Freitag, 13. Dezember 2013

Reise ans Ende der Nacht - Louis-Ferdinand Céline

Ein Zeitdokument. Das Aufsehen, das das Buch bei seinem Erscheinen 1932 auslöste, gäbe es heute nicht mehr, zu sehr haben Literatur und Rezeption sich gewandelt. Die "Reise ans Ende der Nacht" ist ein stilistischer Leckerbissen, ein Pamphlet gegen Nationalismus, Kapitalismus, gegen Herrschaft, Scheinheiligkeit, gegen alles, was von außen kommt, ein Pamphlet für das Individuum, fürs Leben. Céline arbeitet sich an seinen Themen ab, Drastik, Zynismus, Lakonie sind die trockenen Instrumente. Hat er das hinter sich, macht er nicht Halt, dringt weiter vor, tiefer, zu den Ursachen dieser Epiphänomene, dem Schlechten im Menschen, in allen Menschen und in der Welt. Die Haltung ist pessimistisch, verborgen hinter protektivem Nihilismus. Ein langweiliges Buch.
Louis-Ferdinand Céline war einer der bedeutenden französischen Schriftsteller des Zwanzigsten Jahrhunderts, die "Reise ans Ende der Nacht" der Beginn einer feurigen und kontroversen Karriere und Auslöser einer Stilwende, mit enormem Einfluß auf die französische Literatur, ähnlich der Bovary im Jahrhundert zuvor. Célines Biographie ist interessant aufgrund ihrer Wechselhaftigkeit, ein Mann, der zornig anfängt und halb wahnsinnig aufhört, vom düsteren Ethiker zum geifernden Antisemiten, jederzeit stilsicher und hochliterarisch, und dann tatsächlich eine gewisse Rehabilitation erfährt. Das plötzliche Einfallen dieses Mannes in die französische Literatur ist interessant, das Nebeneinander der großen Romane mit den absurden Streitschriften, die wechselvolle Bewertung durch die Öffentlichkeit und die Nachwelt. Ein Leben und Werk, interessant vor allem sekundär.
Denn aus heutiger Sicht ist da nichts Besonderes. Nach hundert Seiten hatte ich den Bogen raus und wußte, wie es weitergeht: Der Erzähler wettert. Bissig, originell, und immer gleich. Der heutige Leser langweilt sich. Zu sehr haben sich Literatur und Rezeption gewandelt. Auch dank dieses Buchs.

Das Leben der Tiere - J. M. Coetzee

Ein knapp hundertseitiger Essay über die Tierausbeutung, verpackt in fiktionales Gewand. Eine alternde Schriftstellerin, berühmt für einen Roman über Molly Bloom, hält an der Universität eine Gastvorlesung und ein Streitgespräch über die allgegenwärtige Katastrophe. Die Befremdung, die ihre Haltung bei ihrer Familie und ihrem Umfeld schon seit Jahren auslöst, läßt sie trotz aller Energie verbittert und hilflos zurück.
Der Text verwirrt zunächst mit der umständlichen Art, die Ansichten des Autors darzulegen. Die reflektierende Rahmenhandlung, der Monolog der Vorlesung, die drei Abschnitte als Tage, das Einbeziehen des Kafka-Textes. Coetzee schreibt polemisch, so stammen die angreifbaren Argumente, die von der Protagonistin dann als Stichwort gebraucht werden, generell von den Vegetarismusgegnern. Die Abwehr mancher Figuren ist zu deutlich gezeichnet, Norma ist ein Witz, alles spielt den auktorialen Intentionen ein wenig zu offensichtlich in die Karten. Trotzdem - es sind starke Stellen dabei, und die verzweifelte Stimmung, die sich durch die drei Handlungstage hinweg einstellt, sitzt. Die drastische Argumentation, die Darstellung des Themas als Frage nicht nur von Leben und Tod, sondern von menschlichen Maßstäben, von gut und böse, ja, als eine Frage des Seelenheils, besitzen Gültigkeit und gefallen mir. Und nicht zuletzt haben wir es mit einem geschickten Literaten zu tun, dessen Fertigkeiten den Text aus der Sperrigkeit herausheben zu etwas asymmetrisch Schönem, etwas, das gerade wegen seiner Kaprizen in Erinnerung bleiben wird. 

"Daß ich nicht länger weiß, wo ich mich befinde. Es hat den Anschein, als bewegte ich mich völlig ungezwungen unter den Menschen, als hätte ich völlig normale Beziehungen zu ihnen. Ist es denn möglich, frage ich mich, daß sie alle an einem Verbrechen ungeheuren Ausmaßes teilhaben? Phantasiere ich mir das alles zusammen?"
"Aber Ihr eigener Vegetarismus, Mrs. Costello, der entspringt doch wohl einer moralischen Überzeugung?" - "Nein, das glaube ich nicht. Er entspringt einem Verlangen, meine Seele zu retten."

Samstag, 7. Dezember 2013

Die Krankheit zum Tode - Søren Kierkegaard

Von Anfang an hat Søren Kierkegaard ein Gesamtkunstwerk geschaffen. Er gebraucht Schlüssel, Pseudonyme, nimmt konträre Haltungen an, Stile, spricht in seiner Autobiographie vom nur indirekt Sagbaren, auf das er abziele, auf das das ganze Werk als Einheit ausgerichtet sei, und als Baustein dieses komplexen Vexierbilds ist die "Krankheit zum Tode" zu verstehen. Ein Text, der zwischen Akademie und Dichtung schwankt und damit gewisse Schwierigkeiten bietet, dessen Wirkung auf den Leser aber von Tag zu Tag wächst, sein Wiederlesen immer wieder erzwingt, wie eine sperrige Sinfonie, die erst mit dem vierten oder fünften Hören zu klingen beginnt und einem fortan keine Ruhe mehr läßt. Schon dieser eine Text genügt, um Kierkegaard als einen der großen schriftstellenden Philosophen zu erkennen, deren Lektüre, egal welchen Inhalts, grundsätzlich Bereicherung ist.
Die Vermischung des Akademischen mit empfindsamen Stilelementen führt zu originellen Effekten, der Anspruch ist hoch, die verwinkelte und sprachironische Art, mit der der Autor seine vielfach romantisch überbordenden Thesen niederlegt, mag abschreckend wirken, komisch, wirr. Doch trifft Kierkegaard in seiner psychologischen Analyse ins Schwarze, und wer das erleben möchte, wird sich mit dem Werkcharakter anfreuden.
Die in der "Krankheit zum Tode" poetisierten Ideen sind alt wie das Abendland. Der Autor führt sie zusammen, er malt eine neue Landschaft aus alten Farben, und das meisterlich, das Ergebnis ist schön und befremdlich, fließende Verläufe, impressionistisch gar. Keine Preziose, sondern großes Werk, das steht und bleibt. Ein Vorgreifen aufs zwanzigste Jahrhundert, eine Philosophie der Bedingtheit, der Relativität, eine existenzialistische Philosophie, von "Anti-Climacus" (Kierkegaards diesmaliges Pseudonym) im Speziellen formuliert zu einer poetisch-psychologischen Grundlage des christlichen Glaubens.
Zum Inhalt. Ohne absoluten Bezugspunkt ist der Mensch verzweifelt. Verzweiflung ist die Krankheit zum Tode. Für Anti-Climacus ist dieser Bezugspunkt Gott, Verzweiflung die Sünde. Für Nichtkatholiken eine Metapher, die an Wahrheit nichts einbüßt - man muß sich nur umsehen. Heilung vermittels des Textes dürfte all den Verzweifelten versagt bleiben, da sie ihn per definitionem nicht annehmen können. Eine Zwickmühle, in der auch der Autor und Leser wie ich feststecken, die sich für nicht verzweifelt halten. Mein Rat lautet: einfach trotzdem lesen. Die Ironie im verwelkten Hirn als das deuten, was sie ist, und reagieren.

"Es ist aber gerade das Allgemeine [...], daß die meisten Menschen leben, ohne sich ihrer Bestimmung als Geist recht bewußt zu werden - und daher all die sogenannte Sicherheit, Zufriedenheit mit dem Leben usw. usf., was gerade Verzweiflung ist."
"Auch wenn die Menschen noch so eitel und eingebildet sind, so haben sie doch zumeist eine sehr geringe Vorstellung von sich selbst, daß heißt, sie haben keine Vorstellung davon, Geist, das Absolute zu sein, wie ein Mensch sein kann;"
"Der Mensch ist Geist. Doch was ist Geist? Geist ist das Selbst. Doch was ist das Selbst? Das Selbst ist ein Verhältnis, das sich zu sich selbst verhält, oder es ist in diesem Verhältnis jenes, daß dieses sich zu sich selbst verhält; das Selbst ist nicht das Verhältnis, sondern daß sich das Verhältnis zu sich selbst verhält."

Rehe am Meer - Ralf Rothmann

Ein Kurzgeschichtenband eines mir bis dato unbekannten Autors. Thema ist die Melancholie.
Wie in einem Variationenzyklus wird dieses Thema vor unterschiedlichen Szenarien bearbeitet, durchdrungen, erfühlt. Die Ausgestaltung ist vielfältig, der Autor verfügt über Stil- und Ausdrucksmöglichkeiten, die selten Wiederholungsgefühle zulassen. Generell sind es zarte, hauchzarte Geschichten, so fragil, so subtil beimpft mit Stimmung und Bedeutung, dass mir das stellenweise auf den Wecker ging. Feinsinnig, empfindsam, rücksichtsvoll - Adjektive, die zu Rothmann passen wie die Faust aufs Auge, doch wünscht man sich gelegentlich etwas Direktheit, schlicht und einfach, z.B. im titelgebenden „Rehe am Meer“. Eine Erzählung, die hauchend vergeht im Schnee, vor Sehnsucht vielleicht, Trauer, es wird nicht ganz klar, Rehe laufen umher, zumindest symbolisch ist schwer was los.
Andere Geschichten treffen meinen Geschmack, loten das Leitmotiv aus, im kammermusikalischen Sinne natürlich, und schaffen den Kontakt. Diese empfehlenswerten sind „Willst du Nudeln?“, „Spitze Schuhe“, „Gethsemane“, „Mein zweibeiniger Bäcker“. Sonderstellung haben „Den Blitz begraben“ und „Tausend Mönche“, Erstere ist doch tatsächlich lustig, Letztere wagt eine Wendung im Sinne nichtfiligraner Literatur.
Die Geschichten gefielen mir besser und besser, je mehr ich davon las. Rothmann ist ein Meister, mit dem man warm werden muss. Ein Meister des Stillen, des Einsamen, Verlassenen. Ein Meister, der viel geschrieben hat.

Dienstag, 19. November 2013

Zwei Kurzgeschichtenbände - Raymond Carver

Der "Erneuerer der amerikanischen Kurzgeschichte" hatte eins dieser unfertigen Leben, immer nahe am Abgrund, vom Alkohol ver- und angetrieben. Mit fünfzig starb er am Krebs. Die unselige Beziehung zum Lektor Gordon Lish wurde seither selbst zur lakonischen, carvertauglichen Geschichte.

Würdest du bitte endlich still sein, bitte (1976)
Beispiel Lish-Lektorat. Aufs Äußerste reduzierte Erzählungen, Lakonie mit allen Mitteln. Offene Enden, in denen etwa Themen oder Stimmungen sich allenfalls andeuten, denn Ausdrücklichkeit wäre Sünde. Die Geschichten wirken abgehackt, unfertig und bezugslos im Raume stehend. Ein Eindruck, der auch am Ende des Bandes noch besteht, wenn das Strickmuster sich allzu oft wiederholt und nur von wenigen Ausnahmen hat unterbrechen lassen. Ich erkenne das stilistische Können an, nur fehlt mir der Inhalt. Zwei, drei wirklich tolle Geschichten sind dabei, z.B. die letzte, der Rest ist wie lose Blätter, die dem Spaziergänger um die Nase wehen. Sie bringen ihren feinen, unnennbaren Duft; kaum sind sie vorüber, bleibt nichts übrig.

Kathedrale (1983)
Das Beispiel ohne Lish. Etwas völlig anderes. Carver schreibt länger, ausgedehnt, nimmt sich Zeit, geht auf die Figuren ein und - auf seine Themen! Die Geschichten sind immer noch offen, meistens stellt sich aber das Gefühl eines Abschlusses zumindest für die Protagonisten ein. Ich kann nicht sagen, was mir besser gefällt, in "Würdest..." bringt mich das bemüht Karge zum Kichern, "Kathedrale" hingegen ist langatmig und gnadenlos. Die Suche des alleinerziehenden Vaters nach einer Kindsbetreuung empfand ich als quälend, auch, weil sie gut geschrieben ist, die des arbeitslosen Farmers als nicht besser. Hingegen erstklassige Texte gibt es ebenfalls, z.B. den ersten und den letzten. Um der Analogie treu zu bleiben, haben wir es bei "Kathedrale" mit öligen Blättern aus dem Rinnstein zu tun, die an unseren Sohlen kleben bleiben und sich erst nach längerer Wegstrecke wieder lösen.

Samstag, 9. November 2013

Drei Bücher zur Verslehre

Einführung in die Verslehre – Hans-Dieter Gelfert
Ein Reclam-Büchlein, kompakt und griffig. Gelfert gliedert seine Übersicht in einen systematischen und einen historischen Teil. Die Systematik nähert sich ihrem Thema Schritt für Schritt von außen, vom eigentlichen Grund zu dichten geht es über Schichten nach innen, Strophe, Reim, Vers, Silbe, und deren Möglichkeiten. Die Historik schließlich widmet sich den bestehenden Formen, deren Entstehung und Charakteristik, anhand ausreichender Beispiele.
Die Platzprobleme in solch einem kleinformatigen, schmalen Bändchen sind durchweg spürbar. Der Autor faßt sich knapp, mit energischem Willen zur Vollständigkeit treibt er sein Sujet vorwärts und kommt nicht selten ins Stolpern. Was er schreibt, die knappen Absätze, ist wohlüberlegt und flüssig zu lesen. Ich vermisse jedoch einen roten Faden, isoliert und sprunghaft werden die Kategorien behandelt, zu enzyklopädisch schmeckt die Struktur. Aufgrund des erzählenden Duktus ist das Büchlein als Nachschlagewerk aber ebensowenig zu gebrauchen – ein Zwittertext, der nicht weiß, wohin.

Einführung in die deutsche Metrik – Daniel Frey
Die strenge Form mancher Verse wird hier am Sekundärwerk höchstselbst demonstriert. Frey wählt einen starren zweiseitigen Aufbau, links behandelt er das jeweilige Thema, es geht um die Bausteine, Rhythmen, Verse, Strophen, Dichtarten, und rechts gibt es Beispiele. Das ist sehr anschaulich und schnell nachzuvollziehen, weshalb Freys Kompendium sich von den drei Vorgestellten am besten zum kompakten Nachschlagewerk eignet. Nachteil an dieser Teilung ist, dass der festgeschriebene Raum von einer Seite zu Abstrichen in der Behandlung solch heterogener Gegenstände führen muss. So wird der Stanze, dem Sonett, der Ode der gleiche Platz eingeräumt wie dem trochäischen Fünfheber oder dem Stabreim des Mittelalters. Nichtsdestotrotz ein gutes Buch, dem es an aussagekräftigen Beispielen nicht mangelt.

Einführung in den neueren deutschen Vers – Alfred Behrmann
Ein Geschichtswerk. Unter den dreien gelingt es Behrmann am besten, eine schlüssige und aus sich selbst entwickelte Entstehung der Versarten im Deutschen zu geben. Das Buch war mal eine Vorlesung, im Vergleich zu seinen Kollegen argumentiert Behrmann auch eher wissenschaftlich, trifft aber trotzdem einen angenehmen Ton und bleibt für den Laien stets verständlich. Wer erfahren möchte, wie sich die deutsche Poesie seit der lutherischen Zeit entwickelt hat, ist hier richtig. Beispiele sind knapp, Behrmann gelingt es vielmehr in eigenen Worten, die Zusammenhänge, die diskutierten Elemente darzustellen, er verfügt über die entsprechenden Begrifflichkeiten und bedient sich ihrer in sichtlich geübter Weise. Eine rundum gelungene Übersicht, zu lesen wie ein Roman und voller Leidenschaft, die der bemüht sachliche Vortrag an keiner Stelle verleugnen kann. Der romantischste der drei Texte, romantisch vielleicht wider Willen. Nicht der gröbste Fehler, wenn es um Dichtung geht.

Freitag, 8. November 2013

Heimliche Helden - Ulrike Draesner

Ein vom Feuilleton hochgelobter Essayband. Die Autorin ist einigen Größen der, mit Ausnahmen, deutschsprachigen Weltliteratur auf den Fersen, widmet sich klug Werk und Person.
Mir hat das Buch nicht gefallen wollen. Von enthusiastischen Rezensionen gereizt, erwartete ich ein unterhaltsames, bildendes Lesevergnügen, am Ende gar eine innigere Beziehung zu den mir bekannten Autoren, ein erstes Kennenlernen der unbekannten. Das hat Draesner nicht geschafft.
Stattdessen betreibt sie eitle Nabelschau, drückt sich in spektakulären Idiosynkrasien aus, was avantgardistisch wirken und Kritiker beeindrucken soll, letztlich idiotisch wirkt und nervtötend ist. Die Autorin verwendet Sätze wie Ausrufezeichen, Sätze, die manchmal nur aus Substantiven und Doppelpunkten bestehen. Und noch prägnanter und näher dran am Puls der Literatur geht es zu, wenn plötzlich Einwortsätze einander jagen, atemlos, Einwortabsätze, und die Seite auch in der Metaebene Gestaltung findet. Das ist starke Schreibe, sieht stark aus, ist auch irgendwie lapidar und auf den Punkt, ist stark, ist mutig, ist kopflos. Lesen läßt sich das nur unter konstantem Ärger. Es gibt Abschnitte, in denen eine mögliche Aussage unter all dem stilistischen Flitter nicht zu erkennen ist. Kunstvoll synkopierende Assoziationsfolgen reihen sich zum strukturellen Zungenschnalzer, aber was steht da überhaupt? Man lese die Einleitung zu Hebel, um zu verstehen, was ich meine.
Aber das Buch ist nicht durchweg schlecht, gottlob, die Qualität schwankt, es gibt bessere Passagen. Fabre ist ganz gut.
Ich kann Heimliche Helden nicht empfehlen. Dieser Zwang zu Blinklicht und Werbepause. Warum nicht eine ganz normale Sprache? Draesner kann wunderbar analysieren, hat tolle Ideen, doch trotz ihrer offensichtlich außergewöhnlichen Fähigkeiten begibt sie sich in konzedierende Tiefen, die sie nicht nötig hätte. Schade drum.

Tage der Toten - Don Winslow

Das Buch wurde mir nahegelegt, ein dichter, packender Krimi, der Seinesgleichen suche.
Vor seiner Schriftstellerkarriere hatte Don Winslow ein bewegtes Leben, die zahlreichen Romane, allesamt harte Agentengeschichten, Thriller, sind wohl aus eigener Erfahrung gespeist. Tage der Toten steht aus dem ansonsten stromlinienförmigen Oeuvre heraus, eine großangelegte, generationenüberspannende Geschichte über den Drogenkrieg an der US-amerikanischen Südgrenze, der Versuch einer Bestandsaufnahme des modernen Amerika, wenige Hauptpersonen durchstreifen die Jahrzehnte, historische Ereignisse, historische Figuren; Freunde und Feinde, deren Wege sich kreuzen, Fiktion vermengt mit der Wirklichkeit. Die große, ganz große Kulisse, und doch ein Kammerstück.
Ich habe eine Weile gebraucht, um warm zu werden mit dem Roman. Das erste Kapitel ist unförmig, unablässig „denkt“ der in Adverbien schwelgende Protagonist, ein Stil zum Abgewöhnen. Das ändert sich. Winslow gestaltet die Kapitel der jeweiligen Handlungsträger charakteristisch, bis in den Stil hinein. Das „Denken“ bleibt Arthur Keller überlassen, die holzköpfigen Ganoven sind schon direkter unterwegs, und solcherart Nuancen finden sich bei allen Figuren. Dazu kommen gewagte Perspektiv- und damit wieder Stilwechsel, ein videoclipartiger Eindruck entsteht.
Der ehrgeizige Plot verfranst sich gerne in ausufernden Etäppchen, die Handlung kommt dann kaum voran, in besseren Teilen gelingt es dem Autor, das Tempo hoch, den Effekt brutal zu halten. Diese hardboiled-Schreibe ist allerdings immer etwas schwammig, immer alles seltsam kursorisch, als stünde die Erzählung knapp neben dem Geschehen. Das mit großem Aufwand und viel Insiderwissen gezeichnete Milieu wirkt deshalb nur fast echt. Irgendetwas fehlt.
Die Figuren bleiben trotz aller liebevollen Ausarbeitung Klischeeware: der unversöhnliche Rächer, die grundgute Nutte, der entspannte Priester. Die Handlung umspannt Dekaden, besteht aber zu großen Teilen aus Schießereien, in denen die Grundregeln des Hollywoodkinos herrschen. Tote gibts hunderte, tausende, ein wenig abgegriffene Poesie hinterher, und niemanden scherts.
Ein ambitioniertes Buch, das über die Genregrenzen hinausgeht, gespickt mit erinnerungswürdigen Momenten, ruiniert durch mangelnde Verschlankung, durch Unentschlossenheit und Ziellosigkeit. Ein ähnlich ambitioniertes Lektorat, und Tage der Toten hätte ein großes Buch werden können.

Freitag, 11. Oktober 2013

Stirb und werde - André Gide

Romantisch verbrämte, episodenhaft verdichtete Autobiographie des Franzosen, geschrieben im Alter von knapp fünfzig Jahren, in für die damalige Zeit sehr offener und reflexiver Weise. Die gesellschaftlichen Normen konnte Gide wohl nicht zuletzt wegen seiner gehobenen, finanziell unabhängigen Stellung derartig herausfordern. Der Buchtitel ist miserabel übersetzt - ins genaue Gegenteil des Originals.
„Stirb und werde“ ist die Lebensgeschichte eines dieser bemerkenswert autonomen Menschen, die über die dichterische Präsenz verfügen, die ihrer außergewöhnlichen Erkenntnis gerecht wird. Das zerworfene Leben, das aus den Trümmern von Ermattung und Resignation letztendlich zum Erwachen führt, den lange verleugneten Weg vor sich strahlend ausgebreitet, ist Urmoment im Wachsen des Menschen. Die Befreiung vom Scheinbaren, die Wenigen vorbehalten ist. Und wenn die Wenigen noch gut schreiben, ist es zum epochemachenden Werk nicht weit.
Einzigartig bei Gide mag die Unbekümmertheit sein, mit der er zwei große klassische Leidenswege biographisch verflicht: die quälende, von Zweifel und Rückschlägen belastete Hinwendung zum wahren Leben, der Literatur, dem Geist, sowie die nie ganz abgeschlossene Expedition durch die Tiefen von Schuldgefühl und puritanisch-bürgerlicher Moral, hin zur freudigen Bejahung der eigenen Homosexualität. Eine wohlabgeschmeckte Parallelität, kunstfertig und symbolhaft, der Ästhetik der Parnassiens voll und ganz genügend.
Einzigartig auch der Stil, der in der Übertragung von Ferdinand Hardekopf - vergessen wir den Titel - so vollmundig daherkommt, dass man das Buch nicht aus der Hand legen will, und wohl zum Besten gehört, was die französische Literatur der Jahrhundertwende zu bieten hat. Gides umfassende selbstverordnete Erziehung baut auf den alten Klassikern, den französischen und deutschen Neuklassikern und vor allem auf den Romantikern und Zeitgenossen, und zu seinem Glück ist er mit der alles entscheidenden Eigenschaft gesegnet - dem Geschmack, aus diesem überbordenden Grundstock keine farblose Soße, sondern etwas Schlankes, Neues, Eigenständiges zu fabrizieren. Das Ergebnis wirkt auf den ersten Blick mit all den Anekdoten, Abschweifungen, Verästelungen wie romantisches Geplauder, ist mit stets geordneter Klarheit und richtungsgebender Geradlinigkeit aber gleichzeitig modern. Ein Stil, der die Zeiten nicht überlebt hat. Ein Eklektiker, der sein Handwerk beherrscht. Ein Erastes, galant und witzig.

„Sie tanzten auf die alte Oulad-Weise, den Kopf geradeaus und den Rumpf unbeweglich, die Hände biegsam und das ganze Innere erzitternd vom rhythmischen Aufschlagen der Füße […] während der kleine Mohammed, in lyrischer Wildheit, seine Schellentrommel bearbeitete. Oh, er war schön! Halb nackt unter seinen Lumpen, schwarz und schlank wie ein Dämon, offenen Mundes, wirren Blicks …“

Donnerstag, 10. Oktober 2013

Gerechtigkeit - Michael Sandel

Wie wir das richtige tun
Ein angenehm lesbarer Überblick zur Freiheits- und Gerechtigkeitsdebatte der vergangenen Jahrzehnte. Sandel, ein Harvard-Philosophieprofessor, pflegt die nicht von vorneherein verwerfliche Haltung, Sachbücher einfach und verständlich in geschmeidigem Stil abzufassen. Zudem gelingt ihm das hervorragend, ich kannte mich auf dem Gebiet kaum aus und hatte nie Verständnisschwierigkeiten.
Der Preis einer derartigen Zugänglichkeit ist unvermeidlich. Um Wirkung zu erzielen, kurze Aufmerksamkeitsspannen nicht zu überfordern und dem Publikum in jedem Fall genügend Unterhaltung zu bieten, werden Gedankengänge gerafft, auf den Punkt gebracht, pointiert, mit anschaulichen Beispielen versehen und dann gerne frühzeitig verlassen, um attraktiveren Pfaden zu folgen. Es ist kein Standardwerk, sondern ein Lesebuch, das man im Urlaub mal an den Strand mitnehmen kann. Man muss Sandel anrechnen, dass er anders als viele seiner Sachbuchkollegen auf den nervtötenden, Versagen schwitzenden Humor verzichtet, der aus dem US-geprägten populärwissenschaftlichen Buchsektor, besonders bei Professoren und Doktoren auf dem Umschlag, nicht mehr wegzudenken ist. Sandels Witzeln bewegt sich in erträglichem Rahmen, dem durch die US-Sachbuchinnung vorgeschriebenem Minimum. Dort wird man bekanntlich auch zu unsäglichen Zwillingsformeln in Kapitelüberschriften verpflichtet: ‚Baseballbilder und Toiletten‘, ‚Humes Haus und die Windschutzscheibe‘. Vorwerfen muss man dem Autor die stellenweise durchscheinende Eitelkeit, und vor allem sich mit der Aufmachung und dem lächerlichen PR-Brimborium (Sandel hat eine Internet-Show, direkt aus dem Hörsaal!) der grassierenden Vereinnahmung durch Medien und Werbung zu ergeben. Klar, er erreicht Leute, aber schon innerhalb seiner eigenen Moral liegt er damit falsch, die übrigens eine sehr durchdachte und sympathische ist.
Im Buch verfolgt Sandel ausgehend von den Ursprüngen der Gerechtigkeitsphilosophie deren Entwicklung nach und stellt die aktuell beliebten Positionen gegenüber, das sind vor allem Utilitarismus, Libertarianismus, Konsequenzen aus Kant und Aristoteles, und John Rawls’ Egalitarismus, den er sehr mag und aus dem er seine eigene Vorstellung ableitet, einen ‚narrativ‘ geprägten Kommunitarismus. Als fraglich gerechte Gesellschaftsformen diskutiert er Feudal- und Kastensystem, den libertarianisch freien Markt, die Meritokratie, und das in die richtige Richtung zielende rawlssche Unterschiedsprinzip.
Nach der vergnüglichen und erhellenden Lektüre ist mir wieder einmal unverständlich, wieso das Gute gedacht, aber nicht umgesetzt werden kann. Da hocken tausende Studenten in den Geisteswissenschaften herum, erhalten eine luxuriöse Bildung und die Essenz schlauer Denker mehrerer Jahrtausende eingeimpft, und die Welt ist trotzdem wie sie ist. Es bringt also alles überhaupt nichts. Zu empfehlen ist das Buch trotzdem.

„Moralität ist nicht empirisch. Sie steht ein Stück weit abseits vom Getriebe der Welt. Sie gibt ein Urteil über die Welt ab. Die Naturwissenschaft kann moralische Fragen nicht erfassen, weil sie innerhalb der Sinnenwelt operiert.“
„In einer kapitalistischen Gesellschaft ist es hilfreich, unternehmerischen Elan zu haben. In einer bürokratischen Gesellschaft nützt es einem, dem Vorgesetzten um den Bart gehen zu können. In einer Gesellschaft der Massendemokratie hilft es einem, wenn man im Fernsehen gut aussieht und sich in kurzen, oberflächlichen Sprüchen äußert.“
Die Haltung, nach der man als Nachgeborener mit der Judenvernichtung nichts am Hut hat, „geht zu Unrecht davon aus, dass das Selbst von seinen sozialen und historischen Rollen und seinem sozialen und historischen Status gelöst werden kann.“
„Eine der auffälligsten Tendenzen unserer Zeit ist die Ausdehnung der Märkte und des marktorientierten Denkens auf Lebensbereiche, die traditionell von anderen Normen beherrscht wurden.“

Fräulein Jacobs funktioniert nicht - Louise Jacobs

Als ich aufhörte, gut zu sein
Ein Mädchen, das in der Schule versagt, den Anschluss verpasst und Eltern hat, die das nicht verkraften können. Startschuss fürs Leben von Fräulein Jacobs, in diesem Buch rückblickend in Prosa gesetzt und berührend.
Louise Jacobs stammt aus gutem Hause, wächst auf in der Schweiz, fühlt sich dort, wie in ihrer Familie, nie heimisch. Der Konflikt, der die von der Autorin als diverse Schulschwächen erklärten Epiphänomene auslöst, typischerweise die allzu ehrgeizige Erziehung, wird im Buch nur angedeutet. Stattdessen beschreibt Jacobs die Folgen, das schulische Scheitern, verzweifelte elterliche Versuche, die Tochter irgendwie auf Kurs zu bringen, die Flucht nach Amerika und die schließliche Somatisierung in Form einer Magersucht. Das ist recht banal, solche Biographien gibt es zuhauf.
Was das Buch gut macht, ist auch nicht der Stil. Jacobs erzählt schnörkellos rekapitulierend, zur bemühten Auflockerung, Brechung, Literarisierung, was weiß ich, flicht sie eine zähe zukünftige Perspektive ein, wo ihre Figur, am Ziel ihrer Wünsche, den so dringlich ersehnten Naturerlebnissen nachgeht. Das lässt sich ausblenden, dann packt die eigentliche Lebensgeschichte mit großer Aufrichtigkeit, Nähe, und neugieriger Reflexion, die in den Seelentiefen allenfalls gelegentlich auf federnden Widerstand trifft. Denn ein Rest unerkannter, liebenswerter Naivität liegt dort zu Grunde, und trägt bei zum Reiz dieses sympathischen Buchs.

Drei bis vier Romane - Andreas Eschbach

Ich habe von Andreas Eschbach mal ein Buch gelesen, Quest hieß das, da ging es um einen Raumschiffkapitän, der, todkrank, in einer sterbenden Welt eine Suche nach Gott unternahm, mit wundervollem Ende. Das ist lange her, und vorerst werde ich Quest nicht wiederlesen. Aber drei andere Romane habe ich aus dem Schrank geholt, die standen daneben.

Die Haarteppichknüpfer
Der Erstling, Nachsicht waltet. Trotzdem finde ich das Buch nicht gut, zu sehr scheint der Anfänger durch. Es bessert sich zwar, die späteren Kapitel wirken sicherer, aber im Vergleich zur aalglatten Prosa z.B. des "Letzten seiner Art" durchweht die "Haarteppichknüpfer" der jugendliche Duft der Schreibwerkstatt.
Die Geschichte besteht aus aneinandergereihten Schnipseln, Kurzgeschichten, deren Bezug sich erst verzögert aufklärt, die am Ende ein grobes Mosaik bilden und mühsam konstruierte Fragen klären. Plotlöcher, unglaubwürdige Charaktere, hölzerne Dialoge usw., ist alles da, aber Eschbach macht es bereits jetzt besser als die handelsüblichen Papierproduzenten, die Hohlbeins, Heitze, und wie sie alle heißen. Denn eines muss man ihm lassen: das Gespür für große Themen. Auch wenn die Mittel dafür ihm noch vollkommen abgehen.

Das Jesus-Video
Verfilmt, viel Geld mit verdient, also keine Zurückhaltung mehr. Oder doch, immerhin waren das die Neunziger, da hat man sowas gelesen und Dan Brown war nichtmal geboren. Aber sowieso besteht kein Grund zur Härte, denn auch hier ist der Stil sympathisch unbeholfen, wenn auch schon angepasster, stromlinienförmiger. Die Gelassenheit des Veröffentlichten.
Der Plot ist durchdacht und entblößt seine Beliebigkeit selten, und läßt man sich auf die bemühten Charakterisierungsversuche ein, sind die vierhundert Seiten schnell gelesen. Wieder ein grosses Thema, das diesmal aber im Regen stehen gelassen und von der aufgeblähten Thrillerhandlung erdrückt wird. Oder zugedeckt zumindest, denn so viel wiegt die nicht.
Bei dieser Gelegenheit frage ich mich, was das Befremdliche ist am Strickmuster solcher Thriller nach US-Vorbild. Ich habe etliche gelesen, alles Kammerstücke. Ob Ortsbegrenzung oder nicht, nur wenige Personen treten auf, alle aufgeladen mit scharfkantiger Bedeutung, der Idealist, der Lockere, der Professor, die gebildete Blondine, der Skrupellose. Das Zeug liest sich gut weg und fühlt sich immer unecht an, warum? Eschbach selbst scheint gemerkt zu haben, in welches Fahrwasser er gerät, flicht regelmäßig Kapitel ein, in denen er diesen Schablonen Tiefe attestiert, den Skrupellosen z.B. plagen Eheprobleme. Das ist recht possierlich, ich rate von der Lektüre aber ab.

Der Letzte seiner Art
Furchtbar müde und umständlich. Ein Cyborg, Überbleibsel verrückter militärischer Experimente mit Bart, sucht Zuflucht in einer irischen Küstenstadt und wird dort schließlich ausfindig gemacht. Er flieht, offenes Ende, düstere Anklänge.
Eschbach schreibt jetzt nicht mehr sympathisch, er hat sein Handwerk gelernt. Aalglatt, ohne Ecken und Kanten, Charme oder Charakter. Und nicht mal ein ordentliches Thema, wem gehört mein Körper, naja.
Die eschbachschen Veröffentlichungen der letzten Jahre wirken leider, als wären sie ähnlich wie dieses Buch zielgenau hin auf einen Genremarkt produziert, weswegen in meinem Blog vorerst keine weiteren Bücher von Andreas Eschbach landen werden. Trotz meiner miesen Kritiken habe ich den Glauben aber nicht verloren und werde warten. Er soll jetzt in Gottes Namen die handelsübliche Menge Polit-, Umwelt- und sonstwelche hochaktuellen Thriller rausbringen, irgendwann hängen die ihm zum Hals raus und er schreibt wieder was Gutes. Das ist wie mit fahrradfahrenden Vierzigjährigen.

Wer bin ich, und wenn ja, wie wie viele? - Richard David Precht

Der Mann hat keinen guten Ruf. Verschrien als Talkshow-Schönling und bestsellergenerierender Schundphilosoph, erhält er mittlerweile sogar vom verfeindeten Feuilleton Schützenhilfe, aus schlechtem Gewissen vielleicht, das den Neid elitärer Kreise auf einen hübschen, erfolgreichen Mann diagnostiziert. Precht kann’s egal sein, er erreicht Millionen. Und wie schaut es im Buch aus?
Harmlos. Precht greift die populären Fragen heraus und schreibt ein wenig zur jeweiligen Geistesgeschichte. Eine lockere Umschau, ein Plauderkränzchen. Keine neuen Gedanken, stattdessen bekömmliche Häppchen ohne Kalorien. Ob einem Laien das als "Einführung in die Philosophie" taugt, sei dahingestellt, denn auch Laien haben Bedürfnisse und werden nach dieser Lektüre ausgesprochen unbefriedigt bleiben, haben sie doch keine Antworten und erst recht keinen strukturierten Einblick erhalten.
Ich kann die Banalisierung von Allem nicht leiden, ich bin auch nicht der Meinung, dass man die Leute "abholen" muss. Es war also zugegebenermaßen ein abgekartetes Spiel, und ich schließe mich hiermit den o.g. Vorurteilen an. Aber kann man dem Mann böse sein? Wer einen derartigen Geldhahn gefunden hat, tut sich verständlicherweise damit schwer, ihn wieder zuzudrehen. Wer weiß, wie wir uns in seiner Lage verhielten.

Montag, 16. September 2013

Eichmann in Jerusalem - Hannah Arendt

Ein Bericht von der Banalität des Bösen
Jede Generation entwickelt ihre eigene Taktik. Die Zeitzeugen wussten von nichts; die Kriegs- und Nachkriegskinder blicken auf die toten Eltern, unvorstellbar, was die taten und zuließen, unvorstellbar, nichts gewusst zu haben; die Kinder dieser Kinder geht es nichts mehr an. Ein solches Kind bin ich.
Ein beliebtes antisemitisches Argument macht die Juden für den Antisemitismus verantwortlich: Die unnachgiebige Präsenz, der ewig erhobene Zeigefinger seien Hauptursache für das Ressentiment, der jahrhundertealte Haß ein selbstverschuldetes Problem. Ein Gedanke, der in seiner bloßstellenden Kraft heutzutage auch von den abgebrühten Cretins höchstens noch augenzwinkernd vorgetragen werden kann.
Doch schlägt der Spott um in Tragik, wenn dieses Argument Bestätigung auf einem wichtigeren Gebiet findet als bei den Verdauungsgesprächen gehoben debiler Kreise, dem Lehrplan nämlich, zumindest dem der Neunziger Jahre. Kein humanistisches Fach, das damals ohne die endlos unreflektiert wiederholte Litanei ausgekommen wäre. Das verblüffende Desinteresse am Schüler, der Mangel an Psychologie, an Empathie, kurz, die qualvolle Neurose der Lehrplanersteller aus den besten überkompensierenden Jahrgängen erzeugte bei uns nichts als Abwehr. Dadurch wurde ich nicht zum Antisemiten. Aber ein Thema, das mich bislang nicht berührt hatte – die Judenvernichtung im Dritten Reich – wurde dauerhaft zum roten Tuch.
„Es stellt sich … heraus, dass die Entwicklung eines Individuums durch die Entwicklung aller anderen … bedingt ist, und dass die verschiedenen Generationen … einen Zusammenhang unter sich haben, dass die Späteren in ihrer physischen Existenz durch ihre Vorgänger bedingt sind, die von ihnen akkumulierten Produktivkräfte und Verkehrsformen übernehmen und dadurch in ihren eigenen gegenseitigen Verhältnissen bestimmt werden. Kurz, es zeigt sich, dass eine Entwicklung stattfindet und die Geschichte eines einzelnen Individuums keineswegs von der Geschichte der vorhergegangenen und gleichzeitigen Individuen loszureißen ist, sondern von ihr bestimmt wird.“ [Marx, Dt. Ideologie, MEW 3, 423]
Marx dient hier als Herold einer der Grundzüge der abendländischen Philosophie. Nach der schulischen Roßkur habe ich lange gebraucht, um mir diesen Grundzug anzueignen, zu lernen, dass ich in der Geschichte stehe. Das Selbst kann nicht von seinem sozialen Umfeld und seiner historischen Rolle gelöst werden [M. Sandel]. So sehr man auch nach Isolation strebt, das Ich ist ein Produkt der gemachten Erfahrungen, mit Menschen, ohne Menschen. Die Gesellschaft und die Geschichte der Gesellschaft formen das Individuum. Wir sind zeitliche Wesen. Wer das nicht erkennt, hat keine Stimme.

Hannah Arendt war im Auftrag einer amerikanischen Zeitung Beobachterin des Eichmann-Prozesses. Der aus mehreren Essays hervorgegangene Bericht hat mich wochenlang beschäftigt. Was macht ihn so außergewöhnlich? Arendt ist eine brillante Schriftstellerin, das Thema eines der Schrecklichsten des Zwanzigsten Jahrhunderts. Ein Spannungsverhältnis.
Arendt konzentriert sich auf den Prozess, nicht auf Eichmann. Sie kritisiert die Anklage, die Beweisführung, die Umstände, die Rechtsbrüche. Ihre eigentliche Aufgabe, die Beobachtung, verwebt sie, gekonnt wie ein Romancier, mit ausführlicher subjektiver Reflektion über den Holocaust. Die Gräuel der Nazis schildert sie kühl, wirft die ungeheuren Zahlen in den Raum, um sich dann der Analyse der israelischen Rechtslage zu widmen. Gegenüber passiven oder kollaborienden Juden ist sie gnadenlos. Sie psychologisiert, wo es nur geht, liest in Zeugen, in den Anwälten, in Eichmann. Alles, was sie schreibt, leuchtet ein; nie wird es langweilig. Fraglos war Arendt eine enorm gebildete Frau, die ihre Bildung auch aufs Papier brachte.
Womit wir beim Problem wären. Das Ganze liest sich so gut, so süffig, so schön. Ein Prozessbericht zwar, gleichzeitig Hochliteratur. Schlichtweg alles würde gefallen, schriebe man es so. Angesichts der Art, wie Arendt Einzelne und Gruppierungen charakterisiert, dann segnet oder verurteilt und ihr dabei die Herzen zufliegen, stellt sich die Frage: Ist es weise, etwas derartig Furchtbares, die Vernichtungshölle, die Opfer, die Täter, in betörende Prosa zu fassen, schlagfertig, geistreich, voller hinreißender Einfälle und Pointen? Um Ausgleich zu wirken sicher nicht. Die der Veröffentlichung folgenden Verwerfungen waren Legion.
Geniale Autoren sind eitel. Zur Vervollständigung des genialen Bildes sei deshalb der arendtsche Eitelkeitsnachweis erbracht: Regelmäßig nimmt sie die „erhabenen Gefühle“ aufs Korn, die Eichmann gerne als Motivation hinter seinen Handlungen sieht. Genauso regelmäßig verfällt sie allerdings selbst in schwülstigen Stil, gleitet in Kitsch ab und verfällt auf simple Mittel. Als Beispiel der Schluss, der ihr das eine oder andere erhabene Gefühl abgerungen haben wird: „In diesen letzten Minuten war es, als zöge Eichmann selbst das Fazit der langen Lektion in Sachen menschlicher Verruchtheit, der wir beigewohnt hatten – das Fazit von der furchtbaren Banalität des Bösen, vor der das Wort versagt und an der das Denken scheitert.“ Das Los aller Schriftsteller: sie sind intrinsisch unglaubwürdig. Eine endlose Schleife.

„So bleibt also nur übrig, dass Sie eine Politik gefördert und mitverwirklicht haben, in der sich der Wille kundtat, die Erde nicht mit dem jüdischen Volk … zu teilen, als ob Sie und Ihre Vorgesetzten das Recht gehabt hätten, zu entscheiden, wer die Erde bewohnen soll und wer nicht. Keinem Angehörigen des Menschengeschlechts kann zugemutet werden, mit denen, die solches wollen und in die Tat umsetzen, die Erde zusammen zu bewohnen. Dies ist der Grund, der einzige Grund, dass Sie sterben müssen.“
Der Urteilsspruch symbolisiert die Hilflosigkeit der Nachwelt. Das Gehorsamsdilemma wird nicht aufgelöst, die Todesstrafe aus einem grotesken Widerspruch heraus begründet. Man hatte die Hölle nicht verstanden und kein Mittel gefunden, ihr zu begegnen.

Das Buch hat mich tief bewegt. Ist man ein Mensch, und hat man eine Stimme, dann ist Arendts Bericht trotz aller literarischer Anmutung eine schonungslose Konfrontation mit der deutschen Vergangenheit, mit Massen- und Einzelschicksalen, die in die Hölle gingen.
Die Hölle. Was im Menschen lauert, das Unvorstellbare, Unnennbare, tief unter den mürben Schichten, ist so fremdartig, so unbegreiflich, so fürchterlich, dass irgendwo der Wahnsinn sitzt. Unvorstellbar, zu was Menschen werden können. Und während wir sitzen und lesen, geschieht das Grauen, es gibt keine Hilfe.

Sonntag, 15. September 2013

Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend - Andreas Altmann

Die späte Abrechnung eines ungeliebten Sohnes mit dem Elternhaus. Altmann plaudert aus der Erinnerung, erzählt seine Kindheit in locker gefügten Kapitelchen. Lieblos und gewalttätig geht es dort zu, dem Bub wird von Anfang an zu verstehen gegeben, dass er nicht willkommen ist; unerbittlich wird er auf Versager und Kuscher getrimmt. Die Neurosen und Therapien im Erwachsenenalter sind unvermeidlich, die Unsicherheit, die Scham, die lebenslangen Schuldgefühle den Unterdrückern gegenüber. Da geht es Altmann wie Millionen Kindern weltweit, in der uralten großen kindlichen Tragödie ohne Publikum, die die Psychotherapie erst so spät vollendet in Kapital umzumünzen gelernt hat.
Dass seine Geschichte nicht bewegt, liegt an den literarischen Mitteln. Die Kapitel sind knappe Schlaglichter, die einem wie auch immer gearteten potentiellen Stil keine Entfaltungsmöglichkeit bieten. Jederzeit spürbar die anhaltende Wut, die auch vierzig Jahre danach noch den Drang zum Schreiben liefert. Der Text ist eine Rache, eine schonungslose Anklage, gerichtet an die nicht mehr Belangbaren, und dient dem einzigen Zweck, diesen lähmenden Zorn loszuwerden, ihn sich vom Leibe zu schreiben.
Mäßig interessant für Leidensgenossen, für leidenschaftliche Mitleider vielleicht, allenfalls für aufrichtige Psychologen, die wiederum von vorneherein schon wissen, was im Buch erst am Ende steht: Niemand trägt Schuld an dem, was er ist. Immer gibt es einen Beweger. Und weil der Text keinen besonderen, keinen ästhetischen, poetischen, philosophischen Zweck verfolgt, ist er eben dementsprechend platt einfach eine Schilderung, eine heftige zwar, aber mehr nicht.
Nicht nur auf die Eltern richtet sich der unheilige Zorn des Autors, auch auf die Kirche zielt er, die Altmann als Beweger höherer Ordnung ausgemacht hat und damit wieder am Anfang steht. Ein Fest für Kirchenspötter das, ein Aspekt zumindest, der mir durchaus gefallen hat.

Drei Fleischbücher - Duve, Grabolle, Foer

Anständig essen – Karen Duve
Ein weiteres Buch der angesprochenen Duveumschau. Meine auch vorher schon bestehende Neugier, ein allenfalls dezent müffelnder Schwelbrand, explodierte beim Lesen bald zum Großfeuer, das mir den jahrzehntelang eingefleischten Konsum tierischer Produkte tatsächlich ausbrannte. Duve hat das nicht allein geschafft, siehe unten: Grabolle und Foer und mein nicht zu unterschätzendes Gehirn haben ihr geholfen. Ich möchte das Thema an dieser Stelle nicht weiter ausführen, die Buchbesprechungen stehen im Vordergrund.
Nur die eine Warnung. Ich rate jedem, der weiterhin Fleisch essen möchte und geistig beweglich ist, von der Lektüre dieser Bücher ab, denn wenn er das ist, kann er das anschließend nicht mehr tun. Worüber ich mich natürlich freuen würde.
„Anständig essen“ ist das literarisch verbrämte Protokoll eines Selbstversuchs zur Ernährungsumstellung. Weil ihr ein schlechtes Gewissen gemacht wird, informiert sich die Erzählerin, die weitgehend, aber nicht vollständig mit der Autorin identisch sein dürfte, über Tierhaltung und Fleischproduktion und probiert nach und nach vier "Stufen" bewusster Ernährung aus. Das sind Ökoprodukte, Vegetarismus, Veganismus, Frutarismus. Sie berichtet, wie sie die verschiedenen Phasen erlebt und lockert den Text mit Einschüben zu bestimmten Faktengebieten, Statistiken und persönlichen Erlebnissen auf. Am Ende zieht sie Bilanz und ihre Konsequenzen. Das Buch lässt sich prima lesen, weiß mit literarischen Winkelzügen zu fesseln und ist deshalb kein astreines Sachbuch. Umso besser.

„Durch die Verweigerung fast sämtlicher angebotener Nahrungsmittel habe ich meine Mutter unglücklicher gemacht, als es mir durch exzentrische Partnerwahl oder aussichtslose Berufe je gelungen ist.“


Kein Fleisch macht glücklich – Andreas Grabolle
Das zweite Fleischbuch im Bunde, von einem Biologen, der bis dato schriftstellerisch noch nicht in Erscheinung getreten ist. Trotzdem schafft er ein gutes Deutsch, zumindest die erste Hälfte ist angenehm lesbar und nicht frei vom einen oder anderen Zungenschnalzerli. Grabolle bewegt sich im Unpersönlichen, er spricht zwar immer wieder von sich und seiner Entwicklung, geht aber nie sehr nahe ran, pflegt eher einen Reportcharakter und glänzt mit Fakten, was das Buch zu einer netten Ergänzung macht. An die beiden anderen reicht es aber nicht hin, denn ungefähr mit Ende der erwähnten ersten Hälfte wird man der Zahlengewitter überdrüssig, fühlt sich erschlagen von den Breitseiten unerbittlicher Statistiken, ermüdend grell. Die zu Beginn noch reichlichen Pointen lassen nach, der Sprachwitz erlahmt, sodass der Gedanke nahe liegt, dem Autor sei die Luft ausgegangen. Der Höhepunkt des Niedergangs ist ein hysterisches Kapitel über Mangelerscheinungen und wie sie zu verhindern seien, wo der recherchande Biologe eine Armada von Spurenelementen beschwört, deren Lebensbedeutung herausstellt und mit physiologischem Rat nicht geizt. Gegen Ende wird dieser Abschnitt völlig verrückt, Begriffe und Stoffe tauchen auf, von denen die meisten Ärzte noch nie gehört haben, faktische Fehler treten hinzu, das ahnungslose Umsichschmeißen mit wissenschaftlichen Begriffen und Fachausdrücken würde jeder Illustrierten oder Apothekenzeitschrift zur Ehre gereichen. Wertet man das Kapitel als heitere Hommage an den Klischeeveganer, ist niemandem wehgetan. Das Buch beginnt gut, lässt aber stark nach.

„… stellt sich mir mittlerweile die Frage, warum eine Tötung akzeptabel sein soll, nur weil sie angst- und schmerzfrei ist. […] Ich muss für mein Urteil einfach nur an meine Katzen denken. Sie in der Sonne liegend zu kraulen, erscheint mir für sie eindeutig attraktiver zu sein, als ihre Existenz schmerzfrei zu beenden.“


Tiere essen – Jonathan Safran Foer
Und Nummer drei. Das Vorbild der ganzen Mode reflexiver Fleischbücher hatte ich bis zum Schluss aufgehoben, ich dachte, weil es das Älteste ist, würde es nichts Neues bieten, seien seine Standpunkte in den anderen schon enthalten.
Doch hier ist es nochmal anders. Foer geht so nahe heran wie möglich, schreibt zutiefst persönlich und macht aus seinem Sachbuch Literatur. Er nimmt die Geschichte seiner Familie, die Geschichte der westlichen Gesellschaft, die Traditionen, Bräuche und Gewohnheiten und untersucht, wie sie mit dem täglichen Leben und Essen verflochten sind, untersucht, welche Moral wann und wo entstanden ist, und was sie gebietet. Aus den Ergebnissen versucht er, eine verlässliche Handlungsanweisung abzuleiten, zur Orientierung nach Geburt seines Sohnes. Im Laufe der Kapitel lässt er dieses Ziel aus den Augen, am Ende steht eine eher emotionale Entscheidung. Doch bis dahin haben wir ein gutes Buch gelesen.
Foer geht den eigenen Motivationen schonungslos auf den Grund, das erste Kapitel ist beinahe schmerzhaft ehrlich. Trotz der gelesenen anderen Fleischbücher werde ich erst von „Tiere essen“ tatsächlich und dauerhaft aufgewühlt. Das Buch ist radikaler, direkter, und besser geschrieben. Und wütender. Eine mühsam unterdrückte Wut vibriert im Buch, eine Wut, die sich mit der erblühenden eigenen solidarisiert und die ich dem Autor, der auf seinen Fotos stets so friedlich milde dreinschaut, niemals zugetraut hätte.
Jeder sollte sie kennenlernen.

„Warum sollte sich Essen von anderen ethischen Bereichen unseres Lebens unterscheiden? Wir waren ehrliche Menschen, die manchmal logen, umsichtige Freunde, die manchmal ungeschickt vorgingen. Wir waren Vegetarier, die ab und zu Fleisch aßen. […] Das dachte ich, reichte.“
„‚Freilaufend‘ wird in den USA zur Bezeichnung verschiedenster Produkte verwendet – Fleisch, Eier und Milchprodukte – und gehört zur Kategorie ‚Bullshit‘ (siehe: BULLSHIT). Es sollte einen genauso wenig beruhigen wie die Etiketten ‚naturbelassen‘, ‚frisch‘ oder ‚magisch‘.“
„Wir sind diejenigen, die man zu Recht fragen wird: Was habt ihr getan, als ihr die Wahrheit über das Essen von Tieren erfahren habt?“
„Unsere Reaktion auf die Massentierhaltung ist letztlich ein Test dafür, wie wir auf die Schwachen, die Unsichtbaren, die Stummen reagieren – sie ist ein Test dafür, wie wir handeln, wenn uns niemand zwingt, auf die eine oder andere Weise zu handeln.“

Regenroman, Taxi, Grrrimm - Karen Duve

Mir wurde der „Regenroman“ empfohlen, der sei atmosphärisch, so feucht, so unangenehm feucht, dass einen Ekel überkomme. Außerdem schwärmte ein von mir geachteter Autor für Karen Duve, weshalb ich mir ihr Oeuvre mal vorgeknöpft habe. Mit gewichtigen Folgen, aber dazu im nächsten Eintrag.

Regenroman
Eine beschwingte Geschichte mehrerer Verliererfiguren, die im abgelegenen Hinterland Ostdeutschlands aufeinandertreffen. Es regnet, es gibt ein Moor mit allerlei Gekreuch, viel Nebel, Großstadtmenschen treffen auf mystische Naturweiber, und am Ende bricht alles glorios zusammen. Das Ganze erinnert in seiner Skurrilität an dieses sich ungebrochener Beliebtheit erfreuende Kinogenre der späten Neunziger, in dem saloppe Filme wie Snatch, Fight Club, und die Tarantinos zu Hause sind. Der Regenroman könnte somit ein Buch zum Film sein, er liest sich wie ein Drehbuch, ein atemloser, mit reichlich Pointen und Wendungen und der obligatorischen Portion Bosheit gespickter Plot, der sich vergnüglich liest, aber keinen bleibenden Eindruck hinterläßt.

Taxi
Eine junge Frau verdingt sich aus Neugier und finanziellen Nöten als Taxifahrerin in der Hamburger Nachtschicht. Was sie dabei erlebt, die Anekdoten über Fahrgäste und Kollegen, die Liebschaften mit Bekannten, schildert sie lakonisch, abgeklärt und auch desillusioniert. Diese Frau lässt sich vom Leben nicht mehr überraschen, sie weiß, was sie tut und bekommt auf ihre Art meistens, was sie will. Die Unsympathen ihrer Umgebung durchschaut sie sofort, meidet sie aber nicht und lässt sich auf deren Neurosen und Intrigen ein. Mit ihren Liebhabern knüpft sie stets Abhängigkeitsbeziehungen. Eine leblose Frau, hin- und hergeworfen von der Welt und dem eigenen, ziellosen Willen. Eine Gestalt, die von sich meint, sie sei frei, doch ist sie bemitleidenswert. Eine starke Figur.
Der Stil ist zugänglich und schnörkellos, kaum merkbar arbeiten subtile Mittel. Ein Text wie ein Fernsehfilm. Das Ende ist schlecht, ansonsten habe ich „Taxi“ gerne gelesen.

„Alles in unserem Leben sprach dafür, dass wir Nieten waren, dass wir es nicht gebracht hatten und auch nicht mehr bringen würden, und deswegen wollten wir es schriftlich haben oder als Foto, dass wir klug genug oder schön genug waren. Dass wir zu irgendetwas taugten.“

Grrrimm
Nacherzählungen Grimmscher Märchen. Ich verstehe das nicht, es sind die bekannten Geschichten, in die Gegenwart gehoben und mit Klamauk versehen. Die sieben Zwerge sind z.B. scharf aufs Schneewittchen. Klar kann hier jemand schreiben, das Vorhaben ist formal gelungen, aber wer das lesen oder witzig finden soll, steht auf einem anderen Blatt. Die Rezension ist nicht repräsentativ, ich habe nur knapp ein Fünftel gelesen.

Zwei ältere Science Fiction Anthologien

Ich habe zwei SF-Kurzgeschichtensammlungen gelesen, eine herausgegeben in den 60ern, die andere 1980. Beide sind unlesbar und führen innerhalb von Sekunden vor Augen, wie sehr sich die Science Fiction in den letzten Jahrzehnten verändert hat.

156 Science Fiction Stories
Abenteuerliche Schnipsel mit böswilligen Venusmenschen, zu werbezwecken verkleinerten Protagonisten, Weltenenden durch Gotteswort etc. Alle äußerst wagemutig angelegt, exaltiert wäre ein vorsichtiger Begriff. Die Geschichten sind heilloser Jahrmarktzauber voll unschuldiger Wunder und naiver Magie, trotz gelegentlicher unguter Enden herrscht eine neugierige, fröhliche Grundstimmung, Technik überall, und nur selten blendet ein Blitz von Progressivität das prägenitale Treiben, wenn etwa Elfriede Jelinek eine Art Feminismus in die radioaktive Wüste pflanzt. Wer einmal einen Weltallfilm aus den Fünfzigern gesehen hat, kennt die Gefühle, die den Blick in so fern vergangene Zeiten begleiten, allein ein Film läßt sich leichter ertragen.

30 Jahre Magazine of Fantasy and Science Fiction, hrsg. Edward L. Ferman, 1980
Nun drehen sich die Geschichten um die Bedrohung am Horizont, sei es durch sich verselbständigende Technik, einen möglichen Atomkrieg, oder andere menschheitsbedrohende Unentrinnbarkeiten. Kurz, der Ton ist pessimistisch geworden, geerdet an den ausgebliebenen technologischen Wundern, am beunruhigenden Kontrollverlust des kalten Krieges. Die Umsetzung nach wie vor mangelhaft, grobe, jederzeit vorhersehbare Plots mit aus heutiger Sicht ermüdenden Pointen. Mal ist es ein psychopathischer Android ("Geliebtes Fahrenheit"), mal ein aufregend mißgebildetes, in seinem Denken erschreckend klischeebehaftetes Kind ("Menschenkind"), mal sind es Hinterlassenschaften einer ausgebombten Kultur, die von den Überlebenden als heilige Reliquien verehrt werden ("Ein Lobgesang auf Leibowitz"). Es war auch in den 80ern nicht üblich, andere als oberflächliche SF zu schreiben.

Samstag, 14. September 2013

Haus der Löcher - Nicholson Baker

Ein absurd überdrehtes Pornomärchen, dessen Intention mir nicht klar wurde. Parodie? Versuch eines literarischen Pornos? Tabu- oder Ausbruch?
Hat alles nicht geklappt. In zusammenhanglosen Episoden taumeln die unterschiedlichsten Typen durch tripartige Sequenzen hinein ins "Haus der Löcher", frei von Ziel und Zweck, um sich an jenem Ort allerlei wohl witzig gemeinten sexuellen Ritualen zu unterziehen, Peniswaschanlage etc., und reglementierten und durchorganisierten Orgasmen. Ein wahnhaft fröhliches Augenzwinkern schwebt über allem, etwas wie Erregung kommt nicht im Mindesten auf, lustig ist das Ganze aber auch nicht. In seiner unbeholfenen Übertreibung wirkt es vielmehr wie der Versuch eines Prüden, nicht prüde zu sein, endlich einmal was ordentlich Versautes zu schreiben. Umso verklemmter liest es sich dann, unerträglich für einen in einem freien Land Aufgewachsenen.

Mittwoch, 21. August 2013

Die Wand - Marlen Haushofer

Eine düstere Variation über den Zustand, den Pessoa "Dekadenz" nannte. Die harte Prämisse des Buches, Protagonistin wird von durchsichtiger, undurchdringlicher Wand vom Rest der Menschheit getrennt, läßt vielerlei Interpretationen zu, die hier nicht erörtert werden sollen. Wichtig ist, ob ich den Roman unterhaltsam finde. Das tue ich nicht.
Das Scheitern an der Gesellschaft, an den Menschen, ist ein allgegenwärtiges Topos der Dichtung aller Epochen. Von den Stoikern über die Spätantike, von den jahrhundertelangen weltabgekehrten Gottesstudien der Scholastik zu Kant, Schopenhauer, den Romantikern, Camus. Bekannte Namen, aber wie ihnen wird es den meisten Grenzsuchenden ergangen sein, auch denen, die nie veröffentlichten. Gesellschaft und Leben funktionieren nur in Unbewußtheit.
Selten habe ich diese Ideen in so langweiliger Form vorgefunden wie bei Haushofer. In nüchterner Protokollform schildert die Erzählerin ihr Leben in der menschenleeren Idylle, das sie unterschwellig genießt, generell aber Qual und Trübsal und Aussichtslosigkeit der immer anstrengenderen Tage in den Vordergrund rückt. Sie ist erstickt von Sorgen, ängstigt sich um ihre Tiere und sich selbst. Sie richtet sich ein im Wald, lebt von den Früchten der harten, erschöpfenden Arbeit. Das geht von morgens bis abends. Von Anfang bis Ende Erschöpfung, Hoffnungslosigkeit, erdrückend. Die einzigen Schimmer im grauen Brei sind die Tiere. Die Verbundenheit der Erzählerin mit den Tieren, und deren Verhalten ansich sind wunderbar getroffen, die Katzenpassagen die besten im Buch. Auch hier schlägt sich das Schema bald tot, seitenlang wird die arme brüllende Kuh gemolken, um sie von ihrer Last zu befreien, die Katze geht auf Streifzüge, hoffentlich passiert ihr nichts, der Hund ist treu, hoffentlich passiert ihm nichts. Rehe müssen geschossen und gegessen werden und sind deswegen auch arm.
Das ist alles schon gut und richtig, aber so endlos ausgewalzt, das das Lesen keinen Spaß macht. Die endlose Gleichförmigkeit der Schilderung ist ein Stilmittel, das leider funkioniert. Vielleicht hätte dem Text die kürzere Form gut getan.
Das Ende treibt die Isolation auf die Spitze und ist Beleg dafür, daß die Autorin es wirklich ernst meinte. Ein Blick auf ihre Biographie bestätigt das. Aber ernst ist es den Leuten immer.

Sonntag, 18. August 2013

Sprechen wir über Musik - Joachim Kaiser

Ein einfach gehaltenes, kleines Büchlein von hundertsiebzig Seiten. Kaiser, ein Musikkritiker, beantwortet Fragen des lesenden Publikums zu musikalischen Themen. Die können naiv sein oder kenntnisreich, Kaiser antwortet stets im Plauderton, erzählt Anekdoten, springt von Komponist zu Komponist und von Gattung zu Gattung, wird nie konkret und versucht damit nach eigener Aussage, den 'Zauber der Musik' weiterzugeben. Die kurzen Textchen sind fundiert und spritzig geschrieben und werden auch denjenigen nicht langweilig, die bereits verzaubert sind.
Für Einsteiger sicher ein guter Wegweiser, hier wird niemand vor den Kopf gestoßen, alles schön unprätentiös und in vielfältiger Weise anregend. Die anderen finden zu wenig Neues.

Der Implex – Dietmar Dath

Ein knapp achthundert Seiten starker Essay über die Geschichtsbedingtheit des Sozialismus. Beeindruckend geschrieben, sehr belesener und wortgewandter Autor, der seine und die marxistischen Ideen mit Furor vertritt. Gut so, ich bin in vielem seiner Meinung. Enorm gewöhnungsbedürftig sind die zügellose Form, das Sprunghafte, Fabulierende, kurz, der überbordend romantische Stil. Dath ist schonungslos, apodiktisch, vorlaut. Hat man die ersten hundert Seiten überstanden, macht das Buch deshalb großen Spaß; den Eingang in den politischen Diskurs als ernstzunehmender Beitrag verbaut es sich aber.
Zwei Lesenotizen, um meinen erwähnten Gewöhnungsprozess zu veranschaulichen:
[nach 50 Seiten] Der überlebensnotwendige Sozialismus spielt in der Gesellschaft keine Rolle mehr, weil die diskutierenden Autoren für Laien unverständlich geworden sind, die Bewegung sich von einer real gelebten Idee in die politischen und wissenschaftlichen Aufsätze verlagert hat, wo eisenharte dehydrierte Akademiker mit Mitteln des sprachlichen Extremismus um Fußnoten ihrer Fachgeschichte streiten.
[Schluss] Respekt. Man kann die Aussage des Werks auch kurz ausdrücken und einfacher: "Sozialismus ist nötig und geschichtliche Strömungen existieren". In seiner Form ist das Buch ein Monstrum, eine Performance, ein Hingucker, das hingeworfene Wahngebilde eines sich in seinen Text auflösenden Vielschreibers. Unmöglich, es ernstzunehmen und unmöglich, dass der Verlag das anders sieht. Inhaltlich nachvollziehbar, doch dermaßen verschwurbelt, desorganisiert und gespickt mit Eigenarten, seitenlangen korrekten Sätzen und einer Fülle seltener Nabelvokabeln, dass ich tatsächlich glaube, der Autor ist nicht bei Sinnen. Ein Genie, ein Wahnsinniger.
Ich werde mehr von Dath lesen.

„Gleichgeblieben ist aber, dass nicht eben die Mehrheit vom Profit eines Kapitalbesitzers, aus Grundrente, echten Aktien lebt – die vielen, die das niemals tun werden, nennen wir besitzlos, obwohl die meisten irgendwelche iPods, Bahncards und Haargels haben.“
„… die Proletarisierung als das ständige Absinken aus der Lebensplanung ins herumgeschmissene Leben bis zur Entsorgung durchs Begräbnisinstitut …“
„Keine mit foucaultianischem Besteck zerlegbare Diskursformation tut soviel für die Festschreibung der Attribute der ‚anderen Frau‘ wie deren häusliche Ausbeutung etwa durch Leute, die Foucault gelesen haben und Diskurse analysieren können;“

Zwei Romane

Ein Feuer auf der Tiefe - Vernor Vinge
Der hochgelobte SF-Klassiker konnte mich nicht begeistern. Er ist die Art von Science Fiction, die gar nicht erst versucht, die Identifikation mit einer anderen Welt zu erleichtern, sondern mit hundert neuen Konzepten ins Haus fällt, Alienrassen mit unaussprechlichen Namen, und dem ostentativ Unvorstellbaren. Hinzu kommen die typischen Probleme der Romane jener Zeit - ans Klischee angelehnte Charaktere beispielsweise, moralische Überlegenheit hinter befremdlichem Äußeren, und generell eine holperige Sprache, die aber auch immer der in jenen unkritisierten Kreisen gerne mal hastig zusammengekauften Übersetzung geschuldet sein kann.
Schlecht ist das Buch nicht. Die Geschichte von der Ausbreitung einer elektronischen Seuche auf die Biosphäre ist nett und mit einiger Rasanz umgesetzt. Gibt man dem Roman viel Zeit, schafft er es, wenn auch mit Mühe, glaubwürdiger zu werden. Und im Feuerwerk der Finaleklipse geht dankbarerweise ebenfalls unter, daß außer einem Wettrennen nicht sonderlich viel geschehen ist. Ein Roman, der keine Spuren hinterläßt.

Extrem laut und unglaublich nah - Jonathan Safran Foer
Eine Schnulze auf hohem Niveau. Foer genießt unter Kritikern einen zwiespältigen Ruf und anhand dieses Buchs kann ich nachvollziehen, wieso. Der Text strotzt nur so vor Finesse, der Autor kann schreiben, keine Frage. Aber er rührt auch notorisch Mist unter die edle Suppe. Nutzt Tricks zum Spannungsaufbau, die er nicht nötig hätte, schon gerade nicht, wenn es ihm mit dem Thema ernst gewesen wäre. Drückt wo es geht auf die Tränendrüse, vielleicht schon die Verfilmung im Hinterkopf, das prototypisch amerikanische Kindergesicht, dicke Krokodilstränen und wir Deutschen mit der prototypischen Synchronisation. Füllt die Seiten mit visuellen Banalitäten, einzelnen Worten, Gekrakel, Bildern.
9/11, Bub verliert Vater, verarbeitet das Trauma. Gleichzeitig Dresden '45, Mann verliert schwangere Geliebte, Mann ist Großvater von Bub. Beide Geschichten konvergieren im Jetzt, viel Tragik. Der o.g. Mist ist blöde, aber allem zugrunde liegt immer noch die Kunst eines fähigen Schriftstellers, der sie auch aufblitzen läßt, und nicht zu knapp. Schon dafür lohnt sich die Lektüre, wenn auch eine unendliche Zahl weniger widersprüchlicher Bücher existiert, die mehr lohnen.

Donnerstag, 8. August 2013

Der Anschlag - Stephen King

Der Mord an JFK scheint für viele Amerikaner ein wesentliches nationales Trauma zu sein, und so hatte auch Stephen King schon seit den Siebzigern geplant, einen Bewältigungsroman über den tiefsitzenden Schmerz eines ganzen Volkes zu schreiben. Vor drei Jahren hat er diesen Roman veröffentlicht.
Darin dauert es auch nicht lange, bis ein zufällig entdecktes Portal ins Jahr 1958 den Protagonisten die einzig sinnvolle Idee eingibt, was damit zu tun sei: das Kennedy-Attentat verhindern natürlich. Weil das erst 1963 stattfindet, ist der Roman lang. Lang im negativen Sinne: ausufernd und geschwätzig. Weil King mittlerweile ein guter Autor geworden ist, siehe Joyland, ist der Roman dennoch lesenswert. Nur werden die guten Passagen immer wieder gestreckt, mit übertrieben vorsichtigen Annäherungen an das eigentlich schlichte Thema verwässert.
Erst wird das Portal ausprobiert, funktioniert es wirklich. Dann wird es ausprobiert, um die Auswirkungen auf die Gegenwart zu testen. Erst danach fängt das Buch eigentlich an, es geht zurück ins Jahr 1958, um dort fünf Jahre bis zum Attentat zu warten. Da sind wir ca. auf Seite dreihundert. Bis hierhin war es gute Unterhaltung, vielleicht hätte King eine eigene Geschichte daraus machen sollen.
Die fünf Jahre in der Vergangenheit sind anders. Der Protagonist versucht, die Zeit rumzubringen. Er unterrichtet, kümmert sich liebevoll um Schüler, schließt Sportwetten ab, kommt damit der Mafia ins Gehege, und er verliebt sich. Eine nette Liebesgeschichte, die den größten Teil der dünnen Handlung trägt und schließlich zum Rahmen wird, wie so oft bei Thrillern, die ohne die liebe Frau als Motivation nicht auskommen.
Den größten Teil der Zeit verbringt er aber mit Beobachtung. Oswald, wie er in Rußland ist, Oswald, wie er wohnt, wie er gemein zu seiner Frau ist, wie er ein Arschloch ist, Oswald, wie er feige und wertlos ist und keine eigene Meinung hat, sondern sich alles einflüstern läßt, Oswald, wie er weiter wohnt und wohnt und wohnt. Am Ende klappt das Vorhaben, Kennedy überlebt. Aber ist das auch gut? Große Zweifel, große Zweifel, man sollte sich nicht zu sicher sein, denn was wäre ein spannender Roman ohne die obligatorische ausleitende Überraschung. Auf eines kann man im Genre aber zählen, immer: die Liebe.
Das klingt so zynisch, weil ich dem Buch ein wenig böse bin. Es hätte so viel besser sein können, mit ein paar hundert Seiten weniger. Wenn es den Kitsch nicht allzu sehr ausgewalzt, sich mit dem normalen Maß zufrieden gegeben hätte. Es hätte dichter und packender sein können, ohne auf seine durchaus vorhandenen Qualitäten verzichten zu müssen. Ich bin mir sicher, dass King das kann, Joyland war ein Vorgeschmack, und ich werde am Ball bleiben. Man ist nur denjenigen Büchern böse, die man schätzt.

Montag, 5. August 2013

Joyland - Stephen King

King habe ich zuletzt in meiner Jugend gelesen. Ich hatte damals irgendwann genug vom immer gleichen ultraamerikanischen Flair, den stets ähnlich gelagerten übersinnlich-tiefenpsychologischen Bedrohungen, den Traumwelten. Warum ich nun zu Joyland gegriffen habe, kann ich nicht sagen, vielleicht wars der Einband.
Ein Glücksfall. King scheint sich entwickelt zu haben. Joyland ist eine kurze, hochverdichtete Erzählung über das Abschiednehmen, das Sterben, die Erinnerung. Ein großes Thema, und King interpretiert es behutsam. Zwar finden sich die charakteristischen Elemente auch hier wieder, es gibt einen Geist, es gibt einen Serienmörder, doch wirken sie beliebig, fast überflüssig, wie notgedrungene Zugeständnisse des Autors an die treue Leserschaft. Der Roman würde ohne sie genauso, wenn nicht besser funktionieren.
Nach wie vor stören mich die unvermeidlichen Kingschen Amerikanismen, ständig singt irgendeine US-Blüte im Radio irgendwelche Lieder, yeah yeah, Klammern bevölkern die Seiten (so gewachsen, so nah am Sprechen), ständig fallen irgendwelche Firmennamen, und Jugendliche denken ständig ans Vögeln. So einer ist der Protagonist, 21 Jahre alt, frisch von der Freundin verlassen. Er kämpft mit dem Verlust, will ihn nicht wahrhaben, und neben der gefühlvollen Umkreisung dieser Zeit geht es in der Erinnerung des rückblickenden Übersechzigjährigen auf den ersten Seiten hauptsächlich ums Vögeln. Das soll uns näher an den Jugendlichen heranführen, ist aber ein Überbleibsel der plakativen Phase des Horrorautors. Gleichzeitig ist der Bursche seinem Umfeld an Lebensweisheit nämlich haushoch überlegen, ein moralischer Kompaß, der perfekte junge Mann.
Abgesehen von solchen überlebten Manierismen schafft es King, erstaunlich feinfühlig zu sein. Mit den nichtsubtilen erzählerischen Mitteln des Bestsellers schreibt er ein richtiges Buch, mit richtigen Gefühlen, richtigem Leben. Am Ende fällt der Abschied schwer, es bleibt ein herber, guter Eindruck, herb wie die windige Sandküste North Carolinas, dem Ort der Handlung. Nur ein Hauch von Bonbon allenfalls, ein Hauch von aromatisiertem Kleb und Zucker, wie ausgebleichte Coladosen in den Dünen.

Inferno - Dan Brown

Ich gebs zu, ich lese Dan Brown. Illuminati hat mir damals gut gefallen, auf exzentrische Weise. Ein gutaussehender sportlicher Professor fliegt im Flugzeug-das-zehntausend-fliegt mit einer hübschen, hochintelligenten, aber geistig doch jederzeit unterlegenen jungen Frau um die Welt, um Abenteuer zu bestehen und Rätsel zu lösen, in historisch bedeutsamem Umfeld, auf der Spur uralter böser Mächte, die immer irgendwo ein Wortspiel oder eine Mathematikaufgabe hinterlassen, um erreichbar zu bleiben. Verquast, naiv, hingeschludert - und spannend. Ein Spaß, nicht nur an der haarsträubenden Handlung, sondern aus genau diesen Gründen auch am Buch selbst. Generell empfehlenswert.
Und jetzt gibt’s einen neuen Brown: Inferno. Die Handlung wiederum blödsinnig, die Konstruktion reißbrettartig, die Charaktere die üblichen Schablonen, der Stil unterirdisch, und das Buch wiederum spannend. Wo das Geheimnis liegt, kann ich wirklich nicht sagen, aber Inferno hat Spaß gemacht. Der gutaussehende Professor lernt ein hübsches Mädchen kennen, IQ jenseits der 200, das dennoch ständig gerettet werden muß. Böser Bösewicht plant bösen Plan und darf alle paar Kapitel pathetisch darüber schwadronieren, so richtig böse, am Ende zeigt sich allerdings - oho - der hat sich ja was dabei gedacht. Die gewünschte Bedrohungskulisse will jedenfalls nicht recht aufkommen, die gewohnten Brownschen überraschenden Wendungen und Kapriolen erledigen aber ihren Job. Herrlich ist die geradezu kindliche Herangehensweise des Autors an die Welt, wenn er sich eindrucksvolle Dinge oder Organisationen ausdenkt. Das Flugzeug-das-zehntausend-fliegt ist diesmal nicht dabei, dafür gibt es eine Hundertmeteryacht mit Fenstern aus Nanotechnologie, wirklich ganz geheime Biocontainer mit Fingerabdrucksensor, und die WHO verwandelt sich von der grauen Bürokratie, die sie ist, in eine paramilitärische Eingreiftruppe mit auf der ganzen Welt stationierten Elitetrupps, breitkiefrigen wortkargen Kriegern, und einer standesgemäßen Air Force One, an deren Bord die weise Direktorin von Ort zu Ort fliegt, um wie Yoda tagtäglich die Fäden unseres Schicksals zu sortieren. Besondere Erwähnung verdient der liebenswerte unehrliche Erzähler, der mit fiesen Tricks Mißverständnisse und Fallen konstruiert, der Spannung willen.
Das alles ist so schlecht, so mies. Browns lausiges Talent hat ein neues braunes Exkrement hervorgewürgt und alle Welt liest es. Dass sich das lohnt, ist eins der wunderbarsten Rätsel des zeitgenössischen merkantilen Literaturbetriebs.

Samstag, 27. Juli 2013

Bridge-Trilogie - William Gibson

Virtuelles Licht, Idoru, Futurematic
Nein, ich kann das nicht mehr lesen. Nach den drei hervorragenden Neuromancern, die von Gibson zu einem beinahe würdigen Abschluß gebracht wurden, war kein Raum mehr für weitere Bücher im gleichen Stil. Und doch schrieb er eine ganze zweite Trilogie lang genau das, diesen abgehackten, launischen Stil, diese harten und verletzlichen Jungs, noch härtere Weiber, die ganze abgezockte Welt da draußen, alles kalt, düster und irgendwie technisch. Natürlich schreibt er gut, sowas verlernt man nicht, aber es ist halt wirklich einfach dasselbe. Der MacGuffin, Verfolgungsjagden, die Liebesgeschichte, der Schuß Mystik. Alles da.
Ich konnte das nicht mehr lesen und habe nach der Hälfte von "Virtuelles Licht" abgebrochen. Der Neuromancer war gut, weil er was Neues war. Wenn ein Werk abgeschlossen ist, schwingt es, streckt die Fühler aus und wirkt. Dann sollte man es in Ruhe lassen und etwas Anderes machen. Kopisten ihrer Selbst sind traurige Gestalten.
Wer tatsächlich mehr aus der alten Schublade haben möchte, kann sich die Bridge-Bücher meinetwegen reinziehen, es gibt sogar noch eine dritte Trilogie, und wenn auch die gelesen ist, einfach von vorn anfangen. Es gibt Schlimmeres.

Dienstag, 16. Juli 2013

Der Schimmelreiter - Theodor Storm

Im Friesland vergangener Zeiten nutzt der Knabe Hauke Haien seine Begabung und die Fügungen des Schicksals, dient sich beim Deichgrafen hoch und wird dessen Nachfolger. Fortan fühlt er sich beobachtet und beneidet; um die Rechtmäßigkeit seiner Position zu beweisen, stürzt er sich in Arbeit, reibt sich auf und geht große Wagnisse; er überwindet sämtliche Hindernisse, auch den Aberglauben seiner Mitbürger, und ist zurecht Stolz. Weil er ein einziges Mal schwach wird und seine harte Linie um des Friedens Willen verlässt, bezahlt er am Ende mit dem Leben seiner Familie. Er selber stürzt sich in den Tod und wird zum Gegenstand einer Legende.
Soweit die äußere Handlung. Zu interpretieren gibt es allerhand im Schimmelreiter, an Metaphorik und möglichen Bedeutungsebenen wurde nicht gespart. Im Gegenteil, ich habe das Gefühl, Storm hat noch einmal sein ganzes Können in die Geschichte packen wollen, und ich habe das Gefühl, dieses Vorhaben ist ihm entglitten.
Die bekannteste Novelle des norddeutschen Heimaterzählers hat mich nicht ihrem Ruf gemäß beeindruckt. Ausgreifend stapft die Handlung durch die Marschen, überfrachtet raunt die Symbolik, die Charaktere wachsen sehr zögerlich ans Leserherz, sodass dem tragischen Ende wenig bleibt, was es seinem Zwecke gemäß pulverisieren kann. Die sperrigen Rahmenebenen, die ganze überspannte Bauweise tun ein Übriges, um den Schimmelreiter zu einem interessanten Spätwerk zu stempeln. Ein achtbares Urteil, für diesen Autor aber zu wenig.

Foundation - Isaac Asimov

Es muss ein Jahrzehnt her sein, dass ich zuletzt ein Buch von Isaac Asimov gelesen habe. Damals hatte es mir der "Foundation"-Zyklus angetan, ich besaß alle zehn Bände der hübschen Heyne-Sonderausgabe und war mit der Lektüre flott durch. Asimov hat mit seinen Ideen zur Freiheit künstlicher Wesen nicht nur kulturellen Einfluß gehabt, sondern, so flüstern sie in den Gassen, auch auf die Wissenschaft. Um zu sehen, wie sich der Text seither verändert hat, schlug ich die Bücher kürzlich wieder auf.
Eine herbe Enttäuschung. Die im Verborgenen agierende sorgfältig selektierte Elitegruppierung "Foundation" arbeitet über mehrere Jahrhunderte emsig darauf hin, das verfallende galaktische Imperium unter ihre Kontrolle zu bringen, nach dessen absehbarem Zusammenbruch die Übergangszeit kurz zu halten und möglichst schnell ein neues, besseres "Imperium" wiederaufzubauen. Und zwar um die Menschen vor sich selbst zu schützen, denn ansonsten drohen Barbarei und Chaos. Eine technokratisch-faschistische Zukunftsvision, ein vergallopierter Autor. Nicht uninteressant.
Das wirds erst durch die Schreibe. Trocken, unbeholfen, Schablonenfiguren, närrische Dialoge. Außerdem sind die Romane fast durchweg Detektivgeschichten, vom Schlag der schon damals altbackenen, mit wenig Variation und immer der gleichen Konstruktion. Ihren Platz in der Science-Fiction-Geschichte haben sie zu recht inne, lesenswert sind sie nicht, allenfalls für SF-Historiker.

Dienstag, 9. Juli 2013

Die Pest, Der Fremde, Der Fall - Albert Camus

Die Pest
In den Vierzigern kommt die Pest über eine algerische Küstenstadt, die Einwohner müssen umgehen mit der plötzlichen Bedrohung. Erst wird bagatellisiert, später schließt man die Tore und überlässt die Menschen sich selbst. Ein Arzt opfert sich auf im Kampf gegen die Naturgewalt, ein Kampf auf verlorenem Posten. Massenhaftes Sterben setzt ein. Warum der oder jener krank wird, warum der eine sterben muss und der andere nicht, warum es überhaupt diese Stadt erwischt hat und nicht eine andere, sind Fragen, an denen im Buch viele verzweifeln. Nur der Arzt bleibt auf Kurs, arbeitet selbstvergessen bis zum Umfallen und nimmt sein Los, das der Lauf der Welt ist, hin. Die Erzählung ist eine Übung des „Absurden“, dem Kernelement der camusschen Philosophie.
Obwohl sein beliebtestes Werk, kommt „die Pest“ bieder und trocken daher. Ich fand den Roman stromlinienförmig, ein wenig langweilig und unergiebig, die Motivation mancher handelnden Figuren nicht nachvollziehbar, die seitenlange Millimeterpsychologie erweckte die Charaktere nicht zum Leben, sondern verdeckte sie hinter aneinandergereihten Details. Die Unerbittlichkeit der Pest erreichte mich nicht, wurde sie doch von Anfang an absehbar im Rahmen eines aussagekräftigen Kammerspiels notwendigerweise auf die Spitze getrieben. Der Roman ist schnörkelloser und weniger stilisiert wie die folgend Besprochenen und möchte über seinen Inhalt wirken. Dafür fehlt ihm der Elan.
Natürlich gibt es Symbole, Allegorisches, die Pest steht für den Verlust der Menschlichkeit, den Liebesverlust, es gibt Verfremdung, Montagen, Selbstbezügliches, aber immer sparsam dosiert. Mit steigender Seitenzahl konnte ich mich mit dem Roman anfreunden, starke Passagen und die dem Schliff trotzende sympathisch kantige Konstruktion forderten ihr Recht.
Das Buch ist eine Litanei, eine Verzweiflung über fehlende Liebe in der Menschenwelt, und Camus zeigt uns diese Verzweiflung nicht nur am Beispiel der im Buch behandelten Krankheit.

„Für die Verpesteten ist der Schlaf der Menschen heiliger als das Leben. Man darf die biederen Leute nicht am Schlaf hindern. Das wäre geschmacklos, und Geschmack besteht darin, nicht nachzufragen, das weiß man ja.“
„Und er dachte, dass diese Welt ohne Liebe eine tote Welt war und dass immer eine Stunde kommt, in der man die Gefängnisse, die Arbeit und den Mut leid ist und nach dem Gesicht eines Menschen und dem von Zärtlichkeit verzauberten Herzen verlangt.“


Der Fremde
Ganz anders, der Titel ist Programm, Befremdung von der ersten Zeile an. Die Erzählung eines gefühlskalten Menschen, der ein absolut ehrliches Protokoll abgibt von den ihm widerfahrenden Ereignissen. Er ist erstarrt, wie abgestorben, erzählt im Perfekt wie ein Schulkind, das nur beobachtet und nicht teilnimmt, verwendet die indirekte Rede auch in den emotionalsten Momenten. Wenn seine Freundin ihn fragt, ob er sie liebe, antwortet er, dass das nichts heiße, dass es ihm aber nicht so schiene. Und dann hat „sie traurig ausgesehen“.
Wie kriegt Camus es hin, dass dieser merkwürdige, kalte Mensch zur Identifikationsfigur wird? Irgendwie gelingt es ihm. Auf dem Weg durch die Welt und das Leben, in dem nichts etwas zu bedeuten scheint, begeht unser Protagonist einen motivationslosen Mord, wird verurteilt und voraussichtlich hingerichtet. In seiner Gedankenwelt ist alles nachvollziehbar und folgerichtig. Er vertritt die Extremform einer Philosophie der Gleichgültigkeit, die auf entsprechend veranlagte Leser attraktiv wirken mag, und denen Camus mit dem „Fremden“ eine Bibel in die Hand drückt.
Der Text ist ein frühes Werk, und ich meine, die eine oder andere Ungeschliffenheit festzustellen, z.B. die Gerichtsverhandlung, die mit all den nochmal auftretenden Personen aufgesetzt wirkt wie das Finale eines Whodunit, dann die finale Konfrontation im Gefängnis, auf die alles hinausläuft, natürlich mit der christlichen Lehre, wo dem Pfarrer im einzigen Gefühlsausbruch des Buches das Absurde um die Ohren fliegt, dass es nur so kracht. Da mag die Lust an Zuspitzung die Feder geführt haben, der Versuch, jeden Gedanken auf Teufel komm raus in den Text zu bringen, aber auch ein gewollter Effekt kommt in Frage, denn befremdlich und stimmungsvoll ist das Finale allemal. Für Letzteres spricht die ansonsten so beeindruckende Stilsicherheit, die das Buch zu einem überwältigenden macht.
In einer Szene wird ein Rüpel von einem Polizisten geohrfeigt, alles deutet auf ein Zurückschlagen hin, der Rüpel wird rot, die Reaktion liegt in der Luft, doch tut er es nicht. Der Protagonist beobachtet das und wird später vom Rüpel gefragt, ob er eine Erwiderung der Ohrfeige erwartet hätte. Der Leser rechnet mit einem ja oder nein, vielleicht mit einem Zieren. Der „Fremde“ antwortet, dass er überhaupt nichts erwartet hätte. Der Leser ist weit entfernt vom Grund der camusschen Philosophie, das wird hier unmißverständlich klargestellt.
Meursault, der Protagonist, kann nie Held dieser Philosophie sein, er ist ihr Ideal, extrem und ambivalent. So kann niemand leben, so jemanden gibt es nicht, auch wenn wir danach streben. Gott sei Dank.
Der Text ist Bekenntnis, Traktat, und zynische Karikatur in einem, eine inspirierende zugleich, denn die vorgeführte Haltung ist in ihrer erbärmlich radikalen Konsequenz augenöffnend und zurechtweisend. Ein aufrührender, wild bewegender grober Batzen, der einem hier entgegengeschleudert wird.

„… öffnete ich mich angesichts dieser Nacht voller Zeichen und Sterne zum ersten Mal der zärtlichen Gleichgültigkeit der Welt. Als ich spürte, wie ähnlich sie mir war, wie brüderlich letzten Endes, habe ich gefühlt, dass ich glücklich gewesen war und dass ich es noch war.“


Der Fall
Wenn „der Fremde“ ein frühes wütend in die Welt geworfenes Stück schonungsloser Lebensphilosophie ist und „die Pest“ das gleiche Thema so weit wie möglich an den massenmarkttauglichen Roman heranführt, dann ist der späte „Fall“ wiederum ein Rückgriff auf die ursprünglichen Intentionen, nun mit den überbordenden Mitteln des gereiften Meisters. Es ist wieder eine Anklage, ein Plädoyer gegen den Sinn des Lebens, oder, falls man Camus einen Hauch von Optimismus zugestehen möchte, gegen die Leb- und Lieblosigkeit der Menschen. Ein so schönes Plädoyer, dass die gewichtigen, großen Wahrheiten hinter der großen Kunst fast verblassen.
Ein ehemaliger Anwalt begegnet dem Erzähler in Amsterdam und berichtet in Monologen über sein Leben. Vom einstigen Erfolg gelangt er über mehrere Schritte der Erkenntnis immer näher heran an den Zusammenbruch, den „Fall“, ihm wird bewusst, dass er scheinheilig und hohl gelebt hat, versucht, sich zu ändern, muss aber feststellen, dass das nicht geht, das Problem liegt nicht in ihm, sondern strukturell im Menschenleben begründet, und Erkenntnis darüber war nie vorgesehen. Er leidet die Qualen des Wissenden, der seiner Lage nicht entfliehen kann. Er ist in der Hölle.
Camus’ Ansichten sind treffend und entwaffnend, allein dafür lohnt das Buch. Ungeheuer, wie genau die Probleme des Zusammenlebens sich dort beschrieben finden, wie zynisch und wie wahr. Dazu sind die Monologe des Herrn Clamence von solch prickelnder Brillianz, so wunderbar geschrieben, so kunstvoll und scharfsinnig, dass das Lesen zur reinen Lust wird. Eine radikale Philosophie, verpackt in verführerische Literatur. Der Vergleich mit Boethius und seiner Consolatio liegt nahe, für ihren Autor ebenfalls ein ästhetisch auf die Spitze getriebener Rettungsanker in aussichtslosen Zeiten. Nur fehlt bei Camus die Auflösung, der Trost. Bei ihm gibt es keinen.

„Und wenn es sich zudem noch um einen Selbstmord handelt! Himmel, welch herzerquickende Aufregung! Das Telefon tritt in Aktion, das Herz fließt über, und es fehlt nicht an absichtlich kurzen, aber hintergründigen Äußerungen, an beherrschtem Leid und sogar, ja doch, ein klein wenig Selbstvorwürfen.“
„Ein Toter auf dem Programm, und das Schauspiel kann endlich beginnen! Sie brauchen die Tragödie, was wollen Sie, das ist ihre kleingeschriebene Transzendenz, ihr Aperitif.“
„Ich habe nie wahrhaft überzeugt glauben können, dass die Angelegenheiten der Menschen ernst zu nehmen seien. Wo das Ernstzunehmende lag, wusste ich nicht, ich wusste nur, dass es nicht in all den Dingen war, die ich sah und die mir nur wie ein drolliges oder lästiges Spiel vorkamen. […] Die seltsamen Geschöpfe, die da um des Geldes willen starben, wegen des Verlustes einer sogenannten Stellung verzweifelten oder sich mit edlem Getue für das Wohlergehen ihrer Familie opferten, betrachtete ich immer mit Erstaunen und ein bisschen Misstrauen.“

Sonntag, 3. Februar 2013

Schöne neue Welt - Aldous Huxley

Ein Buch, dessen Bedeutung es nicht seiner literarischen Qualität zu verdanken hat. Wirre, sprunghafte Handlung, hölzerne Charaktere, zweckmäßiger Stil ohne Glanz oder Elend; ein klapperndes Vehikel für die gesellschaftskritischen und -satirischen Gedanken des Autors. Die sedierte Zukunft, die totale Kontrolle vermittels restloser Befriedigung aller Begierden waren kein vollkommen neuer Ansatz, so konsequent aber noch nicht durchexerziert worden, und in Form eines Bestsellers, egal welcher Qualität, hatten diese Ideen es leichter, Wirkung im populären Denken zu setzen.
Eine Vielzahl moderner Philosophen greifen die schöne neue Welt und ihre Vorboten im Jetzt auf, warnend meistens, z.B. Postman, es gibt aber auch andere Stimmen. So nennt es ein Houellebecq-Charakter Heuchelei, wenn von Huxleys Vision als einem Albtraum die Rede sei. Vielmehr handele es sich um das Paradies.
Wer der Gesellschaft und ihrer Entwicklung kritisch gegenübersteht, sollte das Buch einmal gelesen haben. Vielleicht findet er neue juckende Stellen, die er dann kratzen kann. Gute Literatur wird er nicht finden.

Limit - Frank Schätzing

Der Nachfolger vom Schwarm, noch länger, noch abgedrehter, noch schickere Aufmachung, trotz der abertausend Seiten schnell quergelesen. Der Versuch eines Deutschen, an den kleinsten gemeinsamen Nenner der großen US-Vorbilder anzuknüpfen, die da heißen Brown, Follett, Clancy etc. Ein Thriller, der schon wegen seiner Ausmaße auch die meisten Leser von Thrillern überfordern wird.
Das Thema ist die Umwelt, wie im Schwarm, diesmal wird sie überraschenderweise von Ölkonzernen ausgebeutet, ein standhaftes Alter Ego des Autors möchte stattdessen jedoch lieber ökologisch sein und den Mond nutzen. Friedlich natürlich. Dabei werden ihm allerlei Steine in den Weg gelegt und Bomben, einige reiche Leute gehen drauf, einige überleben, die Charaktere sind ausnahmslos mit mindestens einer menschlichen Schwäche ausgestattet und besitzen damit Tiefgang. Ohne Not hätte man zwei Drittel streichen können, ohne Not legt man das Buch wieder weg.

Donnerstag, 31. Januar 2013

Die Hunde bellen - Truman Capote

Perfekt, geleckt. Laut Autor handelt es sich um Studien zum journalistischen Schreiben, in unterschiedlichen Stadien. In allen kommt er zu tollen Ergebnissen, gelungenen, beneidenswerten Passagen, wertvoll auch die Einsichten im Vorwort, die Intentionen, Schwierigkeiten. Der Blick über die Schultern eines Könners auf dessen Weg durch die Zeiten. Doch es bleiben Häppchen, exquisite, wohlschmeckende Häppchen, die nicht sättigen. Wie beim Jetset: schöner Schein, keine Befriedigung.
Interessanterweise entwickelt Truman Capote eine kritische, distanzierte Haltung zur High-Society und der dazugehörigen Leere, die, für ihn vielleicht unbemerkt, in seiner eigenen Schreibe steckt. Alles wirkt wie das Zerstreuungsprodukt eines verwöhnten Snobs, der viel Mühe, Beharrlichkeit und Talent darauf verwendet, literarisch zu sein und dem das oft genug gelingt. Es ist großes Handwerk, beherrscht und zu Stil gekommen, wie beim Herrenausstatter. Die Seele fehlt, das durchgehende Leben, alles bleibt Étude, ist kein Schrei, kein aufrichtig existenzielles Geschehen, sondern immer Inszenierung. Unbestreitbar fesselnd die Nonchalance, mit der Capote sich im exklusiven Milieu bewegt, die Gesellschaften sucht und wechselt. Ein echter Zeitenbummler, der aber zu bemüht an seiner Wirkung feilt, um glaubwürdig zu sein. Ich weiß nicht, ob seine fiktiven Werke frei sind von diesem Makel, aber zumindest „Kaltblütig“ hatte ihn auch.
Durch die „Hunde“ bin ich von Capote abgekommen, eine Biographie wird nicht gekauft. So glatt und schmissig die Reportagen und Sprengsel sind, so sehr sich die Leckerbissen tummeln im Text, so spurlos vorüber geht die Lektüre, so ohne Bedeutung und Konsequenz, wie trotz aller Sympathie auch der Mensch Truman Capote gewesen sein muß.
Das Buch ist mir bei Regen in eine Pfütze gefallen. Von makellos hat es sich schlagartig in dreckig verwandelt; ich war traurig, es war ein schönes weißes Buch gewesen. Aber zum allerersten Mal ist jetzt Farbe dran, zum ersten Mal Charakter, erstmals Leben.

Glanz und Elend - Glanzundelend.de

Magazin für Literatur und Zeitkritik
Die Seite glanzundelend.de scheint vom rechten Geist beseelt. Dort läuft es ganz ähnlich wie hier, nur dass gleich mehrere, ja etliche Autoren am Werk sind, und fast alle besser schreiben. Eine schöne, lesenswerte Seite, deren altertümliche Gestaltung den labyrinthisch-gemütlichen Charme einer unaufgeräumten Seniorenwohnung versprüht. Für knapp 15 Euro kann man eine Printausgabe bestellen, die wohl einmalige Konversion ins Papierne anläßlich eines obskuren Jubiläums. Nicht lange überlegt, zwei Tage nach Überweisung war das Heft da.
Der welke Reiz setzt sich darin fort. Schreibfehler, Suchen & Ersetzen-Artefakte, Kodierprobleme der verwendeten Software. Ich stelle mir vor, es handelt sich um Windows-95 oder -98-Versionen, Bilder von peripherieüberladenen Arbeitsplätzen, wo USB-Geräte und Diskettenstapel in die Höhe wachsen, Klebezettel mit nicht mehr zu entziffernden Botschaften und Zahlenkolonnen jeden freien Fleck bedecken, über allem der heimelige Duft von Staub und purinlastigen Mahlzeiten. Die gleichzeitig so wundervoll gelungene Aufmachung des Magazins, die offensichtlich investierte Mühe eines leidenschaftlichen Hobbyisten wirft angesichts solch eklatanter und dabei doch so einfach zu verhindernder Fehler die Frage auf, warum im Lektorat nicht ein klein bisschen genauer hingesehen wurde. Die Belegung eines Stereotypen ist unvermeidbar.
Das Heft kommt in einem Mittelformat zwischen A4 und A5, was ich persönlich schwer zu lesen finde. Reichlich großformatige Werbung, aber nichts Unpassendes. Auf den Inhalt möchte ich nur wenig eingehen, immerhin handelt es sich um Sekundärliteratur, und das tertiäre Faß aufzumachen sollte Notzeiten überlassen bleiben. Auf jeden Fall kommen verschiedene Rezensenten zu Wort, die sich verschiedene Autoren vorknöpfen, fast alles aufklärerische Humanisten, Existenzialisten, Kommunisten, von Balzac zu Pessoa und Beckett, ein gelungener Querschnitt wohl durch den Fundus der Webseite. Die Texte sind von unterschiedlicher Qualität, natürlich, aber fast ausnahmslos ein Genuß. Es gibt Ausnahmen, z.B. Gert Neumann, dem zwölf Seiten eingeräumt werden – ein DDR-Typ, der Quatsch zur Kunst erhebt, dabei völlig frei von Selbstironie bleibt; Gomez Davila, ein mäßig begabter, zurecht unbekannter südamerikanischer Aphoristiker; sowie unglücklich ausgewählte Arbeiten von Mallarmé und Arendt.
Besonders interessant wird es allerdings mit dem Herausgeber, Herbert Debes, der sich nicht nehmen läßt, in seinem eigenen Magazin prominent vertreten zu sein. Nichts Verwerfliches, ich würde es nicht anders tun, doch selbstverständlich gerät er damit ins Visier der Textkritik. Debes‘ Aufsätze lesen sich noch gut, auch wenn er bereits im Eröffnungstext bemüht feuilletonistisch klingt und uns als engagierter Literat von der Straße zuruft, wir sollen „gefälligst“ Balzac lesen. Generell wirkt sein Stil eklektisch, immer etwas gestelzt, an literarischen Wendungen gesättigt, und leidet an mangelnder Adjektiv- und Adverbialhygiene. Kleine Schnitzer, die keine Rolle gespielt hätten, in einer satt zufriedenen Rezension von „Glanz und Elend“ überhaupt nicht aufgetaucht wären, possierliche Makel, über die man mit einem Schmunzeln hingwegliest. Nie wäre ich der Pedanterie verfallen, nie dem Zynismus erlegen, gäbe es da nicht den vorletzten Text.
„Dein Wille geschehe“, „interaktives Schauspiel“ nach Deus Ex. Ein Drehbuch von fünfzig Seiten, gehirnverbrannte Sorte, wie sie auch auf den Privatsendern nicht schlimmer zu finden ist. Charakterschablonen hauen sich mit allem möglichen Technik- und Waffengedöns die Schädel ein, Motivation und Bühne für diverse Actionszenen und herzzerreißend kindische Dialoge ist eine pseudophilosophische Sinnsuche, ein lauwarmer metaphysischer Abklatsch, der schon zu Zeiten des als Vorlage dienenden Computerspiels nur Teenager begeistern konnte. Eine naive Seifenoper, schlecht geschrieben und ungeheuer zäh. Bis zum Ende dachte ich an Ironie, erwartete eine plötzliche Auflösung, immerhin war das die gleiche Feder, der diese anspruchsvollen Einleitungen und Besprechungen entstammten. Was Debes und seinen Co-Autor Christian Suhr hier geritten hat, ist eine gute Frage. Vielleicht der Versuch, über den Kontakt zu einem „Medium der Jüngeren“, dem Computerspiel, in der drögen und repetitiven Theaterwelt Aufmerksamkeit zu erhaschen, schließlich wird auf „Computer“ und „Interaktivität“ und überhaupt auf dieser ganzen Zukunfts-Sache geradezu herumgeritten, Begriffe, die in gewissen Kreisen noch für Gänsehaut sorgen mögen. Als Computerspieler und SF-Leser erscheint mir die Szenerie in einem anderen Licht, und dass sich nun Strahlen dieses Lichts ins restliche Magazin verirren und dort natürlich für den einen oder anderen Lacher sorgen, läßt sich nicht mehr verhindern.
Zu empfehlen, allein schon des Schillerns an den Phasenübergängen wegen.

Sonntag, 6. Januar 2013

Die Elixiere des Teufels - E.T.A. Hoffmann

Der berühmteste und erfolgreichste Gruselklassiker der deutschen Literatur
Woran man das wohl gemessen haben mag? "Gruselklassiker"? - Klappitis, auch dem Hause dtv nicht fremd.
Es handelt sich um einen präflaubertschen Roman mit protrahierter Entstehungsgeschichte. Hoffmann begibt sich in seinen Dichterkollegen befremdliche Niederungen und erzählt vom Mönch Medardus, der dem Wahnsinn verfällt. Die Geschichte dieses Verfalls mit ihren psychotisch wuchernden Attacken von Bösartigkeit, Mord und Totschlag, Vergewaltigungsphantasien und dem immer wiederkehrenden, die Befremdung ins extrem steigernden, die Wahrnehmung verwischenden Doppelgängermotiv läßt sich am ehesten als Innenansicht eines Schizophrenen interpretieren. Ja, ein Ich-Erzähler. Das teuflische Elixier wird als vordergründige Ursache für das Verhängnis gegeben, aber liest man den Roman aus einer psychiatrischen Sichtweise, passen solche Details und auch alle anderen im Buch gegebenen Erklärungsversuche und übernatürlichen Andeutungen nur zu gut ins Bild. Natürlich sind alle möglichen Auslegungen denkbar, doch gefällt mir die Vorstellung vom ganz weltlich erkrankten Medardus, dessen Umwelt und der selber beim Versuch, seine Taten und Geschicke zu begreifen, ins Metaphysische abrutscht, weil die religiös geprägte Gesellschaft nur diesen Weg zuläßt. Dann ist es eine beeindruckende Charakterstudie, die vor allem eins herausarbeitet: die abgründige, unendliche Verlorenheit des Erzählers. Das schriftstellerische Geschick, dessen Hoffman sich bedient, rangiert auf hohem Niveau, auch wenn einige Satzkonstruktionen dem heutigen Leser aufstoßen dürften.
Man kann dem Roman eine mangelnde Verdichtung vorwerfen. Das Lesevergnügen schmälert sich durch Aneinanderreihung allzu ähnlicher unerhörter Begebenheiten, Medardus sündigt, erschrickt darüber, bereut, sündigt, erschrickt und so fort. Die Übergänge zwischen diesen so gegensätzlichen Affekten sind mir nicht glaubwürdig genug und mitunter merkwürdig abrupt. Das Buch ist zu lang, nach der Hälfte ist jede Öse der wunderlichen Erzählerwelt bekannt und nichts kann mehr überraschen, der Lohn fürs Zuendelesen bleibt schmal.
Ein Bewußtseinsroman? Religiös verbrämtes Schauerlametta? Vorläufer des magischen Realismus? Welche Schublade man auch immer bemühen möchte, "Die Elixiere des Teufels" ist eine bisweilen langatmige, ziemlich staubige, aber ausgesprochen tiefgründige und vielfältig deutbare Persönlichkeitszeichnung, epistemologisches Vexierspiel, trotz seiner Schwächen ein bleibender Beitrag zur großen deutschen Literatur.