Donnerstag, 31. Januar 2013

Die Hunde bellen - Truman Capote

Perfekt, geleckt. Laut Autor handelt es sich um Studien zum journalistischen Schreiben, in unterschiedlichen Stadien. In allen kommt er zu tollen Ergebnissen, gelungenen, beneidenswerten Passagen, wertvoll auch die Einsichten im Vorwort, die Intentionen, Schwierigkeiten. Der Blick über die Schultern eines Könners auf dessen Weg durch die Zeiten. Doch es bleiben Häppchen, exquisite, wohlschmeckende Häppchen, die nicht sättigen. Wie beim Jetset: schöner Schein, keine Befriedigung.
Interessanterweise entwickelt Truman Capote eine kritische, distanzierte Haltung zur High-Society und der dazugehörigen Leere, die, für ihn vielleicht unbemerkt, in seiner eigenen Schreibe steckt. Alles wirkt wie das Zerstreuungsprodukt eines verwöhnten Snobs, der viel Mühe, Beharrlichkeit und Talent darauf verwendet, literarisch zu sein und dem das oft genug gelingt. Es ist großes Handwerk, beherrscht und zu Stil gekommen, wie beim Herrenausstatter. Die Seele fehlt, das durchgehende Leben, alles bleibt Étude, ist kein Schrei, kein aufrichtig existenzielles Geschehen, sondern immer Inszenierung. Unbestreitbar fesselnd die Nonchalance, mit der Capote sich im exklusiven Milieu bewegt, die Gesellschaften sucht und wechselt. Ein echter Zeitenbummler, der aber zu bemüht an seiner Wirkung feilt, um glaubwürdig zu sein. Ich weiß nicht, ob seine fiktiven Werke frei sind von diesem Makel, aber zumindest „Kaltblütig“ hatte ihn auch.
Durch die „Hunde“ bin ich von Capote abgekommen, eine Biographie wird nicht gekauft. So glatt und schmissig die Reportagen und Sprengsel sind, so sehr sich die Leckerbissen tummeln im Text, so spurlos vorüber geht die Lektüre, so ohne Bedeutung und Konsequenz, wie trotz aller Sympathie auch der Mensch Truman Capote gewesen sein muß.
Das Buch ist mir bei Regen in eine Pfütze gefallen. Von makellos hat es sich schlagartig in dreckig verwandelt; ich war traurig, es war ein schönes weißes Buch gewesen. Aber zum allerersten Mal ist jetzt Farbe dran, zum ersten Mal Charakter, erstmals Leben.

Glanz und Elend - Glanzundelend.de

Magazin für Literatur und Zeitkritik
Die Seite glanzundelend.de scheint vom rechten Geist beseelt. Dort läuft es ganz ähnlich wie hier, nur dass gleich mehrere, ja etliche Autoren am Werk sind, und fast alle besser schreiben. Eine schöne, lesenswerte Seite, deren altertümliche Gestaltung den labyrinthisch-gemütlichen Charme einer unaufgeräumten Seniorenwohnung versprüht. Für knapp 15 Euro kann man eine Printausgabe bestellen, die wohl einmalige Konversion ins Papierne anläßlich eines obskuren Jubiläums. Nicht lange überlegt, zwei Tage nach Überweisung war das Heft da.
Der welke Reiz setzt sich darin fort. Schreibfehler, Suchen & Ersetzen-Artefakte, Kodierprobleme der verwendeten Software. Ich stelle mir vor, es handelt sich um Windows-95 oder -98-Versionen, Bilder von peripherieüberladenen Arbeitsplätzen, wo USB-Geräte und Diskettenstapel in die Höhe wachsen, Klebezettel mit nicht mehr zu entziffernden Botschaften und Zahlenkolonnen jeden freien Fleck bedecken, über allem der heimelige Duft von Staub und purinlastigen Mahlzeiten. Die gleichzeitig so wundervoll gelungene Aufmachung des Magazins, die offensichtlich investierte Mühe eines leidenschaftlichen Hobbyisten wirft angesichts solch eklatanter und dabei doch so einfach zu verhindernder Fehler die Frage auf, warum im Lektorat nicht ein klein bisschen genauer hingesehen wurde. Die Belegung eines Stereotypen ist unvermeidbar.
Das Heft kommt in einem Mittelformat zwischen A4 und A5, was ich persönlich schwer zu lesen finde. Reichlich großformatige Werbung, aber nichts Unpassendes. Auf den Inhalt möchte ich nur wenig eingehen, immerhin handelt es sich um Sekundärliteratur, und das tertiäre Faß aufzumachen sollte Notzeiten überlassen bleiben. Auf jeden Fall kommen verschiedene Rezensenten zu Wort, die sich verschiedene Autoren vorknöpfen, fast alles aufklärerische Humanisten, Existenzialisten, Kommunisten, von Balzac zu Pessoa und Beckett, ein gelungener Querschnitt wohl durch den Fundus der Webseite. Die Texte sind von unterschiedlicher Qualität, natürlich, aber fast ausnahmslos ein Genuß. Es gibt Ausnahmen, z.B. Gert Neumann, dem zwölf Seiten eingeräumt werden – ein DDR-Typ, der Quatsch zur Kunst erhebt, dabei völlig frei von Selbstironie bleibt; Gomez Davila, ein mäßig begabter, zurecht unbekannter südamerikanischer Aphoristiker; sowie unglücklich ausgewählte Arbeiten von Mallarmé und Arendt.
Besonders interessant wird es allerdings mit dem Herausgeber, Herbert Debes, der sich nicht nehmen läßt, in seinem eigenen Magazin prominent vertreten zu sein. Nichts Verwerfliches, ich würde es nicht anders tun, doch selbstverständlich gerät er damit ins Visier der Textkritik. Debes‘ Aufsätze lesen sich noch gut, auch wenn er bereits im Eröffnungstext bemüht feuilletonistisch klingt und uns als engagierter Literat von der Straße zuruft, wir sollen „gefälligst“ Balzac lesen. Generell wirkt sein Stil eklektisch, immer etwas gestelzt, an literarischen Wendungen gesättigt, und leidet an mangelnder Adjektiv- und Adverbialhygiene. Kleine Schnitzer, die keine Rolle gespielt hätten, in einer satt zufriedenen Rezension von „Glanz und Elend“ überhaupt nicht aufgetaucht wären, possierliche Makel, über die man mit einem Schmunzeln hingwegliest. Nie wäre ich der Pedanterie verfallen, nie dem Zynismus erlegen, gäbe es da nicht den vorletzten Text.
„Dein Wille geschehe“, „interaktives Schauspiel“ nach Deus Ex. Ein Drehbuch von fünfzig Seiten, gehirnverbrannte Sorte, wie sie auch auf den Privatsendern nicht schlimmer zu finden ist. Charakterschablonen hauen sich mit allem möglichen Technik- und Waffengedöns die Schädel ein, Motivation und Bühne für diverse Actionszenen und herzzerreißend kindische Dialoge ist eine pseudophilosophische Sinnsuche, ein lauwarmer metaphysischer Abklatsch, der schon zu Zeiten des als Vorlage dienenden Computerspiels nur Teenager begeistern konnte. Eine naive Seifenoper, schlecht geschrieben und ungeheuer zäh. Bis zum Ende dachte ich an Ironie, erwartete eine plötzliche Auflösung, immerhin war das die gleiche Feder, der diese anspruchsvollen Einleitungen und Besprechungen entstammten. Was Debes und seinen Co-Autor Christian Suhr hier geritten hat, ist eine gute Frage. Vielleicht der Versuch, über den Kontakt zu einem „Medium der Jüngeren“, dem Computerspiel, in der drögen und repetitiven Theaterwelt Aufmerksamkeit zu erhaschen, schließlich wird auf „Computer“ und „Interaktivität“ und überhaupt auf dieser ganzen Zukunfts-Sache geradezu herumgeritten, Begriffe, die in gewissen Kreisen noch für Gänsehaut sorgen mögen. Als Computerspieler und SF-Leser erscheint mir die Szenerie in einem anderen Licht, und dass sich nun Strahlen dieses Lichts ins restliche Magazin verirren und dort natürlich für den einen oder anderen Lacher sorgen, läßt sich nicht mehr verhindern.
Zu empfehlen, allein schon des Schillerns an den Phasenübergängen wegen.

Sonntag, 6. Januar 2013

Die Elixiere des Teufels - E.T.A. Hoffmann

Der berühmteste und erfolgreichste Gruselklassiker der deutschen Literatur
Woran man das wohl gemessen haben mag? "Gruselklassiker"? - Klappitis, auch dem Hause dtv nicht fremd.
Es handelt sich um einen präflaubertschen Roman mit protrahierter Entstehungsgeschichte. Hoffmann begibt sich in seinen Dichterkollegen befremdliche Niederungen und erzählt vom Mönch Medardus, der dem Wahnsinn verfällt. Die Geschichte dieses Verfalls mit ihren psychotisch wuchernden Attacken von Bösartigkeit, Mord und Totschlag, Vergewaltigungsphantasien und dem immer wiederkehrenden, die Befremdung ins extrem steigernden, die Wahrnehmung verwischenden Doppelgängermotiv läßt sich am ehesten als Innenansicht eines Schizophrenen interpretieren. Ja, ein Ich-Erzähler. Das teuflische Elixier wird als vordergründige Ursache für das Verhängnis gegeben, aber liest man den Roman aus einer psychiatrischen Sichtweise, passen solche Details und auch alle anderen im Buch gegebenen Erklärungsversuche und übernatürlichen Andeutungen nur zu gut ins Bild. Natürlich sind alle möglichen Auslegungen denkbar, doch gefällt mir die Vorstellung vom ganz weltlich erkrankten Medardus, dessen Umwelt und der selber beim Versuch, seine Taten und Geschicke zu begreifen, ins Metaphysische abrutscht, weil die religiös geprägte Gesellschaft nur diesen Weg zuläßt. Dann ist es eine beeindruckende Charakterstudie, die vor allem eins herausarbeitet: die abgründige, unendliche Verlorenheit des Erzählers. Das schriftstellerische Geschick, dessen Hoffman sich bedient, rangiert auf hohem Niveau, auch wenn einige Satzkonstruktionen dem heutigen Leser aufstoßen dürften.
Man kann dem Roman eine mangelnde Verdichtung vorwerfen. Das Lesevergnügen schmälert sich durch Aneinanderreihung allzu ähnlicher unerhörter Begebenheiten, Medardus sündigt, erschrickt darüber, bereut, sündigt, erschrickt und so fort. Die Übergänge zwischen diesen so gegensätzlichen Affekten sind mir nicht glaubwürdig genug und mitunter merkwürdig abrupt. Das Buch ist zu lang, nach der Hälfte ist jede Öse der wunderlichen Erzählerwelt bekannt und nichts kann mehr überraschen, der Lohn fürs Zuendelesen bleibt schmal.
Ein Bewußtseinsroman? Religiös verbrämtes Schauerlametta? Vorläufer des magischen Realismus? Welche Schublade man auch immer bemühen möchte, "Die Elixiere des Teufels" ist eine bisweilen langatmige, ziemlich staubige, aber ausgesprochen tiefgründige und vielfältig deutbare Persönlichkeitszeichnung, epistemologisches Vexierspiel, trotz seiner Schwächen ein bleibender Beitrag zur großen deutschen Literatur.