Freitag, 22. Juni 2012

Wenn es ein Paradies gibt - Ron Leshem

Ja, wenn es ein Paradies gibt. So wehmütig klingt es vom Titel und so krass kontrastiert wird dieser Spruch in soldatisch-flapsiger Konnotation auf den ersten Seiten. Im allseits gelobten Romandebüt des Israeli wird viel mit solchen Kontrasten gearbeitet, sie sind darin ein fast ubiquitäres Stilmittel. Man denke an US-Kriegsdramen (oder "Antikriegs-", wie man eben gerade möchte) der neueren Generation seit ca. den späten Neunzigern, die in choreographierter Werbeclipästhetik mit kameraoptimiert bemessenem Schmutz dem Kinogänger zwischen Cola und Popcorn die Kriegsschrecken unerbittlich vor Augen führen - so ungefähr ist es auch hier.
Die Stimmung ist düster: Krieg ist sinnlos, junge, aufrechte Männer, alle mit sehr menschlichen inneren Konflikten, leben, lieben und sterben, ohne zu wissen, wofür. Eine verblendete Hauptperson, kriegsliebend, immer fluchend, cholerisch, mit rassistischen Zügen, aber oha - auch sensibel und in eindringlicher Ichperspektive zu seitenlang ausufernder Reflektion fähig - eine dankbare Zielscheibe für die ethische Inkontinenz des Lesers. Dazu die schlaglichtartige Schilderung, dicht dran an den Personen und dem Geschehen, schweißnasse Riten werden eingefangen, Soldatensprache, junge Männer, Ficken und Bumsen, ach, sie merken ja nicht, wie verzweifelt sie sind. Aber der Leser merkt es. Und am Ende, wenn alles umsonst war, steht er betroffen und sieht alle Fragen offen, wie es sich gehört. Bämbäm, Explosion, merkt euch: Krieg ist schlecht, die ungeborenen Enkel, Credits, Jerry Bruckheimer.
So banal ich jedoch den Plot auch empfinde, und so langweilig das Buch in seiner Thematik größtenteils war, muß ich doch hervorheben, daß Leshem aus den undankbaren Zutaten, dieser Mixtur aus Uninteressantem und Hollywoodklischees, viel herausholt. Der Mann kann schreiben, das steht fest. Es zeigt sich in Passagen, die wie Schätze im Buch versteckt sind. Da ist zum Beispiel die Veränderung, die der Protagonist angesichts eines neu hinzugekommenen Offiziers mit pazifistischen Attitüden durchmacht. Die zunächst extreme Abneigung wandelt sich über wenige Kapitel glaubhaft in tiefe, vielleicht über das Kameradschaftliche hinausgehende Zuneigung. Natürlich dann Explosion des Neulings, schlimm und schlecht, Mine, das soll aber weiter nicht stören. Solche Einsichten in Charaktere und deren Entwicklung liegen dem jungen Autor, der eine angenehm nüchterne Sprache pflegt, frei von Lametta oder militärischer Taktung.
Ich wage die Prognose, daß wir von Ron Leshem noch ein paar feine Romane lesen werden, auch wenn er sich mit seinem Erstling wohl zu sehr der Erwartung eines Publikums gebeugt hat, das "Wenn es ein Paradies gibt" in einem Rutsch goutieren kann. Falls er sich auf seine eindrucksvoll angedeuteten Fähigkeiten besinnt und es wagt, sich große Ziele zu setzen, könnte er ihnen dereinst nahe kommen.

Sonntag, 17. Juni 2012

Die Insel des zweiten Gesichts - Albert Vigoleis Thelen

Es ist lange her, daß ich dieses Buch gelesen habe, und damals hat es lange gedauert. Auf rund tausend Seiten breitet sich die Geschichte eines in den 30ern nach Mallorca emigrierten Paares aus, der Autor und seine Frau, auf eine Weise, die Ihresgleichen sucht. Es zählt für mich zu den großen Glücksfällen, mit diesem Roman in Kontakt gekommen zu sein, und die Erinnerung daran wird lange, lange bestehen bleiben.
Thelen ist einer besonderen Sprache mächtig. Ein Genuß, selbst wenn man für die Handlung kein Interesse aufbrächte. Alltägliche Inseltage passieren da und außergewöhnliche, Menschen werden geliebt und mit ihnen gestritten, die beiden Hauptdarsteller werden lebendig, scheinen bald alte Bekannte zu sein, deren Schicksal uns nahegeht wie selten eines. Die Wirren der Zeit, die Schatten des allerorten aufkommenden Nationalismus, Bürgerkrieg, das ganze Bild bekommen wir, inklusive Mallorcaluft und Orangenbäumen. Doch auch ober- und unterhalb des Inhalts bietet dieses Buch so viel, läßt sich so viel finden; wie ein Bad im Gebirgssee, das den überhitzten Wanderer erfrischt und beseelt, das ihn nach staubigem Marsch aufweckt und schlagartig in allen Sinnen spüren läßt: was der See ist, wie hoch das Gebirge, wie groß die Welt. Der dafür herangezogene Stil ist verspielt, abschweifend, freudig erzählend, barock verschnörkelt, herrlich lebensfroh eben. Satzkaskaden prasseln von den Seiten und sorgen für offene Münder. Natürlich gibt es Längen - die zigste Verästelung mag den einen oder anderen Leser überfordern - doch sind diese Längen wichtiger Bestandteil des Buchcharakters, dessen Charme und Strahlkraft auf wohlabgewogenen Ingredienzen beruht - Änderung würde nur zu Verschlechterung führen.
Wir haben es mit einem Meister zu tun. Es wundert mich zutiefst, daß Albert Vigoleis Thelen unter den Autoren des Zwanzigsten Jahrhunderts nicht zu den Bekanntesten zählt.

Rote Ernte - Dashiell Hammett

Der große Klassiker des hardboiled-Genres, endlich ist er weg. Anstrengend, sage ich euch, anstrengend. Nicht im mindesten zu vergleichen mit dem spritzigen, den Konventionen ebenso folgenden, aber spritzigen Chandler des letzten Herbstes. Von Hammett kenne ich den Malteser Falken; der ist mir gut in Erinnerung. Entsprechend waren die Erwartungen bei der "Roten Ernte", die als sein bester Krimi gilt.
Das stimmt überhaupt nicht. Ein wirrer, hin- und herspringender Plot, der arg übertrieben maulfaul-reduzierte Stil, Lakonie ohne Ende. Es gibt keine Abwechslung, nach der ersten Seite weiß man, was drin steht im Buch, und dieses Wissen trifft auf keine Überraschung mehr.
Ein namenloser Detektiv landet in einer verkommenen Kleinstadt und räumt auf. Gangster, Vamps, Kanonen, raue Umgangsformen. Per se nichts Schlechtes, doch verkommen die starken Zutaten in der "Roten Ernte" zum Selbstzweck. Ich hatte das Gefühl, einer Demonstration beizuwohnen, einer Auflistung und konkreten Veranschaulichung von Beispielen, wie harboiled-Texte auszusehen haben. Das bleibt dann ohne Seele, ohne tragendes Element, ohne Herz. Vermutlich setze ich zu hohe Maßstäbe aus Sicht eines heutigen Lesers und man sollte das Buch historisch betrachten: es muß damals ziemlich eingeschlagen sein und das Genre populär gemacht haben. Aber von einem Buch erwarte ich zu jeder Zeit, daß es mich unterhält, auf welche Weise auch immer. Und das tat es nicht.

Mittwoch, 6. Juni 2012

Die Judenbuche – Annette von Droste-Hülshoff

Ein Sittengemälde aus dem gebirgichten Westfalen
Jahrzehnte vor der französischen Revolution wächst ein einfacher Mensch in ärmlichen, bäuerlichen Kreisen auf. Allesbeherrschendes Thema ist der Holzdiebstahl, der zu jenen Zeiten wohl von Banden, die sich einen Kleinkrieg mit den lokalen Förstern lieferten, systematisch organisiert wurde. Vor diesem Hintergrund geschehen Verbrechen, Morde, die nur teilweise aufgeklärt werden, aber zu diversen Verwürfnissen und ruinierten Existenzen führen. Der Protagonist flieht und kehrt Jahre später aus innerem Zwang heraus an den Ort seines mutmaßlichen Verbrechens zurück, nur um dort selbst sein Leben auszuhauchen. Es geschieht am Locus delicti, der "Judenbuche".
Ich kann nicht sagen, was ich von der Novelle erwartet habe. Der Titel weckt andere Assoziationen. Die Droste wahrt einen neutralen Stil, wertet nicht die eine Seite oder die andere, Juden treten sämtlich als Geldverleiher auf, mit negativen Zügen, allerdings ausschließlich aus Sicht des handelnden Personals, der aufgeklärte Autorengeist atmet. Wir bekommen ein rundes Paket serviert, ein (natürlich, es ist eine Klassikerin) meisterhaft geschriebener, vorzüglich mundender Text, eine dichte Atmosphäre, die das gewünschte Stimmungsbild wirkungsvoll zu transportieren weiß, Geschichts- und Milieueindrücke und eine herrlich abgeklärte Autorin, die uns am Ende in die endlosen Weiten der abgeholzten Wälder entläßt, die das Leben nun mal darstellt. Sie hilft nicht, gibt keine Schubser, keine Tendenzen, ist einfach da. Und das ist gut.

De brevitate vitae – Seneca

Das erste, was ich mir vom römischen Stoiker zu Gemüte führe, "Von der Kürze des Lebens", ein recht kurzer Essay über die Verschwendung der eigenen Lebenszeit. Mit meinem Latein ist es nicht mehr weit her, also beschränke ich mich auf die deutsche Übersetzung der zweisprachigen Ausgabe im Reclam-Verlag.
Seneca erklärt darin seine Sicht der Dinge, die sich unmittelbar aus der Stoa ableitet, einem fiktiven Adressaten, erläutert, warum das Lebensmodell vieler Menschen unzureichend ist und ihnen kein erfülltes Leben bescheinigt werden kann. Es ist verblüffend, wie sehr die Ansichten eines um die Zeitenwende lebenden römischen Autors und die von ihm beschriebene Gesellschaft auf die Gegenwart zutreffen, mit der stetig beschleunigenden Tretmühle, der Vernachlässigung von Selbstbezogenheit, Innerlichkeit und den Kernangelegenheiten unserer Existenz zugunsten oberflächlicher Reize und flüchtiger Glücksmomente, immer auf der Jagd nach mehr, mehr Unerreichbarem. In beiden Gesellschaften, heute und damals, verlieren die Menschen das höchste Gut – Zeit für das eigene Leben – immer weiter aus den Augen und stehen am Ende mit leeren Händen da. Seneca erkannte das und verdichtete diese Einsicht zu einem mitreißenden Pamphlet wider die Abstumpfung, das auch sprachlich und rhetorisch begeistert. Wieder stehe ich verblüfft, wie sehr sich die stoische Geisteshaltung an vielen Stellen mit der Meinigen deckt.
Ein hochaktueller und üppiger Text, dessen Lektüre ich jedem auch nur einigermaßen wachen Geist dringend ans Herz lege.