Dienstag, 26. April 2011

Unterwegs - Jack Kerouac

Tja, was soll ich da groß sagen. Ein beeindruckender Roman, ein beeindruckender Lebenslauf. Lesen und beeindrucken lassen.

Die "beat generation": anfangs ein paar literarisch interessierte Freunde, die sich auf dem College kennenlernten, dazu die Muse Neal Cassady, und ab gings. Wer kennt nicht das Lebensgefühl, das uns Anfang bis Mitte Zwanzig durchdringt, wenn dir die Welt offensteht, du über Konsequenzen nicht nachdenkst und einfach lebst, immer auf der Suche nach neuen Erfahrungen, wie gehetzt, mehr, mehr und mehr. Jack Kerouac hat mit seinen Freunden (damals insbesondere Ginsberg und Burroughs) eine Sprache geschaffen, in der sich dieses Lebensgefühl ausdrückt. Ich hätte nicht gedacht, dass das möglich ist, aber so ist es. Er nannte es "spontane Prosa", aber natürlich hat das mit spontan nichts zu tun. Hier war ein meisterhafter Künstler am Werk, der seine Arbeit verstand und sich große Mühe mit dem Text gegeben hat. Was so beliebig wirkt, ist in Wirklichkeit perfekt ausbalancierter Rhythmus, mit dem uns eine Geschichte von jungen Leuten ins Gehirn gejazzt wird, die nur als Aufhänger fungiert, um uns dieses begehrte Gefühl zu vermitteln. Das Gefühl der Suche, nein - der Sucht nach Leben.
Das Buch ist in fünf Teile gegliedert, der Inhalt ist, wie gesagt, nicht weiter wichtig. Junge Kerle hetzen quer durch Amerkika, von Küste zu Küste, rauf und runter, und trinken sich am Erleben satt. Sie treffen auf alte Freunde, neue Freunde, stellen gemeinsam verrückte Sachen an, Saufen, nehmen Drogen, haben Spaß und Streß mit den Frauen und mit der Literatur. Wie man Kerouacs Biographie entnehmen kann, ist das Buch stark autobiographisch; ein Schlüsselroman. Die Hauptperson ist und bleibt jedoch die Sprache. Riesensätze mit endlosen Relativverschachtelungen reden atemlos und ohne Pause auf den Leser ein, bedrängen ihn mit belanglosen Informationen, Meinungen, Haltungen, umgarnen ihn, ziehen ihn in seinen Bann. Es gibt in diesem Roman mehrere Stellen, an denen ich den Blick tatsächlich nicht von den Zeilen nehmen konnte, wie gebannt war und sogar ein bisschen in Schweiss ausbrach. Diese Stellen ziehen sich meistens über mehrere Absätze hin, es geht dann um Begegnungen mit Jazzmusikern, um Eindrücke einer Großstadtnacht oder einfach um das Lachen der Provinzler. Das sind Stellen für die Ewigkeit.

Wie man merkt, hat mir das Buch gut gefallen. Was gibts auszusetzen? Circa nach zwei Dritteln des Textes erschöpft sich die Masche etwas. Die Sprache bleibt zwar phantastisch belebt und innovativ, Kerouac stellt mit ihr aber immerfort das Gleiche an, von der ersten bis zur letzten Seite, das ist auch der Grund, warum ich doch einige Tage für das Buch benötigte. Der Überschwang ermüdet irgendwann, vielleicht wäre ein früheres Ende besser gewesen.
Doch die Sprache gehört zu der Sorte Sprachen, die ihren Autor unverwechselbar machen und die man nicht nachmachen kann, genauso wie z.B. bei Hemingway. Und allein für sie lohnt schon jede Zeile, ist keine zuviel. Wer sich für bedeutende Literatur interessiert, wer sich für amerikanische Literatur interessiert, wer hin und wieder von seiner Jugend träumt, oder einfach wer lebt, der sollte dieses Buch lesen.

Mittwoch, 6. April 2011

Vergleich: Redbreast 12 & 15, Glendronach Revival, Linkwood 17 Signatory Vintage

Zu allen diesen Whiskys existieren bereits separate Bewertungen hier im Blog, deswegen möchte ich mich auf eine reine Vergleichswertung beschränken und auf Noten verzichten. Den Anstoß zum Vergleich gab die scheinbare Ähnlichkeit der vier, die mir in den jeweiligen Verkostungen aufgefallen war, eine jeweils ausgeprägte Faßbetonung. Nun ist es an der Zeit, diese gefühlte Ähnlichkeit direkt zu qualifizieren.

Vor mir stehen vier Gläser mit je ca. 1cl Füllung. Der Glendronach ist geringfügig dunkler, die anderen drei haben exakt die gleiche Farbe.
Und schon im Geruchsvergleich fallen neue Aspekte auf, die mir in den Einzeltests entgangen waren. Der Linkwood bietet von allen vieren die extremste, reinste Betonung des Faßcharakters. Hier kommt wirklich nur Holz, Holz, Holz, untermalt mit einem Hauch von Zitrus und Süße, das Ganze auf sehr edle, wohldosierte Art. Der Glendronach baut seine Holznoten auf einem dicken Fundament buntgefächerter Süße, die jedoch nicht übertrieben wirkt, sondern jederzeit weiß, wie weit sie gehen kann, um den Gesamteindruck zum Glänzen und nicht zum Kleben zu bringen. Der 15er Redbreast steht dem Linkwood geruchlich nahe, überrascht in diesem Vergleich allerdings mit einer neuen Qualität: ich empfinde aufdringlichen Klebstoff, vielleicht wie UHU, der sich dann auch beim 12er nachweisen läßt. Sehr interessant, daß das erst im Kontrast auffällt. Klebstoff klingt nun etwas harsch, man könnte es wohl auch "Schärfe" oder "Spritigkeit" nennen, auf jeden Fall wirkt diese Komponente nicht störend, sondern verleiht den Redbreast im Unterschied zu den anderen beiden einen alkohoischeren Charakter, der je nach Wunsch auch gut gefallen kann. Momentan finde ich den "Kleber" aber etwas zu aufdringlich, gebe dem Linkwood den 1. Aromaplatz, wegen seiner edlen, vornehmen, dezenten Holzigkeit ohne Schnörkel, dem Glendronach den 2. Platz, die wohlfeile Süße, die im Einzeltest so wunderbar ist, wirkt im Vergleich ein wenig zu aufdringlich, zu direkt. Und bei den Redbreasts gebe ich diesmal dem 15-jährigen den Vorzug, denn anscheinend gefallen mir heute die dezenteren Düfte besser.
Kommen wir zum Geschmack. Unverdünnt ist der Linkwood eine Herausforderung. Volle Süße, massives Holz, dazu kitzeln Gewürze, Zitrusfrüchte, Blumen, Früchte den Gaumen, wirklich herrlich, nur leider ein bisschen zu stark. Im Abgang grasige Noten, ungebrochen weiter Holz. Ein Erlebnis, das jedoch seinen (Feuer-)Preis hat. Mit Wasser verschwindet die Knalligkeit, dann dominiert mir die Süße etwas zu stark, das Ergebnis wird zu einseitig. Der Glendronach ist wahnsinnig süß und wirft dazu Holz und Gräser in den Topf, die den Abgang beherrschen. Der 15er Redbreast wirkt erdiger, beweist eigenständigen Charakter, protzt nicht so mit Explosion wie der Linkwood oder Pfundsüße wie der Glendrochnach. Es findet sich eine Note, die anscheinend typisch für den Iren ist. Dezentes Holz mischt sich mit dieser Note und feiner Süße, um am Ende von Zitrus ergänzt zu werden. Der Klebstoff findet sich im Geschmack nicht wieder. Im Abgang wohlige Bitterkeit. Der 12er ist leichter, hat nicht die schwere Erdigkeit des älteren Bruders. Dafür kommen mehr blumige Noten, ingesamt bleibt diese Probe aber blasser als die 15er. Ob das an der fast leeren Flasche liegt?

Fazit: Würde ich einen ordentlichen Dram von diesen vier wählen müssen, fiele die Wahl jetzt auf den Readbreast 15. Es ist doch wirklich toll, wie sich der Geschmack von Tag zu Tag ändert. Im letzten Vergleich Readbreast 12 & 15 hatte der Jüngere noch die Nase vorn. Würde ich allerdings nur ein wenig nippen dürfen, dann wäre der unverdünnte Linkwood mein Favorit, der mit seiner Geschmacksexplosion alle Register zu ziehen weiß, sich aber ohne Wasser nicht so süffig trinken läßt. Der 12er Readbreast verliert heute ein wenig gegenüber seinem älteren Bruder, der Glendronach ist zwar wirklich gut, mir heute aber einen Hauch zu süß.

1. Readbreast 15
1. Linkwood 17 Signatory Vintage
3. Glendronach 15 Revival
4. Readbreast 12

Dienstag, 5. April 2011

Gödel, Escher, Bach - Douglas R. Hofstadter

Ein Buch, für das ich mich schon lange interessierte. Seit ich auf einem Wikipedia-Streifzug die Vitae von Russell, Gödel und Turing absorbiert habe und dabei immer wieder Querverweise zu "GEB" von Hofstadter auftauchten, befand sich dieses Buch auf meinem Wunschzettel. Nachdem ein Freund im vergangenen Urlaub nun mit der englischen Ausgabe aufgekreuzt war, fiel die Kaufentscheidung.
"Gödel, Escher, Bach" ist ein naturwissenschaftlich-populärphilosophisches Werk eines amerikanischen Hochschuldozenten, das Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger für Furore in Nerdkreisen gesorgt hat. Der Autor zog in seinem ehrgeizigen Projekt scheinbar Parallelen zwischen den Erkenntnissen der Logik der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, den Bildern eines surrealistischen Malers und Bachs Musik. Dabei stieß er auf Regelmäßigkeiten, die er unter dem Überbegriff "seltsame Schleifen" als grundlegend bzw. mitverantwortlich für die Entstehung von Intelligenz - natürlicher wie künstlicher - ansah. Verständlich, daß das Buch bei seiner Veröffentlichung reißenden Absatz fand und eine breite Diskussion auslöste, denn so etwas hatte es zuvor noch nicht gegeben. Unterschiedliche wissenschaftliche Gebiete wurden auf für Laien verständliche Weise vermengt und dabei Thesen produziert, die den ungenannten Gefühlen in den Herzen vieler Beteiligter der aufkommenden Computerkultur einen Namen gaben.

Das Buch beginnt mit ausführlichen Einleitungen, erst kommt ein Fremdautor zu Wort, dann schließt sich ein Vorwort von Hofstadter an, dann eine "Übersicht", in der die einzelnen Kapitel mit kurzen Zusammenfassungen aufgelistet werden, dann Danksagungen. Vor dem eigentlichen Anfang von GEB stehen also schon knapp 50 Seiten zu Buche, früh keimt der Eindruck, daß sich hier jemand nicht von überflüssigem Text hat trennen können. Durch das ausufernde Präludium wird eine extreme Erwartungshaltung geschürt: beim Ausmaß des getriebenen Aufwandes muß ja geradezu etwas Bedeutungsvolles, etwas Großes folgen.
Methodologisch wie in einem Standardwerk präsentiert Hofstadter zu Beginn die Lebensläufe der Namensgeber Gödel, Escher und Bach. Sofort fällt auf, wie der Autor um Auflockerung und Komik bemüht ist, was sich beispielsweise in den schlagwortartigen Absatzüberschriften niederschlägt, eine Praxis, die mir aus irgendeinem Grunde "US-typisch" vorkommt. Krampfhaft wird versucht, mit Komik Interesse beim "unbedarften Leser" zu wecken, den ein trockener Stil ja abgeschrecken würde. Meistens kombiniert der Autor in diesen Überschriften zwei Dinge, die augescheinlich nichts miteinander zu tun haben, mit einem "und" und läßt das so stehen, sogenannte Zwillingsformeln. "Der Paranoiker und das Betriebssystem", "Repräsentierbarkeit und Kühlschränke", "Zwischenstufen und das Wetter" sind Beispiele einer Witzigkeit, die aus jeder Seite trieft. Hofstadter muß sich sehr unsicher über den Erfolg seines Textes gewesen sein, anders kann ich mir diesen quälend aufgesetzt wirkenden Humor nicht erklären.

Abgesehen von diesem negativen Beigeschmack bietet das Thema durchaus Spannung und neue Denkansätze, was das Lesen durch die ersten Kapitel beflügelt. Hier sind zwei Zitate der ersten Seiten, die mir gefallen haben:
„Eigentlich bildet Gödels Werk nur einen Teil der lange andauernden Bemühungen der Mathematiker, sich darüber klar zu werden, was Beweise sind.“
„Und eine einzige grundsätzliche Methode funktionierte für jedes einzelne System. Kurz, Gödel zeigte, dass Beweisbarkeit ein schwächerer Begriff ist als Wahrheit, unabhängig davon, um welches axiomatische System es sich handelt.“

Doch auch diesen Schwung bremst der Autor nach vier, spätestens fünf Kapiteln schließlich aus durch seine ungeheure, beispiellose Geschwätzigkeit. Sachverhalte, deren Erklärung vielleicht ein paar Zeilen benötigt hätte, werden unter Verwendung von Umgangssprache und nachdenklichem Monolog auf mehrere Seiten ausgewalzt. Dazu kommen ständige Wiederholungen. Hofstädter liebt seinen Text, das wird sonnenklar. Spätestens im Nachwort, in der er die Veröffentlichungsgeschichte seines Buches kommentiert und dabei bemerkt, daß er nie Veränderungen am Text zugelassen hat. Nicht, als seine Thesen von der Zeit überholt wurden, nicht, als sich manche Voraussagen als unzutreffend erwiesen und (das schreibt er allerdings nicht explizit) auch nicht, als Lektoren gerne die Hälfte des Buches aufgrund von Redundanz gestrichen hätten. Die verwendete Sprache strotzt vor Füllwörtern, Wendungen, Floskeln. Jeder dritte Satz beginnt mit "Sehen wir mal, wie ... ", "Betrachten wir ... ", "möchte ich", "will ich", "wollen wir", oder rhetorischen Fragen wie "Wie funktioniert das?", "Was, ach so! So läuft das nicht?". Gerne nimmt Hofstadter dabei die Perspektive des Lesers ein, des vermeinlich Unwissenden, und stellt naive Fragen zu offenkundigen Dingen, um sich dann wieder seitenlang in deren Beantwortung zu ergehen.
Doch das Schlimmste habe ich noch gar nicht erwähnt: Die unsäglichen Zwischenspiele. Zwischen jedes Kapitel setzt der Autor einen "Dialog", in dem er in platonischer Tradition verschiedene Charaktere zu Wort kommen läßt, die den Inhalt des folgenden Kapitels in Praxis "verdeutlichen" sollen. Diese Dialoge sind dann dermaßen flach, unglaubwürdig und wiederum mit einem Holzhammerhumor versehen, daß bei mir bereits nach dem zweiten Dialog ein großer Widerwille aufkam, weiterzulesen. In den Dialogen treten lustige Personen auf, Achilles, Herr Schildkröte, Ameisenbär etc., alles herrlich verschroben und vom Autor auf so geniale Weise in Szene gesetzt. Geht es beispielsweise um einen musikalischen Krebs, tritt - potztausend - ein Herr Krebs auf und Hofstadter schreibt den kompletten Dialog in Krebsform - Wahnsinn! Köstlich, erfrischend etc.

Ich habe das Buch trotz meines Mißfallens zu Ende gelesen, auch wenn es spätestens ab der zweiten Hälfte aus den oben genannten Gründen ein schwerer Kampf war, aber ich hoffte, daß zu den anfangs wie gesagt durchaus vorhandenen Denkanstößen und neuen Sichtweisen noch einige weitere hinzukommen würden. Doch leider verliert sich der Autor besonders gegen Ende immer mehr in einem Spiegelkabinett von immer neuen Spiegeln, ohne Konkretes bieten zu können. Er verfängt sich, gerät auf sein eigenes Möbiusband, eine eigene seltsame Schleife, eine Meta-seltsame Schleife, die den Autor und sein Buch umfaßt.
Insgesamt ist das Buch zäh und langweilig, einfach weil Hofstadter bei der Bearbeitung seines eigentlich tollen, interessanten Themas zu selbstverliebt vorgeht. Ein belustigt-distanzierter Stil dröhnt aus jeder Zeile und macht das Ganze ein kleines bisschen widerlich. Teilweise sind erhellende Abschnitte zu finden, jedoch rar gesät. Dies sind die löblichen Ausnahmen, die dann aber auch nicht klug zu Ende gedacht, sondern verwässert, bis zur Unkenntlichkeit verdünnt werden und für die es sich nicht lohnt, ein Buch, das sich selbst viel zu wichtig nimmt, zu lesen.

Settesoli Nero d'Avola IGT 2009

Meine erste Weinverkostung. Beim Wein werde ich mich auf deskriptive Notizen beschränken und nicht werten, denn dafür fehlt mir einfach die Erfahrung und auch der Ehrgeiz, den ich bereits an den Whisky verloren habe. Niemals könnte ich einen Wein aufgrund seines Geschmackes einer Region zuorten, so etwas wird man in diesem Blog nicht finden. Es sind eher Notizen eines Weinamateurs, der erzählt, wie ein Wein auf seine jungfräulichen, von ausuferndem Hintergrundwissen noch verschonten Geschmacksnerven wirkt.

Der Settesoli ist einer der Rotweine, die ich vom 2010er Sizilienurlaub mitbrachte. Ich glaube, es war einer der günstigeren. Natürlich Nero d'Avola. Das Bukett ist zurückhaltend, deutet fruchtig-frische Noten lediglich an. Im Geschmack kräftige Bitterkeit, säuerlich, mit kräftig fruchtig alkoholischem Korpus. Die Zungenspitze wird gekitzelt, wird warm. Auch im Abgang dominieren Gerbstoffe. Etwas einseitiger Gesamteindruck. Ließ sich wegen seiner frischen Fruchtigkeit über drei Tage dennoch gut trinken.