, sondern, so flüstern sie in den Gassen, auch auf die Wissenschaft. Um zu sehen, wie sich der Text seither verändert hat, schlug ich die Bücher kürzlich wieder auf.
Eine herbe Enttäuschung. Die im Verborgenen agierende sorgfältig selektierte Elitegruppierung "Foundation" arbeitet über mehrere Jahrhunderte emsig darauf hin, das verfallende galaktische Imperium unter ihre Kontrolle zu bringen, nach dessen absehbarem Zusammenbruch die Übergangszeit kurz zu halten und möglichst schnell ein neues, besseres "Imperium" wiederaufzubauen. Und zwar um die Menschen vor sich selbst zu schützen, denn ansonsten drohen Barbarei und Chaos. Eine technokratisch-faschistische Zukunftsvision, ein vergallopierter Autor. Nicht uninteressant.
Das wirds erst durch die Schreibe. Trocken, unbeholfen, Schablonenfiguren, närrische Dialoge. Außerdem sind die Romane fast durchweg Detektivgeschichten, vom Schlag der schon damals altbackenen, mit wenig Variation und immer der gleichen Konstruktion. Ihren Platz in der Science-Fiction-Geschichte haben sie zu recht inne, lesenswert sind sie nicht, allenfalls für SF-Historiker.

Dienstag, 9. Juli 2013

Die Pest, Der Fremde, Der Fall - Albert Camus

Die Pest
In den Vierzigern kommt die Pest über eine algerische Küstenstadt, die Einwohner müssen umgehen mit der plötzlichen Bedrohung. Erst wird bagatellisiert, später schließt man die Tore und überlässt die Menschen sich selbst. Ein Arzt opfert sich auf im Kampf gegen die Naturgewalt, ein Kampf auf verlorenem Posten. Massenhaftes Sterben setzt ein. Warum der oder jener krank wird, warum der eine sterben muss und der andere nicht, warum es überhaupt diese Stadt erwischt hat und nicht eine andere, sind Fragen, an denen im Buch viele verzweifeln. Nur der Arzt bleibt auf Kurs, arbeitet selbstvergessen bis zum Umfallen und nimmt sein Los, das der Lauf der Welt ist, hin. Die Erzählung ist eine Übung des „Absurden“, dem Kernelement der camusschen Philosophie.
Obwohl sein beliebtestes Werk, kommt „die Pest“ bieder und trocken daher. Ich fand den Roman stromlinienförmig, ein wenig langweilig und unergiebig, die Motivation mancher handelnden Figuren nicht nachvollziehbar, die seitenlange Millimeterpsychologie erweckte die Charaktere nicht zum Leben, sondern verdeckte sie hinter aneinandergereihten Details. Die Unerbittlichkeit der Pest erreichte mich nicht, wurde sie doch von Anfang an absehbar im Rahmen eines aussagekräftigen Kammerspiels notwendigerweise auf die Spitze getrieben. Der Roman ist schnörkelloser und weniger stilisiert wie die folgend Besprochenen und möchte über seinen Inhalt wirken. Dafür fehlt ihm der Elan.
Natürlich gibt es Symbole, Allegorisches, die Pest steht für den Verlust der Menschlichkeit, den Liebesverlust, es gibt Verfremdung, Montagen, Selbstbezügliches, aber immer sparsam dosiert. Mit steigender Seitenzahl konnte ich mich mit dem Roman anfreunden, starke Passagen und die dem Schliff trotzende sympathisch kantige Konstruktion forderten ihr Recht.
Das Buch ist eine Litanei, eine Verzweiflung über fehlende Liebe in der Menschenwelt, und Camus zeigt uns diese Verzweiflung nicht nur am Beispiel der im Buch behandelten Krankheit.

„Für die Verpesteten ist der Schlaf der Menschen heiliger als das Leben. Man darf die biederen Leute nicht am Schlaf hindern. Das wäre geschmacklos, und Geschmack besteht darin, nicht nachzufragen, das weiß man ja.“
„Und er dachte, dass diese Welt ohne Liebe eine tote Welt war und dass immer eine Stunde kommt, in der man die Gefängnisse, die Arbeit und den Mut leid ist und nach dem Gesicht eines Menschen und dem von Zärtlichkeit verzauberten Herzen verlangt.“


Der Fremde
Ganz anders, der Titel ist Programm, Befremdung von der ersten Zeile an. Die Erzählung eines gefühlskalten Menschen, der ein absolut ehrliches Protokoll abgibt von den ihm widerfahrenden Ereignissen. Er ist erstarrt, wie abgestorben, erzählt im Perfekt wie ein Schulkind, das nur beobachtet und nicht teilnimmt, verwendet die indirekte Rede auch in den emotionalsten Momenten. Wenn seine Freundin ihn fragt, ob er sie liebe, antwortet er, dass das nichts heiße, dass es ihm aber nicht so schiene. Und dann hat „sie traurig ausgesehen“.
Wie kriegt Camus es hin, dass dieser merkwürdige, kalte Mensch zur Identifikationsfigur wird? Irgendwie gelingt es ihm. Auf dem Weg durch die Welt und das Leben, in dem nichts etwas zu bedeuten scheint, begeht unser Protagonist einen motivationslosen Mord, wird verurteilt und voraussichtlich hingerichtet. In seiner Gedankenwelt ist alles nachvollziehbar und folgerichtig. Er vertritt die Extremform einer Philosophie der Gleichgültigkeit, die auf entsprechend veranlagte Leser attraktiv wirken mag, und denen Camus mit dem „Fremden“ eine Bibel in die Hand drückt.
Der Text ist ein frühes Werk, und ich meine, die eine oder andere Ungeschliffenheit festzustellen, z.B. die Gerichtsverhandlung, die mit all den nochmal auftretenden Personen aufgesetzt wirkt wie das Finale eines Whodunit, dann die finale Konfrontation im Gefängnis, auf die alles hinausläuft, natürlich mit der christlichen Lehre, wo dem Pfarrer im einzigen Gefühlsausbruch des Buches das Absurde um die Ohren fliegt, dass es nur so kracht. Da mag die Lust an Zuspitzung die Feder geführt haben, der Versuch, jeden Gedanken auf Teufel komm raus in den Text zu bringen, aber auch ein gewollter Effekt kommt in Frage, denn befremdlich und stimmungsvoll ist das Finale allemal. Für Letzteres spricht die ansonsten so beeindruckende Stilsicherheit, die das Buch zu einem überwältigenden macht.
In einer Szene wird ein Rüpel von einem Polizisten geohrfeigt, alles deutet auf ein Zurückschlagen hin, der Rüpel wird rot, die Reaktion liegt in der Luft, doch tut er es nicht. Der Protagonist beobachtet das und wird später vom Rüpel gefragt, ob er eine Erwiderung der Ohrfeige erwartet hätte. Der Leser rechnet mit einem ja oder nein, vielleicht mit einem Zieren. Der „Fremde“ antwortet, dass er überhaupt nichts erwartet hätte. Der Leser ist weit entfernt vom Grund der camusschen Philosophie, das wird hier unmißverständlich klargestellt.
Meursault, der Protagonist, kann nie Held dieser Philosophie sein, er ist ihr Ideal, extrem und ambivalent. So kann niemand leben, so jemanden gibt es nicht, auch wenn wir danach streben. Gott sei Dank.
Der Text ist Bekenntnis, Traktat, und zynische Karikatur in einem, eine inspirierende zugleich, denn die vorgeführte Haltung ist in ihrer erbärmlich radikalen Konsequenz augenöffnend und zurechtweisend. Ein aufrührender, wild bewegender grober Batzen, der einem hier entgegengeschleudert wird.

„… öffnete ich mich angesichts dieser Nacht voller Zeichen und Sterne zum ersten Mal der zärtlichen Gleichgültigkeit der Welt. Als ich spürte, wie ähnlich sie mir war, wie brüderlich letzten Endes, habe ich gefühlt, dass ich glücklich gewesen war und dass ich es noch war.“


Der Fall
Wenn „der Fremde“ ein frühes wütend in die Welt geworfenes Stück schonungsloser Lebensphilosophie ist und „die Pest“ das gleiche Thema so weit wie möglich an den massenmarkttauglichen Roman heranführt, dann ist der späte „Fall“ wiederum ein Rückgriff auf die ursprünglichen Intentionen, nun mit den überbordenden Mitteln des gereiften Meisters. Es ist wieder eine Anklage, ein Plädoyer gegen den Sinn des Lebens, oder, falls man Camus einen Hauch von Optimismus zugestehen möchte, gegen die Leb- und Lieblosigkeit der Menschen. Ein so schönes Plädoyer, dass die gewichtigen, großen Wahrheiten hinter der großen Kunst fast verblassen.
Ein ehemaliger Anwalt begegnet dem Erzähler in Amsterdam und berichtet in Monologen über sein Leben. Vom einstigen Erfolg gelangt er über mehrere Schritte der Erkenntnis immer näher heran an den Zusammenbruch, den „Fall“, ihm wird bewusst, dass er scheinheilig und hohl gelebt hat, versucht, sich zu ändern, muss aber feststellen, dass das nicht geht, das Problem liegt nicht in ihm, sondern strukturell im Menschenleben begründet, und Erkenntnis darüber war nie vorgesehen. Er leidet die Qualen des Wissenden, der seiner Lage nicht entfliehen kann. Er ist in der Hölle.
Camus’ Ansichten sind treffend und entwaffnend, allein dafür lohnt das Buch. Ungeheuer, wie genau die Probleme des Zusammenlebens sich dort beschrieben finden, wie zynisch und wie wahr. Dazu sind die Monologe des Herrn Clamence von solch prickelnder Brillianz, so wunderbar geschrieben, so kunstvoll und scharfsinnig, dass das Lesen zur reinen Lust wird. Eine radikale Philosophie, verpackt in verführerische Literatur. Der Vergleich mit Boethius und seiner Consolatio liegt nahe, für ihren Autor ebenfalls ein ästhetisch auf die Spitze getriebener Rettungsanker in aussichtslosen Zeiten. Nur fehlt bei Camus die Auflösung, der Trost. Bei ihm gibt es keinen.

„Und wenn es sich zudem noch um einen Selbstmord handelt! Himmel, welch herzerquickende Aufregung! Das Telefon tritt in Aktion, das Herz fließt über, und es fehlt nicht an absichtlich kurzen, aber hintergründigen Äußerungen, an beherrschtem Leid und sogar, ja doch, ein klein wenig Selbstvorwürfen.“
„Ein Toter auf dem Programm, und das Schauspiel kann endlich beginnen! Sie brauchen die Tragödie, was wollen Sie, das ist ihre kleingeschriebene Transzendenz, ihr Aperitif.“
„Ich habe nie wahrhaft überzeugt glauben können, dass die Angelegenheiten der Menschen ernst zu nehmen seien. Wo das Ernstzunehmende lag, wusste ich nicht, ich wusste nur, dass es nicht in all den Dingen war, die ich sah und die mir nur wie ein drolliges oder lästiges Spiel vorkamen. […] Die seltsamen Geschöpfe, die da um des Geldes willen starben, wegen des Verlustes einer sogenannten Stellung verzweifelten oder sich mit edlem Getue für das Wohlergehen ihrer Familie opferten, betrachtete ich immer mit Erstaunen und ein bisschen Misstrauen.“