Donnerstag, 16. August 2012

Sand - Wolfgang Herrndorf

Sehr gut. Mischung aus Krimi, Vexierspiel und Anspruchsvollerem. Das Buch hat mich gefesselt, es war in wenigen Stunden durch.
Eine merkwürdige Chimäre, die nach zähem Start, ich schaute nur auf überflüssige Wörter und Unsauberkeiten, nach und nach in Fahrt kommt und immer besser wird. Der Autor wechselt die Perspektiven wie andere Leute die Oberbekleidung, die Züge der sogenanten Popliteratur treten zu Tage. Die Kapitel sind kurz und handlungsgeladen, dennoch entwickeln sich die Charaktere ausgesprochen differenziert und erinnernswert. Das Buch auch eine psychologische Studie zu nennen, wäre übertrieben, doch Herrndorf schafft es auf mir rätselhafte Weise, diesen Hauch von etwas Großem in seinen "Abenteuerroman" hineinzubekommen. Die Sinnlosigkeit von Sinnsuche, Vergänglichkeit, Vergeblichkeit, der Tod, Zufälligkeiten und Schicksale, alles findet seinen Platz und erscheint in melancholischem, aber auch zart optimistischem Licht. Ein Roman, dessen Nachgeschmack dem eines Lebensgedichtes ähnelt. Die zentrale Metapher, der Sand, trifft trotz aller Abgenutztheit. (Eine Anmerkung, die die Huld nicht wesentlich schmälern soll: Kapitel 66 und 67 hätte ich weggelassen, der Gesamteffekt wäre meiner Ansicht nach noch größer gewesen.)
Nach der Lektüre betrieb ich ein wenig Recherche, wollte mehr wissen; es herrschte positive Überraschung, ich war beeindruckt. Als kurzweiligen und anregenden Roman spreche ich hiermit eine Empfehlung für "Sand" aus. Sehr gutes Buch.

Drei Essays - Neil Postman

Das Verschwinden der Kindheit
Wir Amüsieren uns zu Tode
Das Technopol
Die Bezeichnung "Essay" würde Postman vielleicht mißfallen, wenn er noch lebte. Es ist aber wichtig, klarzustellen, daß es sich bei diesen drei Büchern keinesfalls um wissenschaftliche Texte handelt. Neil Postman war ein amerikanischer Medienwissenschaftler, der eine Reihe von populären Sachbüchern veröffentlicht hat; die drei hier besprochenen mögen die Berühmtesten sein. Er stellt darin seine Sicht der Dinge dar, in gewisser systematischer Weise, die nicht darüber hinwegtäuschen darf, daß diese natürlich sehr subjektiv ist. Kein wissenschaftliches Vorgehen ist die Basis, sondern Assoziieren, Herauspicken von anschaulichen Beispielen, Zitaten, Zurechtlegen. Er geht dabei geschickt vor, verwendet eine geschliffene Sprache und erlaubt sich nur selten argumentative Schnitzer. Lästig sind lediglich beständige Wiederholungen, Füllwörter, Geschwafel, stellenweise mangelhafter Stil und eine konsequente Unschärfe in der Folgerung. In seiner Kritik beschreibt Postman selbst an einer Stelle diese Vorgehensweise, die er an Autoren zweifelhafter Werke beobachtet hat: "Ihre Deutungen lassen sich nicht beweisen oder widerlegen, ihren Reiz gewinnen sie aus der Kraft ihrer Sprache, aus der Tiefendimension ihrer Erklärungen, aus der Triftigkeit ihrer Beispiele und der Glaubwürdigkeit ihres Stoffes. Und dies alles dient in beiden Fällen einem erkennbaren moralischen Zweck." Genau diese Beschreibung paßt auf die fadenscheinigen, durchsichtigen Abschnitte in seinen eigenen Büchern. Gerne eröffnet er Argumente mit Formulierungen wie "Es ist eine Tatsache, daß ...", "Es ist allgemein bekannt, daß ..." usw.
Genug der Schelte, denn ich bin prinzipiell seiner Meinung, von wenigen Punkten abgesehen. Postman übt über alle drei Essays hinweg eine beeindruckende Medienkritik, die sich im Wesentlichen mit der Transition von einer Buchdruckgesellschaft hin zu einer Informationsgesellschaft befaßt. Anders als die vielen imbezilen Rezensionen auf amazon behaupten, ist er dabei kein Verherrlicher der Vergangenheit, kein Fernsehgegner, kein Luddit. Er bleibt größtenteils sachlich und betreibt eine nachvollziehbare Erörterung der Frage, welche Folgen solch eine unvermeidliche Transition für eine Gesellschaft hat. Er kommt dabei zu keinem positiven Urteil, das darf ihm aber nicht angelastet werden, denn wer die Texte ließt, wird ihm beipflichten, rhetorische Tricks hin oder her.
Er liefert plausible Erklärungen für viele Fragen, die ich mir seit langem stelle: Warum der allgegenwärtige Trend zum Seichteren einen bedrohlichen Eindruck erweckt. Warum die Gesellschaft auf sämtlichen Gebieten ihres Schaffens und Daseins populären Zwängen zu unterliegen scheint; ich nannte und nenne das "Die Werbung", ein Denken, das in Politik, Zeitgeschehen, der Kultur und rein überall präsent ist und immer präsenter wird. Das Lockere, Seichte, Amüsante verdrängt das Ehrliche, Aufrichtige, Ernste, das Erhabene, verdrängt die Bildung an sich. Warum konnten sich die Menschen früher im Wort und auf dem Papier so kunstvoll ausdrücken, warum konnten sie diskutieren, warum haben wir das Gefühl, daß sich heutzutage alles nur um Wirkung dreht. Bei der unter allen Umständen kritischen Lektüre von Postmans Büchern habe ich einige mögliche Erklärungen für diese Fragen gefunden, die hervorragend in mein geistiges Rüstzeug passen.
Wehe denen, die in seiner Argumentation nur Zynismus und Schlechtmacherei sehen, denn sie sind schon Gefallene im Kampf um die geistige Freiheit. Sie sind Opfer der Werbung geworden, sehen nur die Oberfläche, wo es in die Tiefe geht, können sich nicht mehr mit Dingen befassen, die anstrengend sind, leben ein einfaches Leben, leisten nur körperlich und lassen sich von explodierenden Reizen und Erregung fortschwemmen. Sie amüsieren sich zu Tode. Das ist nicht abgehoben. Genau so muß man es formulieren.
Postman ist ein Romantiker. Das ist gut, um über gängige Schemata hinauszudenken. Es ist schlecht, um profunde Wissenschaft zu betreiben. Man darf deshalb nicht mit der falschen Erwartung an diese Bücher herangehen. Tut man es hingegen richtig, wird man reich belohnt.
Ein Vorwurf, den man dem Autor machen kann, ist seine Unfähigkeit zur Verdichtung. Er schreibt drei Bücher mit nahezu dem gleichen Inhalt, jeweils marginal abgewandelt. In diesen Büchern reiht sich Wiederholung an Wiederholung, nach einer Argumentationskette faßt er diese nochmal zusammen und dann wieder usw. Das ist sehr ermüdend, aber da muß man durch. Die großen Werke großer Philosophen sind oft ein Fest für den Leser, sowohl inhaltlich als auch literarisch, aufgrund ihrer Präzision, ihrer Wortgewandtheit, ihrer Klarheit, sie heben sich ab von zeitgenössiger Schwammigkeit wie Leuchttürme im Nebel. Postman hingegen ist kein guter Stilistiker, er bleibt schwammig. Für mich ist er damit ein "Philosoph zweiter oder dritter Klasse". Er hat gute und wichtige, viel zu wichtige Ideen, setzt diese aber schlecht bzw. ungeschickt und publikumsunwirksam um. Und weil seine Ansichten zutreffend sind, so bedauerlich das ist, wird sein Werk aus genau diesem Grunde die Zeit nicht überdauern und prägen können.

Noch etwas Einzelkritik zu den Büchern, in Stichpunkten
Das Verschwinden der Kindheit: Theoriegebäude, nach dem die Kindheit im späten Mittelalter durch intellektuelle Separation entstand und jetzt durch elektronische Medien, die Annäherung betreiben, wieder verschwindet. These, die sich präzise und prägnant auf zehn Seiten darstellen ließe. Postman wiederholt sich jedoch exzessiv, bringt viele, nicht immer passende Beispiele, bläht seine Ansicht mit stark polemisierenden Argumenten auf, sodaß die Wirkung am Ende schwächer ist, als sie sein könnte.
Wir amüsieren uns zu Tode: Verfeinerung der in "Kindheit" noch etwas plumpen Konstruktion. These ähnlich, Bezugspunkt nicht mehr nur die Kindheit, sondern auch das Erwachsenenleben, die Kultur an sich. Gute Ansichten, auch hier jedoch wieder ungeschickte Beispiele, Zitate, Polemiken. Mit dem Übergang vom Allgemeinen ins Spezielle hat Postman es nicht so, vergrault damit sicherlich einige skeptische Leser.
Das Technopol: Nachschlag im gleichen Stile. Kritisiert wird nun die blinde Fortschrittsgläubigkeit und das unbekümmerte Leben inmitten dominanter technischer Strukturen. Nachvollziehbare Gedanken, teilweise beängstigend nachvollziehbar.

Mittwoch, 15. August 2012

Stefan George - Thomas Karlauf

Die Entdeckung des Charisma
Die gerühmte Karlaufsche George-Biographie lief mir für ein paar Euro als Mängelexemplar über den Weg. Sie ist im Wesentlichen erhellend über die damaligen Lebensumstände und literarischen und politischen Verhältnisse in Deutschland und Europa. Die Charakterisierung Georges gelingt meiner Meinung nach ein wenig zu einseitig.
Karlauf bedient sich eines frischen, narrativen Stils, wohl angelehnt an die englischsprachigen Vorbilder. Das Buch steigt beispielsweise ein mit einem Satz, der aus einem Roman stammen könnte: "Der 14. Januar 1892, der Tag, an dem der 23-jährige Stefan George den 17-jährigen Gymnasiasten Hugo von Hofmannsthal ultimativ aufforderte, sich endlich mit ihm zu treffen, war ein Donnerstag." Diese Schreibweise treibt das Lesen voran, streckenweise wird Spannung erzeugt, Karlauf arbeitet mit Vor- und Rückblenden. Er bleibt dabei wohltuend selbstreflektiv, schreibt im Nachwort, welche Schwierigkeiten ihm begegneten, im Material und in sich selbst. Nachteil dieses Verfahrens ist, daß das Buch kein "Standardwerk" im wissenschaftlichen Sinne sein kann, sondern eine unterhaltsame Bildungsreise mit appetitlich aufbereiteten Happen, die immanent oberflächlich bleiben müssen, und eine von Tendenz nie ganz bereinigte Berichterstattung und Wertung.
Das fällt besonders auf an der Haltung, die Karlauf dem zentralen Objekt entgegenbringt. So differenziert er die Lebensumstände, die Beziehungen Georges zu seinen Freunden, Bekannten und Geliebten herausarbeitet, so einfühlsam er Motivationen und Gedankenwelten entschlüsselt, immer schwebt da ein gewisser herablassender Ton in allem mit. Die Bewunderung, die er anhand mancher Gedichtzitate nicht ganz unterdrücken kann, scheint der Autor an anderer Stelle vermittels unüberhörbarem Spott wieder ausgleichen zu wollen. Ist es ihm peinlich, sich mit diesem allerwenigstens für die Literaturgeschichte sehr bedeutenden Mann so intensiv beschäftigt zu haben? Fast scheint es so.
Karlauf hat sich, so im Nachwort, dazu entschieden, sich Georges Biographie über die Menschen, mit denen er Umgang hatte, zu nähern. Dabei spielt fraglos die Homosexualität eine große Rolle, doch Karlauf räumt ihr geradezu die Größte ein. Er mag damit recht haben, das kann ich nicht beurteilen, am Ende entsteht vom George-Kreis dabei allerdings das Bild einer Pädophilengemeinschaft älterer Herren, die allein um des stetigen Nachschubs junger Lustknaben wegen Dichtung betrieben.
Abgesehen von diesen Ungereimtheiten, die die Hereinnahme der Persönlichkeit des Autors, der sich, wie ein Blick auf seine Vita verrät, wie kaum ein zweiter mit dem Thema auskennt, in den Text mit sich bringt, finde ich das Buch lesenswert. Es ist nicht so, daß Karlauf alles zudeckt mit seiner Sicht. Wir erhalten ein erschöpfendes, größtenteils neutral wirkendes Abbild der damaligen Zeit, in die die handelnden Charaktere passend hineinmontiert werden, ihre Handlungen nachvollziehbar und glaubhaft. Wer sich für die Stimmung und die Geschehnisse der Jahrhundertwende im Allgemeinen interessiert und dafür, welchen Einfluß Literatur auf Menschen haben kann, der greife zu.
Gedichte kommen nur wenige in dem Buch vor, was mich anfangs enttäuscht hat. Die künstlerische Ebene betritt Karlauf nicht. Er bleibt beim Mann in seiner Zeit, den Umständen, Kontaktpersonen. Dieses Konzept wird stringent durchgehalten, und am Ende stimme ich dem Autor zu: Es ist die einzig mögliche Herangehensweise an diesen mythisch verbrämten, vielfach kontrovers besprochenen Charakter.

The Tree of Life - Terence Malick

Ein von den üblichen Kinoseiten über den Klee gelobter Philosophie-, Lebens- und Universalschinken. So zumindest war mein Empfinden über den neuen Malick, den ich nach diesen hymnischen Besprechungen unbedingt sehen wollte.
Durchwachsen. Der Film zerfällt in zwei Teile. Der Rahmen, der uns anhand psychedelischer Trick- und Naturaufnahmen, symphonischer Musikuntermalung und eines stets säuerlich dreinblickenden Sean Penn offenbar in höhere Schwingungsebenen versetzen möchte, kippt nach wenigen Sekunden in unfreiwillige Komik angesichts des alles transzendierenden Kitsches, dem der sonst so stilsichere Regisseur hier hoffnungslos erlegen ist. Der Film hat allergrößte Ambitionen, nichts weniger als Gott und die Welt soll uns erklärt werden, und das kann, insbesondere unter Verwendung jener Mittel, nur schiefgehen. Der ästhetische Rums, mit dem "The Tree of Life" bereits in den Anfangsminuten in den Boden kracht, wirkt dermaßen naiv und überzogen, daß die erhabenen Passagen immer wieder von unktrollierbarem Gekicher begleitet werden.
Im Mittelteil, der dankbarerweise lange dauert, ändert sich das Bild. Es entspinnt sich eine gefühlvolle, sehr einfühlsame Entwicklungsgeschichte eines Jungen in den 50ern, der unter der Beziehung zu seinem ehrgeizigen Vater leidet. Das Medium Film wird hier gut genutzt, ich habe ähnlich Glaubwürdiges noch nicht gesehen. Durchaus ein Genuß.
Am Ende setzt wieder o.g. Quatsch ein, man sollte vielleicht einfach Abschalten bzw. den Saal verlassen. Jeder Autor / Regisseur hat solche Phasen im Leben, da muß man ein Auge zudrücken.
Wegen des gut gelungenen Jugendportraits im Mittelteil bleibt "The Tree of Life" empfehlenswert, mit der Warnung vor großem Quatsch vorne und hinten dran.