Mittwoch, 4. April 2012

Warum Denken traurig macht - George Steiner

Ein wunderbares Buch. Nicht im Sinne des philosophischen Gehalts, sondern der motivischen Durchführung und der literarischen Qualität, die Steiner dabei gelingt.
Der Autor legt eine Art verdichtetes Essay vor über einen von Schelling geäußerten Satz, nach dem alles Denken im Dunklen gründet und auf gewisse Weise vergeblich sei. Steiner liefert zehn Absätze, zehn Gründe für diese Vergeblichkeit. Ob man seine ansprechend und nachvollziehbar angerissenen Ansichten anschließend teilt, sei jedem selbst überlassen. Für eine tiefergehende Diskussion sind sie zu schlaglichtartig, zu impulsiv hingeworfen, dienen mehr dem Dirigat einer in konsequent durchgehaltener Molltonart schwingenden dichterischen Klagemelodie als als harte Diskursmotive. Man muß sich wirklich im Klaren sein, auf welche Weise das Buch gelesen sein will, denn als philosophisches Werk ist es nur bedingt zu gebrauchen. Allen literarisch Interessierten jedoch, denen ein gewisses Faible für die Denkleidenschaften nicht fremd ist, bietet es eine wunderschöne Vermählung der beiden klassischen Disziplinen. Die Bezeichnung "Prosagedicht", die Durs Grünbein verwendet, finde ich übertrieben und ein wenig verfehlt. Allerdings nicht sehr.

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