Montag, 16. Januar 2012

Ferngespräche - Marie Luise Kaschnitz

Nun also der zweite Band, den ich erwähnte.
„Ferngespräche“ hat mich zunächst enttäuscht. Vom durchweg hohen lyrischen Niveau in „Lange Schatten“ begeistert, erwartete ich eine nahtlose Fortsetzung: die „Langen Schatten“ waren um wenige Jahre jünger. Ich fand jedoch nicht den rechten Zugang zu den ersten Erzählungen, alles wirkte oberflächlicher, simpler, gewöhnlicher. Die Themen waren die gleichen, Verlust, unerfüllte Liebe, Schrecken des Krieges, Unverarbeitetes. Aber eben nicht mit dieser bedachten Zurückhaltung erzählt, mit dieser verschachtelten Andeutung, diesem gleichzeitig so hinhaltenden wie erquickenden, nie zu viel verratenden Klingen wie in den meisterlichen „Langen Schatten“.
Die titelgebende Geschichte kam mir besonders platt und klischeebehaftet vor, und nach mehreren schwachen Stücken glaubte ich fast nicht mehr an Besserung. Die trat dann aber doch ein, in Form von „Zu irgendeiner Zeit“, einer Annäherung an eine trockene Seele, die nach langer Zeit auf Wasser stößt. Dann geht es nur noch bergauf. Endlich die Qualität, die ich von Kaschnitz kenne. „Gewisse Gärten“, „April“, „Die Füße im Feuer“, „Der Angehörige“, „Vogel Rock“ stehen für mich heraus. Es fehlen die tagebuchähnlichen poetischen Geschichten, von denen es in „Lange Schatten“ einige gab, aber ich vermisse sie nicht.
„Ferngespräche“ ist im Stil insgesamt konventioneller und prosaischer gehalten. Wer die ersten paar Schwächen überwindet, hat mit dem Buch viel Freude.