Sonntag, 20. März 2011

Spin - Robert Charles Wilson

Die liebe Science Fiction reizt mich immer wieder. Hat sich der Mann von Welt mittlerweile an die edlen Manieren arrivierter Salondamen gewöhnt, hat die Runden in edler Gesellschaft kennen- und schätzen gelernt und möchte sie nicht mehr missen, reicht doch ein einzelner kesser Augenaufschlag der grell geschminkten, draufgängerischen Jugendliebe aus, ihn regelmäßig um den Verstand zu bringen. Dann kann er nicht anders, als ihr nachzugeben – der Genreliteratur.
Generell stehe ich der Science Fiction achtungsvoll gegenüber. Ich nähere mich jedem neuen Buch mit freudiger Erwartung, sind doch einige meiner liebsten Büchererinnerungen mit diesem Genre verknüpft, siehe auch meinen Bericht zu Neuromancer. Bei der Akquise neuen Materials orientiere ich mich gelegentlich an den renommierten Preisen, die auf diesem Gebiet vergeben werden, den Hugo- und Nebula Awards. Ein seinerzeit, um 2005, vielbesprochener Hugo-Gewinner war „Spin“ von Robert Charles Wilson, auf Amazon kostete es gebraucht gerade einen Cent, also schlug ich zu. Über den Inhalt wußte ich nichts.

Der Roman war in zwei Tagen gelesen, Wilson schreibt sehr süffig, wie es in der Belletristik heutzutage üblich ist. Der Aufhänger ist sehr interessant: die Erde wird durch eine Membran vom Rest des Universums isoliert. Die Membran stellt eine Zeitgrenze dar, d.h. ein Erdenjahr entspricht 100 Millionen Jahren drumherum. Daraus ergeben sich ein paar lustige Möglichkeiten, mit denen Wilson auch genußvoll herumspielt.
Schon an meiner Wortwahl kann man erkennen, daß ich diesen Weltentwurf nicht ganz ernst nehmen und mich deshalb auch nur mäßig in die Idee investieren konnte. Natürlich hat sich der Autor Mühe gegeben, hat alles physikalisch plausibel ausgearbeitet (soweit das möglich ist), aber das gesamte Konstrukt erscheint einfach viel zu theoretisch und unwahrscheinlich bzw. es wurde nicht genügend auf die Urteilskraft des Leser geachtet. Die Glaubwürdigkeit fehlt, was eine Todsünde für eine SciFi-Geschichte darstellt. Es ergeben sich zudem keinerlei Konsequenzen für die reale Welt, man kann aus der Story nichts lernen, es gibt keinen Aha-Effekt. Von einem Hugo-Gewinner erwarte ich mir mehr als nur seichte Unterhaltung.
Ja, seicht, denn abseits der Hard-SF-Grundidee und –Ausarbeitung dreht sich die Geschichte vor allem um die Liebe der Hauptperson zu einer unsäglich dummen Frau, die lange nicht erfüllt wird, am Ende dann aber doch. Diese unerfüllte Liebe ist der rote Faden, um den die Verwicklungen des Spins ablaufen und geschildert werden. Der Autor scheint sich sklavisch an die Standardrezeptur für erfolgreiche Romane gehalten zu haben. Protagonist, sympathisch, leicht zynisch, sehr menschlich. Ein hyperintelligenter Sidekick mit pathologischen Charakterzügen. Ein love interest, wunderbare Frau etc., die die Liebe des Protagonisten eigentlich erwidern möchte, dies aber aus unerklärlichen Gründen nicht tut. Ohne die Geschehnisse um den Spin, die nicht viel vom Inhalt ausmachen, wäre dies eine 08/15-Seifenoper, vielleicht sogar ein klassischer Arztroman.
Man muß zugestehen, daß Wilson für einen SciFi-Autor seinen Charakteren viel Platz einräumt, versucht, sie glaubwürdig auszugestalten und mit Ecken und Kanten zu versehen. Das klappt auch ganz gut, nur landen diese Charaktere dann in einer dermaßen banalen Liebesgeschichte, daß er auf diese sorgfältige Ausarbeitung auch hätte verzichten können.
Handwerklich ist der Roman gut geschrieben. Es gibt keine Ausschweifungen, ständig besteht ein gewisser Drang, weiterzulesen, man möchte hinter das Geheimnis des Spin kommen, man möchte erfahren, welche Auflösung sich der Autor für seine lustige Idee ausgedacht hat. Als störend empfand ich den auch hier zu beobachtenden Trend, mehrere Handlungsstränge im Wechsel zu erzählen, dem Leser dabei Rätsel vor die Füße zu spucken und deren Auflösung weit nach hinten hinauszuschieben. Allerdings hält sich dieses Problem bei Spin in Grenzen. Hier spielen auch einmal mehrere Kapitel hintereinander am gleichen Schauplatz, es herrscht kein Zwang zur Sprunghaftigkeit wie anderswo.

Tja, leider war ich von Spin ein wenig enttäuscht. Ein gut geschriebener, routinierter Roman, der sehr in Richtung Seifenoper tendiert und seinen „Science“-Anteil unglaubwürdig präsentiert. Erhellendes, Erhebendes sucht man hier lange. Kurzweilige Unterhaltung ohne viel Tiefgang wird man finden.

Moby Dick - Herman Melville

„Nennt mich Ismael“ – einer der ikonischen ersten Sätze der Weltliteratur. Er eröffnet einen Roman, der sich hinsichtlich seiner Bedeutung unter die Großen des 19. Jahrhunderts, des Wiegenjahrhunderts der Romanschreiberei mit all seinen Geniestreichen und Eigentümlichkeiten, einreihen läßt. Ich hatte dieses Buch lange im Schrank stehen, fast fünfzehn Jahre um genau zu sein, und es war an der Zeit nachzusehen, was hinter dem ungeheuren Ruf, der „Moby Dick“ vorausgeht wie die Bugwelle eines Walfängers, stecken mochte.

Moby Dick. Das fängt schon mit dem Namen an. Niemand hat das Buch gelesen, doch alle wissen, wenn auch nur vermittels grober Vorstellung, daß darin ein verrückter, von Haß getriebener Kapitän einen Wal erlegen will, der ihm das Bein abgerissen hat. Der Kapitän, dessen Name, „Ahab“, als Isolat und als Charakterschablone Eingang in die Populärkultur gefunden hat, steigert sich dabei sosehr in seinen Rachewahn hinein, daß er ihm schlußendlich selbst erliegt. Ein hochdramatischer Stoff also. Dennoch heißt das Buch nicht „Kapitän Ahab“, sondern „Moby Dick“. Es ist nicht nach dem Rächer benannt, sondern nach seinem Ziel, dem Wal. Der Titel enthält keine Schnörkel, keine Metapher, wie es bei so vielen Romanen, auch damals schon, üblich war und ist. Kein „Die Feuerflut“, „Das brennende Herz“, etc.. Und wenn man das Buch gelesen hat, wenn man sich durch seine siebenhundertfünfzig Seiten hindurchgekämpft hat, wenn man dem sich vor biblischem Bühnenbild entspinnenden Drama durch inhaltlich und stilistisch unvorhersehbar wechselhafte Passagen bis zur von Anfang an verkündeten Katastrophe gefolgt ist, dann weiß man, warum. Dann bleibt nur ein einziger Titel für den Roman übrig. Er heißt Moby Dick.
Wie schon der Schreiber des Nachworts meiner Ausgabe von Insel Taschenbuch festgestellt hat, ist die Frage „Was ist der Wal?“ der Schlüssel zur Exegese von Melvilles Meisterwerk. Und wie alle guten Bücher entzieht sich der Roman der Antwort auf diese Frage, der Schlüssel paßt in viele Schlösser, und der Leser erhält viele Antworten.
Der Zugang ist nicht ganz einfach. Zum typischen Stil des 19. Jahrhunderts tritt eine bewußt barock gehaltene Sprache, die vom Autor sehr gefällig gepflegt wird, wunderbare Sätze entstehen läßt, das Lesen aber bisweilen etwas anstrengend macht. Gleich zu Beginn wird ordentlich auf den Putz gehauen, Melville läßt keinen Zweifel daran, daß er hier keine kleinen Brötchen backen will: dem eigentlichen Romantext geht eine Etymologie voraus, dann folgt eine mehrseitige Zitatesammlung zum Thema, bis schließlich der eingangs erwähnte Satz wie eine Säule in den Raum gestellt wird.
Was wir nun vor uns haben, beginnt wie eine Abenteuer- und Seefahrtsgeschichte. Der Erzähler berichtet von der Fahrt auf einem Walfänger, deren Vorbereitungen die ersten Kapitel füllen. In diesem Auftakt erfahren wir viel aus dem Leben „Ismaels“ und Allgemeines von der Walerei. Es zeichnet sich bereits ein Trend ab, dem Melville durch das gesamte Buch folgt. Bis ins letzte Detail werden sämtliche technischen, gesellschaftlichen und sonstigen Aspekte des Walfängerdaseins beleuchtet, wortreich und sprachgewand ausformuliert, katalogisiert und zelebriert. Selten durchbrochen von Handlungsfetzen, besteht der Moby Dick somit im Wesentlichen aus Informationen über dieses verlorengegangene Geschäft, die uns durch Ismaels subjektive Wahrnehmung, Einschätzung und Berichterstattung erreichen.
Ja, es passiert nicht viel in diesem Buch. Der bekannte Kapitän wird knapp eingeführt, grob gezeichnet, und spielt fortan eine stereotype Rolle, die des „Getriebenen“, dem kontrapunktisch die Mannschaft mit ihren Bedürfnissen und weltlichen Wünschen gegenübersteht. In den wenigen Handlungsinterludien driftet analog zu Ahabs zunehmendem Wahn die zunächst zwar verschnörkelte, aber stets nüchterne Erzählweise ab in einen religiös aufgeladenen, unheiltrunkenen, metapher- und monologgesättigten Stil, der mehr und mehr an Bibeltext erinnert.
Die Handlung ist schnell umrissen. Der Erzähler wird Freund eines edlen Wilden, beide heuern auf dem Walfänger „Pequod“ unter Kapitän Ahab an, um Geld zu verdienen und neue Erfahrungen zu machen. Bald stellt sich heraus, daß der Kapitän, ein alter Griesgram mit Beinprothese, nur auf Rache aus ist. Er will den weißen Wal töten, der verantwortlich für seine Verkrüppelung ist, Moby Dick. Die Mannschaft folgt ihm dennoch, denn er ist sehr charismatisch und verspricht ihnen Reichtümer. Bis wenige Seiten vor Schluß segelt die Pequod auf dieser Suche um die ganze Welt und fängt dabei den einen oder anderen Wal zur Befriedung der Mannschaft. Und erst ganz am Ende der Geschichte trifft das Schiff auf Moby Dick, der, ungerührt von Allem, mit Bergen von Lanzen und Harpunen im Körper, seines Weges schwimmt und die Pequod und ihre Mannschaft handstreichartig auslöscht.
An diesem Punkt angelangt, hat der Leser viele hundert Seiten poetisch verbrämte Informationen gelesen, Informationen über die Walerei, die zwar teilweise interessant sind, wegen ihrer überbordenden Detailfülle und Geschwätzigkeit allerdings rasch ermüden. Und gerade hier liegt der Kniff des Buches, der Trick, dessen sich Melville bedient. Er gibt sparsam dosierte Handlungsfetzen, unterbrochen von ausladenden Beschreibungen, die teils sehr subjektiv gefärbt sind. Hinter dieser nüchternen, technischen Berichterstattung, die Ismael hier augenkundlich betreibt, zieht ein spürbares Unheil herauf, ein Grauen, zu dem die behördlich-ordentlichen Katalogisierungen in starkem Kontrast stehen. Über eine sehr lange Strecke wird der Leser hingehalten, fragt sich, welches Geschick der Pequod bestimmt ist, wie grausam Ahabs Schicksal sein wird, erfährt aber nur weitere Details über die Anatomie der Walflossen. Die unerfüllten Leserwünsche, die Spannung ziehen sich so bis zum Ende hin, wo dann aber kurz und knapp alles vernichtet wird. Und Ende, der Wal zieht weiter. Hätte sich Melville alle zunächst überflüssig wirkenden Details gespart, wäre der Roman 600 Seiten kürzer, doch die Wirkung wäre ebenfalls dahin.
Worin besteht nun diese Wirkung? Wir kommen damit wieder zur Frage, was der Wal ist. Moby Dick ist ein Symbol, er steht für etwas. Er steht für viele Dinge, und jeder Leser wird etwas anderes in ihm erkennen. Treffend finde ich die Wortwahl des Nachwortschreibers, der Wal sei „der Riß im Universum“. Er ist etwas unerreichbares, etwas, das uns fasziniert und gleichzeitig abstößt, mit Haß und Furcht und dennoch Sehnsucht erfüllt. Er ist etwas zutiefst romantisches. Der Schrecken, den Moby Dick in seiner Welt verbreitet, ist der Schrecken, den wir tief in uns verschlossen haben, der aber ab und an hochkommt und uns heimsucht. Jeder Mensch hat solche Schrecken in sich, und wenn Moby Dick aus der Tiefe nach oben stößt, sodaß aus einer bis dahin wunderschön lyrischen Prosa heraus plötzlich nur noch ein weit aufgerissenes Maul mit schrecklichen Zahnreihen zu sehen ist, das von unten auf das Boot zuschießt, dann kommen diese Schrecken nach oben.
Moby Dick, der Wal, ist etwas unbeschreibliches, das seine Welt begrenzt und vernichtet. Bis er auf den letzten Seiten erscheint, sind die Pottwale schöne, wilde Tiere. Es ist gefährlich, sie zu jagen, die besten Männer müssen all ihre Erfahrung aufbieten, um ihre Tricks und Finten zu überwinden. Am Ende solch einer Jagd steht der wohlverdiente Lohn, die Beute, die in alter Tradition verarbeitet und gelagert wird. Bis zu diesen Seiten lassen sich die Pottwale einteilen in die unterschiedlichsten Kategorien, ihre Anatomie läßt sich beschreiben, ihre Eigenarten, ihre Herkunft, ihre kulturellen Referenzen, kurz, ihr Wesen, ihr Sein. Bis zu diesen Seiten wird den Pottwalen List und Tücke, ja sogar Bösartigkeit im Kampf unterstellt, sie gelten als herausfordernder Gegner. Bis zu diesen Seiten sind die Pottwale Tiere.
Doch Moby Dick ist etwas anderes. Er verhält sich anders als sich je ein Wal in den Leben der Waljäger verhalten hat, ist nicht klug, tückisch oder boshaft, sondern vernichtet systematisch die Boote und schließlich auch die „Pequod“ selbst, quasi im Vorüberschwimmen, unbeeindruckt vom Wahn des Kapitäns, von den Entbehrungen, die das Schiff bis dahin auf sich genommen hat, und zwar nicht aus Angriffslust, sondern weil die Waljäger ihm im Weg stehen.
Ahab muß gewußt haben, daß Moby Dick etwas anderes ist. Daß er keine Chance haben, daß der Wal sich nicht einmal nach ihm umdrehen würde. Doch der alte Kapitän hatte keine Wahl, wie ein Magnet wurde er angezogen vom Schrecken, dem verlockenden Grauen. Ihn noch einmal zu sehen, noch einmal zu jagen, war alles wert, auch der Untergang.

Neben diesem wirklich packenden Kern bietet der Roman noch viele weitere Dinge, die einer Besprechung würdig wären. Da wäre der Walfang Mitte des 19. Jahrhunderts und die zugehörige, heute verroht wirkende Haltung der Matrosen. Da wäre die Stellungnahme zum Tierschutz, die hier möglicherweise anklingt. Die Wale werden in der naiven Sichtweise Ismaels durchweg als durchtriebene, boshafte Wesen dargestellt, die zum Wohle der Menschheit gejagt und getötet werden müssen. Dies wird nur sehr selten, und dann auch nur andeutungsweise überspitzt, sodaß man nicht automatisch von einer ironischen Bedeutung ausgehen kann. Zudem lassen die bereits erwähnten ausufernden Beschreibungen der Tiere und ihrer Lebensumstände eine diesbezüglich große Faszination des Autors vermuten, der also wahrscheinlich in der Tat anderer Meinung ist als Ismael. Es gibt wirklich viel zu finden.

Ich persönlich war zunächst zwiegespalten. Die schöne, barocke Sprache hat mich tief beeindruckt, und der Atem gewichtiger Weltliteratur in den Segeln trieb mich über die ersten paar hundert Seiten rauher See. Doch mit zunehmender Weitschweifigkeit Ismaels wurde der Wellengang höher, meine Frustration wuchs und das Lesen wurde anstrengend, Schwächen kamen zum Vorschein. Bis kurz vor Schluß glich das Lesen deswegen mehr einer Arbeit denn einem Vergnügen. Doch das Ende, mit all seinen teuflischen Implikationen, entschädigte für alles.
Insgesamt also ein Buch, das seinen monumentalen Ruf zu recht innehat, dennoch nicht ohne Makel ist. Ja, heutzutage würde Moby Dick so nicht mehr erscheinen können. Im Sinne einer Handlungsstraffung fielen einem ehrgeizigen Lektorat sicher mehrere hundert Seiten zum Opfer. Doch ein solcher, geraffter Moby Dick bleibt glücklicherweise Spekulation, wie die Antwort auf die Frage „Was ist der Wal?“