Mittwoch, 26. Dezember 2012

Aphorismen zur Lebensweisheit - Arthur Schopenhauer

Himmlisch, aber nicht frei von Redundanz.
Mit knapp dreißig Jahren hat der wahre Romantiker unter den Philosophen des frühen 19. Jahrhunderts sein Hauptwerk vorgelegt. Anschließend ging es stetig weiter mit der Entwicklung der Gedankengebäude, oftmals revidiert, nicht immer konsistent, teilweise widersprüchlich, dabei stets in begnadet schöner Sprache: Schopenhauer pflegt einen bildreichen, virtuosen Stil, der seine Texte auch für philosophisch Uninteressierte jederzeit lesenswert macht.
Die "Aphorismen zur Lebensweisheit" erschienen spät, im Rahmen der "Parerga", und können als dichte Zusammenfassung des Schopenhauerschen Lebenswerks betrachtet werden, der ideale Einstieg also. Die Themen seien hier vernachlässigt; wenn nicht bekannt, sind die "Aphorismen" ohnehin die beste Möglichkeit, das zu ändern. Jedenfalls wäre ein Pessimismus die falsche Interpretation, im Autor wird vielmehr derjenige einen Seelenverwandten finden, der Ruhe und Erkenntnis zur Maxime erhebt. Die Lust am Lesen ist dann noch größer, keiner sonst liefert diesem Weg Motivation und Gründe so gekonnt.
Wie er das tut, ist das eigentlich Bemerkenswerte: Eine Sprache wie ein Fluß, formvollendete Bilder, wunderschöne Vergleiche, die beeindruckende Gelehrtheit so beiläufig eingeflochten, ein hypotaktisches Mäandern, dem spielend zu folgen nicht die geringste Mühe bereitet. Ein Fluß, der auch mal um die Ecke fließt und im Kreis, denn Sprünge und insbesondere ausufernde Wiederholungen sind dem Verfasser nicht fremd. Dennoch vergeht kaum eine Seite ohne Jauchzer, ohne singultische Salti angesichts singulärer Aperçus. Hier hat jemand einen Stil zur Vollendung gebracht, der in der Welt der Philosophie ohne Gleichen sein dürfte.
Und es sind keine leeren Worte. Alles ist durchdrungen von Kraft, von autoritärer Gewalt, die auf einem lebenslang gegossenen Sockel unerschütterlicher Gedanken ruht. Kein Abwägen, kein Zweifeln gibt es hier. Schopenhauer ist sich sicher. Ob er seine Leser überzeugen kann, ist ihm egal.

Diese sehr ernsten Scherze - Daniel Kehlmann

Poetikvorlesungen
Es ist schwierig, die auf den dreiundvierzig Seiten dieses Bändchens enthaltenen zwei Texte zu kritisieren. Beides sind Vorlesungen, laut nachgeschobener Information 2006 in der Göttinger Universitätsaula gehalten - anspruchsvolles Zeug also. Schwierig deshalb, weil ein Gastdozent natürlich das Publikum für sich einnehmen möchte, und wie geht das am besten? Mit Humor, mit Quatsch. Den die Seiten beherrschenden Schenkelklopf- bzw. Tischtrommelwitz kann man dem Büchlein also nicht ankreiden. Er ist nötig, um überhaupt Aufmerksamkeit für ein Thema zu schaffen; egal für welches, das ist in der Universität nicht anders als im Vorabendprogramm.
Wie verhält es sich mit dem Anspruch? Kehlmann bereitet seine Inhalte zu Dialogen auf, Sprecher, die sich gegenseitig lustige Dinge an den Kopf werfen, ironisch den eigenen Kontext aufs Korn nehmen. Im ersten Text geht es lustig um das Schriftstellerhandwerk, das Auditorium biegt sich, im zweiten lustig um die Historizität historischer Romane, analog hier. Da ein Essay über das Thema bereits vorlag, konnten Teile praktischerweise übernommen werden.

Meine Begeisterung hält sich offensichtlich in Grenzen. Durchaus sind zwischen den Lachern interessante Details zu den Kehlmannschen Romanen und seiner Arbeitsweise versteckt. Die Mühe, diese zu filtern, lohnt aber nicht, fühlt man sich doch beständig versetzt in die Göttinger Aula, in die Poetikvorlesungen dieser geschichtsträchtigen Universität - und in gewisser Hinsicht ist das einfach zu anspruchsvoll.

Wo ist Carlos Montúfar? - Daniel Kehlmann

Über Bücher
Eine kleine Essaiensammlung von hundertfünfzig Seiten. Daniel Kehlmann, der Bub mit der indirekten Rede, bringt eine Reihe literarischer Betrachtungen, es geht von der Aufrichtigkeit in historischen Romanen bis zur Verderbtheit mancherlei historischer Figur.
Die Stücke sind von unterschiedlicher Qualität. Mit Vergnügen habe ich den titelgebenden Text gelesen und mir einige Anregungen aus den besseren Besprechungen verschiedener Autoren geholt. Für mißlungen halte ich drei oder vier davon, in denen auf kolportierten Charaktereigenschaften herumgeritten wird, auf anekdotischen Begebenheiten. Überall störend fallen die vielen Zitate auf, die vielen Namen, die uns Belesenheit vermitteln sollen. Insgesamt jedoch ein nettes Paket im borgesschen Stil für alle sekundär Interessierten, gut geschrieben, aber ohne Anlaß zum Zungeschnalzen.

Noch ein paar Worte zum Autor: Daniel Kehlmann hat seinen eiförmigen Status längst verloren. Der perfekte Schwiegersohnschriftsteller, jung und fähig, das eine Bein in der Hochliteratur, das andere auf festem Boden, nicht kritisierbar, das war einmal. Mittlerweile drängt Kehlmann in den Feuilletons nach vorne, kommentiert alles und jedes, läßt grassierende Belesenheit sprudeln, kostümrauschende Verfilmungen seiner Bücher zu und betreibt dafür sogar PR. Ein Autor, der verpaßte, Grenzen zu ziehen, der die klebrigen Fühler nicht abgewehrt hat. Das widerstandslose Hinsinken in den maul- und magenfüllenden Brei des Konsums, symbolisiert nicht zuletzt durch ein ausgreifendes Doppelkinn auf neueren Fotos, macht aus ihm endlich einen Charakter. Er zeigt Schwäche, menschliche, nicht mehr nur schreiberische, die ihn in den Augen erhabener Größen sympathischer werden läßt.

Mittwoch, 28. November 2012

Psychoanalyse - Wolfgang Mertens

Auf knapp 250 Seiten vermittelt dieses Buch einen umfassenden Überblick über Geschichte, Entwicklungsstufen, verschiedene Schulen und Anschauungen und damit einhergehende Debatten der Psychoanalyse. Der Autor ist wortgewandt und schreibt lesenswert - vielleicht sollte er es einmal mit Romanen versuchen. Mit klarer Sprache stellt er komplizierte Sachverhalte dar, führt Fachbegriffe ein, bleibt immer verständlich und lesernah. Daß Mertens der psychologischen Schule entstammt, ist nicht zu übersehen: psychiatrische Aspekte fehlen vollständig, dafür konzentriert er sich auf geistesgeschichtliche Entstehungsprozesse, soziologische Implikationen, diskutiert über Freudsche Modelle, spricht von Empirie und Induktion. Ein interessanter Einblick für Außenstehende. Mertens ergreift nicht Partei, schwärmt nicht, stellt einfach dar, schildert die Sichtweisen seiner Fachgenossen und der Vorgängergenerationen neutral und abgeklärt. Dabei strotzt er vor Wissen, stellt diesem Wissen die diskutierten Themen gegenüber und wirkt selber offen für das, was ihm auf seinem Weg durch die Psychoanalyse begegnet.
Das Buch scheint frei von Tendenz. Es informiert und erweckt den Eindruck, das Thema abschließend zu behandeln, was natürlich nicht sein kann, für ein kleines Übersichtswerk aber nicht die schlechteste Eigenschaft ist. Psychologisch Unbedarfte werden viel Neues lernen, andere erfahren von der Entstehung des Faches, seiner praktischen Umsetzung innerhalb der Analyse, und von der aktuellen Entwicklung. Sie erfahren davon nicht vermittels mühsamer mehrtägiger Arbeit an einem akademischen Standardwerk, sondern an ein, zwei süffigen Leseabenden, bei einem Glas Apfelsaft und schöner Sprache.
In gewissem Sinne eine 'Kritik der Psychoanalyse' auf geschichtsphilosophischer Basis. Empfehlenswert für Interessierte.

Meister und Margarita - Michail Bulgakow

Gut 70 Jahre nach dem Tode von Autoren bedeutender Werke pflegt jene Phase ihrer Rezeptionsgeschichte zu beginnen, die man die der bahnbrechenden Neuübersetzungen nennt. Aufregende junge Sprachkünstler betreten dann im Scheinwerferlicht das Parkett großer renommierter Verlage, eine Zusammenkunft, die vorher einsamen Nachtkästchen in schlecht geheizten Wohnungen vorbehalten war. Im Falle von Bulgakows 'Meister und Margarita' ist das Alexander Nitzberg, ein 1969 geborener Lyriker und Übersetzer, der die ersten zehn Jahre seines Lebens in Russland verbrachte. Für einen Übersetzer wohl ideale Bedingungen, das Aufwachsen und Leben innerhalb zweier Sprachwelten. Nitzbergs 'Meister' nun erscheint bei einem kleinen Haus, dem Berliner Galiani, in einer schön gestalteten Edition, mit ausführlichem Anhang und einem Nachwort von Felicitas Hoppe.
Ich finde die neue Übersetzung hervorragend, ausdrucksstark und präzise, sprachlich gewandt den Textcharakter verdichtend. Alles wirkt wie aus einem Guß, ich stelle mir vor, daß sich der Originaltext im Russischen genau so lesen muß. Es ist keine 1:1-Übertragung, ganz im Gegenteil. Nitzberg ging sehr frei vor, feilte, suchte neue Vergleiche, Metaphern, kürzte ab, änderte Satzstellungen. Worauf es ihm ankam, war die Stimmung, diese Verdichtung, die das Original wohl auch anstrebt. Ich las parallel die Reschke-Übersetzung, die dagegen farblos und mechanisch wirkt. Reschke verhielt sich werktreu, es gibt kaum Abweichungen. Das Ergebnis korrekt und hölzern. Ein absolutes Positivbeispiel einer Neuübersetzung also, der Nitzberg.
'Meister und Margarita' ist ein zweischneidiges Schwert. Wie ich erfuhr, handelt es sich dabei um den meistgelesenen russischen Roman des zwanzigsten Jahrhunderts. Ein Kult habe sich draum entsponnen, in den späten Sechzigern und Siebzigern der Sowjetunion, Pilgerfahrten zu den Handlungsorten, das Buch wurde auswendig gelernt usw.
Ganz kann ich das nicht nachvollziehen. Zweifellos ist der Roman ein Sprachkunstwerk. Allein der Sprache wegen lohnt sich das Lesen. Es gibt so schöne Sätze darin, kurze wie lange, die geschliffenen Dialoge, die distanzierte Erzählstimme, ein Genuß von der ersten bis zur letzten Seite. Dann jedoch fragt man sich, was man da gerade überhaupt gelesen hat. Und stößt auf die große Schwäche: Zwar gibt es einen Handlungsrahmen, bestimmte Themen, die durchgehalten werden, doch fehlt stringentes Erzählen, eine klare Richtung, ein schützender Überbau, der die tolle Atmosphäre vor dem Entweichen ins Nichts bewahrt. Wie im geschwätzigen Anhang hundertfach erwähnt, mühte Bulgakow sich während der letzten zehn Jahren seines Lebens durch immer wieder neue Versionen seines Werks, der Zensur geschuldet oder seinem ästhetischen Anspruch, die alle nicht vollkommen vereinbar waren. Für ein abschließendes Lektorat blieb keine Zeit, beim Diktieren der vorliegenden Version starb der Autor, offene Handlungsstänge, nicht zu Ende gedachte Konzepte, wirre Mosaiksteinchen als unvermeidliche Folge hinterlassend. Bulgakow hatte viel im Kopf, als er seinen 'Meister' zum Roman ausbaute, und nicht alles davon konnte er in sinnvolles Miteinander gießen. Doch alles strahlt in dieser mächtigen, bildschönen Sprache, die zu lesen mit der neuen Übertragung noch vergnüglicher geworden ist. Abraten kann ich nur vom Anhang, wo sich der Übersetzer von seiner eitlen Seite zeigt. Die aufdringlichen Anmerkungen werden am besten ignoriert.
Ich vergaß den Inhalt: Der Teufel kommt mit seinem Gefolge nach Moskau und enblößt die Schwächen der scheinheiligen sowjetischen Gesellschaft. Parallel dazu wird Jesus von Nazareth am Kreuz hingerichtet, Pontius Pilatus ist das äußerst unangenehm. Beides Figuren in einem Roman des Meisters, der in der Irrenanstalt im heimgesuchten Moskau hockt. In diesem Irrenhaus überkreuzen sich mehrere Handlungsfäden, auch eine Liebesgeschichte gibt es, und am Ende steht Versöhnung, sowohl auf menschlicher, als auch auf metaphysischer Ebene. Ein schöner Abschluß eigentlich, doch wie gesagt, es fehlt der Schliff.
Alle, die das Buch nicht kennen, müssen es sowieso lesen, und allen, die die neue Übersetzung nicht kennen, sei sie hiermit ans Herz gelegt.

Erst lesen. Dann schreiben - Stephan Porombka (Hrsg.), Olaf Kutzmutz (Hrsg.)

Ein wundervolles Buch. 22 von bekannten Autoren verfaßte Essays über literarische Vorbilder und die Inspiration zum Schreiben, gegeben anhand eines konkreten Beispiels. Die Stücke sind hinsichtlich ihres Themas annähernd chronologisch geordnet, von Lichtenberg bis Ole Könnecke geht es, auf beiden Seiten der schriftlichen Betrachtung große Bandbreite herrschend, vom ehrfurchtgebietenden Klassiker bis hin zum Genrekönig. Sehr aufschlußreich die unterschiedliche Herangehensweise, was ist dem einen wichtig, was dem anderen, wie drücken sich die Leute aus, welche Sprachkunst bringen sie hinein in ihren Essay, eher romantisch verspielt oder doch akademisch nüchtern. Durchweg locker gehalten ist der Ton, und mit nur wenigen Ausnahmen sind die Texte sehr interessant, einsichtsvoll, immer nachvollziehbar und ungeheuer anregend: ich konnte gar nicht erwarten, mich auf die so hübsch analysierten, liebevoll ergründeten und mit persönlicher, sehr subjektiver Note herangeholten Werke und Autoren zu stürzen. Ein Buch, das zwanzig neue nach sich zog.

Wie man einen verdammt guten Roman schreibt 1/2 - James N. Frey

Jeder, der gerne Fiktion schreibt, möchte natürlich einen verdammt guten Roman schreiben. Und da gibt es tatsächlich einen Ratgeber, der genau das verspricht. Woher aber weiß James N. Frey, was das ist, ein verdammt guter Roman? Gute Frage, zählt der Autor doch zu den eher kleinen Lichtern im amerikanischen Literaturbetrieb. Frey ist Lehrer für creative writing, dieser so aufregend uneuropäischen Facette des schillernden amerikanischen Lifestyle, und hat sich seit dem Erfolg seines Ratgebers im Jahr 1987 ausschließlich auf dieses fruchtbare Genre verlegt. Dort ist einfach mehr Geld zu holen.
Warum so bissig? Nun, ich mag den Fernsehshowhumor nicht, mit dem hier ein leidlich unterhaltsamer Text zusammengezimmert wurde. Die hinlänglich bekannten Grundregeln tummeln sich darin, verdeutlicht an länglichen Beispielen, und fern jeder eingängigen Gliederung oder Struktur. Dankenswerterweise ist der Autor ehrlich: schon in der Einleitung stellt er unumwunden klar, um welche Art Bücher es ihm geht: die, in denen es kracht. Andere kann er nicht und behandelt sein Ratgeber nicht. Gut, von bestsellender Thriller- und Krimimassenware läßt sich sicher etwas lernen, doch das aufmerksame Lesen dieser Werke eignet sich dafür allemal besser als die eines Ratgebers. Denn darin: Grundlagen, Selbstverständliches, vereinzelt nette Anregungen, aber generell viel zu schwammig, verschwurbelt, unstrukturiert.
Nachdem ich nun einige solcher Schreibratgeber kenne, rate ich hiermit kategorisch ab davon. Die kostbare Zeit ist viel sinnvoller investiert in die Lektüre von Originalwerken und liebevollen Sekundärtexten, wie z.B. diesem hier.

Dienstag, 30. Oktober 2012

Romeo und Julia auf dem Dorfe - Gottfried Keller

Eine der kellerschen Novellen, die mich nun nicht sehr bewegt hat. Die einleitenden Sätze machen die Intention klar: Literatur bestehe aus wenigen großen Stoffen, die, in abgewandelter Form, immer wieder aufgegriffen und bearbeitet werden. Keller exerziert dies am Beispiel von Shakespeares Tragödie durch und versetzt sie in eine ländliche Gegend des 19. Jahrhunderts, nach Seldwyla.
Unbestreitbar ist das schöne Prosa, wir bekommen einen Grund für die bäuerliche Fehde geliefert, die Kinder wachsen auf und erkennen, daß sie füreinander bestimmt sind. Alles von meisterlicher Hand entwickelt, in gemächlicher Sprache ohne Haken und Ösen. Bub und Mädchen leiden unter ihren verkommenen Elternhäusern und entschließen sich letztlich zum Abschied von der Welt, einem wilden, gemeinsamen Abend, an dessen Ende die Vermählung steht und der Tod. Anrührend wird dieses Schicksal erst auf den letzten Seiten, wo der Freitod als einziger Ausweg so selbstverständlich ist. Keller krönt seine Novelle mit einer bissigen Pointe, die die Erzählhaltung auf den Kopf stellt und den ganzen Text auf einen Schlag in einem anderen Licht erscheinen läßt. Ein starker Schachzug, doch kommt er zu spät - Salis und Vrenchens ellenlange Entwicklung zueinander hin gerät schon früh ins laue Plätschern, ins stockende Tröpfeln von Seite zu Seite. Von Anfang an kennt man den Ausgang, der Titel ist Programm, und so groß der Genuß an der Sprache auch ist, es handelt sich nun einmal um eine Geschichte, und Geschichten leiden unter Ballast.

Mittwoch, 24. Oktober 2012

Mit der Hälfte des Herzens - Antonine Maillet

Originaltitel: Pélagie-la-Charrette
Ein tolles Buch, aber mit Vorsicht zu genießen. Die hierzulande unbekannte kanadische Autorin schreibt in einer "mündlichen Erzähltradition Akadiens", und die ist zunächst sehr gewöhnungsbedürftig. Mehrere Erzähler streiten darin um die Deutungshoheit, fahren sich gegenseitig ins Wort, Erzähltes und Rahmenhandlung werden vermischt, Anführungszeichen kreativ gesetzt, Namen und Stammbäume inflationär gebraucht, und in welcher Zeitebene man gerade steckt, kommt manchmal erst nach etlichen Seiten heraus. Ich habe anfangs mit großem Mißmut auf diesen Stil reagiert, war schnell angestrengt und nach fünfzig Seiten fing ich an, querzulesen. Was auch immer später im Buch dann jedoch passiert ist, ich bin heilfroh drum: plötzlich gefiel es mir. Ich gewöhnte mich an die Erzählart, mehr und mehr drang sie zu mir durch, weckte Stimmungen von heimeligen Geschichtenrunden am Kamin eines Bauernhauses, irgendwann zu früheren Zeiten. Die Erzähler erwachten zum Leben, die Figuren leuchteten, und die kleinen, so feinfühlig abgewogenen, pathetisch vorgetragenen Episoden verfehlten ihre Wirkung nicht. Das Ende kam viel zu früh, ergreifend, melancholisch stolz. Und ich mußte das Buch noch einmal lesen. Diesmal waren keine hundert Seiten zur Einstimmung nötig, von Anfang an saß ich mit im Kreis und lauschte den Geschichtenerzählern. Mein neues Hintergrundwissen ließ mich zu einem der am Feuer versammelten allabendlichen Zuhörer werden, die die Geschichten schon so viele Male gehört haben, aber immer wieder gebannt an den Mündern ihrer Chronisten hängen.
Es ist die Geschichte eines Volkes, das um 1750 aus Akadien, dem amerikanischen Neufrankreich, vertrieben und in die Diaspora geschickt wird, nach Jahren der Sklaverei auf der beschwerlichen Fahrt zurück über den Kontinent den Kopf stets oben und die Nase im Wind behält, nie seine Wurzeln verliert, nie das Ziel aus den Augen und nie die Heimat aus dem Herzen. Anführerin und Motor der Rückkehrer ist die titelgebende Pélagie-la-Charette, eine Personifikation des Heimatlandes, aufrecht, von der Not ungebrochen, herzensgut zu den Menschen. Und liebend. Die liedartigen Passagen ihrer Begegnungen mit dem seelenverwandten Kapitän Broussard gehören zum Anrührendsten, was ich je gelesen habe.
Antonine Maillet ist gelungen, was nur wenige Autoren erreicht haben: Sie hat einen Beitrag zur Identität ihres Volkes geleistet. Für "Mit der Hälfte des Herzens" erhielt sie den Prix Goncourt. Die schrifstellerische Kunst, mit der sie uns ihr Akadien näherbringt, dieser bezaubernde Stil, rechtfertigt das zweifellos. In Deutschland kennt man sie kaum, das 1979 veröffentlichte Buch erschien hierzulande erstmals 2002. Eine unbedingte Empfehlung von mir. Große Literatur.

"Und Pélagie drückte ihren Kopf an die Brust des Riesen, in dessen Augen das ganze Meer zu sehen war."

Dienstag, 23. Oktober 2012

Robert Schumann - Martin Geck

Mensch und Musiker der Romantik
Eine Biographie, deren Herangehensweise sich gründlich von der der kürzlich Gelesenen unterscheidet. Wo Thomas Karlauf sich nüchtern und methodisch durch das Leben Stefan Georges tastet, das soziale Gefüge des Dichters restlos ausleuchtet und dabei gerne trocken bleibt, schreibt Geck emotional, assoziativ, fahrig, induktiv, psychologisch-spekulativ. Das ist nicht wissenschaftlich, aber als Buch sehr interessant zu lesen. Geck ignoriert Erziehung, Umfeld, nahestehende Personen Schumanns vollkommen, leitet die Vita wie selbstverständlich aus bestimmten Schlüsselerlebnissen und -phasen des Komponisten ab. Die Musikwerke, die er herrlich ausführlich und mit viel Sachverstand bespricht, spiegeln diese von ihm herausgearbeiteten Prägungen seiner Ansicht nach klar und deutlich wieder. Ich will Gecks Methode nicht schlecht machen, sie ist mir wegen der Lockerheit des Stils, des reduktionistischen Konzepts, der naiven Selbstverständlichkeit, mit der ein fugenloses Bild ohne Ecken und Kanten entsteht, sympathisch. Und insbesondere die Werkbesprechungen reizen mit interessanten Details, mit Vergleichen zu anderen Komponisten, mit den erwähnten kühnen Deutungsversuchen.
Kenner werden sich bei der Lektüre vermutlich wundern, für mich ist Gecks Buch jedoch ein schöner Kompromiß zwischen schematisch-akademischer Arbeit und anekdotischem Erzählen. Es ist ein belletristisches Werk, und jeder, der mehr erwartet, wird enttäuscht. Wer Schumann über seine Musik kennenlernen möchte, und auf ein zuverlässiges Bild des Menschen dahinter verzichten kann, soll hingegen zugreifen.

Mittwoch, 10. Oktober 2012

Mass Effect - Bioware

Es gibt ein Genre in der Science Fiction, das sich Space Opera nennt. Generationenlange Konflikte entfalten sich da, fremdartige Völker tragen ihre meist kriegerischen Auseinandersetzungen von kosmischen Ausmaßen aus. Dazu kommen mythische Elemente, uralte Geheimnisse, dunkle, übermächtige Bedrohungen, die den Handlungsrahmen eskalieren. Oft, nicht immer, dienen diese großangelegten Entwürfe dann als Kulisse für typische Operndramaturgie mit wenigen, charismatischen Charakteren: Liebe, Leidenschaft, und Tod. Der Terminus Seifenoper liegt nicht aus Zufall nahe. Und wo es dem Film aufgrund der Begrenzungen des Mediums unmöglich ist, eine Space Opera in ihrer Spannweite proportionsgerecht umzusetzen, es werden dort bevorzugt die seifigen Elemente herausgegriffen und ausgemalt, sollte ein Computerspiel die nötigen Ressourcen für ein solches Vorhaben bieten können.
Noch nie ist das so ambitioniert versucht worden wie mit der "Mass Effect"-Reihe von Bioware. Das dort geschaffene originäre Universum atmet und lebt. Die Handlung ist die übliche - schlimme Dinge am Horizont, auf gehts zum Verhindern. Ganz hervorragend hingegen die Charaktere, die dieses Universum bevölkern, sich entwickeln, Krisen durchmachen und zueinander finden. Natürlich sind das Klischees, amerikanische Versatzstücke, die mittlerweile von Hollywood bis hin zur hiesigen Regionalzeitung ihre kulturfaschistische Wirkung entfalten. Helden opfern sich für die Gemeinschaft, Schwache und Andersartige werden toleriert, perfekte Ergriffenheitschoreographie, nur große Gefühle gibt es, keine kleinen. Was das Ganze dennoch aus dem Schleimtiegel der Linientreue heraushebt und es so großartig macht, ist die Form: Als Computerspiel gab es so etwas bisher nicht.
Wir erleben die Geschichte eines Herrn oder Frau Shepard, der die Welt vor bösen Bösen retten muß. Das geschieht mittels vielerlei Geballer, das zwischen die häppchenweise präsentierte Handlung geschaltet ist. Die gerühmten Rollenspielelemente sind lächerlich und zu vernachlässigen, das Schießen und Ducken, Schießen und Ducken ermüdet schnell, einzige, aber große Motivation bleibt zu wissen, wie es weitergeht. Es ist sicher nicht einfach, eine romanreife Geschichte derartig zu zerstückeln und anschließend noch ein gutes Erlebnis zu haben. Den Bioware-Machern ist es gelungen. Über drei Teile halten sie den Spieler bei Stange und ich kann sagen, daß es mir am Ende schwer gefallen ist, von Mass Effect Abschied zu nehmen. Wie bei einem guten Buch.
Anders als Buch oder Film leidet das Medium Spiel jedoch an einem strukturellen Problem: Gerne würde ich die Geschichte noch einmal durchleben, noch einmal die Aufs und Abs der liebenswerten Charaktere begleiten. Doch nochmal durch den ganzen Ballerunfug durch? Nochmal dreißig Stunden pro Spiel investieren? Nein. Ein Buch läßt sich gerne wiederlesen, ein Film ist so schnell und rückstandslos verdaut wie ein McDonalds-Burger. Ein Spiel wie Mass Effect hingegen muß ein einmaliges Erlebnis bleiben.

Freitag, 28. September 2012

Wort für Wort - Elizabeth George

Ein überaus mißlungener Schreibratgeber. Die amerikanische Erfolgsautorin reißt die einzelnen Schritte ihres Arbeitsablaufes nacheinander an, ohne näher auf sie einzugehen. Stattdessen bringt sie seitenlange Beispiele, teils Romanen anderer Autoren entnommen, teils ihren eigenen, und überläßt abschließende Analyse und Erkenntnisgewinn dem Leser. Das Buch mag zu mehr als der Hälfte aus solchen Beispielen bestehen, Erklärungen gibt es kaum, George verwendet unpräzise Formulierungen, umschreibt blumig und weitschweifig. Ein Buch, das mehr zu wirken als zu informieren weiß.
Unbefriedigend und überflüssig für am Handwerk Interessierte. Diejenigen, die etwas über Elizabeth Georges Tages- und Arbeitsablauf erfahren möchten, können sich das Buch mal anschauen.

Antikörper - Christian Alvart

Einer der schlechtesten Filme, die ich je gesehen habe. Serienmörder-Schablone, die tatsächlich ernst gemeint ist. Widerlich, wie schamlos der Film seine Vorbilder nachäfft, wie unbeholfen alles wirkt, wie kein Klischee ausgelassen wird. Mit irgendwelchen Förderungen bedacht, Wahnsinn.

Diablo 3 - Blizzard

Als Diablo im Jahr 1997 erschien, hatten wir die Demo ausgiebig gespielt. Auf der Cebit erwarben wir ein Messe-Exemplar direkt vom Entwickler oder Verlag, ich weiß nicht mehr genau, für wenige D-Mark. CD und Handbuch flogen in einer Klarsichttüte herum, doch auch ohne Pappschachtel entwickelte sich das Spiel zum Dauerbrenner auf unseren LANs.
Der zweite Teil von 2000 übertrumpfte den Erstling in allen Belangen. Ein so perfekt herausgearbeitetes und in Szene gesetztes Spielprinzip begegnet einem nur selten. Ich habe mich, anders als meine Freunde, damals nie vom Onlinereiz verlocken lassen, doch offline begeisterte Diablo 2 über lange Zeit hinweg genauso. Regelmäßig, noch nach vielen Jahren, tauchte es auf unseren Festplatten auf, ungerührt und nahezu unverwüstlich die schalen, schnellebigen Produkte der Konkurrenz überdauernd, und lud zu neuerlichen Inkarnationen des süchtigmachenden Sammelwahns.
Als das Entwicklerstudio Blizzard North seine Pforten schloß und aufgelöst wurde, verstreuten sich die Leute hinter diesen beiden epochemachenden Spielen in alle Winde, wechselten das Metier oder gründeten eigene Firmen, wohl aus den üblichen Gründen, die kreative Köpfe aus überschießend wachsenden Bewegungen bzw. Gesellschaften vertreiben. Die Hoffnung auf einen würdigen Nachfolger schwand und niemand hatte ernsthaft mehr damit gerechnet, als im Jahr 2008 Blizzard überraschend Diablo 3 ankündigte.
Von Anfang an herrschte in der weltweiten Fangemeinde eine zwiegespaltene Erwartungshaltung. Würde ein neu zusammengestelltes Team, das nichts mit den Vorgängern zu tun hatte, einen dritten Teil schaffen, der der Reihe gerecht werden konnte? Eine Debatte nahm ihren Anfang, in der jegliche bekanntgegebenen Details des kommenden Spiels kontrovers diskutiert wurden. Durch alle Lager hinweg stieg die Vorfreude im Laufe des Entwicklungsprozesses ins Unermeßliche, die Vorbestellungen übertrafen alles zuvor Dagewesene, und im Mai 2012, nach etlichen Verzögerungen, war es dann so weit und Diablo 3 erblickte das Licht der Welt.

Nach dieser länglichen Einleitung möchte ich mich mit der eigentlichen Besprechung kurz fassen. Ich gehöre zu den Vorbestellern, die die Entstehung des Spiels seit 2008 fasziniert verfolgt haben und neuartigen Konzepten und Ideen offen und wohlwollend gegenüberstanden.
Das Spiel ist eine Enttäuschung. Nach über einhundertfünfzig Spielstunden ist für mich offensichtlich, dass seitens Blizzard der dritte Teil dieser glorreichen Reihe als eine unkomplizierte und risikolose Möglichkeit gesehen wurde, Geld zu verdienen. Man entfernte sich von fesselden Konzepten der Vorgänger und konzentrierte sich auf die Anforderungen einer modernen, weltweit vernetzten Internetgemeinde. Der Name Diablo versprach enorme Absatzzahlen, und es galt, den Umsatz auch nach der Markteinführung hoch zu halten. Zu diesem Zweck ersann man das Auktionshaus und optimierte die Mechaniken dergestalt, dass alles auf eine rege Marktaktivität innerhalb der Spielergemeinde hinauslief. Von dieser Aktivität profitieren Blizzard mittels Gebühren direkt, und halten damit einen weiteren Goldesel in Händen, den sie, je nach Verhalten der Cashflowkurven, nach Belieben gestalten und modifizieren können.
Die lange Zeit, die ich trotz dieser Unzufriedenheit mit Diablo 3 verbrachte, gestaltete sich in den ersten Stunden durchaus unterhaltsam. Bunte Fähigkeiten prasseln auf mich ein, dass es eine helle Freude ist. Bald stellt sich jedoch heraus, dass viele davon unnütz und lediglich optische Staffage sind. Die Geschichte wird im Stile der schlimmsten Groschenromane erzählt, die man sich nur denken kann, ich frage mich schließlich, ob man mich veräppeln will. Immer auf der Suche nach dem Diablo-Gefühl mache ich weiter, denke, dass es sich schon irgendwann einstellen wird, erreiche die höchste Stufe und stürze mich in den höchsten Schwierigkeitsgrad. Das Gefühl kommt nicht. Im Auktionshaus verdiene ich Millionen, statte meinen Charakter mit den besten Gegenständen aus, immer in der Hoffnung, dass ich vielleicht noch nicht weit genug vorgedrungen bin, mache weiter. Das Gefühl kommt nicht. Nach nur einem Monat dann das Ende: Diablo 3 macht keinen Spaß mehr. Das Spiel, dessen Vorgänger eine ganze Dekade lang das Genre dominiert hat, ist schon gestorben.
Man kann Blizzard nicht vorwerfen, Geld verdienen zu wollen, doch haben sie in der Umsetzung dieses Vorhabens einen großen Fehler gemacht. Mögen die momentanen Gewinne noch so hoch sein: Erweiterungen und ein eventueller vierter Teil werden es schwer haben, denn das Firmenimage hat unter den Fans erheblichen Schaden genommen. Der Nimbus ist dahin. Anstatt den Schwerpunkt auf die Entwicklung eines perfekten Spiels zu legen, mit dem die im umkämpften Markt so wichtige Dominanz hätte fortgeschrieben werden können, ließ man sich dazu hinreißen, einen großen Namen als Melkkuh zu gebrauchen und nicht an die Zukunft zu denken. Natürlich hätte es fähige Leute für besagte Perfektion gebraucht, aber man entschloß sich, Geld zu sparen und das schon vorhandene Personal irgendwie einzuspannen. Überspitzt gesagt durften die Papierträger der alten Designer nun selbst ans Steuer.
Von außen beobachte ich die weitere Entwicklung, es wird geschraubt, gefrickelt und erweitert; momentan ist man bei Version 1.05 angelangt, empörte Nutzer werden gehört und deren Vorschläge hastig implementiert. Doch wer die Kernabsicht einmal erkannt hat, sieht sie auch durch alle diese vermeintlichen Zugeständnisse hindurch schillern wie Öl auf einer Pfütze. Kein Patch wird hier helfen. Es ist Zeit, von Diablo Abschied zu nehmen.

Donnerstag, 16. August 2012

Sand - Wolfgang Herrndorf

Sehr gut. Mischung aus Krimi, Vexierspiel und Anspruchsvollerem. Das Buch hat mich gefesselt, es war in wenigen Stunden durch.
Eine merkwürdige Chimäre, die nach zähem Start, ich schaute nur auf überflüssige Wörter und Unsauberkeiten, nach und nach in Fahrt kommt und immer besser wird. Der Autor wechselt die Perspektiven wie andere Leute die Oberbekleidung, die Züge der sogenanten Popliteratur treten zu Tage. Die Kapitel sind kurz und handlungsgeladen, dennoch entwickeln sich die Charaktere ausgesprochen differenziert und erinnernswert. Das Buch auch eine psychologische Studie zu nennen, wäre übertrieben, doch Herrndorf schafft es auf mir rätselhafte Weise, diesen Hauch von etwas Großem in seinen "Abenteuerroman" hineinzubekommen. Die Sinnlosigkeit von Sinnsuche, Vergänglichkeit, Vergeblichkeit, der Tod, Zufälligkeiten und Schicksale, alles findet seinen Platz und erscheint in melancholischem, aber auch zart optimistischem Licht. Ein Roman, dessen Nachgeschmack dem eines Lebensgedichtes ähnelt. Die zentrale Metapher, der Sand, trifft trotz aller Abgenutztheit. (Eine Anmerkung, die die Huld nicht wesentlich schmälern soll: Kapitel 66 und 67 hätte ich weggelassen, der Gesamteffekt wäre meiner Ansicht nach noch größer gewesen.)
Nach der Lektüre betrieb ich ein wenig Recherche, wollte mehr wissen; es herrschte positive Überraschung, ich war beeindruckt. Als kurzweiligen und anregenden Roman spreche ich hiermit eine Empfehlung für "Sand" aus. Sehr gutes Buch.

Drei Essays - Neil Postman

Das Verschwinden der Kindheit
Wir Amüsieren uns zu Tode
Das Technopol
Die Bezeichnung "Essay" würde Postman vielleicht mißfallen, wenn er noch lebte. Es ist aber wichtig, klarzustellen, daß es sich bei diesen drei Büchern keinesfalls um wissenschaftliche Texte handelt. Neil Postman war ein amerikanischer Medienwissenschaftler, der eine Reihe von populären Sachbüchern veröffentlicht hat; die drei hier besprochenen mögen die Berühmtesten sein. Er stellt darin seine Sicht der Dinge dar, in gewisser systematischer Weise, die nicht darüber hinwegtäuschen darf, daß diese natürlich sehr subjektiv ist. Kein wissenschaftliches Vorgehen ist die Basis, sondern Assoziieren, Herauspicken von anschaulichen Beispielen, Zitaten, Zurechtlegen. Er geht dabei geschickt vor, verwendet eine geschliffene Sprache und erlaubt sich nur selten argumentative Schnitzer. Lästig sind lediglich beständige Wiederholungen, Füllwörter, Geschwafel, stellenweise mangelhafter Stil und eine konsequente Unschärfe in der Folgerung. In seiner Kritik beschreibt Postman selbst an einer Stelle diese Vorgehensweise, die er an Autoren zweifelhafter Werke beobachtet hat: "Ihre Deutungen lassen sich nicht beweisen oder widerlegen, ihren Reiz gewinnen sie aus der Kraft ihrer Sprache, aus der Tiefendimension ihrer Erklärungen, aus der Triftigkeit ihrer Beispiele und der Glaubwürdigkeit ihres Stoffes. Und dies alles dient in beiden Fällen einem erkennbaren moralischen Zweck." Genau diese Beschreibung paßt auf die fadenscheinigen, durchsichtigen Abschnitte in seinen eigenen Büchern. Gerne eröffnet er Argumente mit Formulierungen wie "Es ist eine Tatsache, daß ...", "Es ist allgemein bekannt, daß ..." usw.
Genug der Schelte, denn ich bin prinzipiell seiner Meinung, von wenigen Punkten abgesehen. Postman übt über alle drei Essays hinweg eine beeindruckende Medienkritik, die sich im Wesentlichen mit der Transition von einer Buchdruckgesellschaft hin zu einer Informationsgesellschaft befaßt. Anders als die vielen imbezilen Rezensionen auf amazon behaupten, ist er dabei kein Verherrlicher der Vergangenheit, kein Fernsehgegner, kein Luddit. Er bleibt größtenteils sachlich und betreibt eine nachvollziehbare Erörterung der Frage, welche Folgen solch eine unvermeidliche Transition für eine Gesellschaft hat. Er kommt dabei zu keinem positiven Urteil, das darf ihm aber nicht angelastet werden, denn wer die Texte ließt, wird ihm beipflichten, rhetorische Tricks hin oder her.
Er liefert plausible Erklärungen für viele Fragen, die ich mir seit langem stelle: Warum der allgegenwärtige Trend zum Seichteren einen bedrohlichen Eindruck erweckt. Warum die Gesellschaft auf sämtlichen Gebieten ihres Schaffens und Daseins populären Zwängen zu unterliegen scheint; ich nannte und nenne das "Die Werbung", ein Denken, das in Politik, Zeitgeschehen, der Kultur und rein überall präsent ist und immer präsenter wird. Das Lockere, Seichte, Amüsante verdrängt das Ehrliche, Aufrichtige, Ernste, das Erhabene, verdrängt die Bildung an sich. Warum konnten sich die Menschen früher im Wort und auf dem Papier so kunstvoll ausdrücken, warum konnten sie diskutieren, warum haben wir das Gefühl, daß sich heutzutage alles nur um Wirkung dreht. Bei der unter allen Umständen kritischen Lektüre von Postmans Büchern habe ich einige mögliche Erklärungen für diese Fragen gefunden, die hervorragend in mein geistiges Rüstzeug passen.
Wehe denen, die in seiner Argumentation nur Zynismus und Schlechtmacherei sehen, denn sie sind schon Gefallene im Kampf um die geistige Freiheit. Sie sind Opfer der Werbung geworden, sehen nur die Oberfläche, wo es in die Tiefe geht, können sich nicht mehr mit Dingen befassen, die anstrengend sind, leben ein einfaches Leben, leisten nur körperlich und lassen sich von explodierenden Reizen und Erregung fortschwemmen. Sie amüsieren sich zu Tode. Das ist nicht abgehoben. Genau so muß man es formulieren.
Postman ist ein Romantiker. Das ist gut, um über gängige Schemata hinauszudenken. Es ist schlecht, um profunde Wissenschaft zu betreiben. Man darf deshalb nicht mit der falschen Erwartung an diese Bücher herangehen. Tut man es hingegen richtig, wird man reich belohnt.
Ein Vorwurf, den man dem Autor machen kann, ist seine Unfähigkeit zur Verdichtung. Er schreibt drei Bücher mit nahezu dem gleichen Inhalt, jeweils marginal abgewandelt. In diesen Büchern reiht sich Wiederholung an Wiederholung, nach einer Argumentationskette faßt er diese nochmal zusammen und dann wieder usw. Das ist sehr ermüdend, aber da muß man durch. Die großen Werke großer Philosophen sind oft ein Fest für den Leser, sowohl inhaltlich als auch literarisch, aufgrund ihrer Präzision, ihrer Wortgewandtheit, ihrer Klarheit, sie heben sich ab von zeitgenössiger Schwammigkeit wie Leuchttürme im Nebel. Postman hingegen ist kein guter Stilistiker, er bleibt schwammig. Für mich ist er damit ein "Philosoph zweiter oder dritter Klasse". Er hat gute und wichtige, viel zu wichtige Ideen, setzt diese aber schlecht bzw. ungeschickt und publikumsunwirksam um. Und weil seine Ansichten zutreffend sind, so bedauerlich das ist, wird sein Werk aus genau diesem Grunde die Zeit nicht überdauern und prägen können.

Noch etwas Einzelkritik zu den Büchern, in Stichpunkten
Das Verschwinden der Kindheit: Theoriegebäude, nach dem die Kindheit im späten Mittelalter durch intellektuelle Separation entstand und jetzt durch elektronische Medien, die Annäherung betreiben, wieder verschwindet. These, die sich präzise und prägnant auf zehn Seiten darstellen ließe. Postman wiederholt sich jedoch exzessiv, bringt viele, nicht immer passende Beispiele, bläht seine Ansicht mit stark polemisierenden Argumenten auf, sodaß die Wirkung am Ende schwächer ist, als sie sein könnte.
Wir amüsieren uns zu Tode: Verfeinerung der in "Kindheit" noch etwas plumpen Konstruktion. These ähnlich, Bezugspunkt nicht mehr nur die Kindheit, sondern auch das Erwachsenenleben, die Kultur an sich. Gute Ansichten, auch hier jedoch wieder ungeschickte Beispiele, Zitate, Polemiken. Mit dem Übergang vom Allgemeinen ins Spezielle hat Postman es nicht so, vergrault damit sicherlich einige skeptische Leser.
Das Technopol: Nachschlag im gleichen Stile. Kritisiert wird nun die blinde Fortschrittsgläubigkeit und das unbekümmerte Leben inmitten dominanter technischer Strukturen. Nachvollziehbare Gedanken, teilweise beängstigend nachvollziehbar.

Mittwoch, 15. August 2012

Stefan George - Thomas Karlauf

Die Entdeckung des Charisma
Die gerühmte Karlaufsche George-Biographie lief mir für ein paar Euro als Mängelexemplar über den Weg. Sie ist im Wesentlichen erhellend über die damaligen Lebensumstände und literarischen und politischen Verhältnisse in Deutschland und Europa. Die Charakterisierung Georges gelingt meiner Meinung nach ein wenig zu einseitig.
Karlauf bedient sich eines frischen, narrativen Stils, wohl angelehnt an die englischsprachigen Vorbilder. Das Buch steigt beispielsweise ein mit einem Satz, der aus einem Roman stammen könnte: "Der 14. Januar 1892, der Tag, an dem der 23-jährige Stefan George den 17-jährigen Gymnasiasten Hugo von Hofmannsthal ultimativ aufforderte, sich endlich mit ihm zu treffen, war ein Donnerstag." Diese Schreibweise treibt das Lesen voran, streckenweise wird Spannung erzeugt, Karlauf arbeitet mit Vor- und Rückblenden. Er bleibt dabei wohltuend selbstreflektiv, schreibt im Nachwort, welche Schwierigkeiten ihm begegneten, im Material und in sich selbst. Nachteil dieses Verfahrens ist, daß das Buch kein "Standardwerk" im wissenschaftlichen Sinne sein kann, sondern eine unterhaltsame Bildungsreise mit appetitlich aufbereiteten Happen, die immanent oberflächlich bleiben müssen, und eine von Tendenz nie ganz bereinigte Berichterstattung und Wertung.
Das fällt besonders auf an der Haltung, die Karlauf dem zentralen Objekt entgegenbringt. So differenziert er die Lebensumstände, die Beziehungen Georges zu seinen Freunden, Bekannten und Geliebten herausarbeitet, so einfühlsam er Motivationen und Gedankenwelten entschlüsselt, immer schwebt da ein gewisser herablassender Ton in allem mit. Die Bewunderung, die er anhand mancher Gedichtzitate nicht ganz unterdrücken kann, scheint der Autor an anderer Stelle vermittels unüberhörbarem Spott wieder ausgleichen zu wollen. Ist es ihm peinlich, sich mit diesem allerwenigstens für die Literaturgeschichte sehr bedeutenden Mann so intensiv beschäftigt zu haben? Fast scheint es so.
Karlauf hat sich, so im Nachwort, dazu entschieden, sich Georges Biographie über die Menschen, mit denen er Umgang hatte, zu nähern. Dabei spielt fraglos die Homosexualität eine große Rolle, doch Karlauf räumt ihr geradezu die Größte ein. Er mag damit recht haben, das kann ich nicht beurteilen, am Ende entsteht vom George-Kreis dabei allerdings das Bild einer Pädophilengemeinschaft älterer Herren, die allein um des stetigen Nachschubs junger Lustknaben wegen Dichtung betrieben.
Abgesehen von diesen Ungereimtheiten, die die Hereinnahme der Persönlichkeit des Autors, der sich, wie ein Blick auf seine Vita verrät, wie kaum ein zweiter mit dem Thema auskennt, in den Text mit sich bringt, finde ich das Buch lesenswert. Es ist nicht so, daß Karlauf alles zudeckt mit seiner Sicht. Wir erhalten ein erschöpfendes, größtenteils neutral wirkendes Abbild der damaligen Zeit, in die die handelnden Charaktere passend hineinmontiert werden, ihre Handlungen nachvollziehbar und glaubhaft. Wer sich für die Stimmung und die Geschehnisse der Jahrhundertwende im Allgemeinen interessiert und dafür, welchen Einfluß Literatur auf Menschen haben kann, der greife zu.
Gedichte kommen nur wenige in dem Buch vor, was mich anfangs enttäuscht hat. Die künstlerische Ebene betritt Karlauf nicht. Er bleibt beim Mann in seiner Zeit, den Umständen, Kontaktpersonen. Dieses Konzept wird stringent durchgehalten, und am Ende stimme ich dem Autor zu: Es ist die einzig mögliche Herangehensweise an diesen mythisch verbrämten, vielfach kontrovers besprochenen Charakter.

The Tree of Life - Terence Malick

Ein von den üblichen Kinoseiten über den Klee gelobter Philosophie-, Lebens- und Universalschinken. So zumindest war mein Empfinden über den neuen Malick, den ich nach diesen hymnischen Besprechungen unbedingt sehen wollte.
Durchwachsen. Der Film zerfällt in zwei Teile. Der Rahmen, der uns anhand psychedelischer Trick- und Naturaufnahmen, symphonischer Musikuntermalung und eines stets säuerlich dreinblickenden Sean Penn offenbar in höhere Schwingungsebenen versetzen möchte, kippt nach wenigen Sekunden in unfreiwillige Komik angesichts des alles transzendierenden Kitsches, dem der sonst so stilsichere Regisseur hier hoffnungslos erlegen ist. Der Film hat allergrößte Ambitionen, nichts weniger als Gott und die Welt soll uns erklärt werden, und das kann, insbesondere unter Verwendung jener Mittel, nur schiefgehen. Der ästhetische Rums, mit dem "The Tree of Life" bereits in den Anfangsminuten in den Boden kracht, wirkt dermaßen naiv und überzogen, daß die erhabenen Passagen immer wieder von unktrollierbarem Gekicher begleitet werden.
Im Mittelteil, der dankbarerweise lange dauert, ändert sich das Bild. Es entspinnt sich eine gefühlvolle, sehr einfühlsame Entwicklungsgeschichte eines Jungen in den 50ern, der unter der Beziehung zu seinem ehrgeizigen Vater leidet. Das Medium Film wird hier gut genutzt, ich habe ähnlich Glaubwürdiges noch nicht gesehen. Durchaus ein Genuß.
Am Ende setzt wieder o.g. Quatsch ein, man sollte vielleicht einfach Abschalten bzw. den Saal verlassen. Jeder Autor / Regisseur hat solche Phasen im Leben, da muß man ein Auge zudrücken.
Wegen des gut gelungenen Jugendportraits im Mittelteil bleibt "The Tree of Life" empfehlenswert, mit der Warnung vor großem Quatsch vorne und hinten dran.

Montag, 9. Juli 2012

Clive Barker

Als meine Freunde und ich unsere Splotter-Phase durchlebten, die allen jungen Männern früher oder später bevorsteht, und Filme wie Hellraiser oder die Romero-Reihe ihre Strahlkraft entfalteten, die überbordende Lust am Blut und Gedärm aber kaum stillen konnten, besorgten wir uns schließlich auch Bücher von den Autoren dieser Filme. Alles kauften wir, alles, um nur den Hunger zu stillen. So landete ich bei Clive Barker.
Ich möchte nicht schlecht vom Briten reden, er hat mir viele spannende Stunden beschert, auch wenn ich sein Oeuvre heute anders einschätze als damals. Rückblickend scheint er für die Art Fantasy zu stehen, die das Vergnügen am Fabulieren, an Zügellosigkeit verbindet mit einem griffigen Stil, den unvorstellbarsten Welten, Zauberei selbstverständlich, den tollsten Wesen. Und hemmungslos treiben sie es miteinander. Sex & Crime mit Faunen. Was wollte man mehr?
Ein paar Bücher habe ich von Barker gelesen, Imagica, Gyre, die Stadt des Bösen, die Bücher des Blutes. Das ist knapp 15 Jahre her und ich kann nicht behaupten, noch viel davon zu wissen. Mir sind die Geschichten  noch als recht verworren in Erinnerung, die Charaktere durchaus sympathisch. Da diese Art von Fantasy heute mehr den je Hochkonjunktur zu haben scheint, insbesondere nach den Herr der Ringe-Verfilmungen, kann sich jeder, der die nächsten paar tausend Seiten Stoff sucht, bedenkenlos darauf stürzen. Etwas mehr Vögelei allerdings, aber das ist ja kein Schaden, nicht wahr?

Freitag, 6. Juli 2012

Andymon - A. & K. Steinmüller

Bekannte Utopie aus der Feder eines DDR-Autorenehepaars. Nach zähem Start liest sich die Erzählung immer flüssiger, wir erleben das Aufwachsen einer neuen Generation von Menschen auf einem äonenlangen Flug zu den Sternen. Dort angekommen, entsteht eine neue Gesellschaft, die sich mit den Widernissen des Äußeren und Inneren auseinandersetzen muß. Herkunft und Absicht des Unternehmens bleiben unklar, niemand weiß etwas über die Konstrukteure des Raumschiffs und über die "Erde", von der das Fluggerät angeblich stammt. Irgendetwas scheint dort nach 2000 passiert zu sein, aber darüber liegen keine Daten vor. Das Ende schließt einen Kreis, es herrscht ausgesprochen optimistische Zukunftsstimmung.
Das Buch erinnert mich von der Erzählweise her an "Ender" von Orson Scott Card. Auch dort ist es eine Gruppe von Kindern, die große Aufgaben zu lösen hat und daran wächst. Die Steinmüllers schaffen es, diese Entwicklung glaubhaft und die Utopie schlüssig darzustellen, sodaß die knapp 300 Seiten zügig und gerne gelesen sind. Sie bedienen sich einer Sprache, die gerne ins Kindliche bzw. Jugendliche abgleitet, ohne das das stören würde. Auf Belehrungen und Moralisieren, angesichts der Vision durchaus möglich, verzichten die Autoren dankbarerweise. Verschiedene politisch betrachtbare Situationen werden durchgespielt, bewundernswert frei von Wertungen.
Große Denkanstöße bleiben aus, dennoch ist die Thematik und das gewählte Szenario interessant angesichts des Hintergrundes, vor dem der Roman entstand. Die Autoren gehen im Anhang ausführlich auf diese Umstände ein, die Einschränkungen, denen sie in der DDR unterlagen und wie sie die, mit wohl exemplarischer Subtilität, umschifften. Abgesehen von der unvermeidlichen Pikanterie bleibt von der Herkunft des Textes dann im Text selber nichts übrig, was ihn als Sonderling innerhalb der SF erscheinen ließ. "Andymon" ist ein guter, unterhaltsamer Sciencefictionroman, der sehr verdichtet auf sein Kernthema bleibt und Abschweifungen, aufgesetzte Philosophie meidet. Er ist dies auch heute noch.

Das Leben und das Schreiben - Stephen King

Ein nicht ganz gewöhnliches Buch, das weder Biographie noch Schreibratgeber sein möchte. In lockerem Ton assoziiert der Autor im ersten Abschnitt aus der Vergangenheit, versucht die Umstände aufzudecken, die sein Leben zu dem eines Schriftstellers gemacht haben. Schon zu Beginn kündigt er an, sie nicht zu kennen. Und auch nicht zu wissen, was sein Schreiben so erfolgreich macht. Im zweiten Abschnitt wird dieses Unwissen untermauert, anhand durchaus lebhafter Beispiele gibt King ein paar Tips, die sich in jedem x-beliebigen Ratgeber finden lassen, zugegebenermaßen nicht annähernd so unterhaltsam.
Und es stimmt: nach der Lektüre sind wir nicht schlauer. Die üblichen Kniffe sind es, ein Geheimnis findet sich nicht. Aber wenn wir ehrlich sind - das haben wir auch nicht erwartet. Viel interessanter ist der Teil über Kings Leben, in dem er offen und ungezwungen anekdotenreich aus dem Nähkästchen plaudert. Durchaus bewegend sind manche Abschnitte, wenn es etwa um finanzielle Nöte geht und die Abhängigkeit von Veröffentlichung zum Schleuderpreis.
Was das Buch zu etwas Besonderem macht, und unbedingt lesenswert, ist die Tatsache, daß es von einem der kommerziell erfolgreichsten Autoren stammt. Aller Zeiten. Wenn jemand etwas übers Schreiben sagen kann, dann er (und hier muß ich ihm widersprechen, denn seine Ansichten besitzen durchaus Gehalt, wenn auch nicht so offensichtlich). Stephen King hat hunderte Millionen mit seinen Büchern verdient, das Geld ist ihm ein wichtiges Thema. Auch dort erzählt er ungezwungen wie die Jungfrau vom Kinde, gibt Tips, legt sich aber nicht fest. All das vor dem Hintergrund seiner oberflächlich angerissenen Biographie. Er weiß, er ist kein großer Literat, bleibt durchweg bescheiden, sich seines überragenden Erfolgs aber immer bewußt. Das macht den Text so sympathisch, ehrlich, und voller Köstlichkeiten, wenn er etwa über die Tricks anderer Superseller schwadroniert, als seien sie Lausbuben auf dem Hof.
Wer etwas über einen Wunderknaben der amerikanischen Belletristik lernen möchte, einen Blick in sein Innenleben erhaschen, und das im süffigen Stil eines Bestsellerautors, dem sei "Das Leben und das Schreiben" nahegelegt. Wer eine präzise King-Biographie sucht, oder systematische Anleitung fürs eigene Schreiben, der ist hier fehl am Platze.

Freitag, 22. Juni 2012

Wenn es ein Paradies gibt - Ron Leshem

Ja, wenn es ein Paradies gibt. So wehmütig klingt es vom Titel und so krass kontrastiert wird dieser Spruch in soldatisch-flapsiger Konnotation auf den ersten Seiten. Im allseits gelobten Romandebüt des Israeli wird viel mit solchen Kontrasten gearbeitet, sie sind darin ein fast ubiquitäres Stilmittel. Man denke an US-Kriegsdramen (oder "Antikriegs-", wie man eben gerade möchte) der neueren Generation seit ca. den späten Neunzigern, die in choreographierter Werbeclipästhetik mit kameraoptimiert bemessenem Schmutz dem Kinogänger zwischen Cola und Popcorn die Kriegsschrecken unerbittlich vor Augen führen - so ungefähr ist es auch hier.
Die Stimmung ist düster: Krieg ist sinnlos, junge, aufrechte Männer, alle mit sehr menschlichen inneren Konflikten, leben, lieben und sterben, ohne zu wissen, wofür. Eine verblendete Hauptperson, kriegsliebend, immer fluchend, cholerisch, mit rassistischen Zügen, aber oha - auch sensibel und in eindringlicher Ichperspektive zu seitenlang ausufernder Reflektion fähig - eine dankbare Zielscheibe für die ethische Inkontinenz des Lesers. Dazu die schlaglichtartige Schilderung, dicht dran an den Personen und dem Geschehen, schweißnasse Riten werden eingefangen, Soldatensprache, junge Männer, Ficken und Bumsen, ach, sie merken ja nicht, wie verzweifelt sie sind. Aber der Leser merkt es. Und am Ende, wenn alles umsonst war, steht er betroffen und sieht alle Fragen offen, wie es sich gehört. Bämbäm, Explosion, merkt euch: Krieg ist schlecht, die ungeborenen Enkel, Credits, Jerry Bruckheimer.
So banal ich jedoch den Plot auch empfinde, und so langweilig das Buch in seiner Thematik größtenteils war, muß ich doch hervorheben, daß Leshem aus den undankbaren Zutaten, dieser Mixtur aus Uninteressantem und Hollywoodklischees, viel herausholt. Der Mann kann schreiben, das steht fest. Es zeigt sich in Passagen, die wie Schätze im Buch versteckt sind. Da ist zum Beispiel die Veränderung, die der Protagonist angesichts eines neu hinzugekommenen Offiziers mit pazifistischen Attitüden durchmacht. Die zunächst extreme Abneigung wandelt sich über wenige Kapitel glaubhaft in tiefe, vielleicht über das Kameradschaftliche hinausgehende Zuneigung. Natürlich dann Explosion des Neulings, schlimm und schlecht, Mine, das soll aber weiter nicht stören. Solche Einsichten in Charaktere und deren Entwicklung liegen dem jungen Autor, der eine angenehm nüchterne Sprache pflegt, frei von Lametta oder militärischer Taktung.
Ich wage die Prognose, daß wir von Ron Leshem noch ein paar feine Romane lesen werden, auch wenn er sich mit seinem Erstling wohl zu sehr der Erwartung eines Publikums gebeugt hat, das "Wenn es ein Paradies gibt" in einem Rutsch goutieren kann. Falls er sich auf seine eindrucksvoll angedeuteten Fähigkeiten besinnt und es wagt, sich große Ziele zu setzen, könnte er ihnen dereinst nahe kommen.

Sonntag, 17. Juni 2012

Die Insel des zweiten Gesichts - Albert Vigoleis Thelen

Es ist lange her, daß ich dieses Buch gelesen habe, und damals hat es lange gedauert. Auf rund tausend Seiten breitet sich die Geschichte eines in den 30ern nach Mallorca emigrierten Paares aus, der Autor und seine Frau, auf eine Weise, die Ihresgleichen sucht. Es zählt für mich zu den großen Glücksfällen, mit diesem Roman in Kontakt gekommen zu sein, und die Erinnerung daran wird lange, lange bestehen bleiben.
Thelen ist einer besonderen Sprache mächtig. Ein Genuß, selbst wenn man für die Handlung kein Interesse aufbrächte. Alltägliche Inseltage passieren da und außergewöhnliche, Menschen werden geliebt und mit ihnen gestritten, die beiden Hauptdarsteller werden lebendig, scheinen bald alte Bekannte zu sein, deren Schicksal uns nahegeht wie selten eines. Die Wirren der Zeit, die Schatten des allerorten aufkommenden Nationalismus, Bürgerkrieg, das ganze Bild bekommen wir, inklusive Mallorcaluft und Orangenbäumen. Doch auch ober- und unterhalb des Inhalts bietet dieses Buch so viel, läßt sich so viel finden; wie ein Bad im Gebirgssee, das den überhitzten Wanderer erfrischt und beseelt, das ihn nach staubigem Marsch aufweckt und schlagartig in allen Sinnen spüren läßt: was der See ist, wie hoch das Gebirge, wie groß die Welt. Der dafür herangezogene Stil ist verspielt, abschweifend, freudig erzählend, barock verschnörkelt, herrlich lebensfroh eben. Satzkaskaden prasseln von den Seiten und sorgen für offene Münder. Natürlich gibt es Längen - die zigste Verästelung mag den einen oder anderen Leser überfordern - doch sind diese Längen wichtiger Bestandteil des Buchcharakters, dessen Charme und Strahlkraft auf wohlabgewogenen Ingredienzen beruht - Änderung würde nur zu Verschlechterung führen.
Wir haben es mit einem Meister zu tun. Es wundert mich zutiefst, daß Albert Vigoleis Thelen unter den Autoren des Zwanzigsten Jahrhunderts nicht zu den Bekanntesten zählt.

Rote Ernte - Dashiell Hammett

Der große Klassiker des hardboiled-Genres, endlich ist er weg. Anstrengend, sage ich euch, anstrengend. Nicht im mindesten zu vergleichen mit dem spritzigen, den Konventionen ebenso folgenden, aber spritzigen Chandler des letzten Herbstes. Von Hammett kenne ich den Malteser Falken; der ist mir gut in Erinnerung. Entsprechend waren die Erwartungen bei der "Roten Ernte", die als sein bester Krimi gilt.
Das stimmt überhaupt nicht. Ein wirrer, hin- und herspringender Plot, der arg übertrieben maulfaul-reduzierte Stil, Lakonie ohne Ende. Es gibt keine Abwechslung, nach der ersten Seite weiß man, was drin steht im Buch, und dieses Wissen trifft auf keine Überraschung mehr.
Ein namenloser Detektiv landet in einer verkommenen Kleinstadt und räumt auf. Gangster, Vamps, Kanonen, raue Umgangsformen. Per se nichts Schlechtes, doch verkommen die starken Zutaten in der "Roten Ernte" zum Selbstzweck. Ich hatte das Gefühl, einer Demonstration beizuwohnen, einer Auflistung und konkreten Veranschaulichung von Beispielen, wie harboiled-Texte auszusehen haben. Das bleibt dann ohne Seele, ohne tragendes Element, ohne Herz. Vermutlich setze ich zu hohe Maßstäbe aus Sicht eines heutigen Lesers und man sollte das Buch historisch betrachten: es muß damals ziemlich eingeschlagen sein und das Genre populär gemacht haben. Aber von einem Buch erwarte ich zu jeder Zeit, daß es mich unterhält, auf welche Weise auch immer. Und das tat es nicht.

Mittwoch, 6. Juni 2012

Die Judenbuche – Annette von Droste-Hülshoff

Ein Sittengemälde aus dem gebirgichten Westfalen
Jahrzehnte vor der französischen Revolution wächst ein einfacher Mensch in ärmlichen, bäuerlichen Kreisen auf. Allesbeherrschendes Thema ist der Holzdiebstahl, der zu jenen Zeiten wohl von Banden, die sich einen Kleinkrieg mit den lokalen Förstern lieferten, systematisch organisiert wurde. Vor diesem Hintergrund geschehen Verbrechen, Morde, die nur teilweise aufgeklärt werden, aber zu diversen Verwürfnissen und ruinierten Existenzen führen. Der Protagonist flieht und kehrt Jahre später aus innerem Zwang heraus an den Ort seines mutmaßlichen Verbrechens zurück, nur um dort selbst sein Leben auszuhauchen. Es geschieht am Locus delicti, der "Judenbuche".
Ich kann nicht sagen, was ich von der Novelle erwartet habe. Der Titel weckt andere Assoziationen. Die Droste wahrt einen neutralen Stil, wertet nicht die eine Seite oder die andere, Juden treten sämtlich als Geldverleiher auf, mit negativen Zügen, allerdings ausschließlich aus Sicht des handelnden Personals, der aufgeklärte Autorengeist atmet. Wir bekommen ein rundes Paket serviert, ein (natürlich, es ist eine Klassikerin) meisterhaft geschriebener, vorzüglich mundender Text, eine dichte Atmosphäre, die das gewünschte Stimmungsbild wirkungsvoll zu transportieren weiß, Geschichts- und Milieueindrücke und eine herrlich abgeklärte Autorin, die uns am Ende in die endlosen Weiten der abgeholzten Wälder entläßt, die das Leben nun mal darstellt. Sie hilft nicht, gibt keine Schubser, keine Tendenzen, ist einfach da. Und das ist gut.

De brevitate vitae – Seneca

Das erste, was ich mir vom römischen Stoiker zu Gemüte führe, "Von der Kürze des Lebens", ein recht kurzer Essay über die Verschwendung der eigenen Lebenszeit. Mit meinem Latein ist es nicht mehr weit her, also beschränke ich mich auf die deutsche Übersetzung der zweisprachigen Ausgabe im Reclam-Verlag.
Seneca erklärt darin seine Sicht der Dinge, die sich unmittelbar aus der Stoa ableitet, einem fiktiven Adressaten, erläutert, warum das Lebensmodell vieler Menschen unzureichend ist und ihnen kein erfülltes Leben bescheinigt werden kann. Es ist verblüffend, wie sehr die Ansichten eines um die Zeitenwende lebenden römischen Autors und die von ihm beschriebene Gesellschaft auf die Gegenwart zutreffen, mit der stetig beschleunigenden Tretmühle, der Vernachlässigung von Selbstbezogenheit, Innerlichkeit und den Kernangelegenheiten unserer Existenz zugunsten oberflächlicher Reize und flüchtiger Glücksmomente, immer auf der Jagd nach mehr, mehr Unerreichbarem. In beiden Gesellschaften, heute und damals, verlieren die Menschen das höchste Gut – Zeit für das eigene Leben – immer weiter aus den Augen und stehen am Ende mit leeren Händen da. Seneca erkannte das und verdichtete diese Einsicht zu einem mitreißenden Pamphlet wider die Abstumpfung, das auch sprachlich und rhetorisch begeistert. Wieder stehe ich verblüfft, wie sehr sich die stoische Geisteshaltung an vielen Stellen mit der Meinigen deckt.
Ein hochaktueller und üppiger Text, dessen Lektüre ich jedem auch nur einigermaßen wachen Geist dringend ans Herz lege.

Dienstag, 8. Mai 2012

Song of Kali - Dan Simmons

Der Erstling eines von mir sehr differenziert verehrten SF-Autors, aus dem Jahre 1985 stammend, in Deutschland auch als "Göttin des Todes" erschienen. Im Netz existiert eine Fülle an Rezensionen, die fast ausschließlich Inhaltsangaben sind, sich mit dem Plot befassen, ohne Stellung zu beziehen. Das möchte ich hier nachholen.
Song of Kali ist gar kein richtiger Roman. Der Plot ist gänzlich vernachlässigbar, man säße einem Irrtum auf, wollte man ihn diskutieren. Er dient lediglich dazu, den Leser am Ball zu halten, und als Stilmittel der Verfremdung und Verunsicherung mit seinen Realitätsverschiebungen, seinen offenen Fragen und Enden. Packend geschrieben, in der üblichen Thriller-Tradition, die die Amerikaner in den Achtzigern und Neunzigern analog ihren Kaufhäusern zur Perfektion gebracht haben, bleibt er aber letztlich ziel- und fruchtlos. Der Text trieft vor Xenophobie und Rassismus. Das auf ungewolltes Durchscheinen autorialer Ansichten zurückzuführen, wäre ein weiterer Irrtum. Alles dient vielmehr dem beabsichtigten Gesamteffekt.
Und der liegt darin, ein Fremdes aufzubauen, ein Unerklärliches, das in uns allen wohnt, das Gewalt ist und Tiefe und Chaos und das ausbrechen kann. Die Stadt Kalkutta dient als Symbol für dieses Fremde, im Buch ein eindrückliches Zerrbild, keine Stadt, sondern ein Pfuhl. Sie ist ein weiteres Stilmittel, die Leinwand, auf der Simmons seine klischeebewehrte Psychologielandschaft ausmalt. Mit vorzeigbarem Ergebnis.
Song of Kali ist zwar nichts, was einem Leser lange hängenbleiben wird. Dan Simmons hatte seinen schreiberischen Höhepunkt eindeutig in der SF: Hyperion, Endymion, Ilium. Die neueren Werke konnten mich nicht mehr begeistern. Und da stellt sich ein Rückgriff auf den Erstling als Rückkehr zumindest an die Baumgrenze an den Hängen jener später erreichten Höhen heraus. Für Stunden der Reflektion über eine ungewohnte Konstruktion und erst allmählich sich offenbarende Intentionen ist das Buch allemal zu brauchen. Je länger man es nach dem Lesen ruhen lässt, desto mehr Kunststücke und kleine Genialitäten drängen sich auf und erzeugen einen Nachgeschmack, der immer Zeichen guter Lektüre ist, egal ob bitter oder süß.
Nein, kein Roman, sondern eine in epischer Form durchexerzierte psychologisch überkommene Idee. Ein Experiment, das unter dieser Prämisse ausgesprochen unterhaltsam war und sich wohltuend vom Thriller-Einheitsbrei abhebt.

Montag, 30. April 2012

Die Stadt der Träumenden Bücher - Walter Moers

Es gilt, eine Lanze zu brechen. Im Literaturbetrieb geschieht es nicht selten, daß ein Buch die Aufmerksamkeit, die es verdient, nicht erhält. Voneinander angespornt reihen sich ungerechte Besprechungen, Kritiker versuchen, einander an Aussagetiefe und Spektakularität zu übertreffen, gerne mit unsachlichen Mitteln. Das kann bedeutende Folgen haben, nicht nur für den Autor, sondern auch für die Leser, die ein falsches Bild vermittelt bekommen, nicht wissen, auf was sie sich einlassen, tendenziöse Meinungen aufsaugen und zu ihren eigenen machen, bevor sie das Werk überhaupt in Händen halten. Auch bei der "Stadt der Träumenden Bücher" von Walter Moers ist das so. Ich werde deswegen hier eine Lanze brechen. Gegen das Buch.
Es ist erstaunlich und für mich absolut unerklärlich, wie positiv dieser "Roman" in nahezu sämtlichen online zugänglichen Besprechungen aufgenommen wurde. Die FAZ, die Süddeutsche huldigen dem Buch und dem Autor auf eine Weise, die nun, nach Abschluß der Lektüre, in meinen Ohren wie Hohn klingt. Von "literarischer Virtuosität" ist da die Rede, von "subtiler Komik", vom "sensationellen Buch". Außerhalb der professionellen Kritik finden sich fast ausnahmslos ähnlich gelagerte Bewertungen von Lesern. Mir scheint, hier hat ein Autor irgendeinen magischen Trick entdeckt, seine Rezensenten zu blenden.
Das Buch bewegt sich auf Kinderniveau. Moers, dessen "subtile Komik" uns bereits Höhepunkte wie die "Arschloch"-Comics und perfekt in den debilhumorigen Onlinezeitgeist passende Hitler-Kalauer beschert hat, verwendet darin eine Sprache, die, von einem neuen Autor stammend, bei einem Verlag schon an der Pforte gescheitert wäre. Der juckige Gassenhauer Moers hingegen veröffentlicht bei Piper und hat mit den dortigen Lektoren anscheinend einen Abstandsvertrag geschlossen. Der Plot geht folgendermassen: Figur wird von einem Gegenstand an einen Ort gelockt, dort eingesperrt, befreit sich, und die Bösen gehen zusammen mit dem Ort in Flammen auf. Moers bedient sich nun lauter Frechheiten, um diese Handlung aus unmotiviert aneinandergereihten Versatzstücken ordentlich aufzublähen. Da sind vor allem die Listen und Aufzählungen zu nennen. Alle paar Seiten wird die Figur mit etwas Neuem aus dem interessanten und geheimnisvollen Land Zamonien konfrontiert, das keinerlei Relevanz für die Handlung besitzt. Dennoch erhalten wir tiefreichende Beschreibungen, grundsätzlich gefolgt von endlosen Listen von im Rahmen des Neuen ebenfalls zu nennenden Dingen. Ich drücke mich absichtlich so ungefähr aus, denn in dieses allgemeine Schema können nun beliebige Substrate eingeführt werden, immer kommt ein Moers dabei heraus. Besonders scheinen es ihm die Autorenkollegen angetan zu haben, deren Namen er - Gott, wie originell - mittels Anagramm umstellt und lustige, natürlich stets anspruchsvolle, Verballhornungen schafft. Auch andere seitenlange Aufzählungen ziehen ihr komisches Potential aus drolligen neugeschaffenen Wörtern. Es ist ein bisschen wie früher, in der vierten Klasse. Trist muß der Alltag eines FAZ- oder Süddeutschen-Rezensenten sein.
Vielleicht sollte ich dem Autor Respekt zollen, daß er aus diesem Material, mit diesen handwerklichen Möglichkeiten, einen Bestseller zustande gebracht hat. Oder viel grundlegender, daß er das Buch überhaupt fertig bekommen hat. Das tue ich aber nicht, denn ich weiß, daß hier allein mit einem bekannten Namen Geld gemacht wird. Das ist ein Prinzip, das ich nicht gutheiße. Wir haben am Ende des Buches ein paar Seiten, auf denen zumindest ein Hauch von Bedeutung entsteht, ein zarter, allerzartester Kuß der Muße, der den Autor hier, vermutlich ausversehen, getroffen hat. Parabelhafte Anklänge auf die rückhaltslose Öffnung eines Schriftstellers für den kreativen Fluß, seine selbstaufopfernde Hingabe ans göttliche Feuer, gipfeln in quasi lyrischen Versuchsballons, irgendwas mit Sternen, fast käme es zu Rührung, doch zuverlässig wird auch hier dran vorbeigeschrammt. Dieser Rohschnitt eines Endes ändert dann auch nichts an der eklatanten Situation, in der sich die Handelsware "Stadt der Träumenden Bücher" befindet, die, weiser Autorentrick, im Text bereits mittels wirrer Seitenhiebe auf den kommerziellen Literaturbetrieb vorweggenommen wird. Mag die Grundidee, von der die am Buchende durchscheinenden Fetzen zeugen, vielleicht für eine Kurzgeschichte ausreichen, als Roman ist sie hilflos gescheitert. Und zwar kein großartiges Scheitern ist das, sondern ein erbärmliches.
Wenn die kritische Landschaft nicht so geschlossen euphorisch applaudierte wie anfangs erwähnt, fiele mein Verriss sicherlich nicht derartig drastisch aus. Doch das Gefühl, hereingelegt worden zu sein, macht mich wütend. Solche Bücher kosten mehr als 10 Euro, die Zeitungen hetzen die Leute zum Kauf und dann hat man den Salat mit solch einem hundsmiserablen Quatsch. Es wäre ähnlich sinnvoll und würde weniger Zeit kosten, den Hund das Geld gleich fressen zu lassen. Den Gelthunfress, das neue Monster im nächsten Zamonischen Roman. Ich weiß, ich enttäusche gerade zwei Menschen, aber da müssen sie durch.
Denn das muss einmal gesagt werden: Finger weg von Moers.

Mittwoch, 4. April 2012

Warum Denken traurig macht - George Steiner

Ein wunderbares Buch. Nicht im Sinne des philosophischen Gehalts, sondern der motivischen Durchführung und der literarischen Qualität, die Steiner dabei gelingt.
Der Autor legt eine Art verdichtetes Essay vor über einen von Schelling geäußerten Satz, nach dem alles Denken im Dunklen gründet und auf gewisse Weise vergeblich sei. Steiner liefert zehn Absätze, zehn Gründe für diese Vergeblichkeit. Ob man seine ansprechend und nachvollziehbar angerissenen Ansichten anschließend teilt, sei jedem selbst überlassen. Für eine tiefergehende Diskussion sind sie zu schlaglichtartig, zu impulsiv hingeworfen, dienen mehr dem Dirigat einer in konsequent durchgehaltener Molltonart schwingenden dichterischen Klagemelodie als als harte Diskursmotive. Man muß sich wirklich im Klaren sein, auf welche Weise das Buch gelesen sein will, denn als philosophisches Werk ist es nur bedingt zu gebrauchen. Allen literarisch Interessierten jedoch, denen ein gewisses Faible für die Denkleidenschaften nicht fremd ist, bietet es eine wunderschöne Vermählung der beiden klassischen Disziplinen. Die Bezeichnung "Prosagedicht", die Durs Grünbein verwendet, finde ich übertrieben und ein wenig verfehlt. Allerdings nicht sehr.

Der fernste Ort - Daniel Kehlmann

Eine kurze Erzählung, wie auch immer man das nennen mag, manche werden "Novelle" dazu sagen. Es geht um einen Versicherungsangestellten, eine graue Maus, ein Buchhalterchen, den Fluchtphantasien quälen. Er fühlt sich nicht wohl in seinem Leben, will ausbrechen, die gewohnten Bahnen und Zwänge hinter sich lassen. Während einer Tagung schwimmt er im nahegelegenen See - und von nun an ist nichts mehr klar. Wie der Handlungsträger von Schlingpflanzen nach unten gezogen wird, so wird auch der Leser tief in ein Geschehen gezogen, das zunehmend märchenhaft wirkt und immer mehr den Verdacht erweckt, nicht stattzufinden. Am Ende bleibt alles offen, die Interpretation ist in verschiedene Richtungen möglich. Sind wir Zeuge der Agonie? Sind es verdrängte Wünsche, die sich in der Vorstellung des Protagonisten mit der Realität vermischen? Oder ist es tatsächlich die Realität, die sich in der Welt des "fernsten Ortes" mit magischen Zügen bereichert und uns durch ein albtraumhaftes "was wäre, wenn" des totalen Kontrollverlusts hindurchexerziert?
Die Möglichkeiten sind vielfältig, die Auslegung kann Freude machen. Ein Pferdefuß ist der offensichtliche Wunsch des Autors, enigmatisch zu bleiben, sein Werk zum hermetischen Diskussionsthema zu machen. Allzu blickfängerisch wird Rätselhaftes platziert, ohne dessen sperrige Anwesenheit der Fluß ruhiger dahin flösse und den beabsichtigten Effekt subtiler und besser trüge.
Als weiteres Manko empfinde ich den hölzernen Stil, der versucht, mit extrem nüchterner Erzählweise die Ungeheuerlichkeit der Entwicklung zu kontrastieren. Ich maße mir nicht an, das auf eine möglicherweise Unbeholfenheit des Autors im Rahmen eines Frühwerks zu schieben, aber unbeholfen wirkt es.
Ingesamt eine Empfehlung. Kein Buch, das erleuchtet, sondern ein kleines, nettes Gedankenspiel, hübsch konstruiert und durchgeführt.

Mittwoch, 28. März 2012

Gateway - Frederik Pohl

Eine Space-Opera, wie sie im Buche steht, geschrieben von einem schon damals erfahrenen Autor. Keine Weltraumschlachten, keine übertriebenen Phantasien, einfach gute, fesselnde SF.
Es geht um die Hinterlassenschaften einer verschwundenen Zivilisation, der Hitschi, die die Menschheit inspirieren und ein völlig neues Forschungsgebiet eröffnen. Schattenseiten der kommerzialisierten Wissenschaft sind die hohen Opfer, die private Glücksritter im Streben nach Ruhm und Reichtum bringen, denn allzu oft endet die Benutzung des "Gateways", eines verlassenen Raumflughafens der Hitschi, der die wagemutigen Piloten auf eine zufällige Reise schickt, mit dem Tod. Der Protagonist ist eingespannt in eine typische Liebesgeschichte, die hier allerdings erträglich präsentiert wird, und auch hier sind Sentimentalitäten der eigentliche Handlungsmotor. Wen das nicht stört, der erlebt wunderbare Unterhaltung in einem stimmig konzipierten Universum ohne zuviel buntes Lametta, mit anständiger Subtilität, die sich mit den besseren Repräsentanten des Genres messen kann.
Teil zwei und drei der Saga führen die Geschichte ohne Brüche fort, allein das aktive Eingreifen der bis dahin mythischen Hitschi im dritten Band wirkt ein wenig verzweifelt. Das Ende läßt jedoch genau die richtigen Stränge offen und den Leser befriedigt zurück. Eine klare Empfehlung.

Einführung in die Philosophie – Karl Jaspers

Ich hatte erwartet, hier eine neutrale Übersicht über das Fach und seine Geschichte in Händen zu halten, aus der Feder eines der bekannteren Philosophen des 20. Jahrhunderts. Weit gefehlt. Es handelt sich um eine Sammlung von Radiovorträgen, in denen Jaspers seine ganz persönliche Philosophie, deren Methodik und Begriffe darlegt, die von philosophischen Glaubensinhalten geprägt ist und eine gewisse Neigung zum Absoluten an den Tag legt. Unablässig betont er, wie wichtig es ist, sich nie festzulegen, Toleranz Allem gegenüber zu wahren, und fällt im nächsten Satz klare Urteile über seiner Ansicht nach fehlgeleitete Schulen, über andere Philosophen und Meinungen. Ein Zitat, das diese Widersprüche köstlich versinnbildlicht (S.63): „ … jedes Totalurteil über die Welt und die Dinge beruht auf unzureichendem Wissen.“
Ich finde, die Radiovorträge kann man, auch gerade wegen der geschraubten, sich sehnsüchtig an die Werke des 19. Jahrhunderts anbiedernden Sprache, sämtlich in die Tonne kloppen. Jaspers Gedanken sind herrlich verschwurbelt und ungefähr, obwohl er an anderer Stelle genau diese Eigenschaften an anderen Denkern kritisiert. Interessant fand ich lediglich den Anhang, in dem Jaspers – nun annähernd frei von Ideologie – eine knappe Übersicht über die Philosophiegeschichte gibt und Werke empfiehlt.
Durch das Buch, meinen ersten Kontakt mit dem Autor, ist mein Respekt nicht gerade gestiegen. Dabei genießt er einen so bedeutenden Ruf. Lesern, die die Philosophie kennenlernen möchten, ist dieses Buch nicht zu empfehlen. Jenen, denen an Jaspers gelegen ist, hingegen schon.

Solaris – Stanislaw Lem

Lem ist ein Urgestein der europäischen SF. Solaris sein verfilmtester Roman.
Das Buch hat mir nicht gefallen. Sperrige, altbackene Sprache, stammt aus einer vergangenen Zeit, höchstens noch historisch bedeutsam. Lems prätentiöse Geschichte dreht sich um Bewußtsein und damit verknüpfte Fragestellungen, verliert sich dabei in psychedelische Beschreibungsorgien der Ideen in des Autors Kopf. Er läßt die Handlung auf einem fremdem Planeten spielen, der von einem Ozeanwesen bewohnt wird. Diese Lebensform wird von den ignoranten Menschen nicht erfaßt, eine eigens gebildete Wissenschaft dreht sich im Kreise.
Kurz: der Welt kann nicht vertraut werden, sie ist nicht zu begreifen. Und: wer sind wir?
Von Stanislaw Lem habe ich schon weit Besseres gelesen, den Unbesiegbaren, die Sterntagebücher oder Geschichten vom Piloten Pirx. Solaris wirkt wie ein Frühwerk, bei dem der Autor seinen Rhythmus noch nicht gefunden, bzw. sich mit dem Thema verhoben hat. In der SF-Rezeptionsgeschichte wurde der Roman dann, vielleicht auch wegen der stets zugkräftigen Verfilmungen, mit Bedeutungsschwere und Mystik überladen, obwohl er Lem selbst vermutlich, wie ich ihn einschätze, nicht gefallen haben dürfte.

Montag, 5. März 2012

Nachtzug nach Lissabon – Pascal Mercier

Mit „Nachtzug nach Lissabon“ hat ein schweizer Philosoph unter dem Pseudonym Pascal Mercier einen Bestseller geschrieben. Die darin verarbeiteten Fragen und Gedanken stoßen in eine klaffende Lücke in der populärkulturellen Spiritualität nach der Jahrtausendwende. Wer bin ich, was soll ich aus meinem Leben machen, Beschäftigung mit dem Altern und dem Tod, all das findet hier sein Echo in Spiegelleser-kompatibler Aufmachung. Das Buch hinterlässt mich durchaus beeindruckt, durchaus ambivalent zwar, was eine ausführliche Besprechung rechtfertigt.
Es muss eine Zweiteilung vorgenommen werden. Mercier komprimierte Philosophisches zu kurzen Abschnitten von poetischer Dichte. Um diese Gedanken an den Mann zu bringen, dachte er sich eine Rahmenhandlung aus, die er, nun in profan-geerdetem Ton, regelmäßig auf obige Abschnitte treffen lässt. Diese Rahmenhandlung offenbart die große Schwäche des Romans: Die durchsichtige Konstruktion, die an allen Ecken und Enden sichtbar ist, mit einer plumpen Entwicklung, haarsträubenden Zufällen, Winkelzügen aus dem kleinen Autorenratgeber, unrunder Sprache voller Überflüssigkeiten, blumig und bemüht literarisch, von Vergleichen strotzend, symbolisch überladen und unerschütterlich zwangsläufig. Jedes Kapitel schließt mit einer Traumsequenz, in der das Geschehen in einer pfiffigen Melange rekapituliert wird, die Gegenüberstellung der Realität zu dem von Prado Geschriebenen passt stets wie die Faust aufs Auge.
Prado, das ist die eigentliche Hauptperson. Ein fiktiver portugiesischer Arzt, ein Revolutionär, Literat und Übermensch, der in seinen Schriften eine eklektische Philosophie in schöner Sprache betreibt, die den Rahm verschiedener Schulen abschöpft, ohne deren Tiefe zu tangieren. Dieser Prado ist Ikone alles Guten und Tragischen in der Welt, und der Protagonist der Rahmenhandlung folgt seiner Spur wie die Motte dem Licht.
Die beschworene Zweiteilung lautet deshalb: Vergiss die Rahmenhandlung, konzentrier dich auf „Prados“ Schriften. Dem moralisch unerreichbaren Portugiesen war Kitsch ein Gräuel, doch die Rahmenhandlung ist selbst ein Ausbund an Kitsch. Sicher kein Stilmittel.
Wir haben es nicht mit einem routinierten Romancier zu tun, sondern mit einem Akademiker, der in seiner Freizeit versucht, seine Ansichten einem möglichst breiten Publikum zugänglich zu machen. Dafür wählt er die Form des Romans, eine respektable Entscheidung, hätte er doch einfach ein Traktat verfassen und es in Fachbuchhandlungen verstauben lassen können. Er arrangiert seine Betrachtungen zu einer fiktiven Biographie und lässt diese mittels eines Katalysators (dem Protagonisten) für den Leser verständlich und immer in mundgerechten Häppchen aufdröseln. Die Biographie muss zu perfekt sein, der Katalysator zu passiv, denn ausschließlich um die Betrachtungen dreht es sich, nicht im Geringsten um den Katalysator selbst. Er bleibt reiner Stichwortgeber.
Alle im Buch vorkommenden Personen sind überzeichnet, sind unablässig ergriffen. Wenn etwas gesagt wird, schließen sie grundsätzlich die Augen und verlieren sich im hehren Weltschmerz, ergehen sich in entlarvenden Handlungen, fahren beiläufig über alte Narben etc., wie auch Hollywood-Autoren sich das Leben vorstellen. Detailliert werden sämtliche kleinsten Regungen beschrieben, immerzu durchsetzt von Vergleichen und Bildern. Keine Natürlichkeit, nie gibt es Gelassenheit, immer nur maximale Reaktion und Emotion, größer als die Wirklichkeit. Wenn einer einen Kaffee hinstellt, tut er das „nicht mit den manierierten Bewegungen einer aufmerksamen Gastgeberin, sondern mit den nüchternen, schnörkellosen Bewegungen von jemandem, der das praktisch Notwendige erledigt.“ Selten gebraucht kann so etwas betonend wirken, im Dauerfeuer verkehrt sich der Effekt in Überdruss und Ermüdung.
Was bleibt sind Prados Gedanken, die allein die Lektüre schon wert sind. Hier zeigt der Autor, wo seine wahren Talente liegen. Könnte man den lästigen Rahmentext streichen, dann hätte man mit „Nachtzug nach Lissabon“ einen wunderbaren Fundus an Aphorismen, Zitaten und Denkanstößen, einen schönen Querschnitt durch die immer wiederkehrenden Fragen der Philosophie, ansprechend und gefällig formuliert. Natürlich verknappend und reißerisch, was dem Buch einige akademische Kritik einbrachte, aber für die Lebenden ein brauchbarer und abschnittsweise wahrhaft wertvoller Ideengeber. Trost und Zuversicht. Lebenswille anstatt Melancholie. Das Strahlen hinter Allem, das zu sehen erst gelernt werden muss. Diese Gedanken sind es, die das Buch trotz seiner eklatanten Schwächen zu einem guten machen.
Das Gesamtergebnis ist unrund und kitschig bis zur Neige, wer unterhalten werden und dabei nicht auf Denkanstöße verzichten möchte, sieht geflissentlich darüber hinweg. Ein gutes Buch nicht im literarischen Sinne, sondern in Erfüllung eines Zweckes. Es macht uns auf Lücken aufmerksam, die zu groß sind, um jemals geschlossen zu werden.

„Daß es um den Schutz vor sich selbst ging, erklärt, warum sein Heimweh stets den Geschmack von Panik und Katastrophe mit sich führte. Wenn es über ihn kam, musste es ganz schnell gehen, und dann brach er eine Reise von einem Moment zu nächsten ab und floh nach Hause. Wie oft war Fatima enttäuscht, wenn es so kam!“

Weitere lesenswerte Besprechungen mit einer Auswahl an Zitaten:

Donnerstag, 23. Februar 2012

Gladiator - Ridley Scott

Hat mir im Kino unglaublich gut gefallen. Wie alt war ich, 20? Jetzt, zehn Jahre später, nochmal auf DVD gesehen, falle aus allen Wolken.
Typische Hollywood-Romanze vor austauschbarem Hintergrund, hier ein aufwändig inszeniertes Rom der Zeitenwende. Wenige Handlungsträger, allesamt stereotype Schablonen. Der eine ist gut, der andere verkommen, der Alte ist weise und schwach, die Schöne erst auf der falschen Seite, dann bekehrt. So unsäglich schematisch, daß ich mich über mich selbst wundere, schließlich hat mir so etwas offenbar einmal gefallen. Der Film ist eine TV-Soap mit mehr Budget, wie so vieles, was aus Hollywood zu uns herüberschwappt. Regisseure und Darsteller sind absolut professionell und absolut austauschbar. Dort gibt es eine ganze Armee dieser Profis, die ihr Handwerk perfekt beherrschen und uns mit leicht verdaulichem, hochkonzentriertem Gefühlsbrei versorgen.
Die Schwächen des Bösen, die interessant sein und einfühlsam hätten ausgelotet werden können, werden als abscheulich dargestellt, dem Publikum geliefert, was es erwartet. Daß er seine Schwester liebt und in Momenten höchster Verrufenheit diese Liebe beinahe körperlich vollzieht (aber davor schreckt das Monster dann doch zurück), muß die amerikanischen Kinogänger schockiert haben. Schrecklich ist der Pathos, der sich durch den Film zieht, die allgegenwärtige Melodramatik. Das höchste amerikanische Gut, die Unschuld der Kinder, wird förmlich niedergeritten, um dem Publikum eine von moralischen Bedenken unbeschwerte, genussvolle Abscheu vor dem Widerling zu ermöglichen. Der Held ist hingegen eine Verkörperung der Tugenden, so aufrecht und kraftvoll, daß man ihn nur bewundern kann. Eigentlich ist er gegen Gewalt. Er muß töten, okay, aber immer zu einem höheren Zweck, mit einer Träne im Auge. Und über all das hinweg wabert die klebrige, Fäden ziehende Musik!
Das Ganze wäre nicht so ärgerlich, wenn diese Art Filme nicht eine so hohe meinungsbildende Kraft besäße, einen so nachhaltigen Einfluß auf unsere Kultur. Die hollywoodschen Profis stecken so drin in der Maschinerie, sind so erkaltet, daß sie Kritiken wie meine nie einsehen könnten. Der Film war an der Kasse sehr erfolgreich, also alles richtig gemacht.
"Kitsch ist das tückischste aller Gefängnisse. Die Gitterstäbe sind mit dem Gold [...] unwirklicher Gefühle verkleidet, so daß man sie für die Säulen eines Palastes hält." (P. Mercier)

Dalmore 12, Tamnavulin 12, Isle of Jura 10

"The Discovery Malt Collection" besteht aus drei Fläschchen à 33cl, die eine nette Auswahl der drei Gebiete Highlands, Speyside und Islands bietet. War ein Schnäppchen auf ebay.

Dalmore 12
Duft: Sehr weich, wie parfümiert, Lavendel, feine Süße, Honig, Datteln, kandierte Früchte, fast Richtung Cognac. Beim zweiten Riechen Buttertoffee, leider etwas spritig.
Geschmack: Zunächst nur milde Bitterkeit, später wilde, dunkle Süße. Im Abgang Spuren von Getreide bei lang anhaltender, dominierender Süße.
Fazit: Guter Einstieg in die Dalmore-Range. Mir zu süß, aber dennoch ein passabler Whisky. 78 Punkte.

Tamnavulin 12
Duft: Erdig, intensiv Getreide, herbe Töne. Krasser Gegensatz zum Dalmore.
Geschmack: Wie in eine Wiese zu beißen. Nur zarte Anklänge von Süße am Zungenrand lockern das herbe Bild auf. Nach langer Zeit, schon längst im Abgang, erreicht der Tamnavulin jedoch eine gewisse Balance, die ihn sehr interessant macht. Gras, Bohnen.
Fazit: Sehr getreidig, herb. Dezente Süße verschafft später ein kurzes Glück. Ein Whisky, der definitiv nicht einfach so runterläuft, man muß sich an ihn gewöhnen, hinter die Fassade seines herben Charakters kommen. Ein extrem einseitiger Tropfen, Respekt für diese mutige Kreation.  72 Punkte.

Isle of Jura 10
Duft: Ölige, ledrige Bitterkeit, Holz, schwache, aber schwere Süße. Ein belebender Kontrast nach dem anstrengenden Tamnavulin. In seiner Spannung zwischen Herbem und Süßem der interessanteste Duft des Trios.
Geschmack: Beinahe schüchtern, sehr dezentes Holz, etwas säuerlich, wenig Bitterkeit, Spuren von Süße. Am Ende eine zu zurückhaltende, wohlabgewogene Balance. Irgend etwas stört mich jedoch, irgendein Extrem wohnt dem Geschmack inne, das trotz aller Zurückhaltung nicht passen will. 75 Punkte.

Ilium, Olympos - Dan Simmons

Es gab eine Zeit, in der Dan Simmons noch Bücher in einem Genre schrieb, für das er geschaffen war. Das Große, was er mit seiner Hyperion-Tetralogie für die SF geleistet hat, nahm er mit Ilium noch einmal auf. Seither beobachte ich ihn, lese seine Bücher, anfangs komplett und im Fluge, später zögerlicher und nur noch ausschnittsweise. Für "realistische" Genres erscheint mir seine Erzählkunst nicht geeignet: so feurig sie sich in ausufernde futuristische Denkspielereien verlieren kann, so begrenzt wirkt sie in den bodenständigen Formaten. Der Quatsch, zu dem sich "Terror" in der zweiten Buchhälfte entwickelt, die Versatzstücke, aus denen "Drood" und "Flashback" bestehen, legen das nahe. Bleiben wir also bei dem, was er einmal konnte.

Als ich damals Ilium und Olympos gelesen hatte, war ich zunächst geteilter Meinung, denn Simmons verlor sich darin einfach zu oft und zu sehr. Beides sind wirklich dicke Wälzer, vollgestopft mit den eitlen Zitaten und Anspielungen, die wir vom Autor kennen. Die Handlung aufgebläht, vieles hätte man weglassen können.
Doch je länger ich die Eindrücke ruhen und fermentieren ließ, desto besser gefiel mir die Geschichte. Ich glaube, es gibt nicht viele Autoren, die solch ein Szenario glaubwürdig entwerfen könnten, und Simmons erschafft darum herum gleich ein ganzes Universum an glaubwürdigen Subplots, Rätseln und losgelösten Betrachtungen. Das, was man von einer guten Space Opera erwartet. Unterhaltung und auch ein bisschen Inspiration.
Die Erotik ist nicht mehr so verklemmt, die Handlung nicht mehr so dicht wie früher, schweift öfter mal ab, vielleicht ein Versuch des Autors, dem Proustschen Vorbild näher zu kommen. Die Auflösung ist schön kryptisch, die Charaktere liebenswert, die Welt fesselnd, also eine unbedingte Empfehlung.
Cave: Simmons scheint, wie auch seine Äußerungen im heimischen Fanforum erkennen lassen, politisch nicht ganz ohne. Stockkonservativ wie viele seiner Landsleute, gelingt es ihm nicht, seine teils verqueren Ansichten aus seinen Werken herauszuhalten. Für mich sehr unangenehm, fast widerlich sind solche Passagen, von denen es glücklicherweise nicht allzuviele gibt. In der Zukunft Iliums wird Jagd auf Juden gemacht. Die Araber, obwohl längst ausgestorben, sind nach wie vor die Bösen. Ich weiß nicht mehr genau, was es war, ich glaube ein U-Boot, mit dem sie die Menscheit hatten ausrotten wollen. Und sie schufen Roboterarmeen, um die Welt auch in Zukunft frei von Juden zu halten. Jo mei.

Hyperion, Endymion - Dan Simmons

Ich habe diese Bücher vor vielleicht zehn Jahren gelesen. Wie es sich für eine erinnerte Rezension gehört, habe ich mein Wissen und meine Gefühle darüber in dem Zustand belassen, in dem sie seit damals sind. Keine Recherche, kein Wiederlesen. Ungenauigkeiten sind das Risiko, der Reiz. Möglich, daß ich heute völlig anders rezipieren würde, aber darum soll es hier nicht gehen.

Hyperion
Simmons entwirft eine typische Space Opera auf großer Skala. Alle möglichen Themen werden angerissen, philosophische, kitschige, und das macht er fesselnd mittels vielerlei das Genre belebender Innovationen. Die Menschen wurden durch einen nicht näher erläuterten Unfall von der Erde vertrieben, in eine Weltraum-Diaspora. Schnelle Reisen und Kommunikation sind mithilfe von Technik möglich, die hochentwickelte KIs zur Verfügung stellen, die niemand mehr versteht. Mittelpunkt und Namensgeber ist ein abgelegener Planet, auf dem gewisse Artefakte eine politische Bedrohung darzustellen scheinen und erforscht werden sollen. Die Personen, die man dafür ausgewählt hat, sind die Protagonisten.
Ich erinnere mich an meine Faszination. In Vielschichtigkeit kam dieses Buch und seine Nachfolger an den Wüstenplaneten heran, seit jeher mein Maßstab, der für mich bis heute in der SF nicht mehr erreicht wurde. Klar, streckenweise dominieren platte Sci-Fi-Klischees und Stereotypen, im Großen und Ganzen jedoch gehört Hyperion zur Crème der SF.

Der Sturz von Hyperion
Während der erste Teil episodisch und unkonventionell aufgebaut ist, folgt der zweite, der unbedingt dazugehört, ausgetretenen Pfaden. Die Handlung ist geradliniger, spannender, actionlastiger. Das ist per se nichts Schlechtes, das Buch steht seinem Vorgänger qualitativ nicht nach. Bloß hatte Simmons offenbar gelernt, seinen Stil den Lesern noch besser anzupassen, etwas, daß wir auch beim Neuromancer und dessen Nachfolgern beobachten können. Die tolle Geschichte mit all ihren Implikationen, billigen Lovestories und überraschenden Wendungen endet exploisiv und ungemein befriedigend. Ein wirklicher Klassiker des Genres!

Endymion 1 + 2
Fünf Jahre später schrieb Simmons eine Fortsetzung, wieder auf zwei Bände aufgeteilt. Es ist darin viel Zeit seit den Geschehnissen von Hyperion vergangen, und die Prämisse, die Endymion macht, um weiterhin interstellaren Transfer zu ermöglichen, hat mich seinerzeit ungeheuer beeindruckt. Eine neue Bedrohung lastet auf der Menschheit, wieder muß eine kleine Gruppe ran zur Rettung. Die Gegner sind übermächtig, die Zeit spielt eine große Rolle, und am Ende stehen ganz neue Entwicklungsstufen an. Diese beiden sind ebenfalls tolle Romane, wenn ich sie auch leicht schwächer fand als ihre Vorgänger. Etwas zu langatmig, zu ausschweifend und zu sehr an Beschreibungen fremdartiger Orte und Gewohnheiten verweilend. Auch hier am Schluß eine wunderbare Auflösung und Abschluß der Tetralogie.

Ich kann den Einfluß, den diese Bücher auf mich als jungen Mann und meine Lese- und Kulturgewohnheiten hatten und haben, nicht hoch genug einschätzen. Es gibt in der SF nur wenig Vergleichbares, bis heute habe ich kaum etwas finden können.
Ein wenig störte mich schon damals die Eitelkeit des Autors, der seine Bücher vollstopft mit Zitaten englischer Klassiker, die hier sogar als Replikationen auftreten. Auch in seinen späteren Romanen entsteht der Eindruck, Simmons betrachte sich als geistiger Bruder dieser großen Namen, Keats, Shakespeare, Proust. Aber das ist er nunmal nicht, und dann wirken solch aufdringliche Manierismen schnell anmaßend. Dan Simmons war ein guter SF-Autor, damit sollte er zufrieden sein, denn das ist durchaus nicht das Schlechteste, was einem passieren kann.

Philip K. Dick

In der "Rubrik Retro" (klingt wie ein künftiger autonomer Staat nostalgisch frustrierter Mittdreißiger) geht es um Bücher, die ich irgendwann einmal, vielleicht als Jugendlicher, gelesen habe. Eine Rückschau, die ausschließlich von Erinnerungen bestimmt ist und schwarzweißmalende Verklärung und/oder Verdammnis zur Maxime erhebt. Es werden einseitige Besprechungen darunter sein, völlig frei der bemühten Klarheit aktueller Kritiken, dafür voller Herzblut.
Eine Meinung, die sich über viele Jahre hinweg halten und reifen kann, muss einfach etwas wert sein.
 
Philip K. Dick
Einer der bekanntesten SF-Autoren überhaupt. Geprägt von großer Lebensunsicherheit vertraute er der Welt nicht und zweifelte, genau wie ungezählte Zerrüttete es vor ihm taten. Im Gegensatz zu thematisch verwandten Ikonen der Hochliteratur wie Kafka verfügte Dick nur über begrenzte Mittel, was ein Grund dafür sein mag, dass er einen so bedeutenden Eingang in die Popkultur gefunden hat. Seine Romane lesen sich größtenteils gefällig-reduziert, sind typische Vertreter einer gewissen marktorientierten Genre-Schreibe. Charakterisierung wird sparsam betrieben, was zählt, ist der Plot. Doch diese Plots haben es in sich. Dicks Ängste spiegeln sich darin wieder, die Realität und ihre Fallstricke sind ein immer wiederkehrendes Thema. Alles wird hinterfragt, schonungslos, epistemologische Probleme prasseln auf die Protagonisten ein, und das in einem Tempo, in einer brachialen Vehemenz, dass einem schwindelig werden kann. Dick war bekannt dafür, zu Anfang seiner Geschichten nur eine grobe Idee zu haben, vielleicht ein paar Eckpunkte, und dann einfach drauflos zu schreiben, der Entwicklung keine Zügel anzulegen. An einigen Stellen wird das deutlich, wenn die Handlung sich plötzlich überschlägt, aberwitzige Ex-Machina-Wendungen stattfinden und der Rahmen der Erzählung gesprengt wird. Dicks Kunst ist es, bei all diesen ungeheuerlichen Vorgängen die Plots und die Motivationen stets nachvollziehbar zu halten, stets in der eigenen Welt glaubwürdig zu bleiben. Er hinterlässt ein buntes Werk an Romanen und Erzählungen, von denen ich einige in meiner Rückschau vorstelle.

Nach der Bombe
Ein normales-Leben-Auftakt, dann fallen Atombomben. In der danach entstehenden Überlebendengesellschaft wird mit den Dickschen Typika gespielt. Gut

Das Orakel vom Berge
Viel umjubeltes Frühwerk. Die Deutschen haben den Zweiten Weltkrieg gewonnen, die Japaner in den USA eine freundlich-autoritäre, kulturassimilierende Besatzung errichtet. Ein Autor veröffentlicht ein skandalöses Buch, darin wird eine alternative Realtität beschrieben, in der die Deutschen den Krieg verlieren. Eine nette Idee, aber das "Orakel" ist einfach schlecht geschrieben. Langweilig, zäh, und offensichtlich manipulativ und zielführend fällt an jeder Ecke auf, daß der Autor noch nicht im Vollbesitz seiner Kräfte war. Schlecht.

Marsianischer Zeitsturz
Bizarres Buch. Hinterließ mich verwirrt und grübelnd. Verquickte Realitäten, Zeitreisen auf dem Mars, esoterische Erfahrungen. Bin mir sicher, daß das Ende meisterlich ist, weiß aber nicht, warum. Anfang und Mittelteil wiederum wirkten zäh und aufgeblasen. Gut.

Ubik
Fantastisch, packend, erhellend, revolutionär. Dick-Prototyp in kristalliner Form, und dem Autor handwerklich wirklich gelungen. SF über die Realitäten in uns und in der Welt, wie sie lakonischer nicht sein könnte. Dick auf dem Höhepunkt seines Schaffens. Sehr gut.

Der dunkle Schirm
Drogenerfahrungen, verarbeitet. Dick muß es in einer Phase seines Lebens sehr schlecht gegangen sein, und als er da raus war, hat er zur Reinigung dieses Buch geschrieben. Ein Detektiv wird von einem Polizeiapparat instrumentalisiert und schließlich geopfert, um Drogenherstellern auf die Schliche zu kommen. Er taucht dabei ab in eine Halbwelt aus technisierter Selbstbeobachtung und Drogenrausch. Am Ende vermischt sich Beides in typischer Weise und die Fragen bleiben offen. Zäh und wenig packend.
Nachtrag. Kürzlich habe ich den Film gesehen, eine Inszenierung von Richard Linklater, die sich extremer Mittel bedient, um der Vorlage nahezukommen. Mein Eindruck hat sich gewandelt.
Der Film bedient sich einer ausgesprochen ungewöhnlichen Technik, gefilmtes Material wird comicfarben übermalt, mit surrealem Ergebnis, ähnlich einem halluzinogenen Drogentrip. Ihm gelingt es, die Stimmung zu erzeugen, die das Buch vergeblich erzeugen will. Wo das Buch versagt, reüssiert der Film. Beeindruckend - vielleicht der erste Film, der näher an seiner Vorlage ist als die Vorlage selbst. Durch ihn ging mir erst auf, was alles in dieser Geschichte steckt. Die kalte, mitleidlose Welt, die die Protagonisten in ihrer ewigen Scheinexistenz durchstreifen, die Leidenschaftslosigkeit ihrer Tätigkeiten und allgemein ihres Lebens, die psychotischen Abgründe, die geistigen Leerläufe, die manchen Zuschauer wohl erst belustigen, dann aber dafür sorgen werden, daß ihnen das Lachen im Halse stecken bleibt. Hinter allem, nicht sichtbar, aber jederzeit spürbar, hängt Düsterkeit, Verlassenheit, Bitterkeit, eine Trauer um verlorene Liebe, um die eigene Jugend und um das Leben. Für Dick war die Erzählung die Verarbeitung seiner eigenen Trauer. Aber richtig spürbar wird diese Trauer erst im Film.
Die Ziellosigkeit der Protagonisten überträgt sich als Langeweile auf die Zuschauer. Die Junkies wissen nicht, was sie mit den leeren Tagen anfangen sollen. Auch das ist ein Stilmittel. Wenn der Abspann läuft, weiß man, was Dick ausdrücken wollte, man weiß, daß es sich gelohnt hat, diesen Film zu sehen, und man sieht auch das Buch in neuem Licht. Ich kann mir keine bessere Möglichkeit vorstellen, einen Dick visuell umzusetzen.
Der galaktische Topfheiler
Herrliche abstruse Story. Ein Dick-Märchen, in dem er mit Überbordendem nicht gespart hat. Ungeheuerlich, daß er angesichts dieses Plots den Text dermaßen dicht hinbekommen hat. Alles natürlich aufge- und überladen mit dem fast schon hippieartigen metaphysischen Kram, der einem nur so um die Ohren fliegt. Dick von seiner extremen Seite, die dennoch gut lesbar und bekömmlich bleibt. Sehr gut.

Die drei Stigmata des Palmer Eldritch
Mit Ubik das Beste. So verwinkelt, voller Wendungen und doppelter, nein, dreifacher Böden und so beängstigend stringent zu Ende geführt, wie nur Dick es konnte. Was ist die Realität? Wer sind wir? Fragen, die die abgründige Angst hervorriefen, die der Autor in seine Bücher fließen ließ. Sehr gut.

Montag, 16. Januar 2012

Ferngespräche - Marie Luise Kaschnitz

Nun also der zweite Band, den ich erwähnte.
„Ferngespräche“ hat mich zunächst enttäuscht. Vom durchweg hohen lyrischen Niveau in „Lange Schatten“ begeistert, erwartete ich eine nahtlose Fortsetzung: die „Langen Schatten“ waren um wenige Jahre jünger. Ich fand jedoch nicht den rechten Zugang zu den ersten Erzählungen, alles wirkte oberflächlicher, simpler, gewöhnlicher. Die Themen waren die gleichen, Verlust, unerfüllte Liebe, Schrecken des Krieges, Unverarbeitetes. Aber eben nicht mit dieser bedachten Zurückhaltung erzählt, mit dieser verschachtelten Andeutung, diesem gleichzeitig so hinhaltenden wie erquickenden, nie zu viel verratenden Klingen wie in den meisterlichen „Langen Schatten“.
Die titelgebende Geschichte kam mir besonders platt und klischeebehaftet vor, und nach mehreren schwachen Stücken glaubte ich fast nicht mehr an Besserung. Die trat dann aber doch ein, in Form von „Zu irgendeiner Zeit“, einer Annäherung an eine trockene Seele, die nach langer Zeit auf Wasser stößt. Dann geht es nur noch bergauf. Endlich die Qualität, die ich von Kaschnitz kenne. „Gewisse Gärten“, „April“, „Die Füße im Feuer“, „Der Angehörige“, „Vogel Rock“ stehen für mich heraus. Es fehlen die tagebuchähnlichen poetischen Geschichten, von denen es in „Lange Schatten“ einige gab, aber ich vermisse sie nicht.
„Ferngespräche“ ist im Stil insgesamt konventioneller und prosaischer gehalten. Wer die ersten paar Schwächen überwindet, hat mit dem Buch viel Freude.