Samstag, 20. November 2010

Clynelish 19J Signatory Vintage & 12J Murray McDavid

Den 19-jährigen Clynelish von Signatory habe ich hier schon verkostet, allerdings mit der alten Wertungsskala. Außerdem war es damals einer meiner ersten Whiskies und die Begeisterung über das "hohe Alter" noch groß, weswegen ich ihn neu einordnen möchte. Zum Vergleich startet ein Clynelish von Murray McDavid, der 12 Jahre in Bourbon- und PX-Fässern reifte.

Clynelish 1990-2009 19J Signatory Vintage sherry butt
Aroma: Sehr, sehr starker, süßlich aufdringlicher, fast stechender Weißweingeruch. Dazu Zitrusdüfte, Gras. Schwach Traubenschokolade, Salz. Ich finde das Aroma unausgewogen, zu sehr riecht es nach Wein, ja ginge man nur vom Aroma aus, könnte man fast meinen, hier sei Whisky mit Weißwein gemischt worden. Dennoch natürlich nicht uninteressant.
Geschmack: Sofort Weißwein, wenig Holz. Fruchtige Süße. Ganz schwach Gewürze an der Zungenspitze, ein Hauch von Salz und Meer.Ganz angenehm. Der Abgang ist wirklich gut, bringt schöne Holz- und Weißweinaromen, die dezent im Mund verbleiben.
Fazit: Ich muß meine Bewertung von damals leider revidieren, der 19J fällt jetzt schwächer aus. Zu aufdringlich ist der Weißweingeruch, zu einseitig dadurch das Bukett. Im Geschmack und besonders im Abgang macht der Signatory zwar einiges wieder gut, aber zu den besten kann er damit schon nicht mehr gehören. Wer einmal intensivsten Weißwein in einem Whisky kennenlernen möchte, ist hiermit gut bedient. Für mich jedoch zu unausgewogen.
SGP 540, 76 Punkte, Platz 2

Clynelish 1994-2007 12J Murray McDavid bourbon/PX
Aroma: Von weitem intensiver Sherry. Mit der Nase drin dann säuerliche (Rot-)Weinnoten, deutlich Holz, Sherry. Ein viel erdigeres, "reiferes" Aroma als das des Signatory. Später noch Vanille, Orangen, vielleicht Meeresluft. Riecht weihnachtlich.
Geschmack: Die ersten Momente sind etwas sauer, bis sich Faßnoten aufdrängen, die von vollen, schweren, süßen Rotweintönen begleitet werden. Kräftig. Abgang mit viel Holz und Rotwein. Durchaus ein Genuß.
Fazit: Deutlich besser als der Signatory. Auswogenes Bukett, das dennoch stark sherrylastig daherkommt, aber den Koster eben nicht überrollt. Ein sehr angenehmer, heimeliger Duft, man fühlt sich ans Kaminfeuer versetzt, vielleicht zu Weihnachten. Der Geschmack leistet sich keine Schwächen, bietet feine Säure, Faßcharakter und Sherry und läßt die Sinne zwischen diesen Noten schwingen. Der Abgang ist, genau wie der Mund, sehr kräftig und hinterläßt ein schönes Weinfaßaroma. Ein gelungener Whisky! Allerdings, soweit ich mich an den originalen Clynelish erinnern kann, hat dieser Murray McDavid nicht mehr viel mit ihm gemein.
SGP 640, 82 Punkte, Platz 1

Update: Ich habe jetzt länger nachgedacht, was mir an diesen beiden Whiskys nicht mehr so gut gefällt und bin schließlich zu einem Schluß gekommen: Beide tragen einfach zu dick auf. Denkt euch einen dezenten, stilvollen Charakterwhisky, der mit all seinen Facetten glänzt und so richtig schön ausgewogen ist und legt dann ein starkes Fremdaroma darüber, das mit dem ursprünglichen Whisky nichts zu tun hat. Und vielleicht etwas weniger schlimm als das klingt, ist es nun bei den beiden Clynelishs. Klar, anhand der Wertungen kann man sehen, daß die beiden mir immer noch gut schmecken, aber es sind einfach keine tollen Whiskies geworden. Die Abfüller sind über ihr Ziel hinausgeschossen.
Schlußendlich glaube ich, über dieses Tasting erkannt zu haben, daß ich kein Anhänger von intensiv geschmacksverändernden Finishes bin oder werde, sondern mir die Puristen näher sind, die allzu extreme Experimente skeptisch sehen.

Drei Blends

VAT 69 43%
Aroma: Mal wieder sehr süß, überreife Pflaumen, trockene, eingemachte Früchte. Ich frage mich, ob diese extreme Süße bei den vielen Blendminiaturen vielleicht auch durch das lange Stehen und die Alkoholverdunstung entstanden ist? Schon merkwürdig. Außer der Süße kommt nicht viel, vielleicht etwas Holz, frisches Gras, Weißwein. Schön: Weich, keine Blendschärfe, die Nase kann lange verbleiben. Angenehmer, ultrasüßer Duft.
Geschmack: Deutliche Blendschärfe, an die sich eine mäßige Malzsüße sowie angedeutet frische, blumige Noten anschließen. Mir wieder mal zu scharf und zu wenig vielseitig. Im Abgang wenig Bitterkeit, keine Überraschungen.
Fazit: Ein Blend mit angenehmem, aber einseitigem Aroma und gewöhnlichem Geschmack. Nichts, was man unbedingt mal probiert haben müßte. Wenig Bitterkeit, deswegen ganz ok zu trinken.
SGP 420, 62 Punkte, Platz 2

Dewar's White Label
Aroma: Kaum Süße. Hier stehen grasige Noten im Vordergrund, das Aroma bleibt insgesamt dezent und uninteressant, viel herausriechen läßt sich nicht.
Geschmack: Starke Blendschärfe. Zwar mag ich diesen Aspekt des Blendcharakters überhaupt nicht, manchmal enstehen aber dennoch interessante Kompositionen. Beim VAT ist das der Fall. Besagte Schärfe wird schnell ergänzt durch zarte Honigsüße, dann eine säuerliche Süße, die Frische ins Spiel bringt. Im Abgang stellt sich dann die volle Grainbitterkeit ein, nimmt die Zunge gefangen und treibt ihr die anderen Sperenzchen aus. Am Ende bleibt der Eindruck eines netten, aber sehr bitteren Blends.
Fazit: Ein Blend, der durchausmal ein paar Nuancen zu bieten hat, das wertet ihn auf. Allerdings ist er wirklich übel bitter, und das trifft meinen Geschmack nicht. Für Blendtrinker aber sicher mal eine Alternative.
SGP 330, 60 Punkte, Platz 3

Holt's Buff Label 40%
Aroma: Auch hier die schwere, überreife Pflaumensüße: Der Grain schiebt sich ein wenig in den Vordergrund, wird aber nicht unangenehm. Im Vergleich zum VAT ist die Süße weniger alt-fruchtig, sondern frisch-grasiger, dadurch für mich noch wohlriechender. Beim erneuten Riechen kommen Assoziationen von Toffees, Karamel, Süßigkeiten.
Geschmack: Scharf, scharf. Ach, diese Blends. Zum Glück bleibt die Schärfe nicht so lange. Danach Malz, wenig Holz. Der Abgang ist angenehm, aber nichtssagend
Fazit: Das beste Aroma, ein glatter, unauffälliger Geschmack, der nicht stört. Von diesen dreien also der beste Whisky. Der Dewar's mit seinem wilden Grain hat zwar interessantere Nuancen, verschreckt aber mit krasser Bitterkeit.
SGP 410, 63 Punkte, Platz 1

Mittwoch, 17. November 2010

Lagavulin 16 vs. Lagavulin DE 1993

Ein sehr berühmter und beliebter Whisky, den ich hier vor mir habe. Lange Zeit eher ein Tip für Eingeweihte, hat sich der markante Islay mittlerweile zu einem Gassenhauer entwickelt, was sogar vorübergehende Lieferengpässe mit sich brachte. Er ist der meistverkaufte Whisky der Classic-Malt-Serie von Diageo und es gibt kaum einen deutschen Whiskytrinker, der ihn nicht schon probiert hat. Doch hält er, was sein Ruf verspricht?

Zur besseren Vergleichbarkeit lasse ich ihn gegen seinen Bruder, die Distillers Edition von 1993 antreten, die ich hier schon verkostet habe, allerdings noch mit dem alten Bewertungssystem.

Lagavulin 16 Jahre
Aroma: Bereits von weitem schlägt einem Rauch entgegen, von Sherrynoten unterlegt. Den Rauch kann man ausformulieren wie man will: Lagerfeuer, Lachs, Öl, Schinken, alles ist möglich. Der Sherry allerdings ist manifest und eindeutig, liegt wie ein Samtpolster unter dem rohen Rauch. Wenn sich die Nase an den Rauch gewöhnt hat, offenbaren sich Salz, Meer, trockene Früchte, und eine recht direkte, trockene Würze. Ein sehr weiches Raucharoma, das die Nase nicht überfordert, und freigiebig die Hosen herunterläßt. Mit jedem Riechen finde ich mehr und mehr, daß hier eine große Ausgewogenheit (mit leichtem Rauchübergewicht) herrscht.
Geschmack: Starke Holznoten, unterlegt vom säuerlichen Rauch. Dahinter zurückhaltende Süße, wenig Malz, etwas Sherry. Im Abgang schwelt Rauch und feines Holz, und zwar lange. Ganz am Schluß legt sich eine angenehme Bitterkeit um die Zunge und bleibt dort zusammen mit dem Rauch für eine Ewigkeit. Hier wird einem was geboten fürs Geld!
Fazit: Ein guter Tropfen, der bei mir vor allem mit seinem Duft punktet. Geschmacklich ist er mir etwas zu glatt, bietet da nicht so viel. Ich kann jedoch verstehen, daß er so beliebt ist: Einfach guter Stoff. Eine gelungene Mischung aus sehr herbem Rauch und zartem Sherry.
SGP 248, 84 Punkte

Lagavulin Distillers Edition 1993
Aroma: Der Rauchanteil ist hier viel gedämpfter, dafür tritt der Sherry in den Vordergrund. Wunderbares Bukett! Die restlichen Aromen sind die gleichen: Meer, trockene Früchte, Würze. Und eben viel, viel Sherry. Gute Balance zwischen zartem Rauch, süßem Sherry und wildem Küstenaroma. Nur nicht so kräftig wie der 16-jährige.
Geschmack: Sehr deutlich gleich zu Beginn der süße Sherry, der aber bald vom Feuer des Rauches eingeholt wird. Salz und Küste kommen. Nur wenig Holz. Im Abgang überwiegt die Süße, der Rauch bleibt zart.
Fazit: Schwer zu sagen, welcher von beiden mir besser schmeckt. Beide haben etwas für sich. Der 16-jährige ist wuchtig rauchig, leicht süß und bietet schroffes Küstenaroma. Die Distillers Edition hat viel weniger Rauch, dafür mehr Sherrysüße, der Rest ist der gleiche. Es hängt sehr von der Stimmung ab, mit welchem Lagavulin man gerade besser fährt. Ich denke, daß die DE in mehr Situationen paßt als der 16, aber das soll mein Urteil nicht beeinflussen. Die Whiskys schmecken in dem ihnen gesteckten Rahmen arg unterschiedlich, sind aber gleich gut.
SGP 635, 84 Punkte

Dienstag, 16. November 2010

Balzac - Vater Goriot

Balzac hat viel geschrieben. Sehr viel. Sein Hauptwerk, die unvollendete "menschliche Komödie", umfaßt 91 Romane. "Vater Goriot" gilt als einer der besten davon. Ich habe dieses Buch gewählt, um einen Eindruck von der Welt Balzacs zu bekommen.
Honoré de Balzac ist einer der wichtigsten Autoren Frankreichs. Sein riesiges Werk wird als nicht immer von gutem Niveau beschrieben. Im Gegenteil, man macht ihm durchaus Vorwürfe der Anspruchslosigkeit. Dennoch ist dieses Werk in die Weltliteratur eingegangen, denn es hat so viel zu bieten. Die 91 Romane sind ineinander verwoben, beziehen sich aufeinander, in ihnen spielen die gleichen Charaktere, die Geschichten kreuzen sich. Sie alle zu lesen, ist eine Mammutaufgabe, die wohl nur die wenigsten Menschen angehen werden. Aber man kann sich vorstellen, welch ein Kosmos sich da auftäte. Allein schon die Charaktere - als Balzacs größte Kunst gilt die Konstruktion vielschichtiger Charaktere - und deren Entwicklung über die Jahre und über die wechselhaften Ereignisse der Romane wären die Reise wert. Der Fanatismus, der nötig war, um dieses komplexe Geflecht eines Zyklus zu schaffen, ist kaum vorstellbar.
Aber leider ist der Mensch nicht mit unbegrenzter Zeit gesegnet, also muß weise ausgewählt werden. Und die Wahl fiel auf "Vater Goriot".

Balzac verwendet einen nüchternen Stil, die Sprache typisch für seine Zeit, von Anfang an fühle ich mich an Madame Bovary erinnert. Das Milieu in einer Pariser Absteige wird auf realistische Weise beschrieben, sinnliche Eindrücke fehlen nicht. Es stinkt. Schritt für Schritt führt der Autor seine Personen ein und schickt bereits voraus, daß der Herr Goriot, von dem er spricht, ein großes Unglück erleiden wird.
Bald stellt sich heraus, daß die Hauptfigur eigentlich ein junger, naiver Student namens Rastignac ist, der es sich in den Kopf gesetzt hat, in Paris groß herauszukommen, Zugang zur besseren Gesellschaft zu erhalten. Der ganze Roman dreht sich nun darum, wie Rastignac dies anstellt. Mehr durch Zufall gelingen ihm gewisse Vorhaben, doch die Gesellschaft, nach die er sich sehnte, zeigt sich nach und nach als ebenso verdorben, oder vielleicht noch verdorbener als das einfache Volk. Parallel dazu erleben wir das Schicksal des Namensgebers, des Vaters Goriot. Er hat zwei Töchter, die mit reichen Männern verheiratet sind, ihr ganzes Vermögen aber durch ihren dekadenten Lebenswandel verpraßt haben. Perfide nehmen beide ihren Vater, einen ehemals reichen Fabrikanten, mit einer Mitleidsmasche aus und pressen ihm den letzten Franken ab. Der Vater liebt seine Töchter scheinbar blind und opfert für sie alles, was er hat. Als es ihm immer schlechter geht und er sterben muß, kommen die Töchter nicht an sein Bett, er stirbt in den Armen Rastignacs. Nur einmal, kurz vor seinem Tod, spricht er aus, was er schon immer dachte: daß er seine Töchter für ein verlogenes, wertloses Pack hält. Rastignac ist hin- und hergerissen zwischen den zwei Welten: Ausgerechnet die beiden Töchter haben es ihm angetan, und nachdem er bei der einen abgeblitzt ist, schafft er es, die andere zu erobern. Von ihrer Herzlosigkeit gegenüber ihrem Vater abgeschreckt, scheint er sich am Ende für die "moralischere" Welt der Bürgerlichkeit zu entscheiden, steht Goriot in seinen letzten Stunden bei. Er und ein Studienfreund sind die einzigen, die nach seinem Tod den Trauermarsch bilden, während die eine Tochter mit ihrem Gatten konferiert und die andere noch schläft, beide wollen nicht gestört werden.
Die Geschichte plätscherte bis zum Tode Goriots so vor sich hin, die vielen Kontakte mit den adeligen Damen, die unablässigen Berechnungen der soundsovielen Franken waren recht ermüdend und die große Erleuchtung, die ich mir von dem Text erwartet hatte, war nicht eingetroffen. Ich fand den Roman nicht sonderlich interessant, weder inhaltlich noch sprachlich, wollte aber erfahren, wie es ausgeht.
Wie gesagt, Rastignac ist angewidert von der Herzlosigkeit und Gewinnsucht der Töchter, steht Goriot mit glühendem Eifer und wahrer Liebe in dessen schlimmster Stunde bei. Die Dynamik, wurde mir später klar, war ganz auf diese Szene ausgerichtet. Viele, viele Seiten handelten nur vom Sterben Goriots. Wo vorher noch die Aufs und Abs von Rastignacs Beziehungsklitterei in schneller Folge wogten, kehrte nun Ruhe ein, die bessere Gesellschaft spielte keine Rolle mehr. Besinnung auf das Wichtige, Wahre, Menschliche. Einkehr in sich selbst. Der Friedhof, Abschluß, Stille. Und dann, in den letzten Zeilen, der Paukenschlag, der aus einem passablen Roman einen beeindruckenden machte.

Was bleibt nach dem Lesen? Nimmt man den Roman für sich allein, gelingt Balzac sicher eine gute Milieustudie der entsprechenden Gesellschaftsschichen im Paris des frühen neunzehnten Jahrhunderts. Ich weiß nicht, ob es am Vorwissen durch die Sekundärliteratur liegt, aber auch mir fiel auf, daß es manchmal an der Sprache hapert. Alles wirkt ein bisschen arg einfach heruntererzählt, Ding wird an Ding gereiht, man vermißt eine Art von besonderem Gefühl, das sich bei wirklich guter Literatur einstellt. Der Schluß ist natürlich spektakulär, man kann es nicht anders ausdrücken. Er hebt die ganze Erzählung ein paar Klassen nach oben und setzt auf die ohnehin schon starke Lakonie noch eins drauf. Der Name "Rastignac" wurde durch diesen Roman zu einem geflügelten Wort, in der Literatur und auch außerhalb. Prototypisch werden damit rücksichtslose Emporkömmlinge und Karrierekletterer bezeichnet.
Betrachtet man aber die Tatsache, daß dies ein winziger Ausschnitt aus einem Gesamtwerk ist, das eine riesige Welt kreiert, in der sich die Intrigen und Beziehungen über mehrere Romane erstrecken, dann erblaßt man vor Ehrfurcht und sieht den "Vater Goriot" als einen Mosaikstein. Von nahem ein schöner Mosaikstein, der zwar nicht perfekt ist, aber Lust darauf macht, das ganze Bild zu sehen. Und sollte man das einmal schaffen, so hat man sich zur besseren Übersicht so weit von den einzelnen Steinen entfernt, daß ihre Makel unsichtbar werden.

Joan Aiken - Wie es mir einfällt

Vor langer, langer Zeit habe ich diese Kurzgeschichtensammlung geschenkt bekommen, es muß Mitte der Neunziger Jahre gewesen sein. Joan Aiken war eine produktive Autorin von Mystery- und Fantasygeschichten. Als ich das Buch geschenkt bekam, lebte sie noch. Jetzt ist sie schon lange tot.
18 Kurzgeschichten enthält der Band. Vom Realistischen über märchenhaft Angehauchtes bis hin zum Absurden ist hier alles zu finden, meist gewürzt mit bitterbösem Humor, Roald Dahl läßt grüßen. Allerdings sind die Geschichten von unterschiedlicher Qualität. Glanzpunkte wie "Die kalte Flamme" oder "Seemannslegenden" wechseln sich ab mit plumpen Mordgeschichten wie "Dem Geruch nach" oder "Träume". Mir fällt auf, daß Aiken am besten ist, wenn sie überdreht schreibt, ihrer Fantasie die Zügel schießen läßt. Dann kommen Texte zustande, die zarte Poesie entwickeln und wirklich bewegen können, wenn man denn darauf eingeht und sich von den überbordenden Geschehnissen nicht abschrecken läßt. Dennoch kämpfen selbst diese einfühlsamen Geschichten mit einem laschen Stil, bei dem ich nicht weiß, ob er der Übersetzung anzulasten ist, oder auch im Original vorhanden ist. Auch darüber muß man also hinwegsehen.
Wenn sich die Autorin an Kriminalstories mit dem "typisch englischen" Humor versucht, wird es langweilig und vorhersehbar. Die alte Frau, die den Dieb mit einer List einsperrt und verfaulen läßt. Der Ehemann, der seine Frau zu Dünger verarbeitet. Ich erinnere mich, als Kind eine Reihe solcher Geschichten von Henry Slesar gelesen zu haben, und genauso sind auch die von Joan Aiken. Pulp. Für Kinder vielleicht noch spritzig genug. Schade, denn daß sie mehr kann als nur schreiben, ist ja offensichtlich.
Eine nette Sammlung also, die den anspruchsvollen Leser jedoch hie und da enttäuschen wird.

Freitag, 12. November 2010

Drei Blends

Diesmal hatte ich Glück: kein Whisky ist schlecht!

Whyte & Mackay 12 years 43%
Aroma: Typische Blendschärfe bzw. -spritigkeit. Ich habe gelesen, daß hierfür die enthaltenen Grain-Whiskies verantwortlich sein sollen, sehr aufschlußreich! Süße, florale Frische, Pflaumen, ölige Bitterkeit. Nach einer Pause dann Zucker, Schokolade. Angenehm für einen Blend, interessant, vielseitig.
Geschmack: Intensive Süße, Öligkeit, brennt aber stark auf der Zunge. Im Abgang etwas Holz.
Fazit: Guter Blend, schmeckt mir. Interessantes Bukett, das bei nochmaligem Riechen viel in Petto hat. Der Geschmack gibt nicht viel her, ist aber ok, danach folgt ein glatter, angenehmer Abgang.
SGP 420, 66 Punkte, Platz 1

Whyte & Mackay High Strength 52,5%
Aroma: Im Vergleich zum 12-jährigen fällt hier sofort ein starker Karamelduft auf, Sahnebonbons, Toffee, Zucker, vor allem anderen. Ansonsten ist das Bukett dezenter, runder, sticht nicht so stark in der Nase, ist dem 12j aber dennoch sehr ähnlich. Holznoten.
Geschmack: Sehr adstringierend! Die Toffeenoten entpuppen sich als Gras, frisch säuerlich, aber viel zuviel Alkohol, im Abgang kaum etwas. Wasser dazu: Beim Aroma tut sich nichts, der Geschmack wird nun aber erkennbar. Es zeigen sich Gras, Holz, leichte Süße. Durchaus uninteressant.
Fazit: Interessantes Karamell im Duft, so etwas hatte ich bislang noch nicht gerochen. Geschmacklich jedoch enttäuschend.
SGP 430, 61 Punkte, Platz 3

Buchanan's Reserve 12 years 43%
Aroma: Hier fehlt die Grain-Schärfe, der Duft ist runder und süßer. Pflaumen, Malz, Holz, Blumen, Zitrus. Aber dadurch auch flacher als der 12-jährige W&M. Hinter den voluminösen Pflaumen ist nicht allzuviel zu finden.
Geschmack: Holz, säuerliche Bitterkeit, sehr süß, schnörkellos und gefällig, Abgang wärmend, mit floralen Noten.
Fazit: Sehr ausgewogen und glatt. Uninteressanter Duft, angenehmer Mund, warmer Abgang. Insgesamt unspektakulär, nicht schlecht.
SGP 300, 64 Punkte, Platz 2

Montag, 8. November 2010

Ballantines und Teacher's

Es traten ursprünglich an: Ballantines White Label, Ballantines Gold Seal 12yo, Haig Gold Label. Es handelt sich um die Standardsupermarktabfüllungen von Ballantines und Haig und um die leicht gehobene Klasse beim Gold Seal.
Bei der Haig-Probe fällt auf, daß der Whisky schlecht geworden ist. Er wird deswegen durch einen anderen Blend, den "Winner Special Reserve" ersetzt. Ein paar Worte dazu: Es ist ein Blend aus Spanien, mit Dudelsackspieler auf dem Etikett, von der Destillerias Campeny mit 40% abgefüllt. Der absolute Klischeeschlechteblend also. Aber er wartet schon lange auf seine Verkostung und als Ersatz für einen verfaulten wird er doch ausreichen, oder?
Bei der Winners-Probe dann die Katastrophe: Auch dieser Whisky ist schlecht! Noch nie erlebt, und dann gleich zweimal! Also wird wieder ausgewählt, diesmal trifft es einen Teacher's Highland Cream.

Ballantines White Label 43%
Aroma: Intensiv, zunächst mit abschreckender Schärfe, Spritigkeit. Dann aber frische Früchte, Blumen, Zitrus. Leicht Vanille, vielleicht gebrannte Mandeln. Gar nicht schlecht. Die etwas unangenehme Schärfe bleibt allerdings bestehen. Der Duft wirkt nicht ausgewogen.
Geschmack: Etwas holzig, leicht süß, ölig, und eine ausgeprägte Bitterkeit, die mich bei einem Supermarktblend wundert. Schwebende Früchtenoten. Im Abgang keine neuen Nuancen.

Ballantines Gold Seal 43%
Aroma: Dem White Label sehr ähnlich, aber ungleich schwächer. Man riecht kaum etwas, nur mit Anstrengung lassen sich Nuancen unterscheiden. Eine gegenüber dem White Label stärkere Zuckrigkeit fällt dann auf, Buttergebäck, und deutlich stiehlt sich hier muffig-holziger Faßgeruch mit rein, was dem Aroma guttut. Insgesamt aber enttäuschend, da kaum vorhanden.
Geschmack: Sehr mild, buttrige Süße, Gebäck, wenig Holz, kaum Sprit. Die grobe Bitterkeit des White Label kommt hier viel ausgewogener daher. Ein sehr angenehmer, glatter Geschmack, natürlich ohne Ecken und Kanten, die für Höchstnoten erforderlich wären.

Haig Gold Label 43%
Ja, was ist das denn? Eine rotbraun dunkle, trübe Brühe ist im Glas. Ein 50-jähriger? Oder ist der Whisky schlecht geworden? Ah ja, im Gegenlicht lassen sich massenhaft Schwebstoffe erkennen, und das Zeug riecht auffällig nach... irgendeinem Süßwein, aber nicht nach Whisky. Ich werde den Haig deswegen aus der Wertung nehmen, da meine Miniatur anscheinend nicht mehr frisch ist. Trotzdem will ich das Zeugs hier beschreiben.
Aroma: Eingemachte Früchte, Zucker, Karamel, schwere Süße, kein Malz, kein Holz, kein Rauch. Leicht muffig.
Geschmack: Essig! Verfaultes Irgendwas! Kein Alkohol! Einmal genippt und sofort zur Spüle gerannt. Ohgott, ich dachte, Hochprozentiges kann nicht schlecht werden. Bäh, und wie krieg ich den Geschmack jetzt wieder aus dem Mund? Armer Haig...

Winner Special Reserve 40%
Hier also der Ersatz, eine billige spanische Plörre. Erstmal schauen, ob da nicht vielleicht auch Schwebstoffe... Potzblitz! Da sind ja auch welche!
Aroma: Kaum etwas, alte Früchte vielleicht.
Geschmack: Furchtbar! Giftig, scheußlich, eine Art Reiniger. Keine Ähnlichkeit mit einer trinkbaren Spirituose. Habe ich gerade Methanol im Mund gehabt? Oder ist der Whisky einfach auch schlecht geworden? Angesichts der Schwebstoffe wohl eher letzteres. Ich armer Tropf, wie soll ich meinen Mund jetzt wieder aufnahmefähig für die eigentlich doch ganz leckeren anderen Blends bekommen?
Der Whisky wird ebenfalls aus der Wertung genommen und ersetzt durch Teacher's Highland Cream White Label.

Teacher's Highland Cream White Label 43%
Aroma: Ähnlich dem Ballantines White Label. Frisch und fruchtig mit einem Sprit-Einschlag, der hier aber milder ausfällt. Die Früchte sind auch eher süß als zitrusartig. Die Süße breitet sich voller und ausgewogener aus, insgesamt ein besseres Aroma als beim Ballantines White. Als zusätzliche Komponente kommen Grasnoten ins Spiel, die den Charakter interessanter erscheinen lassen. Der Duft kommt direkter und "ehrlicher".
Geschmack: Flutet langsam an, dann sehr ausgewogene Bittersüße, die sich mit einer gewissen Reife präsentiert. Ich kann es schlecht beschreiben, aber es gefällt mir. Im Abgang stellt sich Gras ein. Highland-Gras vielleicht? Weitere Noten kann ich nicht feststellen, auch dies ist ein runder, gefälliger Whisky ohne Stachel.


Fazit
Ballantines White Label: Zeigt, daß billige Blends ihrem Klischee durchaus entsprechen können. Wilder, unausgewogener Duft mit starker Spritigkeit, die zunächst die Nase rümpfen läßt. Danach entdeckt man jedoch auch Früchte und florale Noten, die noch ein gutes Gesamtbild herstellen. Im Geschmack dominiert dann eine wilde Bitterkeit alles und verabschiedet diesen Whisky auf Platz 3. Nicht schlecht, aber auch nicht so richtig gut.
SGP 320, 61 Punkte, Platz 3

Ballantines Gold Seal: Kaum Aroma, viel Geschmack! Die buttrige Zuckrigkeit (ja, das gibt es) hat es mir angetan. Viel ausgewogener als der White Label, der im Vergleich noch grün hinter den Ohren wirkt. Ein wirklich ordentlicher Blend, der sich allerdings knapp dem Teacher's geschlagen geben muß.
SGP 310, 67 Punkte, Platz 2

Haig Gold Label: Muß leider aus der Wertung genommen werden, vergammelt.

Winner Special Reserve: Muß leider aus der Wertung genommen werden, vergammelt.

Teacher's Highland Cream White Label: Fruchtig-frisches Aroma, nur wenig von Sprit beeinträchtigt. Nicht so zerfranst wie der Ballantines White, nicht so impotent wie der Ballantines Gold. Die herben Grasnoten, die sich auch im Geschmack wiederfinden, verleihen ein Minimum an Charakter. Für mich der beste dieser drei Blends.
SGP 340, 69 Punkte, Platz 1

Mittwoch, 3. November 2010

Drei schwächliche Blends

Meine Miniaturensammlung wächst unkontrolliert, ebay sei Dank. Um nicht von unbekannten Drams erschlagen zu werden, gilt es, das Gröbste wegzuprobieren. Heute sind das drei interessant klingende Blends. Es handelt sich um den allseits bekannten Chivas Regal 12 Jahre, der gegen zwei Whiskys der Marke William Grant's antritt, laut Etikett aus dem Hause Glenfiddich / Balvenie stammend. Der eine, vermutlich höherwertige, besitzt ein schwarzes Etikett, auf dem "Rare Old Scotch Whisky 12 years old" geschrieben steht. Das Etikett des anderen ist weiß, hierauf ist zu lesen "Stand Fast Finest Scotch Whisky", keine Altersangabe, aber Angabe von Zuckerkulör.

William Grant's 12 years old 43%
Aroma: Vollmundiger, süßer als der "Stand Fast", aber von schwacher Intensität. Frische Waldfrüchte, fast weinig. Ja, Rotwein, Portwein klingen durch. Das Ganze riecht ein bisschen wie ein Weinbrand. Insgesamt aber zu schwach, zu abgehoben, zu luftig.
Geschmack: Sehr weich flutet die malzige Bittersüße an, präsentiert sich ausgewogen, aber viel zu schwachbrüstig. Kaum weitere Nuancen, sehr glatter Körper. Im Abgang, der gut und lang ausfällt, kommt endlich Holz dazu.

William Grant's Stand Fast 40%
Aroma: Etwas schal, grasig, Leder. Wenig Malz, trockene Früchte, Brot. Kräftiger als der 12 years, dadurch interessanter, regt an. Irritierender, unangenehm säuerlicher Oberton.
Geschmack: Die ledrig-säuerliche Note setzt sich fort. Unglaublich schwächlich, den Alkohol spürt man kaum. Hier entfaltet sich nicht viel, obwohl das Potential da gewesen wäre. Schade. Kurzer, lebloser Abgang.

Chivas Regal 12 years old
Aroma: Stark süße Pflaumen, trockene Früchte. Leicht Rauch. Töne von Wiese, Blumen. Süß und voll. Dieser Whisky weiß, im Gegensatz zu den William Grant's, was er will.
Geschmack: Auch ein sehr milder Antritt. Heute gibts anscheinend nichts auf die Ohren. Ein störender Sprit-Ton macht sich beim Chivas bemerkbar. Ansonsten gut ausgewogene Bittersüße, die von einer gewissen Erdigkeit grundiert wird. Nichts herausragendes, glatt, glatt. Abgang mit etwas Holz.


Fazit
Chivas Regal 12 years: Hatte die meisten Vorschußlorbeeren und mußte sich gegen ein schwieriges Feld durchsetzen, denn alle drei Whiskys haben nicht viel zu bieten, wenig Charakter und wenig Kraft. Ein klares Abgrenzen der Qualitäten fiel schwer. Gegen den 12 years von Grant's tat sich der Chivas besonders schwer, konnte sich wegen seines attraktiveren Aromas aber knapp durchsetzen, auch wenn die Spritnote und die übertriebene Glätte das Geschmackserlebnis trüben.
SGP 411, 65 Punkte, Platz 1

William Grant's Stand Fast: Mit seinem außergewöhnlichen Aroma, das mich mit seinen Leder- bzw. Säuretönen erst abschreckte, dann anzog, war dieser Whisky sehr interessant. Leider stellte sich in der Geschmacksprobe heraus, das bei ihm der Alkohol vergessen wurde, eine Geschmacksentwicklung findet deswegen nicht statt. Man sollte diesen Tropfen durch die Nase trinken oder einfach Abstand nehmen. Schade um einen interessanten Ansatz.
SGP 130, 55 Punkte, Platz 3

William Grant's 12 years: Angenehmer, aber schwacher Duft, angenehmer, aber schwacher Geschmack. Angenehme, aber schwache Bewertung? Genau. Kann sich mit seinen durchaus vorhandenen, positiven Aspekten nicht gegen die routinierte, weltmännische Glätte des Chivas durchsetzen, der noch einen Tick angenehmer ist. Auch, wenn der Abstand nur sehr klein ausfällt, denn sein Geschmack ist von den drei Whiskys der beste, kommt aber wegen einer ausgeprägten Schwäche nicht aus den Puschen. Und dann kommt der Chivas mit seinem tollen Duft und zieht eben knapp vorbei.
SGP 210, 63 Punkte, Platz 2