Dienstag, 14. Juni 2011

Kosmologie - Bernulf Kanitscheider

Uff. Ich habs durch. Aber leicht wars nicht. Wie schreibt der Auto noch in seiner Vorrede? - "Der philosophisch interessierte Leser möge sich jedoch durch die eine oder andere Formel nicht abschrecken lassen, fast immer lassen sich diese überlesen und der qualitative Sinn, der für die naturphilosophischen Gedanken ohnehin entscheidend ist, bleibt auch dann noch erhalten, wenn man die Rechnungen nicht nachvollziehen möchte." Hat man vor, Leser dieses Buches zu werden, sollte man aus diesem Zitat zwei Dinge mitnehmen. Erstens: Kanitscheider liebt lange, verschachtelte Sätze, drückt sich wie die meisten akademischen Philosophen gerne umständlich exakt aus. Zweitens: die eine oder andere Formel, Pustekuchen.

Das Buch läßt sich grob in zwei Abschnitte gliedern. Zuerst widmet sich der Autor auf knapp einem Drittel der Seiten der Geschichte der Kosmologie, schildert die Denkweisen und Modelle, die zu den jeweiligen Weltbildern führten, und stellt historische und kulturelle Bezüge her. Man erhält hier eine gute Übersicht der Entwicklung des Bildes, das die Menschen vom Universum hatten, von den alten Chinesen bis zum 20. Jahrhundert. Keine Wissenschaftsdisziplin wird dabei bevorzugt, Kanitscheider geht auf physikalische, mathematische, philosophische und theologische Aspekte ein. Natürlich wird den unterschiedlichen Epochen nicht der gleiche Raum eingeräumt. Analog der wissenschaftlichen Entwicklung und der Erhaltung deren Überlieferung gibt es über die Kosmologie der Sumerer weniger zu berichten als über mittelalterliche Modelle. Die neuere Entwicklung bis hin zum Ende des 19. Jahrhunderts stellt somit den Hauptteil des Abschnittes. Dieser wissenschaftshistorische erste Teil ist angenehm zu lesen, sehr informativ und anregend.
Der zweite Abschnitt, beginnend mit Kapitel 6, behandelt die Entwicklung des Weltbildes seit der Aufstellung der Relativitätstheorie durch Einstein. Die Allgemeine Relativitätstheorie ist das Fundament der modernen Kosmologie und so widmet Kanitscheider über zwei Drittel seines Buches der Behandlung dieses Modells. Das klingt sehr interessant, doch jetzt kommt der Wermutstropfen: Für mich als bisherigem Laien auf diesem Gebiet war die mathematische Syntax der relativistischen Kosmologie völlig unbekannt. Auch von Einsteins Theorie hatte ich nur eine begrenzte Vorstellung, erhoffte ich mir doch gerade von Kanitscheiders Buch eine Verbesserung dieses Zustands. Doch leider war das nur ansatzweise möglich. Ab Kapitel 6 verwendet der Autor eine sehr mathematische Sprache, verwendet ohne Erklärung Termini, die Laien nicht bekannt sein können und versteigt sich in ausufernde mathematische Diskussionen von Entitäten, die er einfach voraussetzt, die der "philosophisch interessierte Leser" ohne Vorbildung auf relativistischen Gebiet aber nicht kennen kann. Er hat ein umfassendes Werkverzeichnis angehängt, aus dem er unablässig zitiert und den Inhalt dieser Schriften wohl teilweise auch voraussetzt. Das Lesen wird ab Kapitel 6 deswegen ungeheuer schwierig und vieles erschließt sich auch nicht völlig, was mich im Nachhinein doch ärgert. Um den Gedanken- und Rechnungsgängen zumindest ansatzweise folgen zu können, war viel Recherche und höchstkonzentriertes Lesen notwendig, deutlich eher Arbeit denn Vergnügen. Ein Erkenntnisgewinn aus dem zweiten Teil ist durchaus vorhanden, doch wäre er mit einer grundlegenden Vorbereitung auf das Thema, mehr Sekundärliteratur und vor allem noch mehr Geduld höher ausgefallen.

Besonders deutlich wird das Problem des Buches am Ende, wo sich noch ein Abschnitt über naturphilosophische Fragen anschließt. Die eigentlich äußerst interessanten Themen (u.a. Grenzen der Erkenntnis, Unendlichkeit, mathematisch-philosophische Fragen, Materieentstehung aus dem Nichts) werden vom Autor in streng akademischer Sprache zerredet. Kanitscheider wirkt zweifellos sehr belesen, unablässig führt er Querverweise an, zieht Schlüsse und versucht auch hier, eine gute Übersicht zu geben. Doch schafft er es nicht, sich auf die Beantwortung seiner Fragen zu fokussieren, zu weitschweifig bringt er Fakten, Formeln, Zitate in den Text, anscheinend ohne sich der Wünsche seiner Leser bewusst zu sein. Es ist wie der Verweis auf eine Literaturenzyklopädie als Antwort auf die Frage "Was ist gute Literatur?"

Kosmologie von B. Kanitscheider ist eine kompakte Übersicht über geschichtliche und zeitgenössische Weltenkunde, mit Betonung deren physikalischer und philosophischer Aspekte. Liest sich der geschichtliche Teil für Laien angenehm unterhaltsam und informativ zugleich, driftet der zeitgenössische Teil in anspruchsvolle mathematische Betrachtungen, die die Philosophie fast völlig verdrängen. Wer hier als Leser reüssieren möchte, dem sei eine gründliche Vorbereitung nahegelegt. Es gilt, sich gut mit Einsteins Theorien auszukennen, des weiteren sind Kenntnisse der mathematischen Grundlagen der Astrophysik des 20. Jahrhunderts unabdingbar, ansonsten wird man streckenweise nur Bahnhof verstehen. Schafft man es jedoch, sich durch diese Barrieren hindurchzukämpfen, so wird man mit einem Überblick über das aktuelle wissenschaftliche Weltbild (Stand des Buches: 1991) belohnt, inklusive so manchen Denkanstoßes.

"So kann die weltanschauliche Funktion der mechanistischen Kosmologie darin gesehen werden, dass der Mensch befreit wurde von unnötigen Ängsten vor seiner natürlichen Umgebung, welche durch den animistischen Aberglauben gegeben waren, er aber auch den stützenden Halt der Metaphysik verlor und von nun an, frei und allein auf sich gestellt, zur geistigen Auseinandersetzung mit der Natur gezwungen war. Die Geistesgeschichte zeigte, dass dem Menschen hier eine Bürde aufgeladen worden war, an der er schwer zu tragen hatte. Ein Teil der Orientierungsprobleme unserer modernen Gesellschaft gründet sicher darin, dass viele Menschen die enorme geistige Freiheit, die die Aufklärung mit sich gebracht hat, noch nicht bewältigt haben."
"Der Nachweis der grundsätzlichen Veränderbarkeit der Kausalstruktur der Welt, die wir aus dem Alltag, aber auch aus dem gesamten bisher wissenschaftlich kontrollierten Bereich kennen, verbietet es, diese erfahrungsträchtige Struktur in den Rang einer apriorischen und theorieunabhängigen Voraussetzung zu erheben, ohne die Wissenschaft in keinem Fall betrieben werden kann. Die kosmischen und lokalen Kausalitätsverletzungen lehren, dass der Wirkzusammenhang der Welt ein kontingentes Element derselben darstellt, das letztlich nur empirisch erforscht werden kann."
"Ein roter Faden scheint sich, wenn auch noch nicht überall sichtbar, von der resonierenden Mikrotopologie der Planck-Zeit über die terrestrische Biogenese bis zur Formation eines Zentralnervensystems und der Ausbildung intellektueller Fähigkeiten in den Primatenstämmen zu ziehen."

Bedingt lesenswert

Die Verwandlung - Franz Kafka

Die Verwandlung ist eine phantastische Erzählung, die großen Spielraum zur Interpretation ihres symbolischen Gehalts läßt, wobei allerdings bestimmten Deutungen in der Literaturszene ein besonderes Gewicht zuzukommen scheint. Ich empfehle diesbezüglich das Begleitbändchen aus der Reihe "Erläuterungen und Dokumente" von reclam.
Von Konstruktion und Sprache bin ich nicht begeistert. Es ist zwar mein erster Kafka, mein Urteil sei also mit Vorsicht zu genießen, aber mir erscheint die Handlung merkwürdig zusammengestückelt, nicht konsequent aufeinander aufbauend. Sprachlich schwankt Kafka von tollen Passagen (besonders der Anfang gefällt mir gut) zu Banalität. Natürlich kann das alles Absicht sein, doch die Sekundärtexte geben Hinweise, dass dem nicht so ist.
Ganz anders verhält es sich mit dem Symbolgehalt, dem allegorischen Inhalt, der mich wie viele vor mir gefangen genommen hat. Das Ungeziefer, das aus der Gesellschaft herausfällt und keine Möglichkeit hat, in sie zurückzukehren, den Tod als einzigen Ausweg vor sich. Was es mit diesem Ungeziefer auf sich hat, ist wohl von Leser zu Leser verschieden. Eine schöne Interpretation ist der Rückzug einer Dichterseele aus dem belastenden Alltag der menschlichen Gesellschaft mit all ihren Profanitäten in die physische und geistige Isolation. Auch von dort führt kein Weg zurück, der dichterische Geist stößt ringsum auf Unverständnis, es kommt zu unendlicher Entfremdung, wegen der Unfähigkeit des Dichters, diesen inneren und äußeren Konflikt zu lösen, steht am Ende der Untergang.

Zum Abschluß zwei Zitate aus den Erläuterungen und Dokumenten (reclam, 1983):
"In diesem ‚Unfall‘ findet die verborgene Geschichte von Aggressionen und Schuld ihren sichtbaren Höhepunkt. Beides vereinigt sich und kommt unterscheidbar verbunden zum Ausdruck in dem Verhängnis, das denjenigen heimsucht und vernichtet, der es unterlassen hat, den Widerstreit in seinem Innern offen ins Auge zu fassen und seiner Herr zu werden."
"Sosehr mit dem Vorgang der Verwandlung auch eine Befreiung aus der mechanischen Welt des Nutzens, der Geschäfte und der eng damit verbundenen Tyrannis der Familie erfolgt, sie bleibt zugleich der Weg, der unrettbar in den Tod führt, und das Depravierende und Bestrafende des Erscheinungsbildes ist nicht nur ein Zeichen dafür, dass die eigentlichen, ursprünglichen Schichten der Seele für eine im ‚man‘ erstarrte Welt der Familie unkenntlich geworden sind, sondern auch für eine Existenzkatastrophe des Ich selbst, mit der sich eine Flucht ins Aynonyme und Isolierte ereignet, weil das Ich den mitmenschlichen und sozialen Aufgaben des Lebens nicht mehr gewachsen ist."

Sehr lesenswert

Michael Kohlhaas - Heinrich v. Kleist

Die berühmte Novelle las sich in einem Rutsch - die Geschichte vom ungerecht behandelten Händler, der angesichts eines unfähigen und korrupten Verwaltungsapparats in Selbstjustiz verfällt, steht im berichtenden Stil einer Chronik. Betont sachlich bleibt der Tonfall, Aufzählungen und verschachtelte Nebensätze suggerieren eine offizielle, amtliche Herkunft des Textes, die Kleist mit der Vorbemerkung "aus einer alten Chronik" noch unterstreichen möchte. Trotz dieser dafür eigentlich ungeeigneten Mittel gelingt es dem Autor, die Novelle eingängig und leicht lesbar zu halten, sodaß man - der philosophischen Implikationen und deren Folgen noch völlig ungeachtet - ein unterhaltsames Buch vor sich hat, dessen Handlung allein schon das Lesen rechtfertigt.

Die literarische Figur des Kohlhaas hat ein reales Vorbild im 16. Jahrhundert, an dessen Erlebnisse die Erzählung eng angelehnt ist. Kleist scheint das Thema sehr gereizt zu haben, sodass er sich des wirklichen Hans Kohlhase bediente, um die Widersprüche innerhalb damaliger und auch heutiger Handlungs- und Rechtsethik herauszuarbeiten.
Die philosophischen Fragen, die Kleist anschneidet, werden im Verlauf des Buchs aufs Schärfste herausgestellt und überdeutlich gemacht, dann undiskutiert beim Leser stehen gelassen. Dabei scheint gerade die neutrale Perspektive die Brisanz des Berichteten auf die Spitze zu treiben. Zu keinem Zeitpunkt entsteht der Eindruck einer Stellungnahme oder Wertung. Das wäre auch fatal, zieht die Novelle doch gerade aus dieser Neutralität ihre Kraft, sie überläßt es dem Leser, sich ein Urteil über den Sachverhalt zu bilden, einen Sachverhalt, bei dem es kein "richtig" oder "falsch" gibt. Ja, der bedeutendste Effekt der Lektüre des Michael Kohlhaas ist die Sensibilisierung für die Schwierigkeit ethischer Fragestellungen.

Wir haben es also mit einem Buch zu tun, das sich problemlos als unterhaltsame Kriminallektüre des frühren 19. Jahrhunderts lesen läßt, darüberhinaus aber auch eine ethische Diskussion aufwirft, die auf vielerlei heutige Fragestellungen übertragbar ist. Zeitlos und

Sehr lesenswert