Montag, 23. Mai 2011

Candid - Voltaire

Ein weiterer Klassiker. Mitte des 18. Jahrhunderts vom französischen Überaufklärer als Antwort auf Leibniz' optimistische Theodizee und auf die Philosophie dessen Anhänger verfaßt, versinnbildlicht dieser Roman die philosophische Diskussion jener Jahre und prägte sie auch, war er doch Öl im Feuer beider Parteien. Ich werde auf die damalige Auseinandersetzung nicht weiter eingehen, möchte mich allein dem Roman selber widmen.

Ohne mit seinen Absichten lange hinter dem Busch zu halten, kommt Voltaire gleich in den ersten Zeilen zur Sache. Mit beißender Ironie nimmt er alles aufs Korn, was ihm an der damaligen Gesellschaft nicht passte, und das ist im Wesentlichen die Heuchelei, die er in allen Winkeln und Ritzen zu finden weiß und dann mit spitzer Feder an die Oberfläche pult. Deswegen gefällt uns der Text auch heute noch so gut: Auch wir Leser sind subjektiv immer von Heuchelei umgeben, überall sehen wir sie, und wenn es einem Autor so gut und wohlformuliert gelingt, die Heuchler bloßzustellen, dann ist das ein Genuß. Die Crux daran ist, daß es den Heuchlern natürlich genauso gehen wird, auch sie werden das Buch genießen, denn man bleibt ja immer schön subjektiv.
Dessen ungeachtet ist dies ein gutes Buch. Rein handwerklich bin ich begeistert, es gibt auf jeder Seite eine neue, unerwartete Volte, der Witz ist scharf und treffsicher, man fiebert mit und möchte wissen, was sich Voltaire als nächstes ausgedacht hat. Solcherart geschmackvolle Satire zu schreiben ist sicher nicht leicht. Leider erschöpft sich die Masche im Verlaufe des Textes etwas, der Autor wiederholt sich sichtlich, die als Aufhänger dienende Geschichte verliert an Fahrt, mehr und mehr durchschaut der Leser, dass alles nur ein Vehikel ist, um möglichst viel Kritik anbringen zu können. Doch - ganz anders glücklicherweise als bei Gullivers Reisen - bevor dieses Unbehangen zu groß wird, ist die Geschichte auch schon vorbei, Voltaire reitet seine Erzählung nicht zu Tode, der Makel ist also zu vernachlässigen.
Schwerer wiegt der Umstand, dass hier außer der exzellenten Schreibe, der Kritik am Menschen, der ganzen Menschheit und der Welt nicht viel zu finden ist. Die Handlung ist nicht der Rede wert, die Charaktere sind schwach. Es ist eben nur eine Hülse, die die Satire an den Mann bringen soll. Das macht sie hervorragend, mehr aber auch nicht. Um es mit einem Vergleich aus der Musikwelt zu sagen: Candid ist eine F-Geschichte, keine E-Geschichte.

Wer sich an einer unter politisch riskanten Bedingungen enstandenen Gesellschafts- bzw. Philosophiesatire (derartig schändliche Kritik an den Obrigkeiten, insbesondere der Kirche, war zu jener Zeit noch mit ausgesprochener Gefahr für Leib und Leben verbunden) in meisterlicher Ausführung berauschen möchte, dem sei Voltaires berühmter Roman strengstens nahegelegt. Wer große Romankunst erwartet, sollte sich dabei jedoch auf eine Enttäuschung gefaßt machen, die Zeit überdauerte "Candid" aufgrund anderer Qualitäten. Interessiert man sich aber nur ein kleines bisschen für die Klassiker der Weltliteratur, so führt an dem Buch ohnehin kein Weg vorbei.

Dienstag, 10. Mai 2011

Verbrechen - Ferdinand v. Schirach

Ich bin über einen Spiegelartikel auf dieses Buch gestoßen und war sofort interessiert. Ein Anwalt, der seine spektakulärsten Fälle zu kurzen Geschichten verarbeitet und diese mundgerecht in einem Erzählbändchen präsentiert. Herausragende Besprechungen, viel Lob, das Zeug mußte her.

Bereits in der Einleitung zur ersten Geschichte fiel mir die ungeschliffene Sprache auf, grammatische Schwächen, die aus irgendwelchen Gründen durch das Lektorat geschlüpft zu sein schienen. Ob man hier dem Autor vertraglich zu viel Freiraum eingeräumt hat? Das Buch leidet durchweg an diesem Problem, auf jeder Seite finden sich Unreinheiten, schwammige Ausdrücke, falsche Modi etc. Etwas scheint hier schief gelaufen zu sein. Auch wenn es den überschwänglichen Rezensenten nicht aufgefallen ist, mich hat es stark irritiert und das Lesevergnügen von vorneherein eingeschränkt.
Inhaltlich hat von Schirach durchaus guten Stoff zu bieten, mal ist es der biedere Arzt, der seine Frau mit der Axt zerstückelt, mal ein asiatischer Profikiller, der nie gefaßt wird. Er gibt seinen Texten vordergründig den Anschein eines nüchternen Berichts, schildert die Daten der handelnden Personen, deren Lebensumstände, baut eine professionell wirkende Kulisse auf. Diesem Konstrukt schickt er dann allerdings reißerische Aufmacher voraus, gibt Introspektionen in die Gefühlswelt seiner Protagonisten, die er so nie gekannt haben kann, und verwendet Kniffe, um Spannung zu erzeugen. In Kombination mit der abgehackten, schlaglichtartigen Erzählweise wirken die Geschichten damit billig und schnell zusammengeschustert, als seien sie nur auf ein wenig Spannung und Verblüffung aus. Und so ist es wohl auch, es bleiben eher Schnipsel als Geschichten. Ich versprach mir von diesem Buch eine Art professionelle Sicht auf interessante Kriminalfälle, doch die bietet es nicht. Man findet darin kurzweilige, spannungsheischende Geschichtchen, die alle nach dem gleichen Muster gestrickt sind, keinen literarischen Wert besitzen und ein Interesse für sachliche, professionelle Berichterstattung nicht befriedigen können. Wie ein Arztroman, nur zerschnipselt, mit Juristen und angeblich wahren Hintergründen.

Von Schirach hat mit diesem Buch viel Geld verdient, weswegen natürlich der zweite Teil, "Schuld", bereits erschienen ist. Angesichts der 200 Seiten großbuchstabigen Drucks mit vielen, vielen Leerräumen in "Verbrechen" kann ich auch Lesern von Arztromanen allein schon aufgrund eines schlechten Preisleistungsverhältnisses nur empfehlen, davon die Finger zu lassen.