Montag, 30. April 2012

Die Stadt der Träumenden Bücher - Walter Moers

Es gilt, eine Lanze zu brechen. Im Literaturbetrieb geschieht es nicht selten, daß ein Buch die Aufmerksamkeit, die es verdient, nicht erhält. Voneinander angespornt reihen sich ungerechte Besprechungen, Kritiker versuchen, einander an Aussagetiefe und Spektakularität zu übertreffen, gerne mit unsachlichen Mitteln. Das kann bedeutende Folgen haben, nicht nur für den Autor, sondern auch für die Leser, die ein falsches Bild vermittelt bekommen, nicht wissen, auf was sie sich einlassen, tendenziöse Meinungen aufsaugen und zu ihren eigenen machen, bevor sie das Werk überhaupt in Händen halten. Auch bei der "Stadt der Träumenden Bücher" von Walter Moers ist das so. Ich werde deswegen hier eine Lanze brechen. Gegen das Buch.
Es ist erstaunlich und für mich absolut unerklärlich, wie positiv dieser "Roman" in nahezu sämtlichen online zugänglichen Besprechungen aufgenommen wurde. Die FAZ, die Süddeutsche huldigen dem Buch und dem Autor auf eine Weise, die nun, nach Abschluß der Lektüre, in meinen Ohren wie Hohn klingt. Von "literarischer Virtuosität" ist da die Rede, von "subtiler Komik", vom "sensationellen Buch". Außerhalb der professionellen Kritik finden sich fast ausnahmslos ähnlich gelagerte Bewertungen von Lesern. Mir scheint, hier hat ein Autor irgendeinen magischen Trick entdeckt, seine Rezensenten zu blenden.
Das Buch bewegt sich auf Kinderniveau. Moers, dessen "subtile Komik" uns bereits Höhepunkte wie die "Arschloch"-Comics und perfekt in den debilhumorigen Onlinezeitgeist passende Hitler-Kalauer beschert hat, verwendet darin eine Sprache, die, von einem neuen Autor stammend, bei einem Verlag schon an der Pforte gescheitert wäre. Der juckige Gassenhauer Moers hingegen veröffentlicht bei Piper und hat mit den dortigen Lektoren anscheinend einen Abstandsvertrag geschlossen. Der Plot geht folgendermassen: Figur wird von einem Gegenstand an einen Ort gelockt, dort eingesperrt, befreit sich, und die Bösen gehen zusammen mit dem Ort in Flammen auf. Moers bedient sich nun lauter Frechheiten, um diese Handlung aus unmotiviert aneinandergereihten Versatzstücken ordentlich aufzublähen. Da sind vor allem die Listen und Aufzählungen zu nennen. Alle paar Seiten wird die Figur mit etwas Neuem aus dem interessanten und geheimnisvollen Land Zamonien konfrontiert, das keinerlei Relevanz für die Handlung besitzt. Dennoch erhalten wir tiefreichende Beschreibungen, grundsätzlich gefolgt von endlosen Listen von im Rahmen des Neuen ebenfalls zu nennenden Dingen. Ich drücke mich absichtlich so ungefähr aus, denn in dieses allgemeine Schema können nun beliebige Substrate eingeführt werden, immer kommt ein Moers dabei heraus. Besonders scheinen es ihm die Autorenkollegen angetan zu haben, deren Namen er - Gott, wie originell - mittels Anagramm umstellt und lustige, natürlich stets anspruchsvolle, Verballhornungen schafft. Auch andere seitenlange Aufzählungen ziehen ihr komisches Potential aus drolligen neugeschaffenen Wörtern. Es ist ein bisschen wie früher, in der vierten Klasse. Trist muß der Alltag eines FAZ- oder Süddeutschen-Rezensenten sein.
Vielleicht sollte ich dem Autor Respekt zollen, daß er aus diesem Material, mit diesen handwerklichen Möglichkeiten, einen Bestseller zustande gebracht hat. Oder viel grundlegender, daß er das Buch überhaupt fertig bekommen hat. Das tue ich aber nicht, denn ich weiß, daß hier allein mit einem bekannten Namen Geld gemacht wird. Das ist ein Prinzip, das ich nicht gutheiße. Wir haben am Ende des Buches ein paar Seiten, auf denen zumindest ein Hauch von Bedeutung entsteht, ein zarter, allerzartester Kuß der Muße, der den Autor hier, vermutlich ausversehen, getroffen hat. Parabelhafte Anklänge auf die rückhaltslose Öffnung eines Schriftstellers für den kreativen Fluß, seine selbstaufopfernde Hingabe ans göttliche Feuer, gipfeln in quasi lyrischen Versuchsballons, irgendwas mit Sternen, fast käme es zu Rührung, doch zuverlässig wird auch hier dran vorbeigeschrammt. Dieser Rohschnitt eines Endes ändert dann auch nichts an der eklatanten Situation, in der sich die Handelsware "Stadt der Träumenden Bücher" befindet, die, weiser Autorentrick, im Text bereits mittels wirrer Seitenhiebe auf den kommerziellen Literaturbetrieb vorweggenommen wird. Mag die Grundidee, von der die am Buchende durchscheinenden Fetzen zeugen, vielleicht für eine Kurzgeschichte ausreichen, als Roman ist sie hilflos gescheitert. Und zwar kein großartiges Scheitern ist das, sondern ein erbärmliches.
Wenn die kritische Landschaft nicht so geschlossen euphorisch applaudierte wie anfangs erwähnt, fiele mein Verriss sicherlich nicht derartig drastisch aus. Doch das Gefühl, hereingelegt worden zu sein, macht mich wütend. Solche Bücher kosten mehr als 10 Euro, die Zeitungen hetzen die Leute zum Kauf und dann hat man den Salat mit solch einem hundsmiserablen Quatsch. Es wäre ähnlich sinnvoll und würde weniger Zeit kosten, den Hund das Geld gleich fressen zu lassen. Den Gelthunfress, das neue Monster im nächsten Zamonischen Roman. Ich weiß, ich enttäusche gerade zwei Menschen, aber da müssen sie durch.
Denn das muss einmal gesagt werden: Finger weg von Moers.

Mittwoch, 4. April 2012

Warum Denken traurig macht - George Steiner

Ein wunderbares Buch. Nicht im Sinne des philosophischen Gehalts, sondern der motivischen Durchführung und der literarischen Qualität, die Steiner dabei gelingt.
Der Autor legt eine Art verdichtetes Essay vor über einen von Schelling geäußerten Satz, nach dem alles Denken im Dunklen gründet und auf gewisse Weise vergeblich sei. Steiner liefert zehn Absätze, zehn Gründe für diese Vergeblichkeit. Ob man seine ansprechend und nachvollziehbar angerissenen Ansichten anschließend teilt, sei jedem selbst überlassen. Für eine tiefergehende Diskussion sind sie zu schlaglichtartig, zu impulsiv hingeworfen, dienen mehr dem Dirigat einer in konsequent durchgehaltener Molltonart schwingenden dichterischen Klagemelodie als als harte Diskursmotive. Man muß sich wirklich im Klaren sein, auf welche Weise das Buch gelesen sein will, denn als philosophisches Werk ist es nur bedingt zu gebrauchen. Allen literarisch Interessierten jedoch, denen ein gewisses Faible für die Denkleidenschaften nicht fremd ist, bietet es eine wunderschöne Vermählung der beiden klassischen Disziplinen. Die Bezeichnung "Prosagedicht", die Durs Grünbein verwendet, finde ich übertrieben und ein wenig verfehlt. Allerdings nicht sehr.

Der fernste Ort - Daniel Kehlmann

Eine kurze Erzählung, wie auch immer man das nennen mag, manche werden "Novelle" dazu sagen. Es geht um einen Versicherungsangestellten, eine graue Maus, ein Buchhalterchen, den Fluchtphantasien quälen. Er fühlt sich nicht wohl in seinem Leben, will ausbrechen, die gewohnten Bahnen und Zwänge hinter sich lassen. Während einer Tagung schwimmt er im nahegelegenen See - und von nun an ist nichts mehr klar. Wie der Handlungsträger von Schlingpflanzen nach unten gezogen wird, so wird auch der Leser tief in ein Geschehen gezogen, das zunehmend märchenhaft wirkt und immer mehr den Verdacht erweckt, nicht stattzufinden. Am Ende bleibt alles offen, die Interpretation ist in verschiedene Richtungen möglich. Sind wir Zeuge der Agonie? Sind es verdrängte Wünsche, die sich in der Vorstellung des Protagonisten mit der Realität vermischen? Oder ist es tatsächlich die Realität, die sich in der Welt des "fernsten Ortes" mit magischen Zügen bereichert und uns durch ein albtraumhaftes "was wäre, wenn" des totalen Kontrollverlusts hindurchexerziert?
Die Möglichkeiten sind vielfältig, die Auslegung kann Freude machen. Ein Pferdefuß ist der offensichtliche Wunsch des Autors, enigmatisch zu bleiben, sein Werk zum hermetischen Diskussionsthema zu machen. Allzu blickfängerisch wird Rätselhaftes platziert, ohne dessen sperrige Anwesenheit der Fluß ruhiger dahin flösse und den beabsichtigten Effekt subtiler und besser trüge.
Als weiteres Manko empfinde ich den hölzernen Stil, der versucht, mit extrem nüchterner Erzählweise die Ungeheuerlichkeit der Entwicklung zu kontrastieren. Ich maße mir nicht an, das auf eine möglicherweise Unbeholfenheit des Autors im Rahmen eines Frühwerks zu schieben, aber unbeholfen wirkt es.
Ingesamt eine Empfehlung. Kein Buch, das erleuchtet, sondern ein kleines, nettes Gedankenspiel, hübsch konstruiert und durchgeführt.