Donnerstag, 9. Dezember 2010

William Gibson - Neuromancer, Biochips, Mona Lisa Overdrive

Knapp fünfzehn Jahre ist es her, daß ich die berühmte Neuromancer-Trilogie zum ersten Mal gelesen habe. Von damals sind mir kaum noch Eindrücke gegenwärtig, sicher aber ist, daß Begeisterung nicht dazu gehörte. Zu verworren wirkte die Handlung, zu konfus die Neigung des Autors zu allegorischem Sprachgebrauch auf mein geradlinige Geschichten gewohntes Leseverständnis. Ich tat die drei Romane seinerzeit ab als "ganz nett, aber esoterisch überfrachtet, verkopft" und las anderswo weiter. Das gleiche Schicksal teilte die Wüstenplanet-Saga von Herbert, deren Bände zwei bis sechs bei mir Anfang der Neunziger durchfielen. Ein neuerliches Lesen Jahre später ließ mich dann berauscht zurück, beeindruckt vom darin zur Schau gestellten Können, von der glaubwürdigen, lebendigen Welt, und den philosophischen Untertönen. Der Wüstenplanet ist zu einem meiner liebsten Bücher avanciert und wartet seither geduldig auf das nächste Stelldichein.
Eingedenk der Kehrtwende beim Wüstenplaneten suchte ich den Neuromancer nun noch einmal aus dem Schrank, um auch diesem Klassiker eine zweite Chance zu geben. Die Reihe ist unterteilt in drei Romane, die einzeln besprochen werden sollen.

Neuromancer (1984)
William Gibson hat ein Werk geschaffen, das das Genre auf Dauer prägen sollte. Ob es vor dem Neuromancer bereits Bücher gab, die in einer dystop angesiedelten Zukunft einen Cyberspace ins Spiel brachten, ist egal, denn dieses Buch ist als einziges so populär geworden, daß sich seine Inhalte, sein Stil und seine Philosophie weltweit verbreiten und auf ewig Eingang in die Populärkultur finden konnten. Das Zitat auf dem Klappentext "William Gibson hat mit diesem Roman die Welt verändert" ist nur zum Teil übertrieben, denn wohin wir in der modernen Medienlandschaft auch schauen, überall erscheinen Spuren, die sich hierher zurückverfolgen lassen.

Der Inhalt ist flach und schnell erzählt. Zukunft, alles düster und dreckig, Megastädte, Korruption, Dekadenz. Ein allumfassendes Datennetz, der Cyberspace, an das sich die Nutzer mittels implantierter Ports andocken, verbindet die Welt (das Buch wurde 1984 geschrieben). Ein abgehalfterter Hacker wird beauftragt, ein hochgesichertes Terminal eines orbitalen Anwesens zu knacken und einen Code hochzuladen. Im Wesentlichen dreht sich der Roman um die Vorbereitungen zu diesem Einbruch. Am Ende gelingt das Vorhaben. Wie sich herausstellt, befreit der Code die beiden dort ansässigen KIs von ihren Fesseln, sodaß sie verschmelzen können. Von den Folgeereignissen erfährt der Leser nur soviel, daß das Produkt der Verschmelzung im Cyberspace Allmacht zu genießen scheint und höhere Ziele anstrebt.

Gibsons Welt hat in der SF Maßstäbe gesetzt. Das Dystopische, Technokratische, Dekadente, Bedrückende, und Einflüsse fernöstlicher Kultur ziehen sich wie ein roter Faden durch die Trilogie und haben zuhauf Nachahmer gefunden. Ein ähnlicher Effekt wie der, den der Herr der Ringe auf die Fantasyliteratur hatte. Über alle drei Bücher hinweg herrscht eine düsterromantische Stimmung der Verlorenheit, des Ausgeliefertseins. Beispielhaft der erste Satz des Romans: "Der Himmel über dem Hafen hatte die Farbe eines Fernsehers, der auf einen toten Kanal geschaltet war." Natürlich stopft Gibson seine Geschichten mit Technik voll. Technik führt zum Untergang. Das ist eine seiner Kernaussagen.

Bricht man das Buch auf den kleinsten Nenner herunter, erhält man eine Einbrechergeschichte. Eine flotte Einbrechergeschichte, die mit modernen Begriffen hantiert und stellenweise überrascht, aber eben nicht mehr. Kein Tiefsinn, nichts Religiöses, keine Ontologie. Aber eine interessante Geschichte, die ihre Rätsel geschickt stellt und deren Auflösung, so sie überhaupt kommt, gekonnt hinauszögert. Und als Schauplatz dieser Geschichte wurde eine Welt erschaffen, die prophetisches Potential aufweist, das darf man nicht vergessen. Im Jahr 1984 geschrieben, trifft das Buch Voraussagen, die auf die heutige Welt bereits zutreffen. Und es ist denkbar, daß weitere noch zutreffen werden. Vielleicht wirken sie noch überspitzt, die Konsumfixierung, die korrupten Riesenfirmen, die Multis, die die Regierungen kontrollieren. Sieht man sich aber um und überlegt, welche Konsequenzen die immer weiter zunehmende Medialisierung, die Vernetzung, die immer extremere Konsumorientierung, die Allmacht des Geldes künftig haben könnten, so ist Gibsons Welt als eine der Möglichkeiten nicht von der Hand zu weisen.

Neuromancer ist Gibsons erster Roman. Das merkt man. Besonders im Vergleich zum nächsten, Biochips, fällt auf, daß der Autor hier noch nicht so stromlinienförmig gewieft auf das Ziel hinschreibt. Man merkt, daß er an der Geschichte lange gefeilt hat, es sind viele Abruptheiten drin, viele Wechsel innerhalb eines Kapitels, Schnörkel, die späteren verschwinden. Das sind durchaus Schwächen. Als Auftakt einer bahnbrechenden Trilogie gehört das Buch jedoch schlicht zum Kanon der SF-Literatur.

Biochips (1986)
Kommen wir zum besten Teil der Trilogie. Im Original hintergründig "Count Zero" betitelt, fällt der deutsche Titel flach wie ein Brett. Ja, es geht um Biochips, das stimmt. Biochips sind die neueste Errungenschaft eines Multis (Maas-Biotek, herrlich), Kreuzungen organischer und künstlicher Hardware mit sagenhaften Fähigkeiten. Die Geschichte spielt ein paar Jahre nach den Ereignissen aus "Neuromancer".
Gibson beherrscht jetzt sein Handwerk. Was er hier hingezaubert hat, ist ein Gassenhauer in Stromlinienform, perfekt durchgestylt, handwerklich ausgewogen, ausbalanciert, gut abgehangen und abgetropft. Kein Wort zuviel, keine Schnörkel, einfach nur Gas, Gas, Gas. Kurz vorweg: Es ist ein actiongeladener Text. Die Steigerung bis zum Machbaren dessen, was der erste Roman sein wollte. Keine Philosophiestunde, sondern hochvirtuose Spannung mit einem Hauch von Geisteskost für die anspruchsvollen Leser. Wie hier drei Handlungsstränge aufgebaut und schließlich verwoben werden, kann als Musterbeispiel für angehende Unterhaltungsromanautoren angesehen werden.

Die Handlung: Ein schwerreicher Industrieller erteilt einer Kunsthistorikerin den Auftrag, die Herkunft bestimmter in der Kunstwelt zirkulierender atemberaubender Kästen zu klären. Ein Söldner wird in ein Team rekrutiert, das die "Abwerbung" eines Topwissenschaftlers vom einen Multi zum anderen planen und durchführen soll. Ein unbegabter Hacker namens "Count Zero" kommt im Cyberspace fast um und wird durch die seltsame Nahtoderfahrung in den Strudel der Ereignisse gezogen.
Heraus kommt, daß die Über-KI vom Ende des ersten Teils sich zwischenzeitlich aufgespalten und multiple Persönlichkeiten entwickelt hat. Im Geheimen hat sie entscheidend zur Entwicklung der Biochips beigetragen und mit den verantwortlichen Forschern einen teuflischen Pakt geschmiedet. Der Hacker Bobby wird auf geheimnisvolle Weise gerettet und durchlebt seine eigene Odysee, bis er schließlich gegen Ende im Rahmen eins "Count Zero Interrupts" eingreift und die Handlung auf den Kopf stellt. Dabei werden die Bösen handstreichartig hinweggefegt und die noch verbleibenden Bedrohungen aus dem Weg geräumt.
Über die Ziele der Super-KI erfährt man wieder etwas mehr, aber viele Fragen bleiben weiter offen bzw. werden neu gestellt. Warum die Biochips primär entwickelt und schließlich auch angewendet wurden, wird nicht klar, und erst zum Ende des dritten Buches ist zu ahnen, daß der Menschheit eine größere Veränderung bevorsteht.

Die dystope Atmosphäre bleibt im zweiten Teil natürlich bestehen. Nicht alles spielt sich mehr in Großstädten ab, auch über Land geht es nun, aber dort ist ebenfalls keine heile Welt. Allerdings existieren Oasen der Technikfreiheit.
Neu sind die Anklänge an Ästhetik und Bedeutung von Leben und Kunst, die besonders im Handlungsstrang der Kästen durchscheinen. Die Geist der untergegangenen Familie, die die KIs gebaut hatte, lebt weiter in Schnipseln und Bruchstücken, die von einem anderen Bruchstück zu Neuem zusammengesetzt werden. Kunst, die in ihrer Einfachheit die Menschen so anrührt, daß einer sogar glaubt, darin das Geheimnis des ewigen Lebens zu erkennen. Der ewige Kreislauf. Wie heißt es noch im Buch? "Gott führt gerne Selbstgespräche."

Die Konstruktion, das Tempo und der Sprachstil unterscheiden sich wesentlich vom ersten Teil. Wie schon ausgeführt, wirkt hier alles wie von Meisterhand geplant und umgesetzt. Es paßt alles. Atemlos wird der Leser von Absatz zu Absatz gehetzt, es gibt keine Ruhe, bis die letzte Seite gefressen ist. Eine Prophetie in Stakkato. Und natürlich ist es nicht einfach nur eine gut erzählte Geschichte, sonst wäre die Begeisterung schon nach der Veröffentlichung schnell wieder verflogen, nein, die eigentümliche Welt und die nach und nach sich entschlüsselnde Philosophie ziehen immer wieder neue Leser in ihren Bann. Freilich, einfach gutes Autorenhandwerk, aber so perfekt muß man erst mal tarieren können, gerade genug Informationen geben, und gerade nur soviel, daß ein Mythos entsteht. Ja, ein Mythos. Das ist der Trick, um über so viele Jahre interessant zu bleiben. Die letzten Rätsel dürfen nicht geklärt werden

Mona Lisa Overdrive (1988)
Der Abschluß der Saga. Eine Story ist eigentlich nicht vorhanden. Zwar gibt es nun sogar vier Handlungsstränge, passieren tut aber fast nichts. Es ist damit ein völlig anderes Buch als "Biochips", das Erzähltempo ist vergleichsweise langsam, viel Zeit wird auf die Charaktere verwendet, die dennoch blaß bleiben. Am Ende kommt es zu einer Antiklimax, offene Fragen werden nicht beantwortet, statt dessen kommt viel Esoterik ins Spiel, die mir nicht so ganz in die bis dato sorgfältig aufgebaute Welt passen will.
Eine Person aus dem zweiten Teil ist eine Weltberühmtheit geworden, sie unterdrückt die Fähigkeiten ihrer implantierten Biochips mittels Drogen. Bobby, der Hacker, hat sich selbst in ein künstliches Koma versetzt und herrscht über ein eigenes Reich, einer Kopie des Cyberspace, die in einem Kasten über seinem Bett gespeichert ist. Eine Söldnerin soll die Berühmtheit entführen, zieht aber ihr eigenes Ding durch. Ein Haufen Aussteiger paßt auf den komatösen Bobby auf und merkt, daß dessen Kasten etwas Besonderes ist. Am Ende vereinen sich Mädchen und Bobby im Kasten, während ihre Körper sterben, die Söldnerin hat ihr Ziel erreicht und ihre Strafakte gesäubert und die überlebenden Aussteiger werden ebenfalls vom Schicksal belohnt. Das letzte Kapitel der Saga bringt das Thema der außerirdischen KIs neu auf, läßt den Leser über die konkreten Ziele der Erd-KI, insbesondere, was diese mit der Menschheit vorhat, aber im Dunkeln.

Man kann diesen Teil als ein Buch darüber lesen, daß das Schicksal unabänderlich ist, und daß bestimmte Fragen im Leben unbeantwortet bleiben. Daß man keine Kontrolle über die Geschehnisse hat und auch nicht weiß, warum das so ist. Daß alles im Fluß ist und die Richtung des Flusses nicht bekannt. Weder den Kleinen, noch den Mächtigen.
Es gibt in "Mona Lisa Overdrive" drei Arten von Personen: Die Suchenden (Bobby, Gentry) opfern ihr Leben den Fragen, die sie beschäftigen. Ob sie Erlösung finden, ist äußerst zweifelhaft. Die Unberührten (Sally, Cherry, Slick) ziehen ihr Ding durch, versuchen zu überleben, kümmern sich um nichts sonst. Und dann die Unschuldigen (Mona, Kumiko), von der Handlung hin- und hergetrieben, ohne zu verstehen, was passiert, machtlos. Daß eine dieser Unschuldigen Namensgeberin für den Roman ist, sagt einiges. Mona ist nicht mehr als ein Spielstein, sie wird herumgeschoben, für bestimmte Zwecke eingesetzt und am Ende wird sie der neue Weltstar, ohne zu wissen, warum. Spielt auch keine Rolle, wie die Reaktion ihres neuen "Sekretärs" zeigt, der einfach auf der Suche nach jemandem mit dem passenden Äußeren ist.
Interessant finde ich den Kumiko-Strang. Das Mädchen hat keinen Einfluß auf den Handlungsfortgang, an keiner Stelle, dennoch räumt ihr der Autor einen Großteil der Seiten ein. Sie fungiert als Beobachterin, als Abbild des Lesers. Ihr werden Dinge erklärt. Auch sie treibt durch die Geschichte, weiß nicht recht, wie ihr geschieht und kann ihr Schicksal nicht ändern.

Das Ende zu interpretieren ist nicht einfach. Das ist auch so beabsichtigt. Schließlich darf es keine Möglichkeit einer schlüssigen Interpretation geben, denn dann wäre einerseits der erwähnte Mythos gefährdet und andererseits würde völlige Klarheit die Grundaussage von "Mona Lisa Overdrive" verwässern, nach der so etwas nicht existiert.
Die Geister von Tochter und Bobby gehen im Kasten auf, die Körper der beiden sterben, aber Sterben ist nicht gleich Sterben, im Kasten existieren sie fort und haben Zugang zum Cyberspace, obwohl der Kasten keine physische Verbindung besitzt. Sie scheinen sich mit der Super-KI zu vereinigen und gemeinsam die anderen KIs zu kontaktieren. Die letzten Zeilen des Romans, in denen die beiden mit den Worten gelockt werden, daß diese Reise ins Fremde in "Nullkommanichts" vorüber sei, scheint ein Hohn auf die ewige Sinnsuche zu sein, auf die Suche nach den allerletzten Antworten, sowohl im Leben als auch im Roman. Ein geniales Ende.

"Neuromancer" ist das Gesellenstück, etwas holprig und stoppelig geschrieben, aber schillernd und spühend mit neuartigen Einfällen und einer beeindruckend atmosphärischen Welt. Im Kern eine Einbruchsstory, die allerdings einen mythischen Überbau erahnen läßt.
"Biochips" ist Gibsonsche Inspiration vermengt mit professioneller Erzählkunst. Ein fesselndes Spannungsfeuerwerk baut die aus Teil Eins bekannte Welt aus und fügt dem Mythos neue Aspekte hinzu, und läßt den Leser am Ende hungrig auf Antworten, die er zwar ahnen, aber noch nicht richtig fassen kann.
"Mona Lisa Overdrive" ist die Umkehr. Hier werden keine Fragen beantwortet, es geschieht fast nichts, und diese Inhaltslosigkeit wird geradezu zelebriert. Dadurch bleibt der Leser zunächst unbefriedigt, nach ein wenig Beschäftigung mit der Materie dringt allerdings der Eindruck eines stimmigen, ruhigen und so nicht erwarteten, unkonventionellen Abschlusses durch.

Drei völlig unterschiedliche Bücher also. Der Vergleich mit der  "Alien"-Reihe lieg nahe. Auch dort ist der erste Film ein atmosphäredichter, aber naiver und etwas mühevoller Auftakt, der zweite Film ein perfektes Actiongeschoß, und der dritte ein unerwartet träger, behutsamer Ausklang, der auf seine eigene Art zu faszinieren weiß.