Montag, 9. Juli 2012

Clive Barker

Als meine Freunde und ich unsere Splotter-Phase durchlebten, die allen jungen Männern früher oder später bevorsteht, und Filme wie Hellraiser oder die Romero-Reihe ihre Strahlkraft entfalteten, die überbordende Lust am Blut und Gedärm aber kaum stillen konnten, besorgten wir uns schließlich auch Bücher von den Autoren dieser Filme. Alles kauften wir, alles, um nur den Hunger zu stillen. So landete ich bei Clive Barker.
Ich möchte nicht schlecht vom Briten reden, er hat mir viele spannende Stunden beschert, auch wenn ich sein Oeuvre heute anders einschätze als damals. Rückblickend scheint er für die Art Fantasy zu stehen, die das Vergnügen am Fabulieren, an Zügellosigkeit verbindet mit einem griffigen Stil, den unvorstellbarsten Welten, Zauberei selbstverständlich, den tollsten Wesen. Und hemmungslos treiben sie es miteinander. Sex & Crime mit Faunen. Was wollte man mehr?
Ein paar Bücher habe ich von Barker gelesen, Imagica, Gyre, die Stadt des Bösen, die Bücher des Blutes. Das ist knapp 15 Jahre her und ich kann nicht behaupten, noch viel davon zu wissen. Mir sind die Geschichten  noch als recht verworren in Erinnerung, die Charaktere durchaus sympathisch. Da diese Art von Fantasy heute mehr den je Hochkonjunktur zu haben scheint, insbesondere nach den Herr der Ringe-Verfilmungen, kann sich jeder, der die nächsten paar tausend Seiten Stoff sucht, bedenkenlos darauf stürzen. Etwas mehr Vögelei allerdings, aber das ist ja kein Schaden, nicht wahr?

Freitag, 6. Juli 2012

Andymon - A. & K. Steinmüller

Bekannte Utopie aus der Feder eines DDR-Autorenehepaars. Nach zähem Start liest sich die Erzählung immer flüssiger, wir erleben das Aufwachsen einer neuen Generation von Menschen auf einem äonenlangen Flug zu den Sternen. Dort angekommen, entsteht eine neue Gesellschaft, die sich mit den Widernissen des Äußeren und Inneren auseinandersetzen muß. Herkunft und Absicht des Unternehmens bleiben unklar, niemand weiß etwas über die Konstrukteure des Raumschiffs und über die "Erde", von der das Fluggerät angeblich stammt. Irgendetwas scheint dort nach 2000 passiert zu sein, aber darüber liegen keine Daten vor. Das Ende schließt einen Kreis, es herrscht ausgesprochen optimistische Zukunftsstimmung.
Das Buch erinnert mich von der Erzählweise her an "Ender" von Orson Scott Card. Auch dort ist es eine Gruppe von Kindern, die große Aufgaben zu lösen hat und daran wächst. Die Steinmüllers schaffen es, diese Entwicklung glaubhaft und die Utopie schlüssig darzustellen, sodaß die knapp 300 Seiten zügig und gerne gelesen sind. Sie bedienen sich einer Sprache, die gerne ins Kindliche bzw. Jugendliche abgleitet, ohne das das stören würde. Auf Belehrungen und Moralisieren, angesichts der Vision durchaus möglich, verzichten die Autoren dankbarerweise. Verschiedene politisch betrachtbare Situationen werden durchgespielt, bewundernswert frei von Wertungen.
Große Denkanstöße bleiben aus, dennoch ist die Thematik und das gewählte Szenario interessant angesichts des Hintergrundes, vor dem der Roman entstand. Die Autoren gehen im Anhang ausführlich auf diese Umstände ein, die Einschränkungen, denen sie in der DDR unterlagen und wie sie die, mit wohl exemplarischer Subtilität, umschifften. Abgesehen von der unvermeidlichen Pikanterie bleibt von der Herkunft des Textes dann im Text selber nichts übrig, was ihn als Sonderling innerhalb der SF erscheinen ließ. "Andymon" ist ein guter, unterhaltsamer Sciencefictionroman, der sehr verdichtet auf sein Kernthema bleibt und Abschweifungen, aufgesetzte Philosophie meidet. Er ist dies auch heute noch.

Das Leben und das Schreiben - Stephen King

Ein nicht ganz gewöhnliches Buch, das weder Biographie noch Schreibratgeber sein möchte. In lockerem Ton assoziiert der Autor im ersten Abschnitt aus der Vergangenheit, versucht die Umstände aufzudecken, die sein Leben zu dem eines Schriftstellers gemacht haben. Schon zu Beginn kündigt er an, sie nicht zu kennen. Und auch nicht zu wissen, was sein Schreiben so erfolgreich macht. Im zweiten Abschnitt wird dieses Unwissen untermauert, anhand durchaus lebhafter Beispiele gibt King ein paar Tips, die sich in jedem x-beliebigen Ratgeber finden lassen, zugegebenermaßen nicht annähernd so unterhaltsam.
Und es stimmt: nach der Lektüre sind wir nicht schlauer. Die üblichen Kniffe sind es, ein Geheimnis findet sich nicht. Aber wenn wir ehrlich sind - das haben wir auch nicht erwartet. Viel interessanter ist der Teil über Kings Leben, in dem er offen und ungezwungen anekdotenreich aus dem Nähkästchen plaudert. Durchaus bewegend sind manche Abschnitte, wenn es etwa um finanzielle Nöte geht und die Abhängigkeit von Veröffentlichung zum Schleuderpreis.
Was das Buch zu etwas Besonderem macht, und unbedingt lesenswert, ist die Tatsache, daß es von einem der kommerziell erfolgreichsten Autoren stammt. Aller Zeiten. Wenn jemand etwas übers Schreiben sagen kann, dann er (und hier muß ich ihm widersprechen, denn seine Ansichten besitzen durchaus Gehalt, wenn auch nicht so offensichtlich). Stephen King hat hunderte Millionen mit seinen Büchern verdient, das Geld ist ihm ein wichtiges Thema. Auch dort erzählt er ungezwungen wie die Jungfrau vom Kinde, gibt Tips, legt sich aber nicht fest. All das vor dem Hintergrund seiner oberflächlich angerissenen Biographie. Er weiß, er ist kein großer Literat, bleibt durchweg bescheiden, sich seines überragenden Erfolgs aber immer bewußt. Das macht den Text so sympathisch, ehrlich, und voller Köstlichkeiten, wenn er etwa über die Tricks anderer Superseller schwadroniert, als seien sie Lausbuben auf dem Hof.
Wer etwas über einen Wunderknaben der amerikanischen Belletristik lernen möchte, einen Blick in sein Innenleben erhaschen, und das im süffigen Stil eines Bestsellerautors, dem sei "Das Leben und das Schreiben" nahegelegt. Wer eine präzise King-Biographie sucht, oder systematische Anleitung fürs eigene Schreiben, der ist hier fehl am Platze.