Donnerstag, 27. Oktober 2011

Drei Romane

Dracula – Bram Stoker
Der klassische Schauerroman schlechthin, wer kennt den Stoff nicht?
Das Buch wurde Ende des 19. Jahrhunderts geschrieben. Man merkt, dass der Autor an die Tradition der großen Romane anknüpfen wollte: Er schrieb seinen Text in einem äußerst barocken Stil, der allerdings zur Jahrhundertwende längst nicht mehr zeitgemäß war. Er möchte diesen Stil nutzen, um eine düsterromantische Atmosphäre aufzubauen und schießt dabei völlig über das Ziel hinaus. Von vorne bis hinten wirkt das Buch extrem schwülstig, kitschig und unglaubwürdig. Wenn es die heutige Gothic-Subkultur mit all ihren übertriebenen Affekten, ihrer üppigen Schminke und überladenem Zierrat damals schön gegeben hätte, ihre Mitglieder hätten solche Texte geschrieben.
Dazu passt, dass Stoker offenbar kein Freund dichten Erzählens oder knapper Worte war. Sachverhalte werden rücksichtslos ausgewalzt, seitenweise Tagebucheinträge schildern die Verzückung, die einen männlichen Chronisten angesichts einer Frau befällt. Übrigens sämtliche männliche Chronisten, und immer wieder aufs Neue. Die kandiert-zuckrigen Liebesbeteuerungen und ohnmachtsnahen Glückseligkeitsbezeugungen finden sich auf jeder Seite. Ebenso extrem fallen die Reaktionen der Protagonisten auf „Schlimmes“ aus, wie Blut, das Böse in der Welt, oder das Sterben. Die Helden dieser Geschichte sind wie Kinder, die alles Alltägliche mit größter Verwunderung und maximaler Emotion für sich entdecken.
Geradezu enervierend unglaubwürdig ist die Plotkonstruktion. Der zur Aufklärung der Krankheit einer Geliebten (die vom Vampir gebissen wurde) hinzugezogene Multidoktor Prof. Prof. van Dusen, Entschuldigung, Helsing, weiß von Anfang an, was los ist, macht aber nur Andeutungen und hält seine Kameraden hin, bis es viel zu spät ist, aber dafür hunderte von Seiten mit dunkler, ungenannter Bedrohung und immer neuer Verblüffung gefüllt werden konnten. Beispielsweise denkt sich einer der Helden nichts dabei, als seine Frau abbaut und immer schwächer wird, es wird sogar in jedem Eintrag des Tagebuchs überdeutlich darauf hingewiesen, wie blass sie doch aussehe, und das, obwohl gerade eine Freundin genau die gleiche Leidensgeschichte und Verkennung der Ursachen hinter sich gebracht und mit dem Tode bezahlt hat. Alle Handelnden in diesem Buch sind furchtbar dumm, und das ist ärgerlich. Denn auf dieser Dummheit allein kann der Autor seine Handlung konstruieren. Ein Leser wird aber nicht gerne für dumm verkauft.
Der Erfolg des Romans lässt sich vielleicht damit erklären, dass es damals solcherart Bücher nicht viele gab. Ein neues Genre befand sich im Entstehen und die Leute stürzten sich auf jeden besseren Vertreter dieser Gattung. Und Stoker konnte schreiben, er hält den gewählten, wenn auch unpassenden und übertriebenen Stil flüssig und ohne Brüche durch, er schuf quasi schon allein mit der Qualität der Form eine Referenzmarke der Schauerliteratur, die erst aus heutiger Sicht arg blass und blutleer wirkt. Aber vielleicht fällt auch das wieder niemandem auf.

Dracula kehrt zurück – Freda Warrington
Machen wir uns einen Spaß. Stellt Euch vor, Dracula wäre am Ende des gleichnamigen Buches gar nicht in die ewigen Jagdgründe eingegangen. Stellt Euch vor, er hätte noch ein Reserve-Ich, das mal kurz schauerlich lachen und dann zurück kehren würde. Haha, wer würde so etwas ernsthaft schreiben wollen? Nun, Freda Warrington hat das tatsächlich gemacht.
In ihrer Geschichte, ungelogen „Dracula kehrt zurück“ genannt, geht der alte Blutsauger in neuer Inkarnation den gleichen Leuten wieder auf den Geist – sein Fehler. Neu ist, denn Fortsetzungen müssen stets mehr bieten als das Original, ein zweiter Vampir, der das Dreiecksverwirrspiel zwischen ihm, Dracula und den Helden auf die Spitze treibt. Hintergründe werden beleuchtet, Draculas Geheimnisse sämtlich gelüftet (ähnlich Episode 1). Am Ende kämpft Dracula gegen den Emporkömmling, opfert für die holde Maid (wie im Original: oh, ah, Liebe, Glück, Unwürdig!) seine Unsterblichkeit und alle Bösen fahren gemeinsam zur Hölle, wo der Teufel schon auf sie wartet. Der Roman ahmt den nachahmenden Stil des Originals nach und ist noch überflüssiger.

Der Medicus – Noah Gordon
Steht auch schon lange bei mir im Schrank. Weiß jetzt auch, warum.
Ein Weltbestseller aus den Achtzigern, Kategorie „historischer Roman“. Was an diesen Romanen historisch sein soll, entzieht sich mir, ich finde die Genrebezeichnung einfach verfehlt. Es ist und bleibt Fiktion, wie wäre es also mit „Roman, der in der Vergangenheit spielt“? Zu lang vermutlich.
Bereits nach den ersten Seiten ist mir klar, woher der Erfolg des Buches stammt. Der Autor schreibt gut, weiß jederzeit zu fesseln und den Leser bei der Stange zu halten. Dazu kommen stilistische Feinheiten, die man in diesem Genre nicht erwartet. Ein guter Autor schrieb also einen Roman, der davon handelt, was ein nicht zu unterschätzender Teil der allgemeinen Leserschaft gerne liest: Von der Vergangenheit; Kulisse geschichtlicher Ereignisse und so.
Es ist ein Bildungsroman (sagt man da dann bildungshistorischer Roman?), ein Bub wird Waise und meistert sein hartes Schicksal. Ärzte sind toll, er will einer werden, wird erst von einem Bader aufgenommen und reist dann, nach dessen Tod, nach Persien und wird einer. Weiter bin ich noch nicht gekommen, aber die überraschende Wende wird wohl ausbleiben. Laut Inhaltsverzeichnis kehrt der Bub in sein Heimatland zurück und ist dann dort Arzt, Ende. Das klingt ziemlich langweilig, ist es aber streckenweise nicht mal. Wie schon gesagt, liegt das an der hervorragenden Schreibe und am Geschick des Autors, das Geschehen immer wieder aufzulockern. Nicht zu übersehen sind die Konzessionen an das Genre – ellenlange Beschreibungen historischer „Gegebenheiten“ und Lebensumstände, ausufernde Beleuchtung der zeitlichen Hintergründe etc. etc. Wenn man das alles überspringt, kommt ein gut lesbares, unterhaltsames Buch heraus, das zurecht viel Geld verdient hat, auf irgendwelchen Tiefgang allerdings gerne verzichtet.

Montag, 17. Oktober 2011

Drei historisierende Romane

Hannibal - Gisbert Haefs
Ein Geschenk von vor langer Zeit. Ein „historischer Roman“. Aus schlechtem Gewissen nahm ich mir kürzlich gleich mehrere dieser Trümmer vor, um sie nicht einfach verscherbelt zu haben, ohne vorher mal reinzuschauen.
Dabei erwies sich dieses Buch noch besser als erwartet. Nach typischem Einstieg mit viel Action und Schablonenschnitt überraschte der Autor mit literarisch anmutenden Intermezzi, Briefen am Ende jedes Kapitels und stilistisch historisierenden Passagen. Das lockerte den Text auf und weckte ein gewisses Interesse. Positiv war zudem, dass es hier weniger um eine Heroisierung bzw. Fokussierung auf den Namensgeber, sondern um die alternative Schilderung einer Zeitspanne ging. Alternativ deswegen, weil die erhaltenen Überlieferungen aus jener Zeit als römisch-propagandistisch einzustufen sind, und eine die Motivationen der Karthager beleuchtende Historie schlichtweg nicht existiert. Haefs hat sich vorgenommen, das nachzuholen, ist dabei allerdings ins andere Extrem geschlagen: Rom ist böse, Karthago ist edel und gut. Punkt.
Was bleibt vom Buch? Ein Teil ist eine durchaus nicht schlecht geschriebene Geschichte der Zeit um die Punischen Kriege, ein Teil ist akribische, actionlastige Reinszenierung von Schlachten, ein Teil ist literarisch anmutender Zierrat, der durchaus gefallen kann. Stark gestört hat die fiktive Hauptperson, die als Erzähler fungiert und dafür an allen wichtigen Orten und Geschehnissen wie zufällig zugegen ist. Die Hauptbeschäftigung dieser Figur scheint darin zu bestehen, sämtliche Frauen der punischen Geschichte flachzulegen, die auch nur darauf warten.
Für die paar Absätze, die mir wirklich gefallen haben, z.B. den lyrischen Schluss finde ich sehr gelungen, lohnt sich der Roman nicht. Für freunde historischer Romane ist es aber sicher einer der Besseren.

Gilgamesch, König von Uruk - Thomas R.P. Mielke
Von ganz anderer Kategorie ist das jetzt zu besprechende Buch, Gilgamesch, König von Uruk, von Thomas Mielke. Noch nie ist mir etwas Derartiges untergekommen. Der Roman ist ein Scherz.
Ich weiß überhaupt nicht, wo ich anfangen soll, will das aber auch nicht ungehörig in die Länge ziehen, deswegen in Stichpunkten: Mangelhaftes Lektorat, übler Stil, kindische Schablonencharaktere (Gilgamesch, der blonde Hüne, der die mächtigsten Muskeln und den größten Penis hat), ausufernde Sexfantasien in jedem Kapitel (schrecklich: sämtliche Frauen sind immerzu wild auf Gilgameschs mächtigen „Grabstock“, bieten ihm jauchzend ihre „Furche“ dar, während alle anderen Männer zusehen müssen), peinlich von vorne bis hinten, sogar für den Leser, weil er einen Autor liest, der so etwas schreiben kann. Es ist wie die unsägliche Fantasy-Action-Erotikwelle in den Achtzigern, nur schlechter. Wie Conan, der Barbar, wie Arnold Schwarzenegger, nur katastrophal statt schlecht.
Das Umschlagbild, das Profil eines turbanbedeckten, dunkelhaarigen Hauptes mit sanften Augen, gibt nicht den geringsten Hinweis auf den Porno, der sich dahinter verbirgt. Leute, laßt die Finger von diesem Buch und diesem Autor! Es sei denn, ihr wollt für euer Geld mal herzlich lachen.

Conan (Heyne Meisterwerke) - Robert E. Howard
Wo wir es gerade von Conan haben. Ich kannte immer nur die berüchtigten Filme mit Schwarzenegger, in denen ein leicht bekleideter Bodybuilder Monster kloppt und hübsche Frauen rettet. Doch wer es nicht weiß: Es gibt eine literarische Vorlage für diese Filme! Ja, ein jung gestorbener Autor schrieb zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Amerika sogenannte „low fantasy“, in der … genau. Wie im Film.
Heyne hat nun die Schriften dieses Autors gesammelt, neu editiert und in einer ansprechenden Ausgabe herausgebracht. In Rezensionen, Blogs etc. wird versprochen, dass die literarische Vorlage mit den Filmen nicht zu vergleichen, ja das Niveau ungleich höher, die subtextualen Implikationen mannigfaltiger seien.
Das kann ich jedoch nicht bestätigen. Die Geschichten sind für Groschenhefte geschrieben worden, und das merkt man auch. Immer noch, trotz Feuilleton. Howard war ein ehrlicher Mann, er wollte schnelles Geld verdienen, keine Literatur schaffen. Nebenbei und von ihm sicherlich nicht vorausgesehen hat sich eine große Anhängerschar gebildet, für die dieses Buch genau das richtige sein dürfte, denn in der Tat erfährt man hier viel über die Entstehungsgeschichte, die Hintergründe, bekommt Fragmente präsentiert, deren zeitliche Einordnung etc.
Ich gebe zu, nur wenige der Geschichten gelesen zu haben, erlaube mir aber dennoch das Urteil, dass es sich hier um eine für Conan-Fans willkommende Edition handelt. Für alle anderen uninteressant.

Zwei Dramen

Ein Wintermärchen - William Shakespeare
Wen wundert es, dass dieses Stück gut zu lesen ist? Die Übersetzerin (Dorothea Tieck) hat sich alle Mühe gegeben den Blankvers zu erhalten, was allein schon beeindruckend ist. Der altertümliche Stoff ist spannend und zwingt zum Weiterlesen. Das Werk wird den Romanzen zugerechnet, wohl aufgrund gewisser düsterer Anteile, doch eigentlich sind darin durchaus die lustigen Elemente einer Komödie zu finden, nicht nur Böhmen am Meer.
So sehr die Lektüre aber auch zu fesseln vermag, am Ende war es für mich nicht der ganz große Wurf. Vielleicht liegt es an der Übertragung ins Deutsche, vielleicht ging dabei doch einiges verloren, denn außer dem permanenten Eindruck, das Werk eines Großen mit all seiner Genialität und gewitzten Einfällen vor mir zu haben, konnte ich nicht viel daraus ziehen. Allein, das ist ja schon Unterhaltung genug.

Emilia Galotti - G.E. Lessing
Ganz anders Lessing. Keine Reime. Dafür perfide Offenlegung der Mißstände der damaligen Gesellschaft. Adelige, die glauben, sich alles herausnehmen zu können. Bürgerliche, die es nicht wagen, entschieden dagegen aufzubegehren. Ein banaler Inhalt, der von Lessing aber aufs Köstlichste umgesetzt wird.
Ich empfand die Durchführung als extrem verdichtet, geradezu kurzgeschichtenhaft, man kann das Heft nicht aus der Hand legen, ständig geschieht etwas, ständig geht es weiter mit überraschenden Wendungen und neuen verrückten Einfällen der Protagonisten. Diese verrückten Einfälle sind es, die Lessings Anliegen deutlich übersteigert erscheinen lassen, ins Ironische, Zynische gar, wir werden sozusagen mit der Faust darauf gestoßen, was der Autor mit dem Stück sagen möchte. Das ist ein Stilmittel, das in Emilia Galotti sehr gut hineinpaßt, man hat zu keiner Zeit den Eindruck, bevormundet zu werden oder einem Klamauk beizuwohnen. Im Gegenteil, man ertappt sich dabei, ob der unwahrscheinlichen, geradezu blöden Entscheidungen mitzufiebern, Partei zu ergreifen auch für den dümmlichen Adel, dem man ein glimpfliches Ende seiner Ränke wünscht. Natürlich vergebens.
Rein nach dem Kriterium der Ernsthaftigkeit gäbe es einiges zu Bemängeln an diesem Drama. Aber als zynisch übersteigerte Posse kommt es genau auf den Punkt, weiß zu fesseln, zu unterhalten und gleichzeitig zu belehren. Was will man mehr? Und dann diese Sprache ...