Mittwoch, 28. März 2012

Gateway - Frederik Pohl

Eine Space-Opera, wie sie im Buche steht, geschrieben von einem schon damals erfahrenen Autor. Keine Weltraumschlachten, keine übertriebenen Phantasien, einfach gute, fesselnde SF.
Es geht um die Hinterlassenschaften einer verschwundenen Zivilisation, der Hitschi, die die Menschheit inspirieren und ein völlig neues Forschungsgebiet eröffnen. Schattenseiten der kommerzialisierten Wissenschaft sind die hohen Opfer, die private Glücksritter im Streben nach Ruhm und Reichtum bringen, denn allzu oft endet die Benutzung des "Gateways", eines verlassenen Raumflughafens der Hitschi, der die wagemutigen Piloten auf eine zufällige Reise schickt, mit dem Tod. Der Protagonist ist eingespannt in eine typische Liebesgeschichte, die hier allerdings erträglich präsentiert wird, und auch hier sind Sentimentalitäten der eigentliche Handlungsmotor. Wen das nicht stört, der erlebt wunderbare Unterhaltung in einem stimmig konzipierten Universum ohne zuviel buntes Lametta, mit anständiger Subtilität, die sich mit den besseren Repräsentanten des Genres messen kann.
Teil zwei und drei der Saga führen die Geschichte ohne Brüche fort, allein das aktive Eingreifen der bis dahin mythischen Hitschi im dritten Band wirkt ein wenig verzweifelt. Das Ende läßt jedoch genau die richtigen Stränge offen und den Leser befriedigt zurück. Eine klare Empfehlung.

Einführung in die Philosophie – Karl Jaspers

Ich hatte erwartet, hier eine neutrale Übersicht über das Fach und seine Geschichte in Händen zu halten, aus der Feder eines der bekannteren Philosophen des 20. Jahrhunderts. Weit gefehlt. Es handelt sich um eine Sammlung von Radiovorträgen, in denen Jaspers seine ganz persönliche Philosophie, deren Methodik und Begriffe darlegt, die von philosophischen Glaubensinhalten geprägt ist und eine gewisse Neigung zum Absoluten an den Tag legt. Unablässig betont er, wie wichtig es ist, sich nie festzulegen, Toleranz Allem gegenüber zu wahren, und fällt im nächsten Satz klare Urteile über seiner Ansicht nach fehlgeleitete Schulen, über andere Philosophen und Meinungen. Ein Zitat, das diese Widersprüche köstlich versinnbildlicht (S.63): „ … jedes Totalurteil über die Welt und die Dinge beruht auf unzureichendem Wissen.“
Ich finde, die Radiovorträge kann man, auch gerade wegen der geschraubten, sich sehnsüchtig an die Werke des 19. Jahrhunderts anbiedernden Sprache, sämtlich in die Tonne kloppen. Jaspers Gedanken sind herrlich verschwurbelt und ungefähr, obwohl er an anderer Stelle genau diese Eigenschaften an anderen Denkern kritisiert. Interessant fand ich lediglich den Anhang, in dem Jaspers – nun annähernd frei von Ideologie – eine knappe Übersicht über die Philosophiegeschichte gibt und Werke empfiehlt.
Durch das Buch, meinen ersten Kontakt mit dem Autor, ist mein Respekt nicht gerade gestiegen. Dabei genießt er einen so bedeutenden Ruf. Lesern, die die Philosophie kennenlernen möchten, ist dieses Buch nicht zu empfehlen. Jenen, denen an Jaspers gelegen ist, hingegen schon.

Solaris – Stanislaw Lem

Lem ist ein Urgestein der europäischen SF. Solaris sein verfilmtester Roman.
Das Buch hat mir nicht gefallen. Sperrige, altbackene Sprache, stammt aus einer vergangenen Zeit, höchstens noch historisch bedeutsam. Lems prätentiöse Geschichte dreht sich um Bewußtsein und damit verknüpfte Fragestellungen, verliert sich dabei in psychedelische Beschreibungsorgien der Ideen in des Autors Kopf. Er läßt die Handlung auf einem fremdem Planeten spielen, der von einem Ozeanwesen bewohnt wird. Diese Lebensform wird von den ignoranten Menschen nicht erfaßt, eine eigens gebildete Wissenschaft dreht sich im Kreise.
Kurz: der Welt kann nicht vertraut werden, sie ist nicht zu begreifen. Und: wer sind wir?
Von Stanislaw Lem habe ich schon weit Besseres gelesen, den Unbesiegbaren, die Sterntagebücher oder Geschichten vom Piloten Pirx. Solaris wirkt wie ein Frühwerk, bei dem der Autor seinen Rhythmus noch nicht gefunden, bzw. sich mit dem Thema verhoben hat. In der SF-Rezeptionsgeschichte wurde der Roman dann, vielleicht auch wegen der stets zugkräftigen Verfilmungen, mit Bedeutungsschwere und Mystik überladen, obwohl er Lem selbst vermutlich, wie ich ihn einschätze, nicht gefallen haben dürfte.

Montag, 5. März 2012

Nachtzug nach Lissabon – Pascal Mercier

Mit „Nachtzug nach Lissabon“ hat ein schweizer Philosoph unter dem Pseudonym Pascal Mercier einen Bestseller geschrieben. Die darin verarbeiteten Fragen und Gedanken stoßen in eine klaffende Lücke in der populärkulturellen Spiritualität nach der Jahrtausendwende. Wer bin ich, was soll ich aus meinem Leben machen, Beschäftigung mit dem Altern und dem Tod, all das findet hier sein Echo in Spiegelleser-kompatibler Aufmachung. Das Buch hinterlässt mich durchaus beeindruckt, durchaus ambivalent zwar, was eine ausführliche Besprechung rechtfertigt.
Es muss eine Zweiteilung vorgenommen werden. Mercier komprimierte Philosophisches zu kurzen Abschnitten von poetischer Dichte. Um diese Gedanken an den Mann zu bringen, dachte er sich eine Rahmenhandlung aus, die er, nun in profan-geerdetem Ton, regelmäßig auf obige Abschnitte treffen lässt. Diese Rahmenhandlung offenbart die große Schwäche des Romans: Die durchsichtige Konstruktion, die an allen Ecken und Enden sichtbar ist, mit einer plumpen Entwicklung, haarsträubenden Zufällen, Winkelzügen aus dem kleinen Autorenratgeber, unrunder Sprache voller Überflüssigkeiten, blumig und bemüht literarisch, von Vergleichen strotzend, symbolisch überladen und unerschütterlich zwangsläufig. Jedes Kapitel schließt mit einer Traumsequenz, in der das Geschehen in einer pfiffigen Melange rekapituliert wird, die Gegenüberstellung der Realität zu dem von Prado Geschriebenen passt stets wie die Faust aufs Auge.
Prado, das ist die eigentliche Hauptperson. Ein fiktiver portugiesischer Arzt, ein Revolutionär, Literat und Übermensch, der in seinen Schriften eine eklektische Philosophie in schöner Sprache betreibt, die den Rahm verschiedener Schulen abschöpft, ohne deren Tiefe zu tangieren. Dieser Prado ist Ikone alles Guten und Tragischen in der Welt, und der Protagonist der Rahmenhandlung folgt seiner Spur wie die Motte dem Licht.
Die beschworene Zweiteilung lautet deshalb: Vergiss die Rahmenhandlung, konzentrier dich auf „Prados“ Schriften. Dem moralisch unerreichbaren Portugiesen war Kitsch ein Gräuel, doch die Rahmenhandlung ist selbst ein Ausbund an Kitsch. Sicher kein Stilmittel.
Wir haben es nicht mit einem routinierten Romancier zu tun, sondern mit einem Akademiker, der in seiner Freizeit versucht, seine Ansichten einem möglichst breiten Publikum zugänglich zu machen. Dafür wählt er die Form des Romans, eine respektable Entscheidung, hätte er doch einfach ein Traktat verfassen und es in Fachbuchhandlungen verstauben lassen können. Er arrangiert seine Betrachtungen zu einer fiktiven Biographie und lässt diese mittels eines Katalysators (dem Protagonisten) für den Leser verständlich und immer in mundgerechten Häppchen aufdröseln. Die Biographie muss zu perfekt sein, der Katalysator zu passiv, denn ausschließlich um die Betrachtungen dreht es sich, nicht im Geringsten um den Katalysator selbst. Er bleibt reiner Stichwortgeber.
Alle im Buch vorkommenden Personen sind überzeichnet, sind unablässig ergriffen. Wenn etwas gesagt wird, schließen sie grundsätzlich die Augen und verlieren sich im hehren Weltschmerz, ergehen sich in entlarvenden Handlungen, fahren beiläufig über alte Narben etc., wie auch Hollywood-Autoren sich das Leben vorstellen. Detailliert werden sämtliche kleinsten Regungen beschrieben, immerzu durchsetzt von Vergleichen und Bildern. Keine Natürlichkeit, nie gibt es Gelassenheit, immer nur maximale Reaktion und Emotion, größer als die Wirklichkeit. Wenn einer einen Kaffee hinstellt, tut er das „nicht mit den manierierten Bewegungen einer aufmerksamen Gastgeberin, sondern mit den nüchternen, schnörkellosen Bewegungen von jemandem, der das praktisch Notwendige erledigt.“ Selten gebraucht kann so etwas betonend wirken, im Dauerfeuer verkehrt sich der Effekt in Überdruss und Ermüdung.
Was bleibt sind Prados Gedanken, die allein die Lektüre schon wert sind. Hier zeigt der Autor, wo seine wahren Talente liegen. Könnte man den lästigen Rahmentext streichen, dann hätte man mit „Nachtzug nach Lissabon“ einen wunderbaren Fundus an Aphorismen, Zitaten und Denkanstößen, einen schönen Querschnitt durch die immer wiederkehrenden Fragen der Philosophie, ansprechend und gefällig formuliert. Natürlich verknappend und reißerisch, was dem Buch einige akademische Kritik einbrachte, aber für die Lebenden ein brauchbarer und abschnittsweise wahrhaft wertvoller Ideengeber. Trost und Zuversicht. Lebenswille anstatt Melancholie. Das Strahlen hinter Allem, das zu sehen erst gelernt werden muss. Diese Gedanken sind es, die das Buch trotz seiner eklatanten Schwächen zu einem guten machen.
Das Gesamtergebnis ist unrund und kitschig bis zur Neige, wer unterhalten werden und dabei nicht auf Denkanstöße verzichten möchte, sieht geflissentlich darüber hinweg. Ein gutes Buch nicht im literarischen Sinne, sondern in Erfüllung eines Zweckes. Es macht uns auf Lücken aufmerksam, die zu groß sind, um jemals geschlossen zu werden.

„Daß es um den Schutz vor sich selbst ging, erklärt, warum sein Heimweh stets den Geschmack von Panik und Katastrophe mit sich führte. Wenn es über ihn kam, musste es ganz schnell gehen, und dann brach er eine Reise von einem Moment zu nächsten ab und floh nach Hause. Wie oft war Fatima enttäuscht, wenn es so kam!“

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