Dienstag, 22. November 2011

Der talentierte Mr. Ripley - Patricia Highsmith

Ich erinnere mich, vor langer Zeit einen Film gesehen zu haben, der so hieß. Ein Kostümfilm, der eine nette Geschichte um einen Identitätsschwindler erzählte, mit schönen Menschen vor schöner Kulisse irgendwann früher. Vor ein paar Monaten durchkämmte ich das Krimilager meiner Eltern, zur Klärung der Frage, ob es anspruchsvolle Krimis gibt und falls ja, welcher Art dieser Anspruch wäre. Dabei lernte ich Einiges über die „goldenen Jahre der Kriminalliteratur“ mit ihren „whodunits“, das folgende „hardboiled“-Zeitalter, sowie das Entstehen einer psychologisierenden Strömung, der auch Patricia Highsmith zugerechnet wird und aus der der aktuell beliebte Krimitypus hervorging, dessen Romane den Buchmarkt just in diesem Moment überschwemmen. Mir fiel „Der talentierte Mr. Ripley“ in die Hände, und ich dachte, wenn dieses Buch schon in Hollywood verfilmt wurde, scheint es sich um eins der dichteren Werke der Autorin zu handeln, ideal zum Kennenlernen ihres Stils.
Das Buch gefiel mir nicht. Im Vergleich zu Raymond Chandler fällt sofort eine flachere Sprache auf, hier ist nichts Lyrisches, nichts Besonderes zu finden. Die Dialoge sind schematisch, die Vergleiche gewöhnlich, die Struktur wirkt banal. Nach Einführung des Handlungsträgers verfolgen wir dessen Reise um die Welt, auf der wir sein „verqueres“ Innenleben kennenlernen. Oh, es handelt sich um einen Verbrecher. Oh, das Morden ist für ihn nichts Schreckliches. Oh, er quält sich mit seiner Vergangenheit und mit seiner Isolation herum. Oh, Homosexualität. Oh, ein gebrochener Charakter. Vielleicht bin ich ein wenig zu hart, immerhin stammt das Buch aus einer anderen Zeit. Aber ich schreibe im Heute und heutzutage lockt man mit der Art, wie hier Plot und Charaktere entwickelt werden, keinen Schürhaken mehr hinter dem Ofen hervor. Es gibt kein Ende, der Verbrecher kommt fein raus, keine Wende, keine tiefere Einsicht. Die Geschichte eines Schwindlers und Mörders, der ein paar Taten begeht, dem Gesetz mit Glück und Passivität entrinnt und Schluss. Es ist eine Geschichte, die ihren Reiz aus dem Inhalt zieht, Innenansicht eines Mörders, wie kommt es zu seinen Verbrechen etc. Sie kann ihn nicht ziehen aus der Schönheit des Stils, der Sprache oder anderer formaler Rafinessen, denn die beherrscht Highsmith nicht, wie auch ein Blick in ihre anderen Romane verrät. Es ist eine absolut plotzentrierte Erzählung: was passiert? Wie passiert es? Rest egal. Und selbst nach dieser autorenschonenden radikalen Selbstbeschneidung versagt der Roman noch. Denn der Plot ist aus heutiger Sicht uninteressant.
Tom Ripley entwickelte sich seinerzeit zu einer beliebten literarischen Figur, es folgten Fortsetzungsromane, die weggingen wie warme Semmeln. Doch Literatur, die nur auf eine Säule baut, ist zwangsläufig instabil und bricht nach einiger Zeit zusammen. Zu diesen Säulen gehören Inhalt und Form, je nach Autor und Werk in unterschiedlicher Gewichtung vorhanden. Mit beiden allein kann für einen Text schon viel Lebenszeit geschaffen werden, dafür gibt es zahllose Beispiele. An der Form hingegen fehlt es Highsmith, weswegen sie heute bereits nicht mehr gelesen wird.
Eine dritte Säule, die des Unnennbaren, kann bei richtiger Balance Leben für Jahrhunderte schenken – oder mehr. Dem Gros der „Kriminalliteratur“ fehlt diese Säule gänzlich.

Montag, 14. November 2011

Der lange Abschied - Raymond Chandler

Nach einigen Ausrutschern in die Untiefen der "Kriminalliteratur" versuchte ich es mit einem Buch von Chandler. Dem "langen Abschied" sagt man nach, sein bester Roman zu sein.
Das Buch geht so zur Sache, wie man es von einem hardboiled-Krimi erwarten kann. Der Stil ist direkt und zynisch, will jederzeit unmißverständlich zeigen, wie hart er ist und läßt keine Gelegenheit ungenutzt, zu übertreiben und zu polemisieren. Heutzutage würde man solch einem Stil nachsagen, er ziele "mitten in die Fresse", aber heutzutage gibt es so etwas nicht mehr. Und zwar aus gutem Grund, denn das Bemühen um Härte wirkt bereits nach wenigen Seiten verkrampft und infantil, ständig müssen harmlose Sachverhalte reißerisch umrissen, ständig irgendwelche abwerwitzigen Formulierungen erfunden werden. Geradezu comichaft. Dennoch, wenn man weiß, was einen erwartet, kann man sich darauf einlassen. Dann ist das plakativ Dreckige nicht mehr ausschließlich lästig, sondern wird hingenommen als Zierrat, als kuriose Folklore eines untergegangenen Stils und fängt an, immer besser zu passen. Und plötzlich ist man begeistert.
Es geht direkt zur Sache, die Dialoge sind glaubwürdig und über allem stehen die verrückten, doch immer fein abgeschmeckten Vergleiche. Ja, allein schon wegen dieser Vergleiche lohnt sich die Lektüre. "In der Kneipe war es so still, daß man die Temperatur fallen hörte" und Ähnliches ist es, was Chandlers Schreibe wirklich lesenswert macht.
Die Story ist nett ausgedacht, aber natürlich ist in so einem Roman die Durchführung viel wichtiger. Und die ist dem Autor hervorragend gelungen. Ich habe das Buch fast am Stück gelesen. Wer es schafft, über die anfänglich erwähnten Unzulänglichkeiten hinwegzusehen, wird mit "dem langen Abschied" und sicherlich auch vielen anderen Texten dieser Periode seine Freude haben.