Montag, 8. August 2011

Der Dunkle Schirm - Philip K. Dick

"Der Dunkle Schirm" war noch übrig. Das Paket von Dickromanen, das ich mir vor langer Zeit in der bunten Heyneausgabe auf einen Schlag zugelegt hatte, aus Angst, die Irrwege des Verlagswesens könnten mir wie schon bei Asimovs Foundationzyklus einen Strich durch die Leserechnung machen, war bis auf dieses Buch ausgelesen (zu den anderen werde ich mich hier zu gegebener Zeit äußern, da waren sehr gute und auch weniger gute dabei). Nach "Spin" und "Biokrieg" war es endlich mal wieder Zeit für einen guten SF-Roman, und Dick war da eine einigermaßen verläßliche Größe.

Leider wurde ich auch diesmal enttäuscht. Wie schon beim hochgelobten "Orakel vom Berge" mutet die Schreibe im "Dunklen Schirm" langatmig, zäh und auf unbestimmte Weise - belanglos an. Dick scheint der Erinnerung an seine Drogenkarriere immer eine gewichtige Rolle in seinem Denken eingeräumt zu haben, das zeigt sich auch in den anderen Romanen. Hier aber spielt dieses Thema die Hauptrolle. Mit stoischer Genauigkeit beschreibt Dick die Erlebnisse seiner Protagonisten, die uninteressanter kaum sein könnten, Drogen nehmen, wirres Zeug denken und sagen, das keinesfalls glorifizieren, einen abstrusen Plot erleben, der den Rahmen für die schonungslose Darstellung des Abgrunds bildet, in den sie gleiten. Nun ja, es liest sich schon arg antiquiert, arg seventies, um es mal so zu sagen. Die Schilderung des Elends, welcher Art auch immer, mittels kühler, distanzierter Protokollierung ist in jener Zeit vielen Autoren besser gelungen. Dick hatte vermutlich einfach noch eine Rechnung offen mit seiner Vergangenheit, die er begleichen wollte. Im Schlußwort grüßt er alte Weggefährten, die der Sucht zum Opfer fielen, gibt Einblicke in seine Gefühlswelt etc., das alles wirkt sehr persönlich. Herausgekommen ist also offenbar ein Bewältigungsroman, der sich sicher zu jeder Zeit für den Autor besser las als für seine Leser. Die zum Teil überwältigend guten Kritiken führe ich auf die unwiderstehliche Wirkung von Dicks Verdiensten um die SF zurück, die er zweifellos hat, ein Fundament, auf das er mit dem Dunklen Schirm einen "ernsteren" Roman setzte, seine Fans verblüffte und ihnen die Hoffnung gab, nun auch in der Welt der richtigen Schriftsteller akzeptiert und diskutiert zu werden. Darauf weist auch hin, daß der devote Nachwortschreiber angesichts spärlich gesäter SF-Elemente sogleich fordert, es mit einem allgemeinen Meisterwerk, nicht nur der SF, zu tun zu haben. Diese Diskussion, diese Forderung findet man auffälligerweise immer nur in bemühten Werken. Werke, die es hingegen wirklich geschafft haben, kennen solche Fesseln nicht, kennen keinen Kampf, in dem Herolde für und wider die Einordnung in bestimmte literarische Klassen fechten. So weit kommt es also nicht.
Ein Rauschgiftermittler, der im Rahmen seiner verdeckten Ermittlertätigkeit über den Konsum bestimmter Drogen in eine Art Schizophrenie abgleitet, ein typisches Dick-Topos, hier jedoch allein über die Chemie begründet. Den größten Anteil des Romans macht die Beschreibung dieses Abgleitens aus, eine kühle, desillusionierte Stimmung wird erzeugt, gute Dialoge teilnahmslos wiedergegeben, das klappt alles ganz gut. Doch was ein Stilmittel sein mag, ist zumindest auch entnervend: Dick walzt dieses Beschreiben auf mehreren hundert Seiten aus, wiederholt sich, erhebt die Zähigkeit zum Gebot, will seinen Lesern zeigen, wie bitter, ausweglos, unerträglich dieses Abrutschen sich anfühlt. Doch nach kurzer Zeit hat man darauf bereits keine Lust mehr, möchte ein wenig Handlung haben, ein wenig Geschichte. Die kommt hier zu kurz, die spritzigen Dickschen Haken und Kniffe bleiben aus, träge dümpelt der Protagonist seinem Ziel entgegen. Am Ende steht eine Auflösung, die niemanden überrascht und wohl auch nicht zur Überraschung gedacht ist. Um Drogen geht es hier, nicht um Handlung.

Und damit ist auch schon alles gesagt. Wer begeistert die klassischen Dicks gelesen hat wie Ubik, Eldritch, Bombe, Topfheiler etc., der wird sich hier umkucken. Der Dunkle Schirm ist ein bemüht realistischer Roman eines begnadeten SF-Schriftstellers, der sich mit dessen Hilfe von den Gespenstern einer mißliebigen Drogenkarriere befreien wollte. Dieses Ziel mag der Roman erreicht haben, ein lesenswerter Dickroman ist er nicht.


NACHTRAG 29.8.
Kürzlich habe ich den Film zum Buch gesehen. Eine ungewöhnliche Inszenierung von Richard Linklater, die sich extremer Mittel bedient, um der Vorlage nahezukommen. Durch diesen Film hat sich meine Meinung gewandelt.
Er bedient sich einer ausgesprochen ungewöhnlichen Technik, gefilmtes Material wird comicfarben übermalt, ein surrealer Eindruck ensteht, ähnlich vielleicht einem halluzinogenen Drogentrip. Es gelingt ihm damit ungeheuer gut, jene Stimmung zu erzeugen, die das Buch (vergeblich) erzeugen will. Wo das Buch, sicher auch wegen handerwerklicher Mängel Dicks, versagt, schafft der Film es, dessen Intentionen umzusetzen. Beeindruckend - für mich der erste Film, der näher an der Buchvorlage ist als die Buchvorlage selbst. Erst er zeigte mir auf, was alles in dieser Geschichte steckt.
Die kalte, mitleidlose Welt, durch die die Protagonisten in ihrer ewigen Scheinexistenz streifen, die Leidenschaftslosigkeit, mit der sie ihren Tätigkeiten und allgemein ihrem Leben nachgehen, die psychotischen Abgründe, die geistigen Leerläufe, die bei manchem Zuschauer wohl zuerst für Belustigung, dann aber dafür sorgen werden, daß ihnen das Lachen im Halse stecken bleibt. Hinter allem, nicht sichtbar, aber jederzeit spürbar, hängt eine Düsterkeit, Verlassenheit, Bitterkeit, ein Weinen um Liebe, um die eigene Jugend und um das Leben. Wie wir nach der Lektüre des Buches wissen, ist die Erzählung für Dick eine Verarbeitung seiner Trauer. Aber spürbar, und dann geradezu schmerzhaft, wird diese Trauer erst im Film.
Beim Sehen kommt streckenweise Langeweile auf. Die Junkies wissen nicht so recht, was sie mit den Tagen anfangen sollen, und ihre nervöse Ziel- und Haltlosigkeit überträgt sich auf den Zuschauer. Ein Stilmittel. Wenn der Abspann läuft, weiß man, was Dick sagen wollte, man weiß, daß es sich gelohnt hat, diesen Film zu sehen, und man sieht auch das Buch in neuem Licht.
Ich kann nicht sagen, daß es sich jetzt mehr lohnen würde, es zu lesen, denn das Buch hat sich nicht verändert, aber ich kann jedem, der es gelesen hat, empfehlen, sich danach noch den Film anzusehen. Ich kann mir keine bessere Möglichkeit vorstellen, einen Dick visuell umzusetzen, als es dieser Film getan hat.

Dienstag, 2. August 2011

Biokrieg - Paolo Bacigalupi

Um mal wieder ein aktuelles SciFi-Buch zu lesen, besorgte ich mir dieses Buch, das jüngst sowohl beim Hugo- als auch beim Nebula-Award abgeräumt hat. Leider eine Enttäuschung. Schon wie bei "Spin" von Wilson ist mir nicht klar, wie es dazu kommen kann, daß diese Bücher durch Vergabe der berühmten Preise auf ein Niveau mit Meisterwerken wie "Dune" oder "Neuromancer" gehoben werden. Vielleicht gab es in den entsprechenden Jahren ja einfach keine Konkurrenz, wer weiß das schon.

Um es kurz zu machen: Wir haben hier eine dystopische Geschichte aus einer nicht allzuweit entfernten Zukunft vor uns. Nach irgendwelchen Kriegen, Hungersnöten, Seuchen und vor allem genetischen Katastrophen ist der Entwicklungsstand der Menschheit dramatisch zurückgefallen. Energie wird mit Behelfsverfahren erzeugt und gespeichert (Pedalcomputer, Aufziehmotoren), die heimliche Macht halten Konzerne in der Hand, die die weltweite Ernährung mittels selbstentwickelter gentechnischer Produkte sicherstellen. Schauplatz ist Thailand, und dort speziell Bangkok. Es entspinnen sich belanglose Erzählungen vierer Personen, die sich nur begrenzt überschneiden und am Ende zu keinen erhellenden Auflösungen führen, sondern - ohne daß vorher viel geschehen wäre - einfach ausklingen. Der Inhalt ist nicht der Rede wert, es geht um oberflächlich geschilderte Intrigen, eine arme künstliche Prostituierte (wie gewagt!) und Korruption.
Die Geschichte wird vom Autor als Vorwand genutzt, um möglichst viel Lokalkolorit einfließen zu lassen - entweder fand er seinen letzten Thailandurlaub toll oder er hat südostasiatische Wurzeln. Zumindest werden unablässig Originalausdrücke verwendet, schön in Kursivschrift gehalten, damit der Leser auch ja nicht übersieht, wie wahnsinnig ethnisch das alles ist und wie interessant doch die Kultur ist, die der Autor uns da vor Augen führt: da müssen wir ja unbedingt auch mal hin, dieses Thailand, hach!
Nein, es ist einfach unerträglich. Ich will endlich mal wieder einen Genreroman lesen, ohne darin Dinge über asiatische oder afrikanische Kulturen zu erfahren, die mich nicht interessieren. Oder über asiatische bzw. afrikanische Aliens. Die Erinnerung an "Otherland" von Tad Williams löst immer noch einen milden Brechreiz aus. Und erst dieser alte Chinese mit seiner Ehre immer! Und ich dachte, Stereotypie wäre ein rein westlicher Makel. Furchtbar auch das Herumreiten auf der Klappertechnik, die sich Bacigalupi so kühn ausgedacht hat. Spannfedern, Tretcomputer, herrje. Und ständig wird dem Aufziehmädchen heiß und es stirbt fast, ständig! Fast auf jeder Seite passiert das.
Gefallen hat mir stellenweise die Schreibe, also rein handwerklich. Dennoch - das Buch ist absolut nicht zu empfehlen. Völlig verrückt, da Hugo und Nebula zu vergeben. Auf diese Preise ist anscheinend keinerlei Verlaß mehr.