Mittwoch, 28. Dezember 2011

Kein Land für alte Männer – Cormack McCarthy

Vor einiger Zeit las ich „All die schönen Pferde“, die wirklich tolle Geschichte ein paar junger Burschen an der amerikanisch-mexikanischen Grenze, irgendwann Mitte des 20. Jahrhunderts, die mit ihren Erlebnissen die Leinwand für ein karg-romantisches Bild dieser endlosen Gegenden liefern. Der stark verknappte Stil gefiel mir ungeheuer, er paßte zu den beschriebenen Landschaften und vor allem zu dem harten, abgehärmten Innenleben der Jungen.
„Kein Land für alte Männer“ wurde vor Jahren verfilmt, paar Oscars gewonnen. Ich habe den Film gesehen – wirklich gut. Das Buch ist leider nicht ganz so gut.
Wieder der knappe Stil. Wunderbar geeignet, um Stimmungen zu malen, karge, reduzierte Landschaften und Eindrücke. Beim vorliegenden Roman allerdings handelt es sich um einen Krimi, dem scheinbar nur aus Alibigründen eine tiefgehende Komponente hinzugefügt wurde. Es gibt einen Sheriff, der in wiederkehrenden Einschüben übers Älterwerden, die Welt da draußen, Grausamkeit und Vergänglichkeit philosophiert. Das ist schon ganz gut, aber mit dem Rest des Buches nicht aus einem Guß. Dort gerät ein Schweißer, passionierter Jäger und Vietnam-Veteran, per Zufall an einen Haufen Drogengeld und hat fortan einen Killer auf dem Hals. Der Killer steht für das Unerbittliche in der Welt, an dem die „alten Männer“ scheitern. Auch der Schweißer erweist sich am Ende als alter Mann, denn trotz aller Warnungen, trotz aller Vorkehrungen und seiner verblüffenden Gewieftheit wird er quasi in einem Nebensatz vom Killer erledigt. Alle, die mit ihm in Berührung kamen, sind tot. Nur der Sheriff nicht, der an einer Stelle zu ahnen scheint, dass er lieber zurück zu seiner Frau fahren, als weiter nach dem Killer suchen sollte.
Ungeachtet der erwähnten Schwäche bleibt das Buch ist ein gefühlvoller, moderner Western, in dem vieles anklingt, was man selber schon irgendwo in sich vermutet, wie es bei guten Büchern hin und wieder der Fall ist. Die Handlung ist fesselnd, die Charaktere fast alle gut entwickelt, die gewünschte Stimmung kommt auf und entfaltet sich, wenn auch nicht ganz so stimmig (hm) wie in „All die schönen Pferde“. Das mag am Stil liegen, der zu diesem Roman nicht immer passen will. Auch ist der Sheriff streckenweise einfach zu schwafelig in seinen Reflexionen.
McCarthy beherrscht die Kunst der zurückhaltenden Landschafts- und Seelenmalerei, das zeigt auch „Kein Land für alte Männer“. Wir bekommen vorgeführt, wie alt wir in Wirklichkeit sind. Doch lesen Sie die Border-Trilogie zuerst, bitte.

Justine - de Sade

Als Jugendlicher las ich dieses Buch aus eindeutigen Gründen. Nun bin ich erwachsen und die entsprechenden Passagen gefallen mir noch immer, doch sind nun auch andere Interessen hinzugekommen, literarische zum Beispiel, und ich fragte mich, warum die Werke des Marquis das Zeug hatten, die Zeit zu überdauern.
Was auch immer man dem berühmt-berüchtigten Autor als Intention zum Verfassen seiner Werke, so auch dieses, unterstellen möchte, das Vorhalten eines Spiegels ist sicher eine der ehrenvollsten denkbaren Motivationen. Es ist ein alter Text, aus einer Zeit, in der weit offener moralisiert wurde als im 19. Jahrhundert. Eine Zeit, in der Gesellschaftskritik in Form von absurden Reiseberichten wie Gulliver oder Candid vorgetragen wurde, humoristisch verschlüsselt, weil zuviel Explizität die Gefahr von Repressalien mit sich brachte. So könnte man also auch „Justine“ verstehen.
Kurze Zusammenfassung: Ein junges Mädchen verhält sich stets tugendhaft und fromm, hat deswegen nur Pech, wird wiederholt und über Jahre hinweg gefangen genommen, gefoltert, mißhandelt, vergewaltigt, verlacht und so weiter. Ihre Schwester, ein Luder, bringt es in der selben Zeit zu großem Reichtum und Glück. Sämtliche moralischen Institutionen wie Amtsträger, Wohlhabende, Kirchenmänner, Mönche, werden dabei als egoistische, satanisch skrupellose Monster dargestellt, die sich genau entgegengesetzt zu dem verhalten, was man von ihnen erwartet. Gerade die Mönche, bei denen die mißhandelte Justine Zuflucht sucht, erweisen sich als die grausamsten Menschen im Buch.
De Sade bedient sich des Tricks, den Werdegang seiner Protagonistin streckenweise ähnlich einem erotischen bzw. pornographischen Text zu schreiben, wo eben ein unschuldiges Mädchen in diverse Fallen tappt und dort dann irgendwelchen Lustbarkeiten ausgesetzt ist. In „Justine“ allerdings setzen dann urplötzlich Folterung und Vergewaltigung ein, die Erotik wird besetzt von Macht- und Zerstörungsphantasien, bleibt jedoch Erotik und wird nicht abstoßend, der Ton bleibt locker-beschwingt, auch harmlose Dinge könnten da beschrieben werden. Macht der Leser sich aber bewußt, was da gerade vor sich geht, und welcher Leidensweg hinter all dem steckt, kommt der Verfremdungseffekt voll zum tragen.
Im Prinzip ist „Justine“ das Gleiche wie „Candid“, nur viel extremer und blutrünstiger, dabei ein wenig seichter. De Sade treibt die beißende Ironie auf die Spitze, anstatt sie auf halber Höhe wohlabgewogen interpretierbar schweben zu lassen. Bei ihm gibt es seitenlange, explizit geschilderte Vergewaltigungsszenen und Folterungen, das Mädchen ist ungeheuer unschuldig, die Welt ungeheuer böse. Die Moral am Ende, wo die fromme Justine nach Jahren der schrecklichsten Folter gebrochen vor ihrer reichen, glücklichen und lasterhaften Schwester steht, und schließlich von einem Blitz niedergestreckt wird, lautet: Es sind die Tugendhaften, denen das höhere Glück im Leben vergönnt ist. Zynisch.
Doch zynisch gegenüber den Tugendaposteln? Zynisch gegenüber der unmoralischen Welt? Oder zynisch gegenüber einer unbegründeten Schwarzweißmalerei bzw. einem Schwarzsehen, das zu derartigen Ansichten führt? Alles ist möglich, und das macht de Sades Texte, trotz gewisser Längen und epochebedingter Eigenarten, auch heute noch lesenswert.

Lolita – Vladimir Nabokov

„Lolita. Licht meines Lebens, Feuer meiner Lenden ...“, der ganze Absatz ist ein denkwürdiger Romananfang. Es wurde Zeit, den nabokovschen Gassenhauer endlich kennen zu lernen. Dass das Buch eine sensible Studie ist, mit Schlüpfrigkeit nur des Erzählanlass wegen zu tun hat, brauche ich hier nicht zu betonen. Natürlich gibt es Verfilmungen, die das anders sehen, aber das sind, nun, Verfilmungen.
Die Metaebene: ein Geleitwort informiert uns, wie das Manuskript gefunden wurde, über gesellschaftliche Begleitumstände, die Brisanz etc.; ein Zeichen des postmodernen Romans, erinnert mich aber auch an die alten phantastischen Reiseberichte, z.B. Gulliver oder Pym. Vielleicht musste Nabokov das wegen der Zwänge der damaligen Zeit tun, das Thema mag für manche wie reine Provokation gewirkt haben, die ersten Veröffentlichungen waren anonym angedacht, sicher ging es ihm aber auch um den literarischen Effekt.
Dann folgt die eigentliche Handlung, verpackt in ein an ein Gericht adressiertes Protokoll der Erlebnisse eines Hebephilen, das bei der Jury um Verständnis für dessen Handeln werben soll. Der Handlungsträger, „Humbert Humbert“, schildert sein Begehren nach heranwachsenden Mädchen, seine Beziehung zu einem solchen namens Dolores („Lolita“), und die Verwicklungen, die daraus entstehen. Das ist die vordergründige Handlung, am Ende löst sich das Mädchen von ihm, geht eigene Wege, und er begeht einen Mord.
Kommen wir zur Schicht dahinter. Da wir das Geschehen aus der Perspektive des Täters erleben, entstehen fantastische Effekte, die der Autor beinahe perfekt zu nutzen weiß.
Einerseits handelt es sich um eine psychologische Studie: Humbert weiß um die Ungesetzlichkeit seiner Handlungen, weiß auch, dass er sein Opfer, auch wenn es vielleicht nicht so scheinen mag, fürs Leben traumatisiert, setzt sich aber über solcherlei moralische Bedenken hinweg und argumentiert für das Verständnis seiner Lage. Dabei werden die Szenen und Situationen so aufgebaut und geschildert, dass der Leser unbewußt Sympathie für den Erzähler entwickelt, nur um immer wieder, beim plötzlichen Aufflammen der, auch sexuellen, Kontrollsucht, in Verwirrung zu geraten. Die sexuellen Eskapaden sind in erotisch stark aufgeladenem Ton geschrieben, unvermeidlich springen Funken auf den Leser über, die spätestens dann für ebensolche Verwirrung sorgen, wenn das Alter des Mädchens ins Spiel kommt.
Andererseits ist es also ein Spiel, dass der Autor mit seinem Leser treibt. Er stellt ihn in die hypothetische Rolle eines Hebephilen, dessen Handlungen zum Teil nachvollziehbar sind und damit Identifikationsmöglichkeit bieten. Er verfremdet dieses Erleben mit moralischen und gesellschaftlichen Unannehmbarkeiten, sodaß man, gerade noch in erotisierenden Passagen gefangen, im nächsten Moment damit zurecht kommen muß, dass es um ein Kind geht. Ein Spiel, das vielen Lesern Vieles über sich verraten wird.
Das Buch nimmt keine Wertung vor. Am Ende ist es einfach vorbei, niemand ist explizit gut oder böse. Offensichtlich ist die Traumatisierung Lolitas, aber auch die Verlorenheit, in der Humbert, schon zu Beginn der Handlung, steckt. Gründe für seine Andersartigkeit werden nicht angegeben, er selbst vermutet nur, weshalb diese tragische Leidenschaft, die unweigerlich zu Zerstörung führen muß, ausgerechnet ihn heimsucht.

Ich sagte „beinahe perfekt“, denn ich habe auch Kritik zu üben. Für meine Begriffe machen es manche Charaktere mit ihrer Identifikation zu einfach. Humbert hat einen verwerflichen Moralbegriff, ist anderseits aber schuldlos an seiner Vorliebe; beides kommt zu oft durch, ist zu wenig subtil. Wenn er sich dem abhängigen und wehrlosen Mädchen aufdrängt, mit ihr Abkommen zu täglicher Befriedigung trifft, macht er amüsierte Witzchen über diese Art von Folter. Das ist ein zu klares „Vorsicht“ für den Leser. Setzen wir einmal voraus, ein Ziel des Textes wäre es, dem Leser einen Spiegel vorzuhalten - er soll an sich selbst untersuchen, inwieweit er zu solchen Immoralitäten fähig wäre. Dann würde er von solchen offensichtlichen Warnhinweisen daran gehindert, die Identifikation mit dem Pädophilen zu weit zu treiben; sozusagen ein jederzeit vorhandenes Netz und doppelter Boden, die ein konsequentes Ergründen verhindern.
Doch Nabokov schreibt in einem Nachwort, er verabscheue Allegorie und versteckten Hintersinn, eine Geschichte sei für ihn nur das – eine Geschichte. Möglicherweise psychologisiere ich also zuviel in diesen Roman hinein und er ist tatsächlich nur die exzellente Geschichte eines scheiternden Mannes, dessen Opfern, einer tragischen Liebe und weiter nichts.
Selbst heute wird es noch viele Menschen geben, die sich von „Lolita“ provoziert fühlen. Die Wellen, die das Buch hingegen damals, bei Veröffentlichung Anfang der Sechziger Jahre schlug, müssen geradezu unermeßlich gewesen sein.

Florida-Räume – Ann Cotten

Ein gut gemeintes Weihnachtsgeschenk, ein Buch, das in den Feuilletons teils gefeiert wurde und größtenteils zumindest gut wegkam. Meine Kritik fällt hingegen negativ aus.
Es handelt sich um ein „dichterisches Gesamtkunstwerk“. Die Autorin gibt sich als Herausgeberin einer Zahl von fiktiven Einsendungen aus, einer Auswahl an Reaktionen auf eine an Dichter gerichtete Annonce in verschiedenen Tageszeitungen, so die Prämisse. Es sind dies zehn Präparate, darunter sechs Gedichtsammlungen und vier Prosatexte, eingerahmt von einem Vor- und Nachwort. Diese Texte, Lyrik und Prosa, sind durchweg avantgardistisch unleserlich gehalten. Es gibt anscheinend Leute, denen so etwas zusagt (siehe die o.e. Feuilletonbesprechungen), denn wie früher und zu allen Zeiten gibt es zu jeder Kunstströmung, so kurios sie auch sein mag, Anhänger und Verfechter. Als ein Vergleich seien hier die Zwölfton-, die serielle Musik und ihre Folgeerscheinungen genannt.
Die „Gedichte“ stehen selbstverständlich jenseits von Reim und Rhythmus, jenseits von Ästhetik oder Ausdruck, denn so etwas Überholtes gilt da vorne, weit weit vorne, bei den Speerspitzen noch hinterm Elfenbeinturm, als verpönt. Die Prosatexte ergehen sich in inhaltsleeren Sprachspielereien, die zum Selbstzweck seitenweise ausgewalzt und mit vordergründig anspruchsvollen, künstlich erzeugten Schwierigkeiten Aufmerksamkeit heischen, aber schnell langweilen, sobald dieses Schema durchschaut ist.
Alles wirkt wie die typischen Ergüsse selbstfindender Forumsbewohner im Internet, denen ein gesundes Maß an Selbsteinschätzung so häufig abhanden kommt. Natürlich gibt es mal den Fall, wo so etwas bei einem Verlag wie Suhrkamp landet, denn auch dieser Verlag ist um Bewahrung seines Images bemüht. In einem verschwimmenden Markt sind scharfe Konturen viel wert, und da kommt ein provokantes, scheinbar ungeheuer anspruchsvolles Buch einer jungen Künstlerin mit popkulturell ideal verwertbarer, also multinationaler Biographie, gerade recht.
Bleibt die Frage, was man mit diesem Buch anfangen soll, wenn man schon serielle Musik für Unfug hält. Ich werde es meinen Freunden vorführen und wir werden ein paarmal gut lachen. Vielleicht schaffe ich es, dem Buch einen Platz im Regal zu geben und in ihm ein Lehrstück der Pop-Avantgarde zu sehen, als ein Beispiel, was man mit Unsinn alles erreichen kann. Bis es verkauft ist.

Freitag, 23. Dezember 2011

Die drei Musketiere – Alexandre Dumas

Ein Abenteuerroman, wie er im Buche steht. Ich ging voreingenommen an die Lektüre: ein weiteres Buch aus der Reihe von Geschenken, die seit einer Ewigkeit im Regal stehen, mich eigentlich nicht interessieren und nun wegen eines schlechten Gewissens und aus historischer Neugier von mir hervorgeholt wurden. Die Karten standen also schlecht für diesen Mitte des 19. Jahrhunderts geschriebenen Roman, dessen Bilder und Versatzstücke sich bis heute halten, Eingang in Sprache und Kultur gefunden haben. Der prägende Einfluß von Dumas’ Werken auf den heutigen (popkulturellen) Erfahrungsschatz ist nicht von der Hand zu weisen, also kann es nicht verkehrt sein, einmal etwas von ihm gelesen zu haben. So versuchte ich, mich für die über siebenhundert Seiten zu motivieren. Und ich hatte absolut recht, der Roman bietet auch heute noch ungeheuer viel und ist für eine große Zielgruppe nach wie vor sehr lesenswert, die statt des x-ten Herr-der-Ringe-Zombies lieber einmal die Klassiker ihres Genres wiederaufleben lassen sollten.

„Die drei Musketiere“ ist ein hervorragender Abenteuerroman. Der Text sprudelt vor originellen Einfällen, ist in niveauvoller Sprache verfaßt und bietet literarische Leckerbissen, die zwar spärlich gesät sind, aber dem, der sie findet, ein großes Vergnügen bereiten. Die relative Höhe, die die darin rund und stromlinienförmig geschliffene Romansprache des 19. Jahrhunderts einnimmt, trug zusammen mit diesem gewissen lyrischen Anspruch dazu bei, dass der Roman so groß wurde und dass er in diesem Maße die Zeit überdauern konnte. Natürlich ist da auch der spannende Plot zu nennen, junge Ehrenmänner lösen gemeinsam Aufgaben, sind galant und voller Würde, retten Diverses. So etwas gab es damals sicher noch nicht wie Sand am Meer, die Pulpschwemme kam erst viel, viel später auf. Wir haben es also mit anspruchsvoll geschriebenem Pop zu tun.
Womit wir beim wesentlichen Problem des Romans angelangt wären. Möchte man heutzutage nach einem langen, anstrengenden Arbeitstag geschmeidig unterhalten werden, ohne das Gehirn zu sehr in Anspruch zu nehmen, dann setzt man sich vor einen Bildschirm. Geht man einen Schritt weiter und mutet der Denkdrüse rudimentäre Tätigkeiten zu, findet man eine Riesenauswahl an Literatur, die tatsächlich aus geschriebenem Text besteht und die gängigen Klischees und Plotschablonen so reproduziert, dass Erwartungen rasch und effizient befriedigt werden. Für diese Zielgruppe ist der Roman von Dumas jedoch nicht geradlinig, nicht effizient und nicht schablonenhaft genug. Der Fantasyleser kommt nicht auf seine Kosten, weil die Einteilung in Gut und Böse nicht genau genug vollzogen ist, der Liebesgeschichte nicht genügend und noch dazu der falsche Raum zugemessen wird, und generell viel zu viel Zeit mit der Ergründung und Entwicklung der lebendigen, schillernden, wirklich fantastischen Charaktere verschwendet wird, anstatt auf die Dramatik zu fokussieren. Gehen wir noch weiter und betrachten den mündigen Leser, so mag dieser aus bestimmten Passagen der „Musketiere“ Genuß ziehen, in einer Metaebene, welcher auch immer, zum Ziel seines Verlangens dringen, für ihn jedoch ist das Buch zu Nahe an den o.g. Genres gelagert, und das ist etwas, was dieser „mündige“ Leser wie der Teufel das Weihwasser nicht ausstehen kann, allein schon, weil er seine hoch sitzende Weste nicht beflecken möchte, was würden da die Bekannten sagen. Das unglückliche Buch sitzt also zwischen den Stühlen.

Ausgehend von dieser Betrachtung behaupte ich, dass die Zeit für Dumas’ Werke vorbei ist. Natürlich werden sie nach wie vor, heute und in Zukunft, verkauft werden, aber die Zahlen werden abnehmen, und irgendwann, vielleicht in hundert Jahren, werden diese Geschichten auch den letzten Nachhall ihrer Bedeutung verloren haben. Das ist schade, denn sie sind Zeugen einer Zeit, in der solche Romane noch möglich waren.
Doch für Bedauern besteht kein Grund, denn wie sagt schon der sein Los standhaft tragende Athos am Ende der „drei Musketiere“ zu d’Artagnan, als so vieles verloren ist, die Freunde getrennter Wege gehen und die Geschichte in schwermütiger Melancholie verklingt, gleichsam den Roman beschließend: „Sie sind doch noch so jung. Da haben Ihre bitteren Erinnerungen noch genügend Zeit, sich in süße Erinnerungen zu verwandeln.“

Montag, 12. Dezember 2011

Terre dell'Isola Corte Viola 2008 - Nero d'Avola IGT Sicilia

Einer der Landweine, die aus dem Sizilienurlaub mit nach Hause kamen.
Kräftig-blumiger Duft, typische schwarzrote Farbe. Im Mund heftig adstringierend, kaum Fülle, wenig Frucht, kein Ausdruck. Im Abgang säuerlich, Gerbstoffe. Es ist nicht der schlechteste Nero, den ich je hatte, aber er ist nahe dran.

Lange Schatten - Marie Luise Kaschnitz

Über den Weg einer Anthologie bin ich auf Marie Luise Kaschnitz aufmerksam geworden. Bald darauf fand ich zwei Geschichtensammlungen in einem nahe gelegenen Regal, nämlich „Lange Schatten“ (dtv) und „Ferngespräche“ (Insel). Um Erstere soll es hier gehen.

Meine Begeisterung ist groß. Die in „Lange Schatten“ versammelten Erzählungen sind großteils in ausgesprochen lyrischem Stil verfaßt, und den beherrscht die Autorin. Wie Kaschnitz es schafft, ihre Themen, oder besser Gefühle, Stimmungen, so in eine Handlung zu gießen, dass man meint, ein Gedicht vor sich zu haben, ist mir schleierhaft. Diese Texte sind einfach schön. Geheimnisvoll manchmal, hintergründig, manchmal direkt und offen, aber immer schön. Wir erfahren vom wild wuchernden Kummer einer Witwe, von einem Konflikt mit der eigenen Kindheit, der sich im mittlerweile Erwachsenenleben perfide zeigt, einmal vom Erwachsenwerden an sich, das vor einem gleichsam vergänglichen Hintergrund merkwürdig und doch natürlicher als sonst je irgendwo gelesen seinen Tribut fordert.
Das Ganze ist nicht perfekt, ein paar Geschichten sind dabei, die das hohe Niveau nicht halten können. Und hin und wieder wirkt die Poesie ein wenig zügellos. Doch „Lange Schatten“ ist eine Sammlung, die Ihresgleichen sucht und so schnell nicht finden wird. Wer dieses Buch gelesen hat, weiß mehr über die Menschen. Und wie einen Gedichtband nimmt man es immer wieder zur Hand, denn nicht die Plots sind es, die hier fesseln, sondern die Schönheit, schlicht und einfach.

Ich besitze einen Interpretationsband, in dem offenbar namhafte Literaturwissenschaftler einige der Geschichten sezieren. Ich kann damit nichts anfangen. Zwar stimme ich manchen Analysen zu, doch haben sich diese Leute bereits allzu weit vom Eigentlichen entfernt, um noch ernst genommen werden zu können. Als unfreiwillig komische Sekundärlektüre, als Realparodie auf den wissenschaftlichen Literaturbetrieb sicher einen Blick wert.

Bowmore 12, 15 und 18 Jahre

Vor geraumer Zeit bekam ich ein Tastingpäckchen geschenkt: Drei Bowmore Originalabfüllungen, 12 Jahre, 15 Jahre („darkest“) und 18 Jahre alt. Heute gings an die Verkostung, auch wenn das Öffnen der hübschen kleinen Fläschchen ein wenig weh tat.

Bowmore 12 Jahre
Nase: Säuerlich, fruchtig, mit dezenter Süße im Hintergrund, dort Honig und Lavendel. Über Allem zart-giftiger Bowmore-Rauch.
Geschmack: Sehr herb, wenig Süße, Leder, Medizin, Salz, ja – Meeresbrise, später Obertöne aus Frucht und Honig, Zitrussäure. Wärmender herber Abgang, toller, nicht zu deftiger Rauch.
Fazit: Ein wenig Facettenarm, bietet aber echten Islaycharakter. Rauch, unverfälscht, einfach gut. Im Vergleich zum Tasting vor einem Jahr kriegt er jetzt drei Punkte mehr.

Bowmore 15 Jahre „darkest“
Nase: Völlig anders. Überwältigende Süße. Die angriffslustige Säure tritt beim 15J in den Hintergrund, dafür drängt sich eine weiche, fast klebrige Süße nach vorne, Schokolade, Toffee, Rosinen, dunkle Pflaume. Noch auf Abstand riecht es wie ein Parfüm für alte Damen, weich, blumig, schokoladig. Unvorstellbar, dass hierfür nur drei Jahre Alterung verantwortlich sein sollen.
Geschmack: Ungeheuer süß, nach dem 12J erstaunlich, deckende Süße überall. Ansonsten kaum Facetten, nur wenig Rauch. Abgang mittellang, sehr süß, am Ende eine feine Malznote.
Fazit: Merkwürdig. Drei Jahre Unterschied und diese Veränderung? Das ist sicher ein völlig anderer Whisky als der 12J, andere Faßauswahl, andere Reifung etc., anders kann ich mir das nicht erklären. Besonders nicht, wenn man zum Vergleich den 18J hinzuzieht. Insgesamt ist mir der 15J zu klebrig, die Ausgewogenheit des jüngeren Bruders fehlt.

Bowmore 18J
Nase: Im Vergleich zum 12J weniger Säure, marginal mehr Dunkelheit, Samt und Süße, aber kaum wahrnehmbar. Milder und weicher. Ganz dezent Zitrus, weniger Schärfe. Auf den ersten Eindruck angenehmer, aber vielleicht nicht so charaktervoll wie der Junge. 12J und 18J sind sich sehr ähnlich. Beide unterscheiden sich untereinander nur unwesentlich durch im Alter gewonnene Mildheit, von der Zuckerbombe des 15J sind beide gleich gut abzugrenzen.
Geschmack: Für mich schwer vom 12J zu unterscheiden, sicherlich etwas milder, gesetzter, erdiger, aber eben auch etwas charakterloser, da die Kanten fehlen. An den Zungenrändern herbe Säure. Weniger Rauch als der 12J. Die in den originalen Tastingnotizen beschworene ausufernde Komplexität kann ich nicht feststellen.
Fazit: Milder, gemäßigter, ruhiger Klon des 12J. Auch uninteressanter.

Der 12- und der 18-jährige Bowmore sind sich sehr ähnlich, wobei der 12-jährige frischer und kantiger wirkt, der 18-jährige naturgemäß abgeschliffen und sanfter. Ich persönlich ziehe deswegen den Jüngeren vor, der mir einfach mehr Bowmore bietet. Der 15-jährige fällt aus dieser Gruppe heraus, er ist extrem süß, dunkler gefärbt, weniger rauchig. Nach anfänglichem Widerwillen fand ich am Ende auch an diesem Tropfen Geschmack und würde ihn an zweiter Position einreihen.
Die finale Platzierung:

1.      12 Jahre (80 Punkte)
2.      15 Jahre „darkest“ (76 Punkte)
3.      18 Jahre (75 Punkte)