Dienstag, 8. Mai 2012

Song of Kali - Dan Simmons

Der Erstling eines von mir sehr differenziert verehrten SF-Autors, aus dem Jahre 1985 stammend, in Deutschland auch als "Göttin des Todes" erschienen. Im Netz existiert eine Fülle an Rezensionen, die fast ausschließlich Inhaltsangaben sind, sich mit dem Plot befassen, ohne Stellung zu beziehen. Das möchte ich hier nachholen.
Song of Kali ist gar kein richtiger Roman. Der Plot ist gänzlich vernachlässigbar, man säße einem Irrtum auf, wollte man ihn diskutieren. Er dient lediglich dazu, den Leser am Ball zu halten, und als Stilmittel der Verfremdung und Verunsicherung mit seinen Realitätsverschiebungen, seinen offenen Fragen und Enden. Packend geschrieben, in der üblichen Thriller-Tradition, die die Amerikaner in den Achtzigern und Neunzigern analog ihren Kaufhäusern zur Perfektion gebracht haben, bleibt er aber letztlich ziel- und fruchtlos. Der Text trieft vor Xenophobie und Rassismus. Das auf ungewolltes Durchscheinen autorialer Ansichten zurückzuführen, wäre ein weiterer Irrtum. Alles dient vielmehr dem beabsichtigten Gesamteffekt.
Und der liegt darin, ein Fremdes aufzubauen, ein Unerklärliches, das in uns allen wohnt, das Gewalt ist und Tiefe und Chaos und das ausbrechen kann. Die Stadt Kalkutta dient als Symbol für dieses Fremde, im Buch ein eindrückliches Zerrbild, keine Stadt, sondern ein Pfuhl. Sie ist ein weiteres Stilmittel, die Leinwand, auf der Simmons seine klischeebewehrte Psychologielandschaft ausmalt. Mit vorzeigbarem Ergebnis.
Song of Kali ist zwar nichts, was einem Leser lange hängenbleiben wird. Dan Simmons hatte seinen schreiberischen Höhepunkt eindeutig in der SF: Hyperion, Endymion, Ilium. Die neueren Werke konnten mich nicht mehr begeistern. Und da stellt sich ein Rückgriff auf den Erstling als Rückkehr zumindest an die Baumgrenze an den Hängen jener später erreichten Höhen heraus. Für Stunden der Reflektion über eine ungewohnte Konstruktion und erst allmählich sich offenbarende Intentionen ist das Buch allemal zu brauchen. Je länger man es nach dem Lesen ruhen lässt, desto mehr Kunststücke und kleine Genialitäten drängen sich auf und erzeugen einen Nachgeschmack, der immer Zeichen guter Lektüre ist, egal ob bitter oder süß.
Nein, kein Roman, sondern eine in epischer Form durchexerzierte psychologisch überkommene Idee. Ein Experiment, das unter dieser Prämisse ausgesprochen unterhaltsam war und sich wohltuend vom Thriller-Einheitsbrei abhebt.