Mittwoch, 28. November 2012

Psychoanalyse - Wolfgang Mertens

Auf knapp 250 Seiten vermittelt dieses Buch einen umfassenden Überblick über Geschichte, Entwicklungsstufen, verschiedene Schulen und Anschauungen und damit einhergehende Debatten der Psychoanalyse. Der Autor ist wortgewandt und schreibt lesenswert - vielleicht sollte er es einmal mit Romanen versuchen. Mit klarer Sprache stellt er komplizierte Sachverhalte dar, führt Fachbegriffe ein, bleibt immer verständlich und lesernah. Daß Mertens der psychologischen Schule entstammt, ist nicht zu übersehen: psychiatrische Aspekte fehlen vollständig, dafür konzentriert er sich auf geistesgeschichtliche Entstehungsprozesse, soziologische Implikationen, diskutiert über Freudsche Modelle, spricht von Empirie und Induktion. Ein interessanter Einblick für Außenstehende. Mertens ergreift nicht Partei, schwärmt nicht, stellt einfach dar, schildert die Sichtweisen seiner Fachgenossen und der Vorgängergenerationen neutral und abgeklärt. Dabei strotzt er vor Wissen, stellt diesem Wissen die diskutierten Themen gegenüber und wirkt selber offen für das, was ihm auf seinem Weg durch die Psychoanalyse begegnet.
Das Buch scheint frei von Tendenz. Es informiert und erweckt den Eindruck, das Thema abschließend zu behandeln, was natürlich nicht sein kann, für ein kleines Übersichtswerk aber nicht die schlechteste Eigenschaft ist. Psychologisch Unbedarfte werden viel Neues lernen, andere erfahren von der Entstehung des Faches, seiner praktischen Umsetzung innerhalb der Analyse, und von der aktuellen Entwicklung. Sie erfahren davon nicht vermittels mühsamer mehrtägiger Arbeit an einem akademischen Standardwerk, sondern an ein, zwei süffigen Leseabenden, bei einem Glas Apfelsaft und schöner Sprache.
In gewissem Sinne eine 'Kritik der Psychoanalyse' auf geschichtsphilosophischer Basis. Empfehlenswert für Interessierte.

Meister und Margarita - Michail Bulgakow

Gut 70 Jahre nach dem Tode von Autoren bedeutender Werke pflegt jene Phase ihrer Rezeptionsgeschichte zu beginnen, die man die der bahnbrechenden Neuübersetzungen nennt. Aufregende junge Sprachkünstler betreten dann im Scheinwerferlicht das Parkett großer renommierter Verlage, eine Zusammenkunft, die vorher einsamen Nachtkästchen in schlecht geheizten Wohnungen vorbehalten war. Im Falle von Bulgakows 'Meister und Margarita' ist das Alexander Nitzberg, ein 1969 geborener Lyriker und Übersetzer, der die ersten zehn Jahre seines Lebens in Russland verbrachte. Für einen Übersetzer wohl ideale Bedingungen, das Aufwachsen und Leben innerhalb zweier Sprachwelten. Nitzbergs 'Meister' nun erscheint bei einem kleinen Haus, dem Berliner Galiani, in einer schön gestalteten Edition, mit ausführlichem Anhang und einem Nachwort von Felicitas Hoppe.
Ich finde die neue Übersetzung hervorragend, ausdrucksstark und präzise, sprachlich gewandt den Textcharakter verdichtend. Alles wirkt wie aus einem Guß, ich stelle mir vor, daß sich der Originaltext im Russischen genau so lesen muß. Es ist keine 1:1-Übertragung, ganz im Gegenteil. Nitzberg ging sehr frei vor, feilte, suchte neue Vergleiche, Metaphern, kürzte ab, änderte Satzstellungen. Worauf es ihm ankam, war die Stimmung, diese Verdichtung, die das Original wohl auch anstrebt. Ich las parallel die Reschke-Übersetzung, die dagegen farblos und mechanisch wirkt. Reschke verhielt sich werktreu, es gibt kaum Abweichungen. Das Ergebnis korrekt und hölzern. Ein absolutes Positivbeispiel einer Neuübersetzung also, der Nitzberg.
'Meister und Margarita' ist ein zweischneidiges Schwert. Wie ich erfuhr, handelt es sich dabei um den meistgelesenen russischen Roman des zwanzigsten Jahrhunderts. Ein Kult habe sich draum entsponnen, in den späten Sechzigern und Siebzigern der Sowjetunion, Pilgerfahrten zu den Handlungsorten, das Buch wurde auswendig gelernt usw.
Ganz kann ich das nicht nachvollziehen. Zweifellos ist der Roman ein Sprachkunstwerk. Allein der Sprache wegen lohnt sich das Lesen. Es gibt so schöne Sätze darin, kurze wie lange, die geschliffenen Dialoge, die distanzierte Erzählstimme, ein Genuß von der ersten bis zur letzten Seite. Dann jedoch fragt man sich, was man da gerade überhaupt gelesen hat. Und stößt auf die große Schwäche: Zwar gibt es einen Handlungsrahmen, bestimmte Themen, die durchgehalten werden, doch fehlt stringentes Erzählen, eine klare Richtung, ein schützender Überbau, der die tolle Atmosphäre vor dem Entweichen ins Nichts bewahrt. Wie im geschwätzigen Anhang hundertfach erwähnt, mühte Bulgakow sich während der letzten zehn Jahren seines Lebens durch immer wieder neue Versionen seines Werks, der Zensur geschuldet oder seinem ästhetischen Anspruch, die alle nicht vollkommen vereinbar waren. Für ein abschließendes Lektorat blieb keine Zeit, beim Diktieren der vorliegenden Version starb der Autor, offene Handlungsstänge, nicht zu Ende gedachte Konzepte, wirre Mosaiksteinchen als unvermeidliche Folge hinterlassend. Bulgakow hatte viel im Kopf, als er seinen 'Meister' zum Roman ausbaute, und nicht alles davon konnte er in sinnvolles Miteinander gießen. Doch alles strahlt in dieser mächtigen, bildschönen Sprache, die zu lesen mit der neuen Übertragung noch vergnüglicher geworden ist. Abraten kann ich nur vom Anhang, wo sich der Übersetzer von seiner eitlen Seite zeigt. Die aufdringlichen Anmerkungen werden am besten ignoriert.
Ich vergaß den Inhalt: Der Teufel kommt mit seinem Gefolge nach Moskau und enblößt die Schwächen der scheinheiligen sowjetischen Gesellschaft. Parallel dazu wird Jesus von Nazareth am Kreuz hingerichtet, Pontius Pilatus ist das äußerst unangenehm. Beides Figuren in einem Roman des Meisters, der in der Irrenanstalt im heimgesuchten Moskau hockt. In diesem Irrenhaus überkreuzen sich mehrere Handlungsfäden, auch eine Liebesgeschichte gibt es, und am Ende steht Versöhnung, sowohl auf menschlicher, als auch auf metaphysischer Ebene. Ein schöner Abschluß eigentlich, doch wie gesagt, es fehlt der Schliff.
Alle, die das Buch nicht kennen, müssen es sowieso lesen, und allen, die die neue Übersetzung nicht kennen, sei sie hiermit ans Herz gelegt.

Erst lesen. Dann schreiben - Stephan Porombka (Hrsg.), Olaf Kutzmutz (Hrsg.)

Ein wundervolles Buch. 22 von bekannten Autoren verfaßte Essays über literarische Vorbilder und die Inspiration zum Schreiben, gegeben anhand eines konkreten Beispiels. Die Stücke sind hinsichtlich ihres Themas annähernd chronologisch geordnet, von Lichtenberg bis Ole Könnecke geht es, auf beiden Seiten der schriftlichen Betrachtung große Bandbreite herrschend, vom ehrfurchtgebietenden Klassiker bis hin zum Genrekönig. Sehr aufschlußreich die unterschiedliche Herangehensweise, was ist dem einen wichtig, was dem anderen, wie drücken sich die Leute aus, welche Sprachkunst bringen sie hinein in ihren Essay, eher romantisch verspielt oder doch akademisch nüchtern. Durchweg locker gehalten ist der Ton, und mit nur wenigen Ausnahmen sind die Texte sehr interessant, einsichtsvoll, immer nachvollziehbar und ungeheuer anregend: ich konnte gar nicht erwarten, mich auf die so hübsch analysierten, liebevoll ergründeten und mit persönlicher, sehr subjektiver Note herangeholten Werke und Autoren zu stürzen. Ein Buch, das zwanzig neue nach sich zog.

Wie man einen verdammt guten Roman schreibt 1/2 - James N. Frey

Jeder, der gerne Fiktion schreibt, möchte natürlich einen verdammt guten Roman schreiben. Und da gibt es tatsächlich einen Ratgeber, der genau das verspricht. Woher aber weiß James N. Frey, was das ist, ein verdammt guter Roman? Gute Frage, zählt der Autor doch zu den eher kleinen Lichtern im amerikanischen Literaturbetrieb. Frey ist Lehrer für creative writing, dieser so aufregend uneuropäischen Facette des schillernden amerikanischen Lifestyle, und hat sich seit dem Erfolg seines Ratgebers im Jahr 1987 ausschließlich auf dieses fruchtbare Genre verlegt. Dort ist einfach mehr Geld zu holen.
Warum so bissig? Nun, ich mag den Fernsehshowhumor nicht, mit dem hier ein leidlich unterhaltsamer Text zusammengezimmert wurde. Die hinlänglich bekannten Grundregeln tummeln sich darin, verdeutlicht an länglichen Beispielen, und fern jeder eingängigen Gliederung oder Struktur. Dankenswerterweise ist der Autor ehrlich: schon in der Einleitung stellt er unumwunden klar, um welche Art Bücher es ihm geht: die, in denen es kracht. Andere kann er nicht und behandelt sein Ratgeber nicht. Gut, von bestsellender Thriller- und Krimimassenware läßt sich sicher etwas lernen, doch das aufmerksame Lesen dieser Werke eignet sich dafür allemal besser als die eines Ratgebers. Denn darin: Grundlagen, Selbstverständliches, vereinzelt nette Anregungen, aber generell viel zu schwammig, verschwurbelt, unstrukturiert.
Nachdem ich nun einige solcher Schreibratgeber kenne, rate ich hiermit kategorisch ab davon. Die kostbare Zeit ist viel sinnvoller investiert in die Lektüre von Originalwerken und liebevollen Sekundärtexten, wie z.B. diesem hier.