Mittwoch, 26. Dezember 2012

Aphorismen zur Lebensweisheit - Arthur Schopenhauer

Himmlisch, aber nicht frei von Redundanz.
Mit knapp dreißig Jahren hat der wahre Romantiker unter den Philosophen des frühen 19. Jahrhunderts sein Hauptwerk vorgelegt. Anschließend ging es stetig weiter mit der Entwicklung der Gedankengebäude, oftmals revidiert, nicht immer konsistent, teilweise widersprüchlich, dabei stets in begnadet schöner Sprache: Schopenhauer pflegt einen bildreichen, virtuosen Stil, der seine Texte auch für philosophisch Uninteressierte jederzeit lesenswert macht.
Die "Aphorismen zur Lebensweisheit" erschienen spät, im Rahmen der "Parerga", und können als dichte Zusammenfassung des Schopenhauerschen Lebenswerks betrachtet werden, der ideale Einstieg also. Die Themen seien hier vernachlässigt; wenn nicht bekannt, sind die "Aphorismen" ohnehin die beste Möglichkeit, das zu ändern. Jedenfalls wäre ein Pessimismus die falsche Interpretation, im Autor wird vielmehr derjenige einen Seelenverwandten finden, der Ruhe und Erkenntnis zur Maxime erhebt. Die Lust am Lesen ist dann noch größer, keiner sonst liefert diesem Weg Motivation und Gründe so gekonnt.
Wie er das tut, ist das eigentlich Bemerkenswerte: Eine Sprache wie ein Fluß, formvollendete Bilder, wunderschöne Vergleiche, die beeindruckende Gelehrtheit so beiläufig eingeflochten, ein hypotaktisches Mäandern, dem spielend zu folgen nicht die geringste Mühe bereitet. Ein Fluß, der auch mal um die Ecke fließt und im Kreis, denn Sprünge und insbesondere ausufernde Wiederholungen sind dem Verfasser nicht fremd. Dennoch vergeht kaum eine Seite ohne Jauchzer, ohne singultische Salti angesichts singulärer Aperçus. Hier hat jemand einen Stil zur Vollendung gebracht, der in der Welt der Philosophie ohne Gleichen sein dürfte.
Und es sind keine leeren Worte. Alles ist durchdrungen von Kraft, von autoritärer Gewalt, die auf einem lebenslang gegossenen Sockel unerschütterlicher Gedanken ruht. Kein Abwägen, kein Zweifeln gibt es hier. Schopenhauer ist sich sicher. Ob er seine Leser überzeugen kann, ist ihm egal.

Diese sehr ernsten Scherze - Daniel Kehlmann

Poetikvorlesungen
Es ist schwierig, die auf den dreiundvierzig Seiten dieses Bändchens enthaltenen zwei Texte zu kritisieren. Beides sind Vorlesungen, laut nachgeschobener Information 2006 in der Göttinger Universitätsaula gehalten - anspruchsvolles Zeug also. Schwierig deshalb, weil ein Gastdozent natürlich das Publikum für sich einnehmen möchte, und wie geht das am besten? Mit Humor, mit Quatsch. Den die Seiten beherrschenden Schenkelklopf- bzw. Tischtrommelwitz kann man dem Büchlein also nicht ankreiden. Er ist nötig, um überhaupt Aufmerksamkeit für ein Thema zu schaffen; egal für welches, das ist in der Universität nicht anders als im Vorabendprogramm.
Wie verhält es sich mit dem Anspruch? Kehlmann bereitet seine Inhalte zu Dialogen auf, Sprecher, die sich gegenseitig lustige Dinge an den Kopf werfen, ironisch den eigenen Kontext aufs Korn nehmen. Im ersten Text geht es lustig um das Schriftstellerhandwerk, das Auditorium biegt sich, im zweiten lustig um die Historizität historischer Romane, analog hier. Da ein Essay über das Thema bereits vorlag, konnten Teile praktischerweise übernommen werden.

Meine Begeisterung hält sich offensichtlich in Grenzen. Durchaus sind zwischen den Lachern interessante Details zu den Kehlmannschen Romanen und seiner Arbeitsweise versteckt. Die Mühe, diese zu filtern, lohnt aber nicht, fühlt man sich doch beständig versetzt in die Göttinger Aula, in die Poetikvorlesungen dieser geschichtsträchtigen Universität - und in gewisser Hinsicht ist das einfach zu anspruchsvoll.

Wo ist Carlos Montúfar? - Daniel Kehlmann

Über Bücher
Eine kleine Essaiensammlung von hundertfünfzig Seiten. Daniel Kehlmann, der Bub mit der indirekten Rede, bringt eine Reihe literarischer Betrachtungen, es geht von der Aufrichtigkeit in historischen Romanen bis zur Verderbtheit mancherlei historischer Figur.
Die Stücke sind von unterschiedlicher Qualität. Mit Vergnügen habe ich den titelgebenden Text gelesen und mir einige Anregungen aus den besseren Besprechungen verschiedener Autoren geholt. Für mißlungen halte ich drei oder vier davon, in denen auf kolportierten Charaktereigenschaften herumgeritten wird, auf anekdotischen Begebenheiten. Überall störend fallen die vielen Zitate auf, die vielen Namen, die uns Belesenheit vermitteln sollen. Insgesamt jedoch ein nettes Paket im borgesschen Stil für alle sekundär Interessierten, gut geschrieben, aber ohne Anlaß zum Zungeschnalzen.

Noch ein paar Worte zum Autor: Daniel Kehlmann hat seinen eiförmigen Status längst verloren. Der perfekte Schwiegersohnschriftsteller, jung und fähig, das eine Bein in der Hochliteratur, das andere auf festem Boden, nicht kritisierbar, das war einmal. Mittlerweile drängt Kehlmann in den Feuilletons nach vorne, kommentiert alles und jedes, läßt grassierende Belesenheit sprudeln, kostümrauschende Verfilmungen seiner Bücher zu und betreibt dafür sogar PR. Ein Autor, der verpaßte, Grenzen zu ziehen, der die klebrigen Fühler nicht abgewehrt hat. Das widerstandslose Hinsinken in den maul- und magenfüllenden Brei des Konsums, symbolisiert nicht zuletzt durch ein ausgreifendes Doppelkinn auf neueren Fotos, macht aus ihm endlich einen Charakter. Er zeigt Schwäche, menschliche, nicht mehr nur schreiberische, die ihn in den Augen erhabener Größen sympathischer werden läßt.